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Kap4.14 Wiedersehen Drucken

Markus und Michael Rosenbladt gingen gemeinsam Richtung Offizierskasino. Michael holte einige Male tief Luft und Markus meinte eine gewisse Blässe um die Nase erkannt zu haben.
„Der Oberstleutnant soll etwas ruppig sein, habe ich gehört.“ wandte sich Michael an seinen Kompaniechef.
„Ruppig? Hab ich auch gehört. Ab und zu beißt er kleinen Oberleutnanten den Kopf ab und isst sie roh.“
„Vielen Dank.“ Michael lächelte halbherzig. „Und die Hauptleute lässt er in Ruhe?“
„Nein, das soll ihm, glaube ich, egal sein. Wenn es Waschlappen sind und er Hunger hat, verspeist er sie.“

Markus sah seinen Freund an: „Gut, dass wir keine Waschlappen sind, oder?“
„Markus, ich weiß nicht, ob das so clever ist, dass wir unsere Abzeichen von den Grenztruppen nicht tragen. Das sind zwar hier reguläre Einheiten, aber gerade von dieser Brigade heißt es, dass sie voll von ehemaligen Grenztrupplern ist.“
„Mein Lieber, wir sind für unser Bataillon hier und tragen das Abzeichen unseres Bataillons. Wenn die alle von den Grenztruppen kommen, würden wir ja auch sehr wenig Eindruck mit den Dingern machen.“
Sie hatte den Eingang erreicht und gaben ihre Waffen samt Koppel bei einem Hauptgefreiten ab. An der Front war es durchaus üblich, auch ins Kasino bewaffnet zu gehen, aber offensichtlich wollte man hier Ruhe demonstrieren.
„Mach dir keine Sorgen, Michael, wir werden die Waffen da drinnen schon nicht brauchen. Sei einfach ein bischen locker und zeigt denen, dass du weißt, wo Bartel den Most holt.“
„Na, mit Späßen kommen Sie da drin nicht weiter. Der Oberstleutnant hat fürchterlich schlechte Laune.“ erlaubte sich der Hauptgefreite, einen Scherz zu machen, über den er genüsslich lachte.
„Wer hat Sie denn gefragt, Herr Hauptgefreiter?“ pfiff ihn Markus an. „Und wie kommen Sie dazu, sich über Ihren Kommandeur lustig zu machen?“
Der Hauptgefreite stammelte irgendwas. Markus ignorierte ihn und öffnete energisch und noch immer ein bischen sauer die Tür zum Kasino. Es war nur ein größerer Raum in dem sich die Offiziere des Bataillons und der Unterstützungskräfte in kleinen Gruppen zusammengefunden hatten, etwas gemeinsam tranken und miteinander redeten. Markus erkannt den Kommandeur an einem der Tische und ging, wie es Brauch war, in Grundstellung in Richtung des Tisches mit dem höchsten Dienstgrad. Es war froh, dass er so vermutlich um eine militärische Meldung samt Gruß und allerlei Floskeln herumkommen würde, da man im Kasino stets etwas formloser war.
Der Kommandeur erkannt Markus. Er stand langsam auf und sprach dann mit sehr lauter Stimme, so dass alle anderen die Gespräche einstellten und ebenfalls aufstanden, sei es, weil sie die Neuen begrüßen wollten oder weil ihr Kommandeur stand und sprach. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten begann er aber nicht mit der Floskel „Meine Herren“, die üblich gewesen wäre, um die Anwesenden zur Begrüßung eines Neuankömmling aufstehen zu lassen. Er sagte: „So, so, hat der Heimatschutz also doch noch den Weg an die Front gefunden.“
Das war nicht sehr freundlich, auch seinen Leuten gegenüber, die nicht wussten, ob sie Lachen oder den Mund halten sollten. Sie taten mehrheitlich Letzteres.
Markus sah den Mann an. Dann fuchtelte er nebulös mit der Hand: „Ja, wir hatten uns erst ein bischen verfahren, so kurz hinter Kiel, aber dann haben wir es doch noch gefunden.“
Erwartungsgemäß machte keiner der Offiziere auch nur den kleinsten Laut. Michael hatte die Luft angehalten, und ihm schien, als täten das die Anderen auch.
Der Oberstleutnant musterte Markus, dann verformte sich sein Gesicht, und er musste lachen. Ganz plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck wieder und er sprach erneut mit lauter, fester Stimme: „Meine Herren, ich möchte Sie bitte, mit mir die zweifellos erfahrenste Einheit schwerer Panzer in unserer Mitte willkommen zu heißen.“ Dann sah er seinem Freund in die Augen: „Markus, es ist mir eine Freude, dich und Deinen Haufen hier an meiner Seite zu haben.“
Markus nickte und sagte leiser: „Ich freue mich auch, dich wieder zu sehen.“ Er ging David entgegen und erwiderte seine Umarmung.
„Schön dich hier zu haben, mein Freund.“ flüsterte David Markus ins Ohr. „Wenn du die anderen begrüßt hast, würde ich dich gerne unter vier Augen sprechen.“
„Ja.“ gab Markus zurück. „Und sei bitte nett zu meinem Oberleutnant, der hat ein bischen Angst vor Dir.“
„Da hat er auch allen Grund zu.“ lachte David, dann sagte er laut. „Da ist irgend so ein Typ von den Panzerjägern, der gegenüber jedem, der es nicht hören will, behauptet, dich zu kennen. Vielleicht siehst du mal nach.“ Im Vorbeigehen hörte er David zu Michael sagen: „Aha, wie ich sehe, tragen Sie auch kein Ehemaligenabzeichen der Grenztruppen. Sie schämen sich wohl für Ihre alte Einheit?“ Als dieser antwortete „Nein, Herr Oberstleutnant, ich bin nur ebenso stolz auf mein neues Bataillon.“, wusste Markus, dass der sich wohl heute Abend nicht mehr fressen ließ und sah sich nach dem Hauptmann Joachim Ernbarger um.
Dieser kam auf ihn zu: „Markus, mein Lieber, du erstaunst mich immer wieder.“ Sie gaben sich die Hand.
„Was denn?“ fragte Markus „Wenn jemand zwei Mädchen und einen Oberstleutnant kennt, sind die heroischen Panzerjäger schon beeindruckt?“
Ernbarger nickte ernst. „Es ist mir eine Ehre, dass du mich kennst.“
„Ach, dass ich dich kenne, ist purer Zufall, bild dir darauf nichts ein.“ Daraufhin umarmte er seinen alten Kameraden von Römö, denn er war im Kopf manchmal nicht ganz so schnell und hätte ihn am Ende noch missverstanden. Nun sah Markus skeptisch auf die Hand an seiner Schulter und drückte Ernbarger von sich. „Du bist verheiratet?“
„Ich konnte mich des Ansturms nicht erwehren.“ Er lachte. „Meine Susanne ist ein Schatz. Ich hoffe, du kommst uns mal besuchen.“
„Sie kocht auch gut?“ Markus hielt seine Hände um Ernbarger’s Hüften.
„Natürlich.“ antwortete Joachim verwundert.
Während Markus die anderen reihum begrüßte, von denen er niemanden weiter kannte, nuschelte ihm jemand „Du bist ein grausames Scheusal!“ ins Ohr.
Markus zog die Brauen zusammen und erwiderte: „So, so, und du bist also stolz auf Dein Bataillon, wie ich höre?“
Michael grinste freudig.
„Wenn Sie den Hauptmann vielleicht entschuldigen wollen?“ David war hinzugekommen. „Markus, hast du kurz Zeit?“
„Sicher.“ antwortete dieser. Sie gingen durch eine Tür am Ende des Saals ins Speisezimmer und setzten sich an einen der bereits für das Frühstück gedeckten Tische.
Markus begann das Gespräch. „Sag, mein Lieber, bevor wir zu Deinen Themen kommen, würde ich ganz gerne wissen, wer mich angefordert hat: du oder Reser-Weiden?“
„Nun sag auch noch, dass du jetzt lieber in Kiel am Strand liegen würdest, als hier zu sein.“ David lächelte. „Weißt Du, ich wollte dich anfordern. Aber Sabine war dagegen, also habe ich nur die Panzerjäger angefordert – und diesen Ernbarger bekommen.“ er zog die Stirn hoch. „Dann kam die Meldung rein, Ihr würdet doch noch zusätzlich kommen – von wegen, Eurer tollen Bordkanone und so. Na ja, mir sollte es Recht sein. Aber ich fürchte, Sabine wird das Ganze etwas ungnädig aufnehmen.“
„Also Reser-Weiden? Oder ganz wer anderes?“
„Nein, Nein, es war schon Reser-Weiden. Der hatte die Sache mit euch Heimatschützern ja schon länger im Kopf. Und ich gehe auch davon aus, dass er speziell dich haben wollte, wo er schon einige Erfahrungen mit dir hatte.“
Markus nickte. Seine Kompanie mit zwölf Fahrzeugen würde ein Rad sein, das das größere Schwungrad von Davids Bataillon mit antreibt. David’s Verband wiederum gehörte zum Mechanismus von Reser-Weiden’s Brigade, die zusammen mit den anderen Regimentern und Brigaden eine Maschine bildete, die Division genannt wurde. Weiter westlich würden vergleichbare Einheiten die Bausteine weiterer Divisionen bilden. Markus überschätzte seine Rolle nicht, aber ihm war klar, was David meinte.
„Markus, mein Lieber, weshalb ich mit dir sprechen wollte: der Angriff wird, abhängig vom Wetter, in etwa zehn Tagen erfolgen, und es wird ernst.“ Er lächelte ihm zu. „Ich bin froh, dass ich dich und Deine Leoparden dabei habe. Aber die Awarier erwarten den Angriff und sie sind tief gestaffelt.“
Markus nickte. „Ja, sicher. Aber kannst du mich kurz abholen. Wie sieht der Plan grob aus? Auf welchen Zeitraum ist die Operation angelegt?“
„Unser Ziel sollten wir nach drei, maximal vier Tagen erreichen. Die dann eingeschlossenen awarischen Kräfte werden hoffentlich innerhalb eines Monats kapitulieren.“
„Mehr als Sechs Tage.“ murmelte Markus.
David nickte. „Und es werden anstrengende Tage.“
„Liegt der Durchbruch an uns?“
„Nein. Das wird eine andere Brigade übernehmen. Wir folgen ihr dicht. Reser-Weiden hat dann den Auftrag zum Stoß in die Tiefen. Als kampfstärkstes Bataillon bilden wir in seiner Brigade die Spitze. Nur an einigen unübersichtlichen Stellen lösen uns Grenadiere ab, so dass wir in der Zwischenzeit Aufmunitionieren und Tanken können.“
„Und innerhalb des Bataillons?“
„Du bist in zweiter Reihe. Die führenden beiden Kompanien kennen die Gegend aus ihrer Zeit bei den Grenztruppen. Wenn es eng wird, unterstützt du mit Deinem Feuer. In sehr offenem Gelände führst Du.“
Markus schwieg konzentriert.
„Ernbarger bleibt dicht hinter dir und bildet bei Gegenangriffen einen Auffangriegel. Eine Kompanie bleibt in Reserve und eine steht für Kommandounternehmen gegen feindliche Verbindungs-, Führungs- und Logistikeinrichtungen zu Verfügung.“
Markus nickte.
„Wie gesagt, es wird ernst.“
„Wie ich dich kenne, hast du denen unsere Aufmarschpläne gegeben, damit wir auch eine echte Herausforderung bekommen. Viel Feind, viel Ehr.“
David lächelte mild und schüttelte dann den Kopf. „Ich meine es ernst. Du hast Einiges hinter dir und ich habe auch ein paar Sachen erlebt, aber es wird diesmal anders.“ Es hielt inne und fuhr dann fort. „Ich gehen davon aus, dass wir es schaffen. Aber ich bin nicht sicher, ob das wir auch wir beide heißt.“ Er lachte. „Du in Deinem dicken Panzer hast wahrscheinlich weniger Probleme. Und deshalb möchte ich dich etwas fragen.“
„Hör bloß auf, ich kann dich ohnehin schon kaum leiden, und nun mach’ das Fass nicht noch voll und erzähle mir, dass du davon ausgehst, hier den Heldentod zu sterben.“
David kniff ein Auge zu. „Krieg ist gefährlich. Wer sich in einen begibt, muss damit rechnen, in ihm umzukommen.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich gehe nicht davon aus, den Heldentod zu sterben. Und ich bin fast sicher, dass wir auch wir beide heißt. Aber ich muss trotzdem wissen, ob Sabine mich liebt und wenn ja, ob du ihr im Falle meines Todes sagen möchtest, dass ich sie liebe?“
Markus lachte. „Sie liebt Dich. Sei sicher. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr das viel bringt, wenn ich ihr von Deiner Liebe erzähle, nachdem du den Abgang gemacht hast. Soll sie dann die trauernde Witwe spielen? Ich glaube, ich werde mich dann an sie ran machen. Sie ist eine ganz Hübsche. Sollte dir das nicht aufgefallen sein.“
David stöhnte. „Okay, Arschloch. Ich verspreche Dir, dich zu überleben und zu verhindern, dass du je einen Stich bei ihr machen kannst. Willst du mir versprechen, auf sie aufzupassen, falls ich mein Versprechen nicht einhalten kann?“
Markus sah ihm in die Augen und stimmte, die Mundwinkel verziehend, zu.
„Ich hätte das nicht für möglich gehalten.“ David lächelte. „Aber ich liebe sie wohl mehr, als ich dachte. Eigentlich sollte ich mir jetzt um andere Dinge Gedanken machen.“ Er stoppte und sah Markus an. „Heiratest du sie dann?“
Markus schnaubte und krauste seine Stirn. „Ich glaube nicht. Aber ich werde darauf acht geben, dass es derjenige ist, der dir am nächsten kommt.“
David sagte leise. „Dann wirst du es sein.“ Er fasste sich. „Entschuldige! Ich bin froh, dass…“ er unterbrach. „Ich hoffe, wir werden diesen Konflikt bald entscheiden können.“ Er lachte. „Vielleicht können wir es dann wie Hassan und Alessandra machen und zu sechst im Sommer Grillen und im Winter mit den Kindern Schlitten fahren.“
„Hör mal zu, zwei plus zwei sind nicht sechs, und Kinder hat hier überhaupt keiner. Wärst du nicht mein Kommandeur, würde ich dich fragen, ob du auf Drogen bist.“