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Kap5.22 Scarface Drucken

„Was ist los?“ David sah sich wenig Herzlichkeit gegenüber. „Komme ich ungelegen?“
„Hm.“ Markus zögerte. „Wir hatten gestern eine kleine Diskussion.“
David sah zu Martina und zu Markus. Er war nicht übermäßig unbeweglich im Kopf. „Oh, Ihr Lieben.“ sagte er und wandte sich an Markus. „Martina ist unschuldig wie ein...“ er hielt kurz inne. „Also, wie unschuldig, weiß ich nicht genau. Aber ich war nie mit ihr in dieser Wohnung oder in andere Sachen mit ihr verstrickt.“
„Also warst du mit Sabine da?“ fragte Martina.
„Ja, ich weiß, sie sagte, dass du das wohl etwas ungehalten aufnehmen würdest und schlug vor, es zu verheimlichen, aber ich wollte…“
„Die Rothaarige sehen?“ platzte Markus dazwischen.
David räusperte sich. „Ja, sie hatte schon Charakter.“ Er sah Markus von Mann zu Mann messend an. „Hast Du…“


„Hat er nicht und wird er nicht.“ schnitt Martina dazwischen. „Und mit dieser Schlampe werde ich noch ein Hühnchen rupfen.“
Sie meinte Sabine und nicht die Rothaarige und die beiden Männer brauchten einen halben Augenblick, um das auf die Reihe zu bekommen. Dann löste sich ihre Spannung. David froh, dass er aus der Schusslinie war und Markus, dass Martina ihn nicht belogen hatte.
„Okay.“ sagte Markus fröhlich. „Und was machen wir jetzt?“
„Wir sind genug für eine Runde Skat, aber vielleicht fasse ich erst die Situation kurz zusammen und dann sehen wir weiter?“ schlug David vor.
Markus nickte, aber Martina gebot Vorbehalt. „Ja, warte einen Moment, ich hol’ noch kurz was zu Trinken.“
Markus hieß sie sitzen bleiben und holte Getränke. Als er wieder da war und eingeschenkt hatte, hoben sie die Gläser. „Auf die Treue.“ sagte David. Markus nickte und Martina sagte. „Auf das, was wir unseren Freunden schuldig sind.“
Nach dem ersten Schluck begann David. „Die Betriebsräte und die Arbeiter planen für den 9. November eine Großdemo. Der Präsident wird an diesem Tag in Kiel sein und auch eine Reihe seiner Minister. Die Demo wird mit fünfzehntausend Menschen angemeldet, aber sie erwarten an die Hunderttausend. Es gibt einen harten Kern von vielleicht vier- oder fünfhundert Demonstranten. Die werden bewaffnet sein und Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften provozieren. Es ist geplant, die zentrale Kundgebung auf dem Rathausplatz zu veranstalten und dann mit der Masse Richtung Senat und Generalstab zu marschieren. Parallel werden kleinere Gruppen, die Radiosender besetzen, und eine Gruppe wird versuchen, in den Präsidentenpalast zu gelangen und dort den Präsidenten entweder zum Rücktritt zu bewegen oder ihn zu töten. Zur gleichen Zeit sollen auch Senat und Stab besetzt werden, und vom Balkon des Senats wird die neue Republik ausgerufen. Die Nachricht soll dann über die Sender verteilt werden. In Kopenhagen wird das Parlament besetzt und der Rest der Regierung verhaftet, und in anderen größeren Städten sind ähnliche Veranstaltungen geplant. Aber zweifellos findet in Kiel die Hauptshow statt.“
„Okay.“ sagte Markus. „Ein sauberer Plan. Und was tut die Abwehr derweil?“
„Die 27. Division, aus Nordjütland, wird - soweit verfügbar - mobilisiert. Sie soll angeblich als Ablösung in die Gebiete südlich der Elbe gebracht werden. Sie wird aber nördlich von Kiel abgeladen. Die 27. wird am Morgen des 9ten über die Levensauer Hochbrücke in die Stadt einmarschieren. Ich selbst werde von Neumünster aus mit dem Panzergrenadierbataillon 313 von Süden aus einrücken. Der G2 und seine Leute werden mit Sowinski zum Präsidenten gehen und ihn dort ebenfalls entweder zum Rücktritt bewegen oder gewaltsam absetzen. Der Aufstand wird niedergeschlagen und Sowinski Präsident.“
Markus nickte die Unterlippe hervorschiebend. „Auch ein sehr guter Plan.“
David stimmte dem mit einem Nicken zu. „Soweit also, die Kurzzusammenfassung. Nun vielleicht von euch eine erste Stellungnahme, meine Lieben?“
„Also“, begann Markus, „auch, wenn ich eventuell mit meiner Meinung allein dastehe, mir würde es weniger behagen, wenn Sowinski Präsident würde. Aber“, er wandte sich an Martina, „Schnucki, Ich weiß ja nicht, ob du vielleicht ein Interesse daran haben könntest.“
„Mein Schatz“, erwiderte diese, „ich hätte an Sowinski als Präsidenten auch nur geringe Erwartungen. Und du weißt doch, dass ich in politischen Dingen immer hinter dir stehe, so lange ich nur die Farbe der Gardinen auswählen darf.“
„Fein.“ konstatierte David. „Mein Votum geht in die gleiche Richtung. Ich kann mich mit dem Gedanken auch nicht erwärmen. Gut, die Alternative auf Arbeiterseite heißt Schmitt. Er ist ein bisschen untergetaucht, aber wir, das heißt G2, geht davon aus, dass er der Kopf und der mögliche Präsidentschaftsanwärter der Arbeiter ist.“
„Dazu kann ich wenig sagen. Aber nein, Schmitt muss es aus meiner Warte heraus nicht unbedingt sein.“ Markus schenkte Martina einen erneuten Blick. „Und du meine Liebe und mein Leben?“
„Ganz Deiner Meinung, mein Herz, Schmitt muss es nicht sein.“
David fand, seine Gesprächspartner ließen es etwas am gebotenen Ernst ermangeln. „Sowinski will Krieg und er ist dazu ein Faschist. Er würde wie Schmitt im Inneren Terror walten lassen.“
„Und vermutlich würden beide über kurz oder lang das Bündnis mit Schweden gefährden.“ gab Markus zum Besten.
Martina zuckte mit den Schultern. „Du bist ein kluger Mann.“
„Frag mich einfach, wenn du etwas wissen möchtest.“ Markus eröffnete ihr ein Lächeln.
Sie erwiderte das Lächeln.
„Schön. Damit hätten wir ja bereits Wesentliches geklärt. Dürfte ich nun kurz zum Thema zurückkommen?“ wand David ein.
Das Pärchen stimmte stumm zu.
„Danke. Gibt es soweit irgendwelche Fragen von Eurer Seite?“
Markus sah zu Martina und hielt sich in Anbetracht ihres Kopfschüttelns zurück. Sie verzog die Brauen. „Was ist mit der Marineinfanterie?“
David nickte schwach und biss sich auf die Oberlippe. „Wir haben dran gedacht. Es ist immerhin der einzige Verband direkt in Kiel, der über eine nennenswerte Schlagkraft an Land verfügt. Aber Moeller traut dem Kommandeur nicht. Er heißt Begenske. Sie können sich genau genommen nicht sehr gut leiden. Deshalb plant die Abwehr ohne diese Kräfte.“
Markus hielt kurz die Luft an, atmete dann aber aus und schwieg. In Martinas Blick sammelte sich ein beträchtliches Maß an Geringschätzung. „Ich rede nicht von der Abwehr.“
Bei David fiel der Groschen. „Du meinst, sie könnten mit den Aufständischen gemeinsame Sache machen? Ausgeschlossen!“ Er sah Martina an und relativierte. „Unwahrscheinlich.“
„Ich kenne Begenske. Er ist ehrgeizig, wurde aber trotz einer Reihe von Erfolgen immer übergangen.“ Sie sah zu David hoch. „Ohne seine Mithilfe kann man den Plan der Arbeiter vergessen. Sie würden niemals die Akzeptanz der Armeeführung bekommen. Und wer auch immer Schmidt ist. So dumm wird er nicht sein.“
Markus nickte langsam und David sah man angestrengtes Nachdenken an. „Okay, nehmen wir an, du hast Recht. Die Marineinfanterie liegt mit zwei Regimentern in Kiel-Friedrichsort. Sie müssten über die Holtenauer Hochbrücke, um in der Stadt eingreifen zu können. Ich gebe zu, das könnte einen Sinn ergeben. Ich versuche, über meine Abteilung etwas darüber herauszufinden.“
Martina schüttelte den Kopf. „Nein. Ich werde das machen.“
Markus atmete durch den Mund ein und verzog nun mit Blick auf Martina die Stirn. David akzeptierte ihren Beitrag mit einem Kopfnicken. „Gut. Wenn du Recht hast, macht es uns das Leben nicht eben leichter. Aber auch so muss es gehen. Sowinski/Moeller, Schmitt/Begenske. Was sind die Alternativen?“
Markus verschob seine Bedenken. „Welche Alternativen siehst Du, mein Freund?“
„Was wir haben, ist ein schwacher, um nicht zu sagen, schwachsinniger Präsident, der mittlerweile danach trachtet, den Krieg aufleben zu lassen und in das deutsche Hochland vorstoßen will. Ich sehe ihn nicht als gute Alternative. Aus meiner Sicht kommt, wenn wir denn schon ‚Wünsch dir was’ spielen, als Präsident nur Reser-Weiden in Frage.“
„Auch eine tolle Idee, David. Nur, mein Lieber“, er hob einen Zeigefinger, „der Mann sitzt im Knast.“ Er wackelte mit dem Kopf. „Nun. Vielleicht ist es das Beste, wenn ich den Job übernehme. Ich denke, ich wäre ganz geeignet.“ Er spielte nun flott mit allen Fingern in der Luft.
David verzog einen Mundwinkel. „Du bist ’ne Flachpfeife.“ Martina nickte und David nahm das dankbar zur Kenntnis. „Okay, immerhin eine solide Zweidrittelmehrheit im provisorischen Wahlausschuss. So weit, so gut. Also, was muss getan werden und was können wir tun?“
Markus schürzte die Lippen. „Ich probiere es mal.“
Martina und David stimmten zu.
„Also wir müssen Reser-Weiden befreien. Vermutlich wollen wir nicht ohne Not auf Mord bauen, also sollten Sowinski und die Leute um Moeller genau so wenig wie die Meuchelbande der Arbeiter zum Präsidenten gelangen. Gleichzeitig würden wir den Präsidenten aber gerne loswerden. Also fordern wir ihn auf, zurück zu treten. Um ein Massaker zu verhindern, müssen wir diese Division und vermutlich auch die Marineinfanterie stoppen, die in die Stadt gelangen wollen. Die Radiostationen sollten wir selbst besetzen. In der Stadt und vor allem in einem aufgestachelten Mob von hunderttausend Menschen müssen wir für Ruhe sorgen. Schmitt, Sowinski und alle Rädelsführer sollten wir verhaften. Und die anderen Städte wollen wir bei der ganzen Sache zumindest im Auge behalten.“
„Ja, das trifft ungefähr das, was getan werden muss wobei“, David trank einen Schluck, „wobei es wünschenswert wäre, wenn wir Senat und Parlament halbwegs ruhig halten könnten. Zumindest der Senat sollte nach Möglichkeit keine Gegenregierung bilden.“
„Schön. Solange wir nicht auch noch die Zustimmung des pontifikalen Rates der Föderation brauchen, klingt das ja alles übersichtlich.“ Auch Markus trank.
„Und nun was können wir tun?“
„Ich hoffe, du hast einen Plan.“ bemerkte Markus.
David nickte.
Martina zog die Stirn hoch und einen Mundwinkel zur Seite. „David, ich mag das nicht, wenn du so still dasitzt und nickst. Dein Plan beruht hoffentlich nicht darauf, noch mehr Truppen zusammen zu ziehen.“
David kniff ein Auge zu. „You can go a long way with a smile. You can go a lot farther with a smile and a gun.”
Markus lachte. „Scarface!“
Martina winkte ab. „Nur mit Kindern hab’ ich es hier zu tun. Wie soll man da einen anständigen Putsch planen?“
„Entschuldige, Teure, der Beitrag hat uns nicht wirklich weitergebracht.“ David grinste trotz der Entschuldigung. „Vielleicht sollten wir zum Thema zurückkommen.“
„Also gut, ich probiere es noch mal.“ Markus nahm die verlassenen Gedanken wieder auf. „Du musst mit Deinem Bataillon die Radiostationen besetzen und Sowinski und seine Leute festsetzen. Geht das?“
David nickte.
„Vielleicht kannst du dir schon mal eine tolle Rundfunkansprache ausdenken?“
„Das werde ich machen.“ warf Martina ein. „Das wird dann auch die Straße etwas beruhigen.“
David verzog spielerisch das Gesicht. „Das heißt doch wohl nicht, dass du dann etwas von freien Wahlen, Streikrecht, Pressefreiheit und so erzählst, oder?“
Martina lachte „Das geht dich gar nichts an. Ich schreibe, und Hans-Joachim wird die Rede verlesen.“
Markus erklärte David: „Sie meint Hajo.“
„Ach so.“ David presste die Lippen vor. „Der Hansi macht’s.“
Dann nickten die beiden Männer widerspruchslos.
„Okay.“ Markus setzte weiter fort. „Inwieweit kannst du noch für Ruhe in der Stadt sorgen?“
„Das ist ein bischen problematisch. Auch wenn ich natürlich große Stücke auf Martinas Ansprache halte, wird es nicht einfach sein. Sie haben, wie gesagt, ein paar Hundert Aggressoren.“ Er hob die Schultern. „Dafür war die 27. Division eingeplant. Ich hab leider keine eigene.“
„Die Division darf nicht in die Stadt kommen.“ bestimmte Martina.
„Hab ich befürchtet.“
„Okay, mit der Menge haben wir ein Problem.“
„Eine Herausforderung.“ verbesserte David.
Markus zog eine Grimasse. „Das nächste Problemchen könnte Schmitt selbst sein. Meinst Du, die Abwehr wird ihn schnappen, bevor wir sie selbst hoch nehmen?“
„G2 plant eigentlich, ihn hoch zu nehmen“, er sah kurz zu Martina und flüsterte dann für alle hörbar zu Markus, „ihn auszuschalten, wenn er sich sehen lässt.“ Er verzog das Gesicht. „Wie gesagt, wir wissen aber nicht recht, wo er ist.“
„Ich will ja nicht päpstlicher sein als der Papst, aber der Plan erschein mir semioptimal.“ Markus überlegte. „Kommt Ihr denn nicht über diesen Thies ran?“
„Ich fürchte, Thies ist tot.“
„Oh.“ Markus sah David an. „Ward Ihr das?“
„Nein.“ David verzog den Mund. „Also, ich glaube nicht. Das würde ja kein Sinn machen.“ Er zog die Schultern hoch. „Aber es war schon vorher geplant, ihn zu beseitigen. Immerhin, die anderen Betriebsräte, die noch nicht untergetaucht sind, werden früh morgens verhaftet.“ er sah zu Martina. „Für einen Schauprozess.“
Markus nickte und Martina stimmte zumindest inhaltlich mit einer entnervten Geste bei.
„Gut, zumindest das mit der Menge und Schmitt müssen wir uns nochmal durch den Kopf gehen lassen. Vorerst gibt es nur eine Radioansprache.“ Markus sah zu Martina. „Kannst du dafür sorgen, dass meine Kompanie und auch die von Michael kurz vorher mobil gemacht wird, vielleicht, um nach Süden verlegt zu werden?“
Martinas Augen verengten sich, aber sie nickte langsam.
„Fein, dann können wir beide Hochbrücken sperren.“
„Mit jeweils einer Kompanie gegen eine Division?“ fragte Martina.
David antwortete. „Sie können die Panzer quer auf die Brücken stellen und mit dem MG ein paar Warnschüsse abgeben. Da kommt so schnell niemand vorbei. Die anrückenden Verbände werden kein schweres Gerät mit sich führen. Selbst wenn sie versuchen sollten, mit Pontonbrücken oder Fähren den Kanal zu überwinden, würden sie wohl zu spät kommen. Und, was wichtiger ist und vermutlich unser größter Trumpf: Sie wissen allesamt nichts von Schmitt oder Sowinski oder worum es überhaupt geht. Einige Kommandeure wissen Bescheid, und die Soldaten folgen ihnen bis zu einem gewissen Grad. Sie werden jedoch kaum Lust haben, sich mit den eigenen Kameraden anzulegen.“
„Das gleiche gilt, denke ich, für die Demonstranten.“ warf Markus ein. „Schmitt und ein paar Leute wollen das Regime stürzen, die Arbeiter wollen nur…“
„… das Leben etwas lebenswerter machen.“ ergänzte Martina.
„Ein gutes Ziel.“ Markus lächelte freundlich zu seiner Freundin.
„Wir hätten noch ein paar offene Punkte.“ ermahnte David und gab das Wort wieder an Markus.
„Ja, die Unwissenheit sowohl auf Seiten der Soldaten als auch auf Seiten der Demonstranten gehört sicher zu unseren kleinen Trümpfen. Aber gut. Das nächste wäre, die anderen Städte im Auge zu behalten.“
David übernahm. „Die anderen Städte sind sekundär. Wichtig ist noch Kopenhagen, und dort wird mein altes Bataillon hingeschickt, um für Ruhe zu sorgen. Ich werde mit meinem Nachfolger sprechen und gehe davon aus, dass er unsere Sache unterstützen wird. In allen anderen Städten werden die Garnisonen informiert, einem Aufstand entgegen zu wirken. Die Order an die Truppen ist soweit neutral, und wir sollten nur sichergehen, dass kein oder zumindest wenig Blut fließt. Das sollte ich hinbekommen.“
„Prächtig, bleibt noch Reser-Weiden zu befreien und den Präsidenten vor Meuchelmördern zu schützen, sowie ihn gleichzeitig zum Rücktritt zu bewegen. Nebenbei gilt es, Senat und Parlament dazu zu bewegen, Grußbotschaften an uns zu richten.“
David verzog das Gesicht. „Ja, diese Punkte sind etwas heikel.“
„Und das sagst Du?
„Ich hab nicht gesagt: unlösbar.“ Er öffnete die Hände. „Nur, dass ich keine Ahnung hab, wie.“
„Ich schon.“ Markus lächelte. „Alessandra wird mit ihren Leuten Reser-Weiden befreien.“
„Meinst Du, das wird sie tun? Ich habe sowas gehofft.“ fragte David.
Markus gab sich zuversichtlich, und Martina stimmte zu. „Ja, ich bin sicher, dass sie das kann und will.“
„Und die gute Elisabeth kennt Mittel und Wege, den Präsidenten zu schützen und ihm den Rücktritt nahe zu legen. Außerdem kennt sie ein paar alte Senatoren, die zumindest verhindern können, dass der Senat eine Gegenregierung ausruft.“
Martina warf Markus einen Blick zu, atmete ein und nickte.
David fragte mit vorgeschobener Unterlippe: „Welche Elisabeth?“
Markus blickte noch Martina an, dann wandte er sich überrascht an David. „Na, Elisabeth.“
„von Rechtensberger?“
„Ja.“
„Was hat die damit zu tun?“
„Na ja.“ begann Markus langsam. „Vielleicht möchte sie, dass ihr Geliebter Präsident wird.“ Er lächelte milde. „Könnte doch sein, oder?“
„Könnte sein, ja.“ stimmte David zu. „Und wer ist ihr Geliebter, du meinst doch wohl nicht Reser-Weiden?“
„Den meinte ich eigentlich. Ich dachte, wir hätten uns geeinigt.“
„Schon, aber er ist nicht ihr Geliebter. Das war eine Ente.“ David lächelte überlegen. „Es war genau genommen mein Einfall. G2 wollte Reser-Weiden ausschalten. Und ich musste mir was einfallen lassen, damit er zumindest am Leben bleibt.“
Markus sah Martina an und sie nickte ihm aufmunternd zu. Also wandte er sich an David. „Du bist ein Trottel.“
„Schön, aber das Problem bleibt.“
„Hast du gerade Problem gesagt?“
„Es entwickelt sich langsam dazu.“
„Es hilft nicht, wenn ich dir sage, dass du ein Obertrottel bist, oder?“
David erkannte wohl, dass seine Sorge von seinem Gegenüber nicht geteilt wurde. Schließlich sagte er. „Sie sind ein Liebespaar?“
„Ja, sicher.“
„Die hatten es aber auch nicht leicht.“
„Das ist so, wenn man zu ehrgeizig ist.“
„Immerhin hat er von mir nicht mehr verlangt, als von sich selbst.“ David presste die Lippen aufeinander. „Vielleicht ein bisschen mehr.“ Dann vertagte er diesen Gedanken. „Also du meinst, sie kann den Präsidenten und den Senat handhaben?“
Markus bestätigte. „Ja, das kann sie. Bleibt noch das Parlament. Da hat sie wohl keinen guten Zugang.“
David gewann Oberwasser. „Reser-Weiden.“
„Hä?“
„Borgaars, Sowinski’s Mann im Parlament, hat Dossiers zu allen Abgeordneten erstellt. Ein paar standen in Kontakt mit Reser-Weiden, und sie sind ihm auch inhaltlich nahe. Wir könnten sie vorwarnen.“
Martina unterbrach. „Ich werde das machen.“
David hielt abwehrend die Hände hoch. „Natürlich.“
„So.“ Markus rekapitulierte. „Dann hätten wir ja fast Alles in trockenen Tüchern. Bleiben als offene Punkte also nur Schmitt mit seinen paar hundert Aggressoren und etwa hunderttausend Mitläufern. Das Thema wollen wir vielleicht bis zum nächsten Mal in unseren Herzen bewegen, vielleicht fällt uns ja was ein.“
David sah Stirn runzelnd zu ihm, dann die Stirn glättend zu Martina. „Wir werden uns nicht oft sehen können, ich werde versuchen, bestmöglich mit euch in Kontakt zu bleiben. Ich werde jetzt besser gehen. Wenn nichts mehr ist.“
„Wenn du keine Fragen mehr hast.“ Markus deutete an, aufzustehen.
David blieb sitzen, blickte auf und fragte. „Wie stehen meine Quoten?“
Markus ließ sich zurück in den Sessel fallen. „Miserabel, mein Lieber. Aber du hast Glück. Würde Martina mich nicht so in Beschlag nehmen…“ Er sah zu ihr. „Na ja, lassen wir das.“
David deutete ein Lächeln an. „Scheißzeiten. Ich habe gehört, sie ist jetzt am Ostufer. Aber ich konnte schlecht nachforschen.“ Er atmete ein und blendete den Gedanken wieder aus. Er stand auf, und Martina und Markus folgten seinem Beispiel.
„Ballard, noch eine Sache.“ Martina zog Falten in ihre Stirn.
„Ich wünschte, du würdest mich vielleicht David nennen.“
Martina reagierte darauf nicht. „Pass auf, es ist wichtig. Ich habe es schon einmal einem Oberstleutnant wie dir gesagt. Und ich denke, der hat es verstanden. Ich und Sabine wollen hier in der Stadt keine Proskriptionslisten sehen. Geht das in Deinen Kommisskopf?“
„Aber ein paar Leute, über die ließe sich doch vielleicht reden – Sowinski und Schmitt zum Beispiel.“
Martina wies zur Tür. „Verschwinde, Junge.“
David umarmte und küsste Martina, die es stoisch über sich ergehen ließ. Dann sah er zu Markus. „Das wird kein Kindergeburtstag.“
„Ja, Scheißzeiten in denen wir leben.“ stimmte Markus zu.
David nickte. „Bis ein schönrer Morgen tagt.“

„Scheißzeiten.“ Markus lehnte sich gegen die Flurwand.
„So?“ Ihre Lippen bewegten sich beim Sprechen kaum. „Für dich wird es doch wohl ein Spaß, den Präsidentensturz anzuleiern.“
„Na, um dieses Arsch von einem Marineinfanteristen kümmerst du dich wohl auch gerne, oder was?“
„Ach ja. Und du denkst auch sicher, dass es mir Spaß machen wird, Deine beschissene Kompanie in Bereitschaft zu bringen.“
Markus’ Gesichtszüge entspannten sich nur unmerklich, als er einatmete. Dann schloss er die Augen. „Scheißzeiten.“
Martina stellte sich vor Markus und streichelte sein Gesicht. „Zumindest schien er, nichts von Reser-Weiden und Elisabeth zu wissen.“
„Ja.“ Er bemühte sich zu lächeln. „Wird es schwer, meine Kompanie in Bereitschaft zu bringen?“
„Vertraust du mir?“
„Sicher, mein Schatz, ich vertraue Dir.“ Er streichelte ihre Wange. „Es tut mir leid.“