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Kap5.16 Siebentage Regenwettergesicht Drucken


Er hatte sich selbst herein gelassen, da die Tür nicht verschlossen gewesen war. Doch Alessandra war in den Flur gekommen, um ihn zu begrüßen. Markus ließ die, nach Alessandras Auffassung, notwendigen Küsse auf seine Wange über sich ergehen und küsste sie schließlich auf die schwungvollen Lippen. Alessandra lachte und schob ihn weg, wobei sie an seinem rechten Arm, oberhalb des Handgelenkes einen kleinen Verband sah.
„Oh, was hast du da gemacht?“
„Ach“, Markus winkte ab, „nichts Schlimmes.“
„Wie ist das passiert?“
Markus zog die Schultern hoch. „Lange, langweilige Geschichte. Lassen wie das.“
Es war in erster Linie eine peinliche Geschichte, und deswegen ließ er es. Markus hatte, wie er es beizeiten tat, mit einem Messer jongliert. Ein Frühstücksmesser ist dafür am besten geeignet. Ein Löffel ist natürlich noch ungefährlicher, hat aber schlechtere Flugeigenschaften. Markus hatte das Küchenmesser benutzt, mit dem er gerade Paprika geschnitten hatte. Er war nicht so blöd das Messer an der Klinge aufzufangen, aber auch nicht schnell genug gewesen, alles Fleischliche aus dem Weg zu bringen.
Alessandra nickte. „Ein guter Verband. Von Martina?“
„Ja. Sie wollte es erst nähen, die Pute. War blitzschnell mit Nadel und Faden zur Hand. Ich sach: Komm, Kleines, pack das weg. Ich steh auf Narben.“
Alessandra verstand ihn. „Du bist kreidebleich geworden und hast gewinselt.“ Sie nickte erneut.


Markus wechselte das Thema. „Alessandra, bist du denn inzwischen zumindest ein bisschen schwanger?“
Alessandra wackelte mit dem Kopf. „Vielleicht.“
Markus nickte. „Okay, vielleicht ist weniger als ein bisschen, aber mehr als nein.“
Hassan hatte sich in den Flur bemüht, da sich die beiden fest geklönt hatten. Er lächelte.
Markus lächelte auch. „Sag, mein Lieber, kann es sein, dass du ein bisschen zugelegt hast? Nicht, dass du noch schwanger wirst.“
„Ja, ja, sehr witzig. Ich mache nur in letzter Zeit wieder etwas mehr Sport und habe einige Muskelpakete aufgebaut. Wo ist Deine Frau?“
„Meine Gespielin hat es vorgezogen, heute Abend woanders zu spielen.“ Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Wir sollten vielleicht kurz nach dem Essen darüber sprechen.“
Hassan kam auf ihn zu, umarmte ihn, nahm ihm die Flasche ab und führte seine Frau und Markus ins Wohnzimmer.
Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatten, wandte Markus sich an Hassan. „Was machst du für ein Siebentage Regenwasser – äh, Regenwettergesicht.“ verbesserte er sich.
„Es regnet seit sieben Tagen, oder länger.“ Hassan lächelte aber dazu.
Es regnete seit etwa drei Tage, aber Markus achtete den Regen nicht. „Ich mag den Regen. Du weißt ja, ich neige zu Neid und Missgunst. Und wenn die Sonne scheint, sind alle immer so fürchterlich fröhlich. Das bringt mich um.“ Er lachte. „Na ja, und immerhin bin ich ja bei dem Regen zu euch raus gefahren und hab mir an der Haltestelle fast den Tod geholt. Und? Klage ich?“
„Er macht sich Sorgen.“ erklärte Alessandra und verbesserte. „Wir machen uns Sorgen.“
Markus nickte. „Ja. Irgendetwas liegt in der Luft. Wie gesagt, das ist auch ein Grund, weshalb ich hier bin.“
Hassan fragte alarmiert. „Wie geht es Sabine?“
Markus zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht. Ich hab sie nicht wieder gesehen, seit ich das letzte Mal hier war. Von daher muss ich annehmen, dass es sich nicht dramatisch zum Guten gewandt hat.“
Alessandra bestätigte. „Nichts wendetet sich zum Guten. Meine Einheit ist zum Großteil in den besetzten Gebieten. Es wird dort langsam besser, aber es ist beileibe nicht gut. Die Abwehr spinnt und sieht überall Gespenster, aber vor allem ist die Atmosphäre schlecht. Sie ist verpestet von dieser Gruppe, der auch David angehört und der G2 und Sowinski selbst natürlich.“
„Womit wir dann doch jetzt schon beim Thema wären. Wie gesagt, es liegt etwas in der Luft. Ich habe mit Elisabeth gesprochen und Martina bekam zur gleichen Zeit einen Tipp von Admiral Damsgard.“
„Dem aus dem Marinaoberkommando, der kürzlich entlassen worden ist?“
„Ja, genau. Beide sagten, dass bald etwas passieren wird.“
Alessandra verfinsterte zustimmend ihre Augen. „Ich halte das auch für wahrscheinlich. Sowinski hat Teichert-Waldesleben offenbar zum Rücktritt gezwungen und mit dem Nachfolger einige Posten neu besetzt. Das sichert auf der einen Seite seinen Handlungsspielraum, aber irgendwann werden sich die Kommandeure, die nicht zu dem Zirkel gehören, zusammenfinden und gegen ihn vorgehen.“
„Das sagt Martina auch. Er lehnt sich weit aus dem Fenster. Entweder er unternimmt bald etwas, um seine Position endgültig zu festigen oder er wird am Widerstand der im Moment noch unentschlossenen Offiziere scheitern.“
„Haben Damsgard oder Elisabeth etwas Genaues gesagt?“
„Nein. Martina ist heute unterwegs, um sich ein bisschen umzuhören. Aber sie sagt, es sei nicht wahrscheinlich, dass sie etwas erreichen kann, ohne G2 zu alarmieren.“
„Ich fürchte das gilt auch für mich. Der Kreis um Moeller traut mir nicht wirklich. Ich werde auch kaum noch zur Berichterstattung in den Stab gerufen.“
„Unabhängig davon“, Hassan schaltete sich ein, „könnten wir denn etwas tun, wenn wir wüssten, was geplant ist?“
„Das hängt davon ab.“ Alessandra schüttelte den Kopf und atmete aus. „Eigentlich nicht. Alle Kommandeure, die in Frage kämen und dazu in der Lage wären, sind im Einsatz. Sie würden keine Schwächung der Grenze riskieren und vermutlich Sowinski als das kleinere Übel ansehen, wenn sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden.“
„Kannst du Deinen Leuten trauen?“ fragte Markus konkretisierend.
„Nicht allen. Aber vielleicht zehn oder fünfzehn von Ihnen. Es sind keine Inlandsagenten, aber ich könnte dafür sorgen, dass sie in der nähe sind. Was meinst Du, wie viel Zeit bleibt?“
„Keine Ahnung. Aber so wie meine lieben Freundinnen…“
„Du meinst Gespielin und Ex-Gespielin.“
„Ja, die. Also nach deren Alarmierungsgrad zu urteilen, keine drei Monate – vermutlich weniger.“
„November, Dezember?“
Markus nickte, während er die Schulter hochzog.
„Michael Rosenbladt war vorgestern hier.“ wechselte Hassan anscheinend das Thema.
„Was, mein kleiner Oberleutnant?“
„Ja, er hat mich besucht. Er war stolz wie ein Pavian, dass er nun auch eine Kompanie bekommen hat und glücklich, dass Ihr nun wieder in einem Bataillon seid.“
„Ja, ja, ich weiß. Ich hab ihn auch vor ein, zwei Wochen getroffen und ein paar Biere mit ihm getrunken. Ob das nun soviel bringt, dass wir im gleichen Bataillon sind, weiß ich aber nicht. Zu Reserveübungen werden die Kompanien ja selten gleichzeitig eingezogen.“
„Zu Reserveübungen vielleicht nicht.“ gab Hassan zu bedenken.
Markus lachte. „Panzer werden wir wohl hoffentlich nicht brauchen.“ er sah zu Alessandra. „Spione sind besser. Als sie von Rechtensberger gestürzt haben, hat man gar nichts mitbekommen. Es stand am nächsten Tag in der Zeitung.“
Alessandra grinste. „Panzer vielleicht nur im Notfall.“ Sie stand auf. „So, Ihr Lieben. Ich verschwinde jetzt Mal in die Küche und Ihr macht derweil keinen Scheiß.“ Sie warf ihrem Mann einen Luftkuss zu und dieser nickte.
Hassan und Markus spielten eine Partie Schach, an deren Ende Markus Hassan das Siebentage Regenwettergesicht abgenommen hatte.