Photo by dp

Kap4.17 Wenn die Götter es wollen Drucken

Markus stand allein am Rand des Hügels. Er überhörte die gelegentlichen Geräusche der Hydraulik eines Panzers, der vielleicht fünfzig oder sechzig Meter von ihm entfernt die im Dunkel liegende Ebene jenseits des Mittellandkanals vor ihm absuchte. Markus blickte, wie der Richtschütze des Panzers, auch nach Süden, suchte aber nicht nach Bewegungen des Feindes. Heute Nacht würde es hier ruhig bleiben.


Es wurde hinter ihnen gekämpft. Die erste Division, zu der Reser-Weiden’s Brigade gehörte, hatte die feindlichen Linien östlich durchbrochen, die zweite Division die Linien in Westen. In dieser Nacht hatten sich die vorderen Stoßkeile der beiden Verbände entlang des Kanals am Rand des Weserberglandes westlich von Hannover getroffen und den Ring geschlossen. Jede dieser Divisionen sicherte nun nach außen und nach innen ein Segment des Ringes ab. Zwei weitere Divisionen übernahmen diese Aufgabe weiter rückwärtig, während die vierte Division unterstützt von starker Artillerie und der Luftwaffe damit begann, langsam in den Kessel vorzurücken. Hätte die Föderation genügend Kräfte gehabt, hätte sie die Verbände, die den Kessel bildeten, wiederum einschließen können. Sie hatte aber keine ausreichenden Kräfte dafür, nicht einmal für einen Ausbruch der eingeschlossenen Einheiten oder einen Einbruch zu diesen.
Das wusste Markus von der Lagebesprechung. Und er wusste auch, warum das so war: Er hatte es selbst miterlebt, er hatte dazu beigetragen. Worte wie gewütet, Gemetzel und barbarisch gingen ihm durch den Kopf. Aber die Worte erreichten ihn kaum. Sie schwammen undeutlich in den äußeren Bereichen seines Bewusstseins. Immer wieder flackerten Bilder vor Augen. Währenddessen hatte er gehandelt, jetzt als das Denken sich seiner bemächtigen wollte, hatte er sich wieder übergeben wollen. Aber dafür reichte es nicht. Kurze, wechselnde Szenen spielten sich vor seinem Auge ab. Er sah fallende Infanteristen, brennende Stellungen und explodierende Fahrzeuge. Er sah Wände aus Feuer, die von über sie hinwegjagende Flugzeuge gebaut worden waren. Er hörte Schreie noch Lebender, die keine Chance mehr hatten. Menschen, die verstört auf Gegenden des eigenen Körpers schauten, wo eben noch Gliedmaßen gewesen waren. Er roch verbranntes Blut und Fleisch, verkohlte Haare und das sich dazwischen mengende Beißen verbrannten Schießpulvers.
Er wollte nicht daran denken, nicht an die Verluste in seiner Kompanie. Er wollte an etwas Schönes denken, er wollte an Kiel denken, an Sabine und Martina, ja vielleicht an Karen Maria. Aber die Gedanken waren nicht schön. Die Bilder waren schön, aber er passte nicht in diese Bilder. Menschen tanzten, tranken, redeten – und er gehörte nicht dazu, er stand abseits.
Du hast es überstanden, sagte er sich. Und der Mensch kann sich an jede Situation gewöhnen und lachen und, zumindest für einen Augenblick, glücklich sein. Aber was ist, wenn man sich mit Blut und Tod arrangiert hatte, konnte man dann noch tanzen und reden mit Menschen, die diesen Abgrund, die diesen Schlund von Blut und zerfetztem Fleisch nicht gesehen hatten; die nicht wissen konnten, wozu der Mensch fähig ist?
Markus hörte hinter sich etwas. Schlagartig kam ihm eine Szene acht Jahre zuvor in den Kopf, als er am Morgen nach der Abi-Feier im Meer stand und Sabine zu ihm kam. Für den Bruchteil einer Sekunden fühlte er sich wohl, war zufrieden mit sich und der Welt. Dann verfluchte er innerlich den sich nähernden Störenfried, dass er diesen Zustand zerstörte. (Obwohl man eigentlich fairerweise sagen muss, dass er ihn ja erst hervorgerufen hatte.)
Jemand stellte sich neben ihn. Markus blickte zur Seite, wer sich anmaßte, seine Kreise zu stören. Er konnte in der Nacht das matte Gold des Eichenlaubs nicht von einem matten Weis unterscheiden, wusste aber, dass es Reser-Weiden war. Sein Groll über den Eindringling verflog. Abgesehen von David, der es nicht hätte sein können, war er wohl der einzige, dessen Gesellschaft er jetzt ertragen konnte, vielleicht sogar dem einsamen und fruchtlosen Sinnen vorzog.
Die beiden Männer schauten eine Weile auf den Kanal und die in einer Entfernung sich andeutenden Hügel vor sich.
„Herr General.“ Unterbrach Markus das Schweigen. „Wissen Sie, wie es dem Oberstleutnant geht?“
„Ich wollte gleich zu ihm. Aber, nachdem, was ich gehört habe, wird er durchkommen.“ Reser-Weiden lachte: „Ich haben mit dem Arzt gesprochen. Er sagt, er würde ein hübscher Kerl bleiben und die Narben würden seinen Chancen wohl keinen Abbruch tun.“
Beiden war klar, dass es kaum Grund zum Lachen gab, aber auch Markus lächelte dem General zu.
Sie schauten sich an, es war dunkel, aber sie hatte keine Schwierigkeit, das wenige zu deuten, das sie sahen.
„Sind Sie wohlauf?“ fragte der General.
Markus unterdrückte ein Schnauben und nickte. „Es ist nur…“ Markus stockte.
„Ich weiß.“ sagte der General. „Wenn es Sie beruhigt, kann ich Ihnen sagen, dass Sie es schaffen werden. Viele werden diesen Tag nicht überwinden können. Der Verlust an Leben wird nicht allein an der Zahl der Toten gemessen. Wir beide werden aber erstmal durchkommen, denke ich.“
Markus nickte. Das Nicken war mechanisch, entsprach aber einer aufkommenden Gewissheit.
„Darf ich Sie etwas fragen Herr Hauptmann?“ sagte Reser-Weiden.
„Sicher.“
„Die Frage ist“, Reser-Weiden machte eine kurze Pause, „vielleicht etwas ungewöhnlich.“ Er lachte wieder „Und, ich bin zu ihnen gekommen, weil Sie der Einzige sind, der mir diese Frage beantworten kann.“
Markus schaute ihn mit großen Augen an.
„Ich muss von Ihnen wissen, ob ich David Ballard trauen kann.“
Was für eine Frage? Markus kannte die Antwort, brauchte aber zwei Sekunden, sie zu formulieren. Dabei zeigte er soviel Taktgefühl, den Mund wieder zu schließen. Dann sagte er: „Ohne jeden Zweifel.“
„Gut.“ Reser-Weiden nickte: „Sie werden mit Ihrer Einheit bald zurück nach Kiel gehen. Mir wird man das Kommando über die zweite Division anbieten. Ich werde Ballard nicht mitnehmen. Ich melde mich gegebenenfalls über Dritte bei Ihnen.“
Markus Mund öffnete sich wieder.
Reser-Weiden’s Miene veränderte sich nicht. „Vielleicht wird man von uns noch Einiges verlangen, um diesen Puffer, den wir gebildet haben, dauerhaft zu stabilisieren. Wir dürfen, wenn es darauf ankommt, nicht unsere Position oder unser Leben höher schätzen, als das, wofür diese Menschen heute gestorben sind. Konkretere Anweisungen kann ich Ihnen im Moment nicht geben.“ Er wandte den Blick noch einmal nach Süden. „Wir sehen uns in einem halben Jahr wieder.“
Markus nickte ihm langsam zu: „Wenn die Götter es wollen.“
Reser-Weidens Miene lachte erneut: auf. „Ja, mein Freund, wenn die Götter es wollen.“