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Kap5.20 Ein Wagen vor der Tür Drucken

„Wie war Dein Tag, Schöne?“ Markus hatte sich selbst hereingelassen.
„Ach, frag nicht, beschissen.“ Martina saß eingemümmelt auf ihrem Sessel.
„Du weißt ja, Liebes“, gab Markus klug vor, „wenn man etwas hineinzustecken hat…“
„… kann ein Tag hundert Taschen haben.“ vervollständigte Martina. „Ja, ich weiß. Danke für das Mitgefühl, Arschloch. Küss mich lieber.“
„Gleich, Engel.“ Er hastete an ihr vorbei ohne sie mit der nötigen Aufmerksamkeit zu bedenken. Er sagte nur zur Beschwichtigung. „Ich habe einen Wagen vom Generalstab vor der Tür gesehen.“
„Oh.“ entfuhr es Martina aufgelockert. „Und?“
Markus hatte das Kuckloch zur benachbarten Wohnung im Nebenhaus erreicht und schaute hindurch. „Oh.“ sagte er, und es klang weniger euphorisch als bei Martina wenige Augenblicke zuvor. „Na ja, die Rothaarige ist es auf jeden Fall nicht. Schau besser selber mal.“
Martina sah durch den Spion und sprach konzentriert. „Okay, neben David sind da noch: Konteradmiral Moeller, G2, Oberst Philippou, G25, Major Almeida, seine Stabsbezeichnung kenne ich nicht, er gehört aber auch dazu. Der nächste müsste der Abgeordnete Borgaars sein und den Sechsten, der mit den Krücken neben sich, kenne ich nicht.“


„Können wir nicht Ton dazu haben?“ fragte Markus.
„Oh ja.“ antwortete Martina fröhlich und begann an einem kleinen Kasten, einen Regler hoch zu fahren.
„… Herren, dann sehen wir uns kommenden Woche hier wieder. Seien Sie vorsichtig, wenn Sie das Gebäude verlassen.“ kam es aus einem Lautsprecher. Danach war nur Geraschel zu hören.
„Das war Moeller.“ erklärte Martina.
Markus hatte, während Martina den Regler bedient hatte, die Beobachtung wieder übernommen. „Ich hatte den Eindruck, dass es vielleicht ein Knacken innen gegeben haben muss. Einige sahen wie alten, antrainierten Verhaltensmustern folgend hier zur Wand. Ist das denkbar?“
„Sieht noch jemand her?“
„Nein.“ Markus schüttelte den Kopf. „Es sind jetzt auch nur noch Moeller, der mit den Krücken und…“ er machte den Platz für Martina frei. „Schau selbst, wer das ist.“ Markus ging zu den Jalousien und blickte vorsichtig auf den parkenden Wagen vor der Tür.
„Das ist Almeida.“ Sie sah zu Markus. „Sei vorsichtig am Fenster.“
„Sicher, mein Herz.“
Aus den Lautsprechern kam: „Das tut mir leid, Thies, dass die Wohnung im obersten Stock ist und keinen Fahrstuhl hat. Einer der Kollegen fand die Wohnung geeignet.“ Der Text war freundlich, aber die Stimme, die Martina (und aus logischen Erwägungen heraus auch Markus) Almeida zuordnete, war eher sarkastisch, ohne das zu stark zu betonen. Der Angesprochenen antwortete: „Das wird schon gehen, Herr Oberstleutnant. Aber es ist, abgesehen davon, dass ich auffalle, ganz gut, dass ich nächstes Mal nicht komme.“ Dann waren, wieder nur Kramen und der nicht unbeholfen klingende Einsatz von Krücken zu hören.
„Nun sitzt nur noch Moeller dort. Der Unbekannte heißt offenbar Thies. Und Almeida ist befördert worden.“ fasste Martina die optischen und akustischen Ergebnisse von ihrer Seite zusammen.
„Ja.“ sagte Markus. „Und der Fahrer des Generalstabswagens vor der Tür heißt Ballard.“ Er setzte sich an das Tischchen. Nachdem das letzte Stuhlrücken und die letzten Fußgeräusche verklungen waren, die Moellers Abgang auch für Markus ersichtlich gemacht hatten, setzte sich Martina dazu.
„Okay, Prinzessin.“ sagte Markus. „Und wer hat dich nun heute so geärgert?“ Er erinnerte sich an sein Versprechen und stand kurz auf, beugte sich zu ihr und küsste sie, um sich dann gleich wieder zu setzen.
„Es war furchtbar, meine Liebe. Nichts habe ich bekommen. Es war wie in der DDR.“ Das war nur eine Redensart. Die Versorgungslage war vermutlich in der nordischen Allianz nie besser als in der DDR, aber Martina mochte den Ausdruck. „Erst wollte ich zum Friseur. Ich hatte einen Termin. Aber ich bin fast nicht durchgekommen vor lauter demonstrierender Menschen und dann hatte der Laden doch zu! Dann wollte ich Kaffee und ein paar andere Kleinigkeiten besorgen, aber seit Eurem dämlichen Krieg wird es immer schwieriger. Ein lausiges Pfund habe ich bekommen und keine Orangen! Keine Pistazien!“
„Ach, ich bin sowieso zu ungeduldig für die Dinger.“
„Na, da bin ich ja beruhigt, dass du unter meinen Qualen nicht zu sehr zu leiden hast.“ Sie sog kurz Luft durch die Nase, fand dann aber zum Thema zurück. „Na. Und dann wollte ich ein Taxi hierher nehmen. Aber habe ich eines gefunden? Alle sind sie am Streiken. Der Bus war so überfüllt und verspätet. Ich kann dir sagen.“
„Ach, du bist so ein armes Herzchen.“ Markus bemühte sich kurz, ihre Hände zu küssen, wechselte dann zu wichtigeren Dingen. „Na, ich habe heute aber auch was erlebt. Da gehe ich mal wieder zum Sport. Du weißt diese Gruppe in der Uni-Halle, wo sich jeder zu Beginn eine Iso-Matte nimmt und man dann Übungen darauf macht. Na, und da war so eine Hübsche, bezaubernd war sie. Aber diese Göre kam doch mit so einer passenden, dekadenten Tasche in die Halle, aus der sie dann eine eigene, weiße Iso-Matte zauberte.“ Markus ließ die Worte wirken und setzte dann nach. „Die Dame war sich zu fein für Allerweltsmatten.“ Er sah Martina einen Moment an und wartete vergeblich auf eine entsprechende Reaktion. „Okay, Deine Empörung hält sich in überschaubaren Grenzen.“ bemerkte er. „Kann es sein, dass die Hübsche ein Vorbild hatte?“
Martina kräuselte die Stirn. „Angefangen hat damit Sabine.“ Sie zog eine Schnute. „Aber wenn wir die Gleiche meinen: Ja, Julia sieht ganz ordentlich aus.“
„Ja, fand ich auch.“ Markus nickte. „Machst du mich mit ihr bekannt, wenn du mich fallen lässt?“
„Wenn du dann nicht mit mir zeterst, vielleicht.“ gab Martina mit einem Lächeln zurück.
„Okay, so weit die wichtige Dinge des Tages.“
„Ja.“ Martina wechselte in Nuancen den Gesichtsausdruck. „Was meinst du zu der Sache?“
Markus zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht. Wir waren etwas spät dran. Aber es sieht so aus, als würde da jemand die Schlagzahl erhöhen.“
„Ja. Aber warum treffen die sich in der Wohnung?“
„Was weißt du darüber. Waren Einige von denen bei der…“
„Nein. Die Rothaarige hatte zwar einen ganz guten Charakter, aber war eher zweite Liga. Mehr für Frontoffiziere auf Urlaub oder Lehrgang.“
„Hätte ja auch keinen Spaß gemacht, fetten Generalstabsoffizieren zuzusehen.“
Martina hob die Brauen.
„Entschuldige.“
Martina machte eine wegwerfende Handbewegung, um dann mit einem Lächeln fortzufahren. „Vermutlich können wir bis zur nächsten Woche wenig machen. Ich glaube nicht, dass mir jetzt einer der Herren Rede und Antwort stehen möchte.“
„Gut. Warten wir es ab.“ stimmte Markus zu.
„Du könntest mir die Zeit bis dahin etwas vertrösten.“
„Liebling.“ antwortete Markus. „Darin sehe ich meine erste Bürgerpflicht.“