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Kap5.01 Bescheidene Kochkunst Drucken


Sicher, das war keine hohe Kochkunst: ein paar Tomaten klein geschnitten in die Auflaufform, ein paar Zwiebeln angebraten dazu, als Grundlage Spaghetti, dann ein Glas Sauce Bernaise vom Schlachter, Estragon, Oregano, Salz und Pfeffer und oben drauf Camembert und etwas Industriekäse, wie Markus den charakterlosen Einheitskäse nannte. Ein Ei war noch dabei. Das ganze zwanzig, dreißig Minuten in den Ofen. Ja, er hatte schon besser gekocht, und es fehlte zweifellos etwas Paprika, aber war das ein Grund zu maulen? Martina, ja sicher, der war es kaum recht zu machen. Aber Sabine. Sabine war mit dem Essen unzufrieden, Sabine war mit dem Gespräch unzufrieden, sie war mit der Arbeit an der Uni unzufrieden, sie mochte keine anderen Leute treffen. Und Markus war ihr auch über. Zu Martina war sie gnädig, aber auch diese sagte Markus, dass sie sich in letzter Zeit gelegentlich in den Haaren lagen. Martina war nicht einfach, aber es schien Markus unmöglich, sich mit ihr in den Haaren zu liegen. Martina konnte einen ignorieren, sie konnte ohne Worte, ja ohne Blicke Pfeile abschießen, aber streiten? Nein, das fiel Markus schwer zu glauben. Nun ja, Martina neigte nicht zu Übertreibungen, sie neigte auch nicht zu Untertreibungen. Sie sagte etwas, oder sie ließ es bleiben. Beim Essen hatte sie es weitestgehend bleiben lassen, und Sabine hatte - außer mit abfälligen Bemerkungen - das Gespräch auch nicht vorangetrieben. Markus lächelte kurz auf und versteckte sein Lächeln gleich wieder, in Reaktion auf die Blicke seiner Freundinnen. Was sollte er sagen? Herzchen, er liebt Dich, mach dir mal keine Sorgen. Oder, Putzie vergiss den Schrat, nimm mich. Oder, Oh, isst du das nicht mehr, meine Sonne, kann ich das haben? Vielleicht, hey, toller Tag, wer von euch beiden Zuckerschnütchen hat denn Lust, mit mir zu poppen? Markus warf, so fand er, die Gabel sehr elegant in die Höhe und fing sie nach einer halben Drehung um die Längs-, und einer Ganzen um die Querachse wieder auf, dann sagte er. „Na, so kommt eins zusammen!“
Martina neigte nicht dazu, Albernheiten dieser Art mit einer Reaktion zu belohnen. Nun sah sie Sabine an und fürchtete von ihr eine weniger tolerante Haltung, so dass sie sich genötigt sah, sich Markus zuzuwenden: „Du bist doch ein selten dämlicher Idiot.“
Das war nur fair und richtig. Soviel gestand Markus zu. Nur der Erfolg blieb dem klugen Wortbeitrag schuldig. Sabines Brustkorb hob sich beim Einatmen. Aber Martina war schneller: „Iss gefälligst auf! Sonst wirst du noch mehr zum Hungerhaken.“
Sabine verengte ihr linkes Auge. „Und dann, meinst Du, bekomme ich überhaupt keinen mehr ab, oder was?“
Martina schürzte ihre Lippen. „Nein, irgendeinen Trottel wirst du auch so noch auflesen können. Im Notfall nimmst du Markus. Das Problem ist nur, dass ich mir dann so dick vorkomme.“
Immerhin dachte Markus, sich an Hassans Schachlektion erinnernd: einen Zug im Voraus gedacht, Sabines schwache Erwiderung eingeplant.
„Markus kannst du behalten und den ganzen beschissenen Generalstab.“ Sabine ging, ohne weitere Worte zu verlieren, in ihr Zimmer.
Martina wandte sich mit einem Lächeln an Markus. „So, was mach ich denn mir Dir, wo ich dich nun behalten darf?“
Markus zog die Schultern hoch. „Ich weiß nicht. Du könntest mich Deine göttlichen Finger küssen lassen.“
Martina neigte den Kopf leicht zu Seite, die Lippen ohne Lächeln aufeinander liegend, und reichte ihm eine Hand. Nach zwei-drei Küssen sah Markus auf: „Wie lange wird das andauern?“
Martina nahm den Kopf wieder hoch, atmete kurz durch den Mund ein und durch die hübsche Nase wieder aus. „Lange, fürchte ich.“
„Mich dünkt, sie hat die Pflege alternativer Optionen dann etwas vernachlässigt?“ Er küsste noch einmal ihren Daumen.
„Würdest du ihr denn empfehlen, jetzt auf solche Optionen zurückzugreifen?“
„Du weißt, dass ich David traue und davon ausgehen, dass er irgendeinen guten Grund haben muss.“
„Hast Du mit ihm gesprochen?“
Markus schüttelte den Kopf. „Nein, sein Vorzimmerheini stellt mich nicht durch. Und als ich versucht habe, ihn im Stab zu sprechen, ist er mir aus dem Weg gegangen.“
„Ja, er hängt da mit einigen Leuten zusammen, die nicht wirklich zu unserem Freundeskreis gehören, oder sagen wir, mit denen wir uns etwas auseinander gelebt haben.“ Martina lächelte.
„Er spielt irgendein Spiel und damit es realistisch wirkt, muss er einige Sachen in Kauf nehmen.“
„Ja. Oder er sieht in seinen neuen Freunden, die aussichtsreichste Fraktion am Hof und muss einige Sachen in Kauf nehmen, um dort weiterzukommen.“
„Und ist es die aussichtsreichste Fraktion?“ fragte Markus.
Martina nickte. „Ja, es ist die Kriegsfraktion, die eine Fortsetzung der Operationen gegen die Förderation und ein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten fordert. Nach den militärischen Erfolgen im letzten Sommer haben sie gegenwärtig das Ruder in der Hand. Die Mehrzahl der Offiziere ist verhaltener, aber sie trauen sich im Moment kaum, den Mund aufzumachen.“
„Und Reser-Weiden?“ Markus küsste den Knöchel ihres Mittelfingers.
„Der hat den Mund aufgemacht. Und bei ihm liegt auch das Problem von David mit uns. Einige in der Abwehr wissen, dass Sabine und ich“, sie deutete ein Lächeln an, „und Du, mein Schatz, eine gewisse Beziehung zu ihm aufgebaut haben.“
„Von daher musste David alle Brücken zu uns abbauen, um glaubhaft zu wirken?“
„Um glaubhaft zu wirken oder aus Überzeugung.“
„Er sagt, dass er sie liebt.“
„Es gibt Menschen, für die es Wichtigeres gibt, mein Kleiner.“ Sie entzog ihm ihre Hand.
„Er sagt, dass er sie heiraten will.“
„Vielleicht denkt er, dass er so eine wie uns immer noch kriegt, wenn er erst auf der Seite der Gewinner steht.“
„Und würde er da richtig denken?“
Sie beugte sich vor und küsste ihn auf den Mund. „Nein. Deckst du ab, mein Engel?“
Markus zog die Brauen hoch. „Kannst du vergessen, Püppchen!“