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Markus hatte eine gewisse Selbstdisziplin. Das machte er sich gerne an einem Beispiel klar. Im Institut hatte er Zugriff auf ein Wunderwerk der Technik. Ein Computer mit zweiunddreißig Recheneinheiten. Die Bausteine waren eigens für dieses System entwickelt und in Kleinserie produziert worden. Sie waren nicht so schnell wie die CPUs vergangener Tage, aber sie waren gut und im Konzert der zweiunddreißig auch ungemein schnell. Schnell genug, um ein Strategiespiel aus eben jenen alten Jahren in bester Performance spielen zu können. Leute, die sich damit besser auskannten hatten es für das Betriebssystem umgeschrieben und für das Grafikterminal optimiert. Markus hatte einmal zwei Wochen Rechen- und Lebenszeit damit verschwendet, alle Level bis auf den Letzten zu absolvieren. Außer ihm hatte das nur ein anderer geschafft. (Der hatte allerdings auch den Letzten noch erfolgreich gespielt. Markus war daran nach vielen Stunden gescheitert.) Seine Disziplin lag nun darin, dass Spiel von seiner Partition der Platte zu löschen und, immer wenn ihm Lösungswege in den Sinn kamen, den Gedanken daran zu verdrängen. An diesem Tag nun installierte er das Spiel wieder, um andere Gedanken zu verdrängen. In der heißen Phase seiner zwei Wochen hatte er viel geraucht. Er hatte konzentriert seinen Zug gemacht und während der Computer seinen machte, war er rauchen gegangen. Viel mehr als Rauchen und Ziehen hatte er in dieser Zeit nicht gemacht. An diesem Tag rauchte er auch viel. Aber bei seinen Zügen konnte er sich nicht konzentrieren. Das Spiel langweilte ihn.
Er deinstallierte das Spiel und stopfte wieder seine Analyseprogramme in den Rechner. Martina war morgens um acht bei ihm gewesen. Um sechs Uhr Abends waren sie verabredet. Er plante um halb sieben dort zu sein. Nun war es drei. Er ging nach Hause und duschte ein zweites Mal. Er legte sich auf sein Bett und versuchte aus dem Gedanken, dass bald einiges im Land passieren würde, Abwechslung und Interesse zu ziehen. Unsinn. Was konnte er schon machen. Nicht einmal Elisabeth konnte etwas machen. Und wenn er ihre größte Hoffnung war, war die Lage wohl hoffnungslos. Außerdem hatte er keine Lust darüber nachzudenken. Gewöhnlich konnte er zumindest prima vor sich hin dösen und unsinnigen Gedanken freien Lauf lassen. Auch das wollte an diesem Tage nicht funktionieren. Es war ein schlechter Tag.
Um zwanzig nach sechs betrat Markus die Wohnung. Er hängte seine Jacke auf und ging in die Küche. „Schön, das Essen ist gerade fertig.“ „Dann hast du meine Verspätung einkalkuliert?“ „Ja.“ Martina holte einen Braten aus dem Ofen. Markus hätte nicht darauf gewettet, dass sie wusste, wie man den Ofen dazu bringt, warm zu werden. Es war immerhin kein Elektrogerät. Sie legte das Fleisch, das Markus dem Duft und dem Aussehen nach für Wildschwein hielt, auf eine Porzellanplatte, die sie in den abgeschalteten Ofen zurückstellte. Dann goss sie den Sund durch ein Sieb in einen Topf. Sie trug eine hellgraue Kombination. Die Jacke war bis zum Stehkragen geschlossen. Sie wirkte auf Markus trachtenmäßig, hatte aber weder Hirschhornknöpfe noch Silberne mit Hirschmotiven. Die Knöpfe waren schlicht und schwarz und aus Plastik und, für Markus Geschmack, etwas zu groß. Die Jacke betonte in keiner Weise ihre Taille. Sie reichte gerade geschnitten bis zur breitesten Stelle der Hüfte. Daran schloss sich ein Rock an, der ebenso gleichmäßig im Umfang bis zur Mitte der Waden fiel. Hellgrau war sicherlich noch zu ertragen, wenn zumindest, wie bei der Ausgehuniform, die Hose schwarz war. Markus war allgemein kein Freund von Anzügen für Damen. Dieser graue zweiteilige Sack schaffte es, nahezu alle Reize von Martina zu verbergen. Markus nickte innerlich. Es fehlte die Kapuze. Insgesamt leuchtete ihm ein, weshalb Martina solche Kleidung besaß. Sie war für ihre Besuche bei den Unternehmen, eventuell auch für die Uni. Sie war für Situationen gedacht, in denen es ihr um Sachthemen ging. Diese Kombination war genau zu dem Zweck angeschafft worden, alles Ablenkende zu verdecken. Hatte sie diese furchtbaren Sachen schon am Morgen getragen? Markus hatte Zeit sie zu beobachten. Und er nutzte die Zeit. Jacke und Rock sahen aus wie frisch aus der Reinigung. Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld. Sicher sie hatte versucht, grobe Spuren zu beseitigen. Aber man hätte durchaus glauben wollen, dass sie das Schwein hier in der Küche gefangen und geschlachtet hatte. So ein Braten braucht zwei, zweieinhalb Stunden. Markus nickte innerlich: sie hatte alles vorbereitet, dann geduscht und das Schauderhafteste angezogen, das ihr Schrank hergab. Mittlerweile köchelte die mit Rotwein und Stärke angereicherte Sauce. Die Kartoffeln lagen abgegossen in einer Schale. Sogar etwas Salat stand bereit. Beim Umfüllen der Sauce fluchte sie leise und zog die Jacke aus. Die Bluse war weis, man hätte es vorher erahnen können. Sie steckte unglücklich im Rockbund. Es fehlten Maries Zylinder und eine Peitsche. Dann hätte sie Ponys durch die Zirkusmanege treiben können. Er setzte sich. Schüsseln wurden auf den Tisch gestellt. Markus schenkte Wein ein. Martina benutzte ein Küchenhandtuch, um den Braten wieder hervorzuholen. Er sah zu ihr auf. Sie schnitt Scheiben ab und musste nun auch einen Fleck auf der Bluse in Kauf nehmen. Dann lächelte sie, setzte sich und sagte. „Nimm Dir!“ Er füllte beide Teller. Sie deutet in einer Handbewegung mit drei Fingern ‚Guten Appetit’ an. Markus deutete mit dem Hochziehen der Brauen ein ‚Danke’ an. Das Essen sah gut aus. Wäre die Küche nicht so unordentlich gewesen, hätte Markus angenommen, dass jemand anderes gekocht hatte. Denn es schmeckte gut. Sie aßen eine Weile. Während einer kleinen Pause, griffen beiden zum Glas, sahen sich einander flüchtig an und tranken. „Was hat sie gesagt?“ „Dies und Das. Insgesamt nicht sehr viel.“ „Ja.“ Sie stellte das Glas wieder ab. „Natürlich.“ Markus begann, weiter zu essen. Martina setzte ebenfalls an zu essen, brach aber ab. „Sie hat dir gesagt, dass es bald losgeht und um Deine Hilfe gebeten.“ Markus sah auf. Sie lächelte oberflächlich. „Du hast zugesagt. Und damit du Dein Versprechen nicht vergisst, hat sie dich die Nacht dabehalten.“ „So.“ Markus legte das Besteck beiseite. „Und worum hast du den Admiral gebeten? Doch wohl nicht um ein Wildschweinrezept, oder?“ Martina holte Luft. Dann legte sie ihre Ellenbogen auf die Tischplatte und nahm die Hände zusammen vor ihr Gesicht. „Er hat mir von Sowinski erzählt.“ Sie nahm die Unterarme herunter, die Fingerkuppen ihrer Hände berührten sich noch. „Damsgard ist letzte Woche entlassen worden.“ „Oh, so ein alter Kacker ist er?“ „Nein. Ganz so alt ist er nicht.“ Sie faltete nun ihre Hände über dem Teller. „Er wurde wie andere wegen eines für einen Generalstabsoffizier ungebührlichen Verhaltens entlassen.“ „Und warst du an dieser Ungebührlichkeit beteiligt?“ Sie schwieg einen Moment, die Schläfen angespannt. „Nein, war ich nicht.“ Dann setzte sie hinzu. „Und Sabine war es auch nicht.“ Markus stutzte. „An Sabine hatte ich gar nicht gedacht. Aber du hast sicher recht, ich habe mir zu wenig Gedanken über euch gemacht.“ Er lächelte. „Seid Ihr in Euren guten Tagen auch wie die beiden aufgetreten – nur dass du nicht so große Titten hast wie Marie?“ Wie um diese Aussagen Lügen zu strafen wölbten die angesprochenen Brüste nun im Takt des Atems die weiße Bluse hervor. Martina war, so schien es, sprachlos. Zumindest bemühte sie ihre Sprache nicht mehr, sie stand auf und ging. In ihrem Zimmer legte sie sich aufs Bett. Markus holte seine Zigaretten heraus. Er legte sie dann aber auf den Tisch. So saß er eine Weile da. Nun hatte er die Hände gefaltet vor sich und sah auf sie herab. Schließlich ging er in ihr Zimmer und setzte sich auf die Bettkante. Martina hatte ihre Atmung wieder auf das Zwerchfell umgestellt. Markus legte seine Hand auf ihren Bauch und verfolgte einige Atemzüge. „Es tut mir leid.“ Martina sah ihn an. Nur vom Flur fiel Licht in den Raum. Ihre Augen glänzten, aber nicht von Tränen. Martina weinte nicht. Sie wirkte jedoch, als wäre sie in einer Stimmung in der normale Menschen weinen würden. Hätte sie ihre Augen geschlossen, wäre vielleicht eine Träne hervorgetreten. Aber sie schloss ihre Augen nicht. Markus streichelte mit dem Daumen ihren Bauch. „Es tut mir leid.“ Er nahm beide Hände und fuhr sich über das Gesicht. Martina wandte den Blick; sah nun über sich hinweg auf die gegenüberliegende Wand. Dann sah sie zur Seite weg. Markus dreht sie zu dieser Seite und legt sich dicht hinter sie. „Du hast mir mal gesagt, dass du dich mit Sabine gestritten hattest. Und ich hatte es in dem Moment gar nicht glauben können, dass du dich streiten kannst.“ Er legte seine Hand auf ihren Po. Der Stoff war unangenehm. Er enthielt viel Polyester und lag stramm um ihre Hüften. „Es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, mit denen du das kannst.“ Er umfasste mit seiner Hand ihren Oberarm und hielt ihn fest, atmete durch ihre Haare in seinem Gesicht und schlieft ein. Sie lag wie Markus angekleidet und mit Schuhen auf dem Bett. Sie betrachtete die Gardine. Als sie merkte, dass er schlief, sagte sie: „Es sind Zwei.“
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