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Kap5.25 Schlussstrich Drucken

Markus hatte die Tage viel zu tun und gut geplant. Nur diesen Besuch hatte er nicht vorweg durchdacht. Er hatte ihn zeitlich eingeplant, aber er hatte keine Vorstellung über Ablauf oder Ziele. Er ließ sich von seinem Fahrer absetzen und ging die letzten Meter zu Fuß. Er sah die Hausnummer und gegenüber einen Spielplatz. Auch jetzt fiel ihm nichts Gescheites ein, also setzte er sich auf eine Schaukel. Das Gerüst war sehr hoch und der Schwung entsprechend ruhig. Es war kühles Herbstwetter aber es regnete nicht. Er fand, es war ein guter Tag. Vermutlich würde er nach fünf Minuten wieder gehen. Das war ihm egal.
Eine Frau kam aus dem Haus, sie schob einen Kinderwagen in Richtung Spielplatz. Als sie an der Schaukel angekommen war, drehte sie den Wagen und drappierte sorgfältig die dicke Decke um ihr Kind, dann setzte sie sich auf die Schaukel neben ihn.
„Hallo Markus.“ sagte sie mit einem Lächeln an ihn gewandt.
„Hallo, Karen Maria.“ erwiderte Markus den Gruß.


Sie schaukelten langsam nebeneinander. „Ich war in Sorgen, als ich einen Uniformierten vor dem Haus gesehen habe. Muss ich mir Sorgen machen?“
Markus hielt an und drehte die Kette der Schaukel, so dass er mit dem Gesicht zu ihr zum stehen kam. Er schüttelte den Kopf. „Nein, meinetwegen musst du dir keine Sorgen machen.“ Er sah sie lange an. „Was ist?“
„Ach, nichts.“ Nun schüttelte sie den Kopf. „Du siehst schmuck aus. Wie geht es Dir?“
„Prächtig.“ Er lachte leise. „Kann es sein, dass du seit der Feier am Strand keinen Tag älter, stattdessen aber noch hübscher geworden bist?“
Sie lächelte. „Kann es sein, dass du seitdem kein bischen erwachsener und stattdessen noch verrückter geworden bist?“
„Ja, kann sein.“ Er wies auf den Kinderwagen. „Und wie heißt der kleine Erdenbürger?“
Nun lächelte sie, als wolle die Sonne doch noch zwischen den Wolken hervorluken, und Markus war entzückt. „Der Kleine heißt Nicolas und ist ein ganz süßes Herzchen.“
„Und wie heißt der kleine Wurzelzwerg, der uns so aufmerksam vom Gartenzaun aus beobachtet?“
Karen Maria sah zum Haus und ihre Augenbrauen verengten sich. „Das ist Oliver, und der wird mit seiner Mutter gleich einen Riesenterz bekommen, weil er schon wieder seine Mütze vergessen hat.“
Markus setzte dieser Satz zu: So etwas hatte er das letzte Male vor gut zehn Jahren in der Nachbarschaft gehört. Er hatte gedacht, Hassan und Alessandra würden ein Leben jenseits aller Spannungsfelder führen – wenn man von einer gelegentlichen Gefangenenbefreiung und Spionagetätigkeit absah.
„Ich hab Sabine mal vor einer Weile gesehen.“ sagte Karen Maria.
„Wann?“ fragte Markus - die Kinder und das Umfeld für einen Moment vergessend.
„Ach, letztes Jahr im Sommer, das ist jetzt schon eine Weile her.“ Sie sah zu ihm rüber. „Ihr seht euch häufig, sagte sie.“
Markus nickte.
Karen Maria lächelte. „Sie sagte, du wärst mal verliebt in mich gewesen. Stimmt das?“ Sie strahlte, als sie das sagte, mehr über ihre Verwegenheit als über den Inhalt.
Markus überlegte, er wollte die Wahrheit sagen. Dann fand er sie. „Ja.“ Er lachte. „Ja, das stimmt. Hatte ich vergessen, dir das zu sagen?“
Sie nickte. „Ja, das hattest du vergessen.“
„Das ist nicht schlimm.“ Er schüttelte den Kopf. „Es hätte ohnehin nichts geändert.“
Sie sah ihn eine Weile an. Dann sagte sie. „Nein. Hätte es nicht.“ Sie sah zu ihrem Großen am Zaun. „Ich muss wieder rein, sonst holen sich die beiden noch den Tod.“
Markus stand auf und ging neben ihr bis zum Gatter im Zaun. Karen Maria schob den Wagen. Oliver sah den uniformierten Mann mit großen Augen an.
„Geh schon mal rein, junger Mann. Du weißt genau, dass ich dich hier draußen nicht ohne Mütze sehen will, mein Freund.“ Oliver zögerte einen Moment und huschte dann dem Befehl seiner Mutter folgend ins Haus. Karen Maria wandte sich zu Markus und schwieg.
„Was hast Du?“
„Sabine sagte, ich könnte dir …“ Sie unterbrach. „Ich hab Angst, Markus.“
„Was ist?“ fragte er innerlich alarmierter als seine Stimme verriet.
„Was ist?“ wiederholte sie. „Kriegst du das nicht mit. Das ganze Land ist verrückt geworden. Kaum herrscht bei diesem unsäglichen Krieg im Süden etwas Ruhe, gehen die Demonstrationen wieder los. Die Polizei schlägt dazwischen. Menschen sterben dabei, Markus. Es wimmelt überall von Spitzeln.“
„Wo ist Dein Mann?“
„Das geht dich gar nichts an.“ Sie wollte sich mit ihrem Wagen von ihm weg in Richtung Tür wenden.
Markus hielt sie fest, er zögerte einen Moment. „Es ist mir egal, wo er ist, aber wenn er am Wochenende nach Kiel will, dann halt ihn gefälligst zurück!“
Sie sah ihn an und weinte. „Er ist schon in Kiel. Ich kann ihn nicht erreichen. Er sagt, er kommt Sonntag oder Montag zurück.“
„Sonntag oder Montag.“ Markus atmete tief ein. „Und du kannst ihn bis dahin nicht erreichen?“
„Was weißt Du?“ Karen Maria versuchte sich zu sammeln.
Markus schüttelte den Kopf. „Ich gehören zu keiner der beiden Seiten. Aber die Stimmung ist aufgeheizt.“
„Ich werde nach Kiel gehen und ihn suchen.“ sagte sie, sah dann auf ihr Kind im Wagen und der Mut schien sie zu verlassen.
„Nein, du wirst ganz sicher nicht nach Kiel gehen.“ Markus hatte nie vorher in diesem Ton mit ihr gesprochen.
Karen Maria akzeptierte. „Kannst du etwas für ihn tun?“
Markus nickte. „Ich hoffe. Ich hoffe, ich kann etwas tun.“
„Versprich mir, es zu versuchen.“
Markus nahm ihre Hand. „Ja, ich verspreche es Dir.“ Er drückte ihre Hand und führte sie kurz an seinen Mund. „Versprichst du mir, hier zu bleiben und auf Deine Kinder aufzupassen?“
Karen Maria nickte.
Markus drückte noch einmal ihre Hand, dann lachte er. „Hatte ich dir gesagt, dass du noch hübscher geworden bist?“
„Ja.“ Ein Lächeln kam zurück auf ihr Gesicht. „Das hattest du nicht vergessen.“

Sie fuhren auf einer Kreisstraße in Richtung Kiel. Der regelmäßige Funke am Ethanol-Gas Gemisch sorgte für eine saubere Verbrennung der Stille, die auf der Landschaft lag. Aber Markus achtete die Geräusche nicht. Plötzlich lachte er.
Sein Fahrer sah zu ihm nach rechts. „Alles klar, Chef?“
„Ja, Gert. Es ist alles gut.“