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„Wie geht es ihr?“ Alessandra konnte sich nicht mit der Frage zurückhalten und umfasste Martinas Knie, kaum dass sie sich gesetzt hatten. Martina schüttelte den Kopf. „Nicht gut.“ Sie sah zu Alessandra. „Sie ist jetzt die meiste Zeit in der Klinik draußen am Ostufer und schreibt nicht mehr an ihrer Arbeit.“ „Ach, und es sah doch alles so gut aus. Ich kann David wirklich nicht verstehen.“ klagte Alessandra. „Ich habe den Eindruck, dass die Sache mit Reser-Weiden sie sehr beschäftigt.“ Sie wies mit dem Kopf zu Markus. „Nun ist sie in erster Linie auf ihn sauer. Ich glaube, David hat sie schon abgeschrieben.“ „Warum auf ihn?“ Alessandra hob überrascht die Augenbrauen. „Was hat er damit zu tun?“ Sie blickte zu Markus. Der zog die Schultern hoch. „Ich weiß es auch nicht.“ Er kniff die Mundwinkel zusammen. „Also, ich habe Reser-Weiden gesagt, dass er David vertrauen kann. Und als die Damen das hörten, kuckten sie mich an, als sei ich der Belzebub.“ Alessandra nickte. „Ja.“ Sie sah ihn mitleidig an. „Die Vermutung ist nicht so ganz von der Hand zu weisen.“ „Frauenlogik.“ Markus verstand nichts. „Und magst du mich vielleicht über die Zusammenhänge aufklären? Von Martina bekomme ich nur zu hören, was für ein Trottel ich bin.“ Martina sah zu ihm. „So habe ich das nicht direkt ausgedrückt. Aber ich weiß auch nicht, warum du so auf dem Schlauch stehst.“ Martina war nicht langsam im Kopf und sie wusste auch nicht, ob sie Sabine in diesem Punkt Recht geben wollte, nur die Ignoranz von Markus verstand sie nicht. „Mein Herz, er kam von Römö, als er verhaftet wurde.“ Sie öffnete die Handflächen, als würde das alles klar machen. Markus hatte seine Position auf dem Schlauch aber nicht verlassen, also ergänzte sie. „Und nur du und David wussten davon.“ „Aha?“ Markus hatte nun auch nicht oft das Gefühl, gar nichts zu verstehen. Er fühlte sich dabei normalerweise auch nicht sehr unwohl, da er sich mit der Zeit eingeredet hatte, dass es in der Regel nicht an ihm lag. Bei Martina war das etwas anderes. So machte er sich Sorgen. „Und was wusste nur David und ich?“
Es war jetzt an Martina in Spurenelementen die Kontrolle über ihre Kinnlade einzubüßen. Sie zog die Brauen zusammen und fragte nicht, sondern stellte fest. „Du wusstest es nicht.“ Dann lachte sie. „Du bist so ein Volltrottel. Wir hatten dir von seinem Verhältnis erzählt, mein Lieber. Joachim war bei Elisabeth.“ Markus schwieg einen guten Moment und kramte in seinen Erinnerungen. „Kinder, Ihr hattet mir mal, gesagt, er hätte ein Verhältnis – ja. Aber was gehen mich seine Verhältnisse an.“ Und langsam fiele Groschen. „Sie hatten – Er und Elisabeth? Sie hatten schon immer ein Verhältnis – Schon vor mir, schon bevor ich nach Römö kam.“ Er murmelte in sich hinein. „Der nächste Präsident.“ „Der nächste Präsident?“ fragte Hassan, der bislang ruhig geblieben war. Markus sah zu ihm. „Das war ihre Formulierung. Sie sagte, vielleicht würde sie wieder heiraten und sie sagte, sie würde den Zweiten nicht auch zum Präsidenten machen wollen oder müssen. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Er würde es dann wohl schon sein.“ Er blickte wieder in die Runde. „Sie meinte schon damals Reser-Weiden. Aber ich kannte ihn zu der Zeit noch gar nicht.“ Er machte einen Schnitt und blickte Martina an. „Also wenn Sabine denkt, ich hätte David davon erzählt, könnte ich sie beruhigen.“ Martina schüttelte den Kopf. „Nein, das hilft nichts. Ich glaube, David wusste es. Ich weiß nicht, ob von Sabine oder woher auch sonst. Gut, vielleicht wusste er es nicht, aber er ist ja nicht doof.“ Dabei schenkte sie Markus einen knappen Blick. „Das Problem bleibt, dass Reser-Weiden sich mit David nicht sicher war, obwohl er viel von Menschen versteht, und dass du ihn überzeugt hast, ihm zu trauen.“ Sie atmete aus und lächelte dann. „Das ändert nichts daran, dass wir spekulieren. Sabine ist gegenwärtig zumindest nicht die geeignete Analytikerin, der man in dieser Sache unbedingt Glauben schenken muss. Vielleicht hat sie Recht, vielleicht aber auch nicht.“ Markus interessiert etwas anderes, er blickt zu Alessandra. „Und seit wann und wieso weißt du es?“ „Liebling, du weißt, ich bin in der Abwehr und, ich muss es sagen, auch nicht ganz blöd.“ Markus nickte. „Okay – auch nicht blöd.“ Er sah zu Hassan. „Und du Brutus?“ Hassan hob die Hände. „Ich weiß es noch nicht lange.“ Er machte eine Pause. „Zwei Jahre vielleicht.“ Markus gab sich damit zufrieden. Ein Gedanke war aber offensichtlich. „Okay, Sabine, Martina, Alessandra, Hassan und David. So ein großes Geheimnis schien es ja nicht gewesen zu sein, oder? Zugegeben, Ihr seid alle nicht wirklich blöd – wie andere vielleicht – aber könnte es da nicht noch ein-zwei gegeben haben?“ Martina schüttelte den Kopf. „Reser-Weiden sagte: nein. Das heißt, Oberst Rubenau wusste es, aber der ist eigentlich unverdächtig.“ Alessandra sagte. „Ich denke auch, der Kreis war klein. Ich hatte mit Reser-Weiden und mit den von Rechtensbergern zu tun.“ Sie unterbrach kurz. „Ich hatte auch zeitweilig etwas enger mit Reser-Weiden zu tun.“ Markus sah zu ihr. Alessandra hob den Kopf und erklärte in Richtung ihres Mannes. „Also, enger mit einer verbliebenen Distanz, sozusagen.“ „Ja.“ bestätigte Martina. „So, wie Sabine und ich.“ Alessandra lächelte vorsichtig. „Ihr wusstet es, nicht wahr, dass ich mit ihm auch, sagen wir halbdienstlich gearbeitet habe? Hat er es euch erzählt?“ „Nein. Wir wollten ihn fragen. Aber zum Einen sprach er nicht gern über andere Kontakte – wohl um uns im Notfall voreinander zu schützen - und zum Anderen war es dann nicht mehr nötig.“ Alessandra sah sie fragend an. Aber Hassan antwortete. „Es war Silvester vor zwei Jahren.“ Er lächelte. „Mein erster Jahreswechsel mit Euch. David erzählte, dass du in Finnland angerufen hattest, um Reser-Weiden zu sprechen und ihm von seiner anstehenden Versetzung zurück nach Kiel zu berichten. Sabine und Martina sahen für eine halbe Sekunde überrascht aus, als du sagtest, wann das Gespräch war. Meine bescheidene Schlussfolgerung war: die beiden hatte von dem dann später stattgefundenen Telefonat zwischen dir und Reser-Weiden gehört. Er hatte ihnen aber nicht gesagt, wer sein Informant war. Es war nur deutlich geworden, dass es ein enger Vertrauter war.“ Er sah zu Martina. „Nur so, schien mir, hätte das ansonsten eher belanglose Gespräch zwischen Alessandra und David euch so interessieren können.“ „Du bist ein guter Beobachter.“ Martina sah ihn besonnen an. Alessandra schlug ein Bein über, lehnte sich zurück und sah ihn sorgsam an. „Du bist ein beängstigend guter Beobachter.“ Hassan fasste ihr übergeschlagenes Knie, zog sich zu ihr rüber und küsste sie. „Du traust mir doch?“ Alessandra entzog sich mit einem Lächeln. „Du bist ein awarischer Geistlicher und Offizier der Föderation. Es gibt eigentlich keinen guten Grund, dir zu trauen.“ „Ich liebe Dich. Ist das kein Grund?“ „Ja, ja, du liebst mich. Das ist auch nicht schwer.“ Alessandra lachte nun. „Und es würde dir dann sicher auch leid tun, mich, wenn es soweit ist, im Namen Deines Gottes abzumurksen.“ Hassan erwiderte ernst. „Das ist etwas, was Gott nur in sehr seltenen Ausnahmefällen gut heißt.“ Er wackelte mit dem Kopf. „Bei einem Biest wie Dir, könnte es allerdings zu so einer Ausnahmegenehmigung kommen.“ Alessandra stieß ihn weg, zog ihn dann wieder an ihn heran, küsste ihn und drückte ihn dann erneut weg. „Vielleicht sollte ich dich doch besser vom Hof jagen und Markus nehmen.“ „Wenn das soweit geklärt wäre?“ Markus hatte die Finger ineinander gefaltet und rotierte mit den Daumen. „Okay.“ Martina lachte. „Um es kurz zu machen. Außer Sabine und den hier anwesenden Spitzeln gab es sonst in Generalstab, keine Hinweise auf weitere Träger des Geheimnisses, die ich rausgehört hätte. Aber es ist natürlich denkbar, dass er nach der Schlacht unter Beobachtung stand und es vielleicht nicht gemerkt hat, wenngleich er dafür ein gewisses Gespür hatte.“ „Na, Ihr kennt euch ja alle gut aus.“ konstatierte Markus. „Eine kleine banale Frage vom Idioten in der Runde: wusste Reser-Weiden also auch von Anfang an von Elisabeth und mir?“ Nun ging Martina mit einem Schulterzucken in die Verteidigung. „Ich dachte, du wüsstest das, Herzchen.“ „Gut.“ Markus setzte eine diabolische Miene auf. „Reser-Weiden ist im Knast. Sabine trauert. Martina ist das erste Mal, seit ich sie kenne, ein wenig überrascht. Alessandra hat einen zwielichtigen Araber als Mann“, er sah zu Hassan. „Nur dir Verräter geht es noch zu gut.“ Hassan lachte. „Und dabei wird es auch bleiben. Es sei denn, du kündigst mir die Freundschaft auf oder mein Weib weigert sich zu kochen.“ Martina bekam Oberwasser und lachte auch. „Und in beiden Fällen ist die Gefahr gering. Alessandra, kann ich dir helfen?“ Diese hatte ein grinsendes Lächeln aufgesetzt. „Nein, meine Liebe. Nur in dem du dafür sorgst, dass Markus seinen Appetit zurückbekommt.“ Markus schnaubte und Martina sagte: „Kindergeburtstag.“
Während Alessandra kochte, sortierte Markus langsam seine Gedanken. Die Märzsonne hatte eine Lücke in der Wolkendecke gefunden und erhellte für eine Weile den Raum. „Herzchen“, wandte er sich an Martina, „eines muss ich von dir noch wissen. Hat Reser-Weiden…“ „Nein.“ sagte Martina. „Nein, er hat dich nicht absichtlich in gefährliche Abenteuer geschickt, um einen Konkurrenten loszuwerden. Ich glaube, beim ersten Mal wollte er nur sehen, was das für einer ist, der, sagen wir, Elisabeth einige Zuneigung abringen konnte.“ Markus lächelte bei der Formulierung und Martina fuhr fort. „Er mochte dich vom ersten Tag an. Du hattest bei ihm einen gewissen Vertrauensvorschuss, aber den hattest du bald eingeholt. Wenn er über dich sprach, nannte er dich immer Markus. David hat er uns gegenüber bis zum Schluss Ballard genannt, obwohl er natürlich wusste, dass Sabine mit ihn zusammen war.“ Martina verzog ein wenig das Gesicht. „Um die Wahrheit zu sagen: er glaubte nicht, dass er dich in Gefahr bringt. Er war sich der Situationen bewusst, in die er dich geschickt hatte. Aber er war sich ebenso sicher, dass dir nichts passieren würde.“ Sie hielt wieder kurz inne, während Markus mit Blicken folgte. „Vielleicht glaubte er wirklich, dass die Götter dich lieben.“ Hassan hatte durchaus interessiert zugehört, nun schüttelte er den Kopf. Markus lächelte. Es war aber noch etwas anderes, das er auf dem Herzen hatte. Er legte die Stirn in Falten. „Aber…“ Martina, die nicht viel auf überflüssige Worte gab, unterbrach ihn erneut. „Nein, die Anschuldigungen sind nicht gerechtfertigt. Er hatte keinen Putsch vor. Er hat sie getroffen, weil sie seine Geliebte war.“ Markus regte sich erneut, und diesmal beantwortet Martina seine Frage, bevor er den Mund auf hatte. „Die Antwort ist: weil ich ein kluges Mädchen bin.“
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