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Kap5.18 Anspannung und Entspannung Drucken

Markus war an diesen Tag aufgeregt gewesen, als er zu Martinas Wohnung in der Wiek gegangen war. Die Aufregung entstammte nicht dem Unbehagen über die für ihn fremde und manchmal auch bedrohliche Situation. Sie hatte einen anderen Ursprung gehabt. Er freute sich auf das Treffen. Als er sich dessen bewusst geworden war, hatte er versucht dagegen anzukämpfen. Nur in kleinen Schüben ließ er einige Glücksgefühle in sich aufkommen. Er kostete sie aus, ohne sich ihnen ganz hinzugeben. Es ist generell schwierig sich dem Glück ganz hinzugeben. In erster Linie ist es aber gefährlich. Das Leben besteht aus viel Alltag und wenigen Momenten des Glücks. Diese müssen aber nicht von Schwermut und Tristesse abgelöst werden, wenn man sie zu dosieren weiß. Die Gefahr, niedergeschlagen zu werden, bestand sicherlich, aber das lag nicht in seiner Hand. Es ist schlimmer, einen Freund zu verlieren als eine Geliebte. Es gibt noch Schlimmeres, aber davon hatte Markus keine echte Vorstellung. Sie schlummerte im Hintergrund und half ihm, sich dem Glück nicht auszuliefern. Was er für sich tun konnte, tat er. Was er für seine Freunde tun konnte, würde er tun. Was die Welt tat, was seine Freunde taten, darauf konnte er nur vertrauen.
Der Herbst tastete sich vorwärts, aber die Sonne hielt sich noch bis in die frühen Abendstunden. Markus hatte es wider erwartend geschafft, Martina in seine Stimmung zu ziehen. Er vermied Themen, die an diesem Abend nicht zu klären waren und er vermied den Überschwang. Er konnte nicht anders, als das anfänglich nachdenkliche Gesicht ihm gegenüber von Zeit zu Zeit anzustrahlen und anzulachen. Immer wieder besänftigte er sein Gemüt und immer wieder war er geneigt, und gab dieser Neigung auch nach, Martina zu küssen, sie zu umarmen oder an ihrem Ohr zu knabbern.


Nun lag sie in seinem Arm, und er zog sanft mit dem Finger die Konturen ihres Mundes nach. Gelegentlich biss sich Martina auf die Ober- oder Unterlippe, je nachdem wo es zu sehr kitzelte.
Er küsste dann die ihm zugewandte Schulter und dann die abgewandte. Das ging nicht ohne gewisse Verrenkungen vor sich. Er sah ihr dann in die halbgeöffneten Augen.
Sie fragte: „Warum hast du meine Schultern geküsst?“
„Ach.“ sagte er, gab ihr einen Kuss auf den Mund und drehte sich selbst auf den Rücken. Er schloss seine Augen und auch die unstete rechte Hand ließ er neben sich still liegen und gönnte Martinas Haut so eine kurze Ruhe. „Weil sie so viel zu tragen haben.“ antwortete er schließlich.
Martina beließ die Augen halbgeöffnet und blickte durch die Lider an die Decke. „Die Starken sollten viel tragen.“
„Ja.“ Markus lächelte. „Deshalb suche ich die Starken.“
„Ja.“ Martina lächelte und schloss ebenfalls die Augen. „Er sucht jemanden, der ihm auch auf das letzte Argument noch Widerstand oder Verständnis entgegenbringt.“
„Was ist das?“
„Das hat Sabine über dich gesagt.“
„Wann?“ fragte Markus. Er hatte das Gefühl gehabt, an einem behäbig, rauschenden Bach zu sitzen. Die Erwähnung von Sabine kam ihm vor, wie ein Auto, das auf einer entfernten Straße fuhr. Es konnte herunter zu Bach kommen oder weit ab, hinter der nächsten Kurve verschwinden. Das Geräusch des Motors würde sich dann in die Klänge des Baches mischen und in ihnen untergehen.
„Lange her.“ Martina Stimme entsprach den ruhigen Stellen des Baches und das Auto verschwand.
Aber auch der Bach versiegte schließlich. Das war allerdings nicht schlimm. Markus drehte sich zu Martina, dabei zog er etwas seinen linken Arm unter ihr hindurch, die rechte Hand legte er auf ihren Bauch. „Sag, Hübschie, putzt in dieser Wohnung eigentlich auch die Perle?“
Martina öffnete die Augen, lächelte und sah ihn an. „Ja.“ Sie nickte. „Auch die Perle.“
„Gut.“ sagte Markus. Er war geneigt mit seiner Zunge über ihre Schneidezähne zu fahren, begnügte sich dann aber damit, kurz in ihre Oberlippe zu beißen.
„Würdest du dich lieber in der anderen Wohnung treffen?“
„Nein, nein.“ sagte er und strahlte sie an.
„Es ist eine alte Abmachung zwischen Sabine und mir, aber das gilt eigentlich nicht für Dich.“
Markus fand die Aussage zweideutig, aber er fragte nicht nach. Stattdessen küsste er einen Mundwinkel.
„Ich mag es hier.“ Martina entzog sich mit einer angedeuteten Bewegung seinem Kuss.
Markus nickte. „Ich auch.“