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Kap5.13 Zylinder und konspiratives Treffen Drucken


Er hatte das Institut früh verlassen. Nicht früher als sonst, aber zu früh, um zu Martina zu gehen. Seit Wochen war er nur sporadisch zu Hause gewesen. Es bot sich an, von dort einige frische Sachen zu holen.
Markus bog von der Haltestelle kommend in seine Straße. Aus einem parkenden Wagen kommend sah er nur undeutlich einen flachen, schwarzen Damenzylinder und dann umso deutlicher ein geschmackvolles und üppig gefülltes Dekollete.
„Glotzen Sie nicht so, Herr Hauptmann!“ Etwas abfälliger ergänzte die Person. „Das ist doch jetzt Dein Titel, oder?“
Markus blickte hoch, unter die schwarze Kopfbedeckung. „Ja. Das ist mein Titel. Und Deiner ist immer noch Kammerzofe?“
Sie grinste. „Steig ein! Jemand will dich sehen.“



Sie fuhren Richtung Parlament und bogen kurz vorher von der Hauptstraße in einen kleinen Rundbogen ein, an dem Häuser standen. Es war eine gute Gegend. Die Häuser hatten allesamt eine geräumige Größe, lagen in der Nähe zur Innenstadt und verfügten über einen hinreißenden Blick auf die Förde. Leute, die sich so etwas leisten konnten, hatten keine Schwierigkeit eine Sondergenehmigung zu bekommen, innerhalb der Bannmeile zu wohnen. Sie hielten vor einer kleinen, verdunkelten Villa.
„Nett habt Ihr es hier.“
Die üppige Dame machte ein gequältes Gesicht. „Es gibt bessere Ecken. Der Pöbel dringt bei seinen fürchterlichen Umzügen immer wieder in die Bannmeile ein.“
Markus nickte. „Jeder hat sein Kreuz zu tragen.“

Elisabeth saß im Wohnzimmer, das in den Garten nach hinten hinaus lag. Ein Kamin brannte noch schwach. Marie legte pflichtschuldig nach.
„Madame sind zweifellos noch jünger und schöner geworden.“ Markus beugte sich zu ihr herunter, küsste ihren Hals und setzte sich ihr gegenüber in einen weichen Sessel.
„Hallo Markus. Wie geht es meinem jugendlichen Liebhaber.“
„Zu meiner Schande muss ich gestehen: besser als Deinem ältlichen.“
„Bist du nun endlich von selbst drauf gekommen, oder musste Martina nachhelfen?“
Marie Lena setzte sich, ohne den Zylinder abzunehmen, und sie bildeten nun ein Dreieck um einen flachen, langen Mahagonitisch. Elisabeth trug ein feines, grünes Kleid. Sie hatte ein Bein übergeschlagen. Kopf, Ausschnitt, Arme und Waden zeugten von gesunder Bräune.
„Sie musste nachhelfen.“ gestand Markus. „Aber ich war dicht dran.“ Er lachte. „Wie geht es Dir? Seit wann bist du in Kiel?“
„Noch nicht lange. Ich bin Deinetwegen hier.“
„Und hast du dir das kleine Häuschen auch meinetwegen so liebevoll eingerichtet?“
„Nein. Ich bin gegenwärtig noch an Römö gebunden. Es gibt Leute, die es für keine gute Idee halten, dass ich nach Kiel zurückkomme. Das Haus gehört einem alten Freund.“
Markus kombinierte. „Dem alten Generalleutnant?“
Elisabeth nickte. „Ja, er ist dankenswerterweise ein paar Tage verreist und hat mir die Schlüssel da gelassen.“
„Schön, wenn man Freunde hat, denen man vertrauen kann.“
„Sollte das, eine kleine Spitze sein? Ich dachte, wie hätten das Thema abgeschlossen.“
„Es wäre schon erfreulich gewesen, wenn du mir einen Ton gesagt hättest.“
„Das war nicht so einfach, mein Liebling.“
„Ex-Zweitliebling.“ Er sah zu Marie und zog die Schultern hoch. „Zweit- oder Drittliebling.“
Elisabeth lachte. „Ich hab versucht, alles menschenmögliche für dich zu tun. Und so schlecht bist du damit ja auch nicht gefahren.“
„Du hast alles menschenmögliche für mich getan?“
„Nun ja, ich habe Hans-Joachim…“
„Nennen wir ihn Hans im Knast.“ unterbrach Markus.
„Sonst wärst du jetzt wohl kaum Hauptmann.“
„Was du auch immer getan hast“, er ging mit Oberkörper und Kopf etwas zurück, „ist dir eigentlich klar, in was du mich da hineingeschickt hast?“ Elisabeth schien ihn nicht ganz zu verstehen, und so setzte er nach. „Hat Ernbarger dir seinen Tod auch zu verdanken?“
„Nein. Damit hatte ich nichts zu tun. Und es tut mir leid um ihn.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und lächelte dann. „Aber du gehörtest genau dahin.“
„Aha. Ich hätte es mir ja aber auch hinter den Linien schön gemütlich machen können, oder?“
„Es hat dir noch keiner gesagt, oder? Auch Martina nicht.“
„Was?“
„Du gehörst nicht in die Etappe!“ Sie schüttelte den Kopf. „Meinst Du, ich hätte mich sonst mit dir eingelassen?“
„Du bist fürchterlich – genau wie sie.“ Er verzog kurz das Gesicht. „Weshalb bist du hier?“
„Ich brauche Deine Hilfe.“
„Was kann ich für dich tun? Soll ich Deinen Liebhaber befreien, die Regierung stürzen und euch beide einsetzen?“
„Ja, das trifft es ungefähr.“
„Sag mir nur, wann es dir passt.“
„Es ist kein Spaß, Markus. Es ist ernst.“
„Es ist ernst? Du spinnst.“
„Wir konnten alle in den letzten Monaten nicht viel tun. Ich habe seit einem Jahr keinen Kontakt zu ihm. Aber jetzt sieht es so aus, als würden die Dinge in Gang kommen. Der Präsident ist ein Hund – ein Hündchen, wenn du so willst, und, seit mein Mann tot ist, kann ich ihn…“, sie überlegte, „sagen wir, recht gut handhaben. Sowinski will seinen Job und wartet nur darauf, die Arbeiterbewegung niederzuschlagen, um sich im Zuge dieser Heldentat zum neuen Machthaber aufzuschwingen. Und die Arbeiter laufen ihm ins Messer – und zwar bald.“
„Und wenn der Eine mit dem Messer nach dem Anderen ausholt, schauen wir gemächlich zu und strecken am Ende den blutenden Sieger nieder.“
„Wärst du dazu bereit?“
„Sicher. Ich bin ja kein Etappenhase. Nur, sag, Teuerste, auf welche Liebhaber oder vertrauensvolle Freunde kannst du noch zurückgreifen? Trotz dessen, dass du mich nun in mühevoller Kleinarbeit zum Hauptmann gemacht hast, scheint mir die Personaldecke für einen Umsturz noch recht dünn.“
„Ich arbeite dran.“
„Ich arbeite dran heißt, im Moment sind wir zu zweit?“ Er sah zu Marie. „Entschuldige! Zu Dritt. Und ich bin sicher, der Oberst Rubenau und auch Dein alter Generalleutnant stehen bereit, nach zwanzig Jahren Abstinenz noch einmal den Degen zu führen.“
„Sei nicht so ein Schwarzmaler. Fünf gegen Theben!“
„Das waren Sieben.“
„Na gut, wenn Martina mitmacht sind wir schon sechs.“
„Sechs. Zwei alte Knacker, ein junger Bursche, wie du mich einmal freundlicherweise zu betiteln beliebtest, und, was schlimmer ist, drei Frauen.“
„Ich hätte noch eine Frau im Sinn.“
„Sabine oder Alessandra.“
„Alessandra. Ich hörte, Sabine sei unpässlich.“
„Richtig. Gut, mit Alessandra also sieben.“
„Was ist mit ihrem düsteren Freund. Vielleicht hat er Lust, einige von seinen arabischen Glaubensbrüdern zu Krawallen auf der Straße anzustiften.“
„Oh sicher, nichts würde er lieber tun. Es sind in der Mehrzahl nicht direkt Araber, aber man weiß ja, wenn es um Aufstände und Barrikaden geht, sind die Südländer immer ganz vorne mit dabei.“
„Damit wären wir schon mehr als sieben.“
„Ein gewisses Maß an Überhangmandaten ist auch sinnvoll. Die blöden Sieben sind nie in Theben angekommen.“
„Ich hätte noch ein paar ältere Männer im Aufgebot. Wie mein Generalleutnant Senatoren auf Lebenszeit, aber leider seit ein paar Jahren ohne Truppenkommando.“
„Der ist Senator auf Lebenszeit?“
„Ja, sicher. Das hättest du aber wissen können. In der Bannmeile bekommen nur Senatoren auf Lebenszeit eine Wohnberechtigung.“
Markus war einsichtig. „Ja, hätte ich wissen können. Mein Problem ist wohl, dass ich mich nicht sonderlich für alte Männer interessiere. Im Übrigen klingt Senator auf Lebenszeit für mich immer nach Bananenrepublik.“
„Markus, wir sind eine Bananenrepublik.“
„Ohne nennenswerte Bananenproduktion allerdings.“ kam es von dritter Seite.
„Ach, halt du doch den Mund, du dumme Trine.“
„Alte Fuchtel.“ gab Marie mit zischender Stimme und einem Lächeln zurück.
Elisabeth achtete die Schelte nur, indem sie auch mit einer Gesichtshälfte lächelte.
Markus unterbrach. „Freunde mit Kommando hast du also nicht zufällig?“
„Nein, dummerweise wurden ein paar meiner guten Freunde, auch die jüngeren, vor ein paar Jahren ehrenhaft, aber frühzeitig in den Ruhestand geschickt.“
„Was ist mit der beleidigten Leberwurst?
„Du meinst den grimmenden Peliden?“
„Der Verräter.“ kam es von Marie.
Elisabeth warf ihr einen Luftkuss zu.
Markus zog die Brauen hoch. „Ja, den meine ich.“
„Das wollte ich von dir wissen.“
„Das wolltest du von mir wissen? Du hast Deinen Macker das letzte Mal gesehen. Hat er nichts gesagt?“
„Hätte er wohl. Aber du hast ihn zuletzt gesehen. Er ist nie in Römö angekommen. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob er auf dem Weg war.“
„Bitte?“
„Er hatte an dem Tag eine Veranstaltung in Husum und sollte dann nach Kiel fahren. Vielleicht ist die Sache in Husum ausgefallen, und er war zu mir unterwegs. Es ist ja nicht so weit. Aber es würde mich wundern.“
„Haben sie dich dazu nicht befragt?“
„Nein.“
„Du meinst…“, er unterbrach und setzte dann fort, „…vielleicht wussten sie von euch gar nichts?“
Elisabeth nahm ein Schluck Wein. „Ja. Vielleicht wissen sie es gar nicht.“
„Okay, wie auch immer. Mit David hilft uns das auch nicht weiter. Und er hat nichts über ihn gesagt.“
„Nein. Vor Eurem Geballer da in Niedersachsen war er sich nicht sicher, und hinterher hatte ich ihn nicht mehr gesprochen. Er wollte es da klären.“
„Hattet Ihr sonst keine Kontaktwege? Es gibt neuerdings Telefone und sogar Briefe.“
„Du hast eine sehr romantische Vorstellung vom Brief- und Telefongeheimnis in unserem Land.“
„Schlecht.“ Markus tippte mit dem Daumen auf seinem Oberschenkel, den er wie Elisabeth übergeschlagen hatte. „Alles ist schlecht. Selbst wenn David dabei wäre.“ Er trank aus dem Glas, das Marie ihm reichte.
Elisabeth lachte. “Ja es könnte besser sein. Ich hoffe, wir haben noch etwas Zeit.“ Dann wechselte sie das Thema. „Wie geht es denn Martina und Sabine – abgesehen davon, dass Sabine etwas leidet.“
„Etwas ist gut. Es sieht schlecht aus. Sie driftet ab.“ Er zog die Lippen aufeinander. Wollte sich dann bei dem Thema aber nicht aufhalten. „Martina geht es gut. Sie ist zwar auch durchgedreht. Aber ansonsten geht es ihr gut.“
„Ich hatte immer gedacht, dass sie was für dich wäre. Aber vielleicht kommt das ja noch. Bleibst du heut Nacht hier?“
Auf Markus verdutztes Gesicht wandte Marie ein. „Wir könnten uns ein bisschen wärmen in der kalten Herbstnacht.“
Elisabeth lachte erneut. „Ja, zusammen bringen wir es vielleicht auch auf das Alter von Martinas Bettwärmer. Das haben wir dir gar nicht erzählt. Wir haben sie heute zufällig vom Fenster aus gesehen. Sie ging mit einem älteren Mann zum Senatsgebäude. Marie schwört, es ist ein alter Admiral und der Name würde ihr noch einfallen. Am Senat haben sie dann auf ein Taxi gewartet.“ Elisabeth spitzte die Lippen. „Du weißt von Ihrer Wohnung in der Wiek?“
Markus nickte stumm.
„Wie sieht es aus?“ Sie warf lächelnd einen Blick auf Marie Lena und legte dann ihr herrisches Gesicht auf. „Ich habe seit über einem Jahr nur zweitklassige Unterhaltung.“
Ein Zylinder flog sirrend durch die Luft, aber er verfehlte sein Ziel.