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Kap5.12 Begleiter im Dunkeln Drucken

Martina hatte nach ihren Besorgungen in der Stadt einen Schlenker durch den Schlosspark gemacht. Vielleicht würde sie am Parlament ein Taxi nehmen, vielleicht ging sie den Rest des Weges in die Wiek auch an der Uferpromenade der Förde entlang, wenngleich es um diese Zeit im Herbst schon dunkel war. Es war windig, aber sie hatte eine feste Jacke an und die Luft würde ihr gut tun. Sie hatte Markus gebeten, nicht vor zehn zu kommen. Aber sie hatte Sabine verpasst und würde nun auch mit dem Spaziergang früher da sein.
Sie sah die Ehrenwache von zehn Arbeitern an der Stelle, die für die junge Elena Jürgens zum Verhängnis geworden war. Sie war noch Schülerin gewesen und von einem Gummigeschoss verletzt worden. Man hätte ihr wohl helfen können, aber die Sanitäter waren durch die Masse an Menschen nicht zu ihr durchgedrungen.


In einem immerhin Respekt andeutenden Abstand von vielleicht zwanzig Metern standen bewaffnete Sicherheitskräfte. Ansonsten war der Park fast menschenleer. Sie blickte sich um. Der Mann im langen, dunkelgrauen Mantel war noch immer hinter ihr. Vielleicht war es doch besser ein Taxi zu nehmen. Sie steuerte in Richtung auf das Institut für Meereskunde der Straße zu. Es herrschte kaum Verkehr. Sie war die Treppen hinunter zum Institut entgegen ihrer Gewohnheit zügig getrippelt. Der Mann hatte seinen Schritt ebenfalls beschleunigt.
Sie versuchte, sich das Aussehen des Mannes in den Kopf zu rufen, während sie die verlassene Straße rasch entlangging. Er war zu alt und zu ungeschickt für einen Mann der Abwehr. Es war keiner ihrer Bekannten. Da war sie sich sicher. Die Lichter in den Häusern auf der anderen Straßenseite waren beleuchtet. Niemand hielt sich draußen auf. Der Mantel war von guter Machart, hatte aber schon bessere Zeiten gesehen. Ein Haus war unbeleuchtet. Martina fühlte sich von dort beobachtet. Das war Unsinn, sagte sie sich. Die nächste Laterne war nicht mehr weit. Sie konnte den Taxistand sehen, aber um diese Uhrzeit standen keine Wagen dort. Sie hörte jetzt seine Schritte hinter sich. Harte, glatte Ledersohlen, eher zum Tanzen oder fürs Büro geeignet als für einen Herbstspaziergang. Rechts von ihr war eine Hagebuttenhecke hinter der eine Rasenfläche zur Förde lag. Schiffe waren nicht auszumachen. Der Militärhafen und auch die Kanaleinfahrt lagen weiter nördlich und in den Stadthafen kamen nur tagsüber die Fähren.
Sie hatte die Laterne erreicht. Und der Mann hatte sie erreicht. Martina drehte sich um.
Der Mann zog seinen Arm, den er ausgestreckt hatte, zurück. „Schwester Martina?“
„Wer sind Sie?“
Das Gesicht des Mannes war eingefallen. Er keuchte leise und hielt sich dann die Hand an die Brust. „Ich habe Sabine“, er zögerte, „Schwester Sabine gesucht. Ich konnte sie aber nicht finden. Dann sah ich Sie an der Klinik.“ Er hatte ein erträgliches Atemmaß wieder gefunden und nahm die Hand herunter.
Martina kam eine seltsame Assoziation: Professor Unrat, Marlene Dietrich und Sabines Tanzperformance zu Steppenwolf. Sie war jedoch nicht geneigt zu lachen.
„Entschuldigen Sie bitte. Admiral Damsgard. Ich hatte die Freude…“
Sie nickte. „Ich erinnere mich. Die Herzoperation. Sie hatten Sabine danach noch einige Male gesehen.“ Die Bemerkung war nicht sehr taktvoll gewesen, aber die Verfolgung wertete Martina als ebenfalls weniger höflich.
„Würde es Ihnen vielleicht etwas ausmachen, wenn wir aus dem Licht gehen würden? Ich muss mit Ihnen sprechen.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob mir daran sehr gelegen ist, Herr Admiral.“
„Es geht um Sowinski und, wenn ich so sagen darf, auch um den jungen Herrn Ballard.“