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Natürlich hatte sich Markus an seinem kleinen Triumph über Martina nicht lange weiden können. Sie war mit Wassern gewaschen, von denen Markus keine Vorstellung hatte. Trotzdem: war er solch ein Idiot? Er atmete, während er die Straße hinab ging, durch den Mund ein, und blies die Luft wieder aus. Der Frühling brach Anfang Mai endgültig aus, nur wollte er nicht zu Markus’ Gemüt passen. Er ging in diese Wohnung, auch wenn er sein Leben gut ohne das Wissen um diese Wohnung hätte fristen können. Sie lag, wie die Hauptwohnung der Mädchen, im obersten Stock. Das Haus aber lag in einer eher mittelmäßigen, eng mit viergeschossigen Häusern bebauten Straße in der Wiek, am nördlichen Rand der Stadt, nahe dem Nord-Ostsee-Kanal und machte wenig her – die Fassade dunkelgrau, der alte Putz hielt noch, die Farbe der Fensterrahmen im Erdgeschoss aber blätterte.
Martina machte ihm auf, und er folgte ihr durch einen kleinen Flur, rechts war das Bad. Sie gelangten in das einzige Zimmer der Wohnung, das als Schlaf- und Wohnzimmer fungierte und in das rechterhand eine Küchenzeile eingebaut war, die vom Rest durch eine flache Arbeitsplatte, einer Art Tresen, getrennt war. Links im Raum, an einer großen Fensterwand zur Straße, die Jalousien waren heruntergelassen, standen zwei Sessel mit einem Tisch dazwischen. Zentral an der Rückwand stand ein breites Bett. Markus drehte sich der Magen um. Markus trug Jeans und T-Shirt, denn auch am Abend war es noch hinreichend warm. Martina trug trotz der Temperaturen für Markus Geschmack entschieden zu wenig und, entgegen seiner Erfahrung mit ihr, war es geschmacklos. Sie trug einen schwarzen BH, der eine gewisse Transparenz erkennen ließ. Drei Träger von jedem Körbchen kommend vereinigten sich auf den Schultern. Das war zu erkennen, trotz einer hellblauen Strickjacke, die nur die Oberarme bedeckte und hinab bis zum Rippenansatz reichte. Der einzelne Knopf schaffte es nicht, den Stoff so zu ordnen, dass der Blick auf Dekollete und Jochbein eingeschränkt wurde. Vervollständigt wurde die Kleidung von einer schlichten rosa Pants mit weisen Rändern. „Möchtest du was trinken?“ Martina gab sich mit einem Lächeln unbefangenen. „Schnaps.“ Er setzte sich. Martina kam mit einem Glas Rotwein für ihn vom Tresen zurück. Sie setzte sich mit ihrem Glas in den freien Sessel. „Nun, da von dir nicht viel kommt, stoßen wir auf Deine miesepetrige Laune an!“ Markus nickte. Als sie die Gläser wieder abgestellt hatten, verharrte Markus Blick auf seinem Glas. Das störte Martina nicht. „Ich werde dich zum glücklichsten Mann der Welt machen.“ Sie lachte. Markus missverstand sie und sah sie nun mit offenem Mund an. „Weshalb bist du gekommen, wenn es dir so augenscheinlich wenig Vergnügen bereitet?“ Sie legte in einer kleinen Geste ihren Kopf zur Seite. „Das weißt du genau.“ Markus konzentrierte sich auf die Schneidezähne, die er hinter Martinas Lippen erkennen konnte. „Weil Sabine sich ans Ostufer zurückgezogen hat und genauso verschwunden ist wie David? Weil Alessandra und Hassan offenbar gerade dabei sind, eine erste Ehekrise durchzustehen?“ „Was willst du mir damit sagen? Dass ich mich in den letzten Jahren zu sehr darauf versteift habe, Zuschauer und Spielstein bei Euren Manövern gewesen zu sein, und dass ich ohne Freunde auf meinem Niveau dastehe. Und dass ich hierher gekommen bin, weil du die Letzte bist, die noch ein wenig Spaß daran hat, mit mir zu spielen?“ „Du hast mal gesagt, dass du es ganz lustig findest, wenn ich mit dir spiele.“ „Ich habe nur den Eindruck, dass du dich nun entschieden hast, den Anfänger in wenigen Zügen Matt zu setzen. Vielleicht, um den Rücken für Deine großen Partien frei zu bekommen.“ Martina schien, im Plan zu sein. Sie ging zu Markus, kniete sich vor ihn und legte ihren Kopf in seinen Schoß. „Hältst du mich für dumm?“ Ihr Lächeln konnte er nicht sehen, denn er blickte auf die gegenüberliegende Wand. „Nein, besonders dumm bist du nicht.“ Er streichelte monoton und mehr aus Gewohnheit ihren Kopf. „Und vertraust du mir?“ „Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Kein Stück.“ Martina schaute zu ihm hoch: „Und findest du mich schön?“ „Du bist der schönste Mensch, den ich je gesehen habe.“ „Und bin ich begehrenswert?“ Markus sah zu ihr und hob die Schultern: „Ja – sicher.“ „Und begehrst du mich?“ „Nein.“ „Gut.“ sagte sie. Sie stand auf, ging zum Bett und legte sich hin: „Das wollte ich nur wissen.“ Markus regte sich nicht: „Das hast du schon gewusst.“ sagte er erneut mit den Achseln zuckend. „Sicher.“ Sie lag auf dem Rücken und hatte die Augen geschlossen. Markus sah sie an und schüttelte den Kopf, die Stirn in Falten, den Mund offen. Er saß eine Zeitlang da. Sie schien eingeschlafen zu sein. Als er seinen Wein ausgetrunken hatte, holte er die Flasche von Tresen und schenkte sich nach. Ihm war auf dem Weg etwas an der Rückwand des Zimmers aufgefallen und er ging hin und sah es sich an. „Ein Spion.“ sagte Martina. Offenbar schlief sie nicht. Markus sah sie fragend an. „Du weißt, wie an einer Haustür, man kann damit sehen, was im Zimmer neben uns passiert.“ Sie lächelte. „Ton gibt es bei Bedarf auch.“ Markus stieß ein leises Lachen durch die Nase aus: „Und, was hört und sieht man da so?“ „Im Moment steht die Wohnung leer. Bis vor einem Monat war da so eine Üppige mit roten Haaren drin.“ Markus blickte an die Wände und schließlich an die Decke. „Wie sind im Dachgeschoss, mein Engel.“ sagte Martina nachsichtig. „Man kann sich da nie so sicher sein.“ sagte er klug. „Und wie war sie?“ „Ich glaube, das wäre nichts für dich gewesen. Du stehst ja nicht so auf volle Brüste.“ „Ach, das würde ich so nicht sagen, wenn der Charakter stimmt.“ „Ja“, sie nickte, „einen guten Charakter hatte sie wohl.“ Markus lachte seine Freundin an, brachte ihr Glas und kniete sich zu ihr ans Bett. „Darf ich dir eine Frage stellen?“ sie hatte sich zu ihm gedreht. „Was du willst, Teures.“ „Bleibst du heut Nacht trotzdem hier?“ „Natürlich. Wenn du das möchtest.“ Er wackelte ungelenk mit seinem Finger und zeigte auf ihre Dessous. „Wenn du dir nur vielleicht was anderes anziehen könntest?“ „Klar“ sagte sie fröhlich. „Ich wusste, dass du es nicht leiden würdest.“
Er blickte sie an. Sie hatten am Vorabend noch eine Flasche Wein getrunken. Dann war sie in seinem Arm eingeschlafen. Zwischenzeitlich hatte sie sich etwas übergeworfen gehabt, aber zum Schlafen bestand sie darauf, nicht mehr als eines diese Höschen zu tragen, über deren Herkunft und Artenvielfalt sich Markus immer wunderte. Das Angebot in der Herrenunterbekleidung war deutlich eingeschränkter. Sie lag nicht mehr in seinem Arm. Ihm war es am Abend schon zu warm gewesen, und in der Nacht hatte sie sich wohl erbarmt und sich zur Seite von ihm weg gerollt. Einen großen Sieg hatte er erneut davon getragen. Sie hatten zusammen geschlafen – wie gute Freunde, aber nicht wie ein Liebespaar. Er hätte sich mächtig auf die Schulter klopfen können, wenn er nicht das ungute Gefühl gehabt hätte, dass es ein Phyrussieg gewesen wäre. Die Wölfin war noch lange nicht geschlagen. Das Problem war nur, er hatte keine Ahnung, was sie wollte. Aber egal was es war, sie wähnte sich auf gutem Wege. Bevor er ins Bad ging, warf Markus einen Blick ins vormalige Zimmer der roten Amazone mit dem guten Charakter. Er wurde enttäuscht, keine plüschige Liebeswiese, keine animierenden Bilder an der Wand, keine Folterinstrumente. Das Zimmer sah aus wie dieses. Der Tisch stand etwas zentraler, und es waren sechs Stühle um ihn herum, dafür gab es überraschenderweise kein Bett. Offensichtlich hatte schon jemand aufgeräumt, vielleicht für die Maler. Nach dem Duschen konnte er sich nicht recht durchringen, seine Unterwäsche wieder anzuziehen. Er hatte extra keine Wechselsachen mitgenommen, also begnügte er sich mit der Jeans. Das T-Shirt würde sich wohl später wieder reaktiveren lassen. Er kochte Kaffee und summte ein Lied. Möge doch kommen was wolle. Zwei Hände umfassten ihn von hinten und ein Kopf drückte sich an seinen Nacken. Markus stellte den Kessel bei Seite und hielt die Hände an seiner Brust mit seinen fest. Es war, so bemerkte er, nicht nur ein Kopf an seinem Nacken, auch um den Bereich unterhalb seiner Schulterblätter verspürte er Wärme. Es war sicherlich gut, dass er ihre Hände festhielt, aber er wollte nicht grob sein und so konnte er sie nicht gänzlich daran hindern an seiner Brust zu spielen. „Hör auf!“ schrie er fast, drehte sich um und packte ihre Oberarme. Sie biss die Zähne aufeinander, so dass die etwas geöffneten Lippen keine Herzlichkeit ausstrahlten. Ihre Stirn lag in Falten. Er hielt noch immer ihre Oberarme fest umschlossen. Dann schloss er sie in den Arm. Er hatte die Augen offen und blickte auf die von den Jalousien verschlossenen Fenster, hinter denen der Tag begann. Er interessierte sich nicht für diesen Tag. Martina tat nichts. Er hörte nicht einmal ihren Atem. Er spürte aber an seinem Bauch, dass sie schnell über ihr Zwergfell atmete. Er wollte sie beruhigen und bewegte den Daumen an seiner rechten Hand, die ihren Rücken bei den Schulterblättern hielt. Er beobachtete, dass seine Hand ihren Rücken streichelte und bemerkte nach einer Weile, dass sein Mund ihren Hals berührte, dann schloss er die Augen. Er küsste ihren Hals und dann ihre Schulter, sein Mund fuhr energischer den Hals wieder entlang und er biss mit den Lippen in ihr Ohrläppchen und in ihren Wangenknochen. Ihr Kopf gab seinem Druck erst nach, so dass er ihren Kehlkopf und dann das Kinn küsste, schließlich trafen sich Markus und Martina’s Mund. Sie küssten zaghaft, dann weniger zaghaft, bis Markus sie zum Bett trug.
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