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Kap4.23 Totensonntag Drucken

Denkt er an Wälder, Auen, Vieh / Ergreift ihn bald Melancholie. / Er träumt von Eichen, Linden, Tann, / Geht es bald heim, sag mir nur wann.
Und sie sitzt oft allein am Meer, / die Einsamkeit wiegt doppelt schwer. / Die Wellen schwappen über Sand, / er hat die See so gut gekannt.
Er zog hinaus in kalter Nacht, / Und hält dort tapfer für uns Wacht. / Ihr gilt sein Herz, uns gibt er Mut, / Steht eisern da in Sturm und Flut.
Sie blieb zurück, mit seinem Kind, / Durch leere Gassen fegt der Wind. / Der Kleine fragt nach dem Papa, / in ihrem Traum ist er schon da.
Als drohend dann die Überzahl / Heran kroch bellend ‚Mord und Qual’ / hielt er das Banner hoch und fest / Bis seine Kraft dann von ihm lässt. (Kämpft wie die Möv’ für Brut und Nest.)
Sie hält ihr Kind, sie trägt das Los, / Sind Leid und Trauer noch so groß. / Ihr Blick nun fest nach vorn gewandt,..

„So jetzt ist es aber gut.“ Alessandra sparte sich den fragenden Blick an ihren Mann und schaltete das Radio aus.


Markus, der eben aus dem Garten gekommen war hatte den Musikbeitrag mit offenem Mund verfolgt. „…hält sie die Zukunft an der Hand.“
„Kennst du das Lied?“
„Nein. Was war das?“
Alessandra verzog den Mund. „Totensonntag. Kanal eins gedenkt unserer gefallenen Helden.“
„Oh, heute ist Sonntag? Ach ja, ich hab heute Morgen keine Fluppen bekommen. Der Scheißladen war zu.“ Er wies auf das Radio. „Gab es das schon immer?“ Markus gehört nicht zu den regelmäßigen Hörern von Kanal eins.
„Ja, ja, gab es im Prinzip schon immer, aber die werden von Jahr zu Jahr schlimmer.“ Sie lachte. „Weißt du wer das gesungen hat?“
„Na?“
„Der Arbeiterinnenchor des Fertigungsbetriebes Damenoberbekleidung Rendsburg Ost.“
Markus verschlug es die Sprache zu einem breiten Grinsen. Dann lachte er kopfschütteln auf.
„So lustig ist das nicht.“ ermahnte ihn Hassan.
„Über die Toten zu lachen?“ erkundigte sich Markus vorsichtig.
„Nein, dieser Durchhaltedreck auf diesem Schundkanal.“
Martina kam durch die Gartentür und suchte im Hängeschrank nach einer Vase für einige noch etwas rote Lampionblumen, die sie gepflückt hatte. „Hassan hat Recht. Diese Stimmungsmache im Land ist unerträglich.“
Alessandra nahm ihr die Blumen ab, entfernte die Blätter, wickelte einen Faden um die Stängel und knotete sie kopfüber provisorisch an einen Geschirrhandtuchhaken. „Dank Dir.“
Martina lächelte belehrt.
„Ich glaube, ich sehe mal nach Sabine.“ befreite Markus sich aus der Szene. „Am Ende holt sie sich da draußen noch…“ Er unterbrach mit einem unterdrückten Grunzen. „Ich geh dann mal besser.“

Markus und Martina saßen, sich gegenseitig neckend, ausgelassen am Tisch. Sabine träumte, der Gastgeber wirkte abwesend und Alessandra versuchte, das Gespräch aufzufrischen. „Wie geht es jetzt weiter bei Dir? Du bleibst noch an der Uni?“ Alessandras Lächeln war ehrlich, ihm fehlte jedoch die Frische.
„Ja, sicher.“ Martinas Lächeln hatte Frische. „Viel wird sich gar nicht ändern. Ich werde mich wohl nur etwas häufiger in den Betrieben sehen lassen müssen.“
„Ich habe nie richtig verstanden, was Dein Thema war.“ setzte Alessandra das Gespräch mühsam fort.
„Es ist auch so langweilig, dass sie sich nicht traut, darüber zu reden.“ schaltete sich Markus ein. „Außerdem ist es unmoralisch. Sie optimiert Betriebsabläufe, damit die Arbeiter noch mehr von ihren Produkten entfremdet werden und durch noch höhere Planwerte den letzten Spaß an ihrer Arbeit verlieren.“
Martina nickte. „Ja, im Prinzip diene ich der Weltrevolution, indem ich den Leistungsdruck so verstärke, dass sich auch der Letzte den Demonstrationen anschließt.“
Hassan und Sabine reagierten auf das Gespräch in keiner Weise. Alessandra hatte deshalb kaum zugehört und fragte. „Und wie lange dauert es dann jetzt nach der Promotion noch, bis du eine Professur bekommen kannst?“
Markus zog die Schulter hoch. „Sie müsste dafür zumindest ein Jahr nach Stockholm oder Oslo gehen. Aber das will sie nicht, weil sie mich dann nicht so oft sehen könnte.“
Martina machte eine wegwerfende Handbewegung in seine Richtung.
Hassan schluchzte leise.
Alessandra seufzte. „Ja, Kiel ist eine schöne Stadt, aber wenn man Köln und Rom gesehen hat.“ Sie schüttelte langsam den Kopf und sah zu ihrem Mann.
„Sag, Teures, wie hast du dich da eigentlich auf Deinen Touren in der Pampa südlich der Elbe zurecht gefunden. Hattest du Karten dabei?“
„Nein, Karten waren zu gefährlich, wenn man in Kontrollen geriet. Wir haben uns an den Landmarken und geographischen Gegebenheiten orientiert.“ Sie lachte. „Dazu gab es in der Ausbildung sogar Reime, die wir auswendig lernen mussten.“
Markus zog die Brauen zusammen. „Du meinst so was wie: Die Themse fließt in den Kanal. Das ist ja auch nicht illegal.“
Alessandra verzog den Mund und rollte mit den Augen. Martina aber konzentrierte sich und setzte fort. „Den Ganges ja, den tu ich kenn. Fließt in den Golf von Bengalen.“
Markus schüttelte den Kopf. „Ja, ja. Doktor, aber von Versfuß keine Ahnung. Wie ist es mit: Der Mississippi groß und froh, treibt in den Golf von Mexico.“
Martina lächelte. „Der Amazonas ganz geschickt, fließt schließlich in den Atlantik.“
Markus schüttelte den Kopf. „Nee, meine Liebe. Dann schon eher: Der Rhein, die Waal macht einen Piep. Passiert zunächst noch Hollands Diep.“
„Piep und Diep: ganz groß, mein Schatz.“ Martina winkte ab. „Aber: Die Donau fließt ins Schwarze Meer. Wann war ich dort? Ist lange her.“
Markus nickte. „Nicht schlecht. Was ist mit: Die Elbe strömt zum Blanken Hans. Das reicht ihr dann auch – voll und ganz.“
Martina zog leicht die Stirn in Falten und sagte: „Selbst die Oder, klein und schlaff, ergießt sich bald ins große Haff. All dies nasse, eitle Treiben. Doch am End ins Meer will scheiden. Die Wolga nur sieht nie die See. Da hilft auch kein vierblättrig Klee.“
„Okay.“ Markus signalisierte ein zweites Mal Wohlwollen. „Aber am Ende doch vielleicht besser ein: Und Tränen strömen; ach und weh!“
„Ja, oder: Wo Russlands Mutter untergeh.“ Sie leerte sich zu Ehren das Glas und lächelte.
„Schön. Aber: Ich Mutter Russland je versteh?“
Nun war es an Martina, die Lippen vorzuschieben und zu nicken. „Die Wolga nur sieht nie die See. Ich Mutter Russland je versteh?“
Hassan hatte die Albernheiten der beiden mit wenig Regung verfolgt und sah nun zu Martina und ihrem leeren Glas. Er reichte ihr die Flasche. „Ach, ich bin heute ein bisschen desillusioniert. Komm, schenk dir ein!“
Es dauerte etwa sechs zehntel Sekunden, dass sich die Blicke von Martina und Markus trafen, sie einen Arm um den anderen legten und sangen: „Nit resigniert, nur reichlich desillusioniert. E bessje jet hann ich kapiert. Verdamp lang her, verdamp lang. Verdamp lang her.“
Alessandra überstand eine Schrecksekunde und hielt sich dann den quasi nicht vorhandenen Bauch. Bei Hassan dauerte es eine weitere Sekunde bevor er in das Lachen einstimmte. Auch Sabine resignierte schließlich und summte mit.
„Ach, Kinder, es tut mir leid.“ Hassan schüttelte mit einem Grinsen den Kopf. „Ist schon vergessen. Nun lasst uns doch vielleicht noch mal auf unsere kleine singende Doktorin anstoßen.“ Er lächelte Martina zu und sie hoben die Gläser.
„Sabine, wann ist es bei dir soweit?“ Alessandra fragte, während Markus aufgestanden war und die Musik nach etwas Brauchbarem durchsah.
„Sollte wohl dieses Jahr noch was werden.“ Sie lächelte. „Nun ja, ich hab mir ein paar Wochen mehr Zeit genommen als Martina, da ich nicht ganz so dünne Bretter bohren wollte wie sie.“
Martina zog Sabine eine Nase und Markus kam fröhlich von der Anlage zurück. Kölner Lokalkolorit hatte er nicht finden können, aber italienische Volksmusik aus Alessandras Beständen erfüllte den Raum. Er sah freudestrahlend in die Runde: „Einen hab ich noch: Der Po scheißt in die Adria. Norditaliener! Ist ja klar.“