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Kap5.23 Schmierige Doppelagenten Drucken

„Ich dachte schon, es geht nie los.“ Alessandra strahlte. „Reser-Weiden ist kein Problem, aber bist du sicher, dass Ihr es in der Stadt schafft?“
„Muss gehen. Diese Division aus dem Norden macht mir schon ein bisschen zu schaffen. Und Martina ist sich sicher, dass die Marineinfanterie auch eingreifen wird, wenngleich nicht für dieselbe Seite. Insgesamt sollten wir euch in der Stadt aber ein paar Stunden den Rücken frei halten können. Problematisch wird es nur, wenn die Arbeiter die Stadt in Besitz nehmen und Barrikaden aufbauen.“
„Ich fürchte, da kann ich nur sehr wenig machen.“ Alessandra lächelte. „Es gibt vielleicht jemanden, der helfen kann. Ich kenne da so einen schmierigen, kleinen Doppelagenten…“


Hassan unterbrach. „Die Betriebsräte werden im Vorfeld verhaftet?“
Markus hätte gern etwas über den schmierigen Doppelagenten erfahren, aber er antwortete pflichtschuldig. „Ja, soweit man sie zu Fassen kriegt.“
„Aber G2 hat keine Leute in der Demo?“
„Nein. Es gibt ein paar von G2, aber die gehören nicht zu den operativen Einsatzkräften der Arbeiter. David sagt, es ist leichter, Einen aus der Führungsmannschaft umzudrehen als Einen aus dem harten Kern von Schlägern.“
Alessandra lachte. „Ja. Die wittern Spitzel. Ich kannte ein paar Leute von G2, die dachten, sich unter die Schweißer und Schlosser mischen zu können. Wenn sie Glück hatten, wurde sie nachts verprügelt. Wenn sie Pech hatten, landeten sie unter einer fünf Tonnen Stahlplatte.“
Hassan lehnte sich zurück, dann beugte er sich wieder vor. „Ich kenne ein paar von denen.“
„Von denen, die unter den Stahlplatten liegen?“ wollte Markus wissen.
„Nein, von denen, die Stahlplatten fallen lassen.“
Markus sah ihn an. „Bist du vielleicht heimlich ein kleiner Werftarbeiter?“
Hassan lächelte. „Nein. Die Wahrheit ist, dass ich auf einige Männer zurückgreifen kann, die mir mein Auftraggeber zur Verfügung gestellt hat.“
„Von Deinem Auftraggeber?“
„Ja, Govelli. Du weißt, ich hatte dir von ihm erzählt.“
Langsam nickend sagte er. „Ausgiebig.“ Da Alessandra keinen Einwand erhob oder auch nur Überraschung an den Tag legte, konzentrierte sich Markus wieder auf das Thema. „Und?“
„Es sind etwa dreißig, nicht alle“, Hassan suchte ein Wort, „nicht alle ‚offizielle’ Aggressoren des Aufstands, aber sie wissen wie es geht. Einige sind offiziell in der Befehlskette. Und wenn die Betriebsräte im Vorfeld festgenommen werden und somit schon Probleme in den Führungsverbindungen auftreten, wird es möglich sein, auf einen Großteil der Menge Einfluss zu nehmen.“
„Das kleine Biest.“ Markus lachte. „Elisabeth hatte dich schon irgendwie auf dem Radar.“
„Das ist gut, denn genau genommen bin ich auch ermächtigt, mit dem dann neuen Präsidenten einen Waffenstillstand zu verhandeln.“ Hassan lachte. „Ich hoffe aber, dass sich Hans-Joachim’s Zukünftige dann in erster Linie um Wohltätigkeitsveranstaltungen kümmern wird.“ Er räusperte sich. „Ich finde ja, dass Frauen in die…“
Alessandra hatte ihm gegen das Schienbein getreten und lächelte nun würdig. Dann klingelte die Eieruhr. „Scheiße.“ Alessandra lachte. „Das kommt ungelegen.“
„Soll ich vielleicht nachsehen?“ bot Markus sich an.
„Nein, nein, da muss ich jetzt durch.“ Sie ging in die Küche.
Markus wandte sich vertraulich flüsternd an Hassan. „Grausames Land in dem wir leben. Frauen haben viel zu viel Einfluss.“ Markus nickte weise. „Das gilt natürlich auch für unsere kleine Unternehmung. In der Föderation ist es da sicher besser, ich meine, es gibt nicht einmal Frauen in Eurer Armee, oder?“
Hassan lächelte verschwörerisch. „Kaum. Und wenn dann nur ehrenhalber. Ich hatte einmal das Vergnügen die Bekanntschaft mit einer Oberstin zu machen.“ Er grinste. „Nun ja, also unter der engen, dunklen Offiziersjacke quoll blasse, weibliche Fülle. Durchaus, mag ich behaupten, besaß sie herausragenden Eigenschaften an den richtigen Stellen. Sie war die Nichte eines Pontifex. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse waren aber wohl nicht vollends geklärt.“
„Und es sprach niemand von Nepotismus?“
„Nein.“ Hassan lachte. „Ich hatte ein kleines Verhältnis mit ihr. Unglücklicherweise wurde sie dann irgendwann degradiert. Offenbar hatte eine ihrer Cousinen den alten Herrn überzeugen können, dass es mit Horatias’, das war ihr lieblicher Name, militärischen Fähigkeiten doch nicht so weit her war, und dass er doch besser auf ihr strategisches Genie vertrauen sollte.“
Aus der Küche rief jemand. „Mein lieber Mann. Ich glaube, wir haben einigen Klärungsbedarf.“ Alessandra stellte sich, die linke Hand noch in einem Ofenhandschuh, in die Tür. „Und Du“, sie zeigte mit dem freien Zeigefinger auf Markus, „bist ein schmieriger, kleiner Doppelagent, der mit gespaltener Zunge spricht.“