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Kap4.19 Sorgen um Markus Drucken

‚Arschlöcher’ dachte er, als er die Wohnungstür aufschloss: ‚Wir sehen uns in einem halben Jahr wieder’ und ‚Sag, Sabine, dass ich sie liebe.’ So ein Scheiß, Markus prustete verächtlich aus.
„Hallo, mein Junge.“ Hassan blickte aus dem Wohnzimmer.
Markus schüttelte sich kurz, er gehörte eigentlich nicht zur schreckhaften Sorte. Dann beruhigte er sich und lächelte seinen Freund an. „Hassan!“


Die Männer umarmten sich. Hassan streckte Markus an den Armen von sich. „Na, zumindest ist noch alles dran. Komm, ich habe einen Wein offen.“ Er setzte an, zurück in das Wohnzimmer zu gehen und drehte sich noch einmal um. „Oder möchtest du allein sein? Oder erstmal duschen. Ich habe gehört, dass Ihr heute Morgen zurückgekommen seid. Wahrscheinlich hattet Ihr keine entspannende Nacht.“
Markus lachte. „Die Nacht war okay. Der Tag war etwas zäh, aber duschen soll man ja auch nicht immer, von wegen Säureschutzmantel der Haut und so. Wein und ein Araber, der mir von tausend und einer Nacht erzählt, ist jetzt sicher das Beste, was mir passieren kann.“ Er sah ihn an. „Ich bin froh, dass du da bist.“
Hassan lächelte. „Ich weiß.“
Markus schmiss seinen Seesack in eine Ecke und folgte Hassan in das Wohnzimmer. Duschen wäre schon ganz gut gewesen, aber dafür sah er jetzt keine Zeit. Er setzte sich wie früher in den Sessel neben seinen ehemaligen Mitbewohner und sah zu, wie Hassan Wein einschenkte. Dieser reichte ihm ein Glas und sie stießen ohne Spruch an.
„Bist du sehr enttäuscht, wenn ich meine Geschichten aus dem Orient verschieben und dich erstmal fragen, ob es dir auch nicht schlechter geht, als es den Anschein hat?“
„Nein. Es geht mir ganz gut. Es geht mir nicht gut, aber ich glaube, es wird besser.“ Er sah über sein Glas zu ihm. „Warum bist du da?“
„Ich hatte befürchtet, es würde dir schlechter gehen.“ Er lachte kurz auf. „Ich weiß natürlich nicht, ob ich mich irre, aber du machst auf mich den Eindruck, als hättest du es gut überstanden. Ich war genau genommen etwas in Sorge. Sicher, es war nicht Dein erstes Gefecht und du hast den Krieg schon vorher gesehen. Aber dieses Mal war es etwas anderes.“ Er zog die Brauen nach oben. „Oder?“
Markus nickte. Vielleicht wäre ihm ein Märchen aus dem Morgenland lieber gewesen. „Ja, es war anders. Es war sicherlich leichter mit diesen Erlebnissen vorher, aber auch so habe ich streckenweise gezweifelt. Ein Angriff gehört nicht gerade zu den Dingen, auf die man beim Heimatschutz mit großer Sorgfalt vorbereitet wird.“ Dann lachte er. „Nein, es war kein Spaß. Aber ich denke nicht, dass ich nachhaltige Schäden davon getragen habe.“ Er lehnte sich zurück und ließ den Wein im Glas kreisen. „Du bist der Grund, dass ich überzeugt bin, wieder ein normaler Mensch zu werden.“ Er blickte Hassan an. „So ganz normal bist du natürlich nicht – aber immerhin. Und du hast in Deiner Zeit bei der Kavallerie Schlimmeres erlebt. Und nun liegst du den lieben langen Tag in der Sonne, pflegst den Garten und schaust ab und zu in der Uni vorbei, wenn du dich zu Hause mit Deiner hübschen Frau mal langweilen solltest.“
„Weißt Du.“ antwortete Hassan darauf. „Wenn ich gewusst hätte, wie schnell du wieder auf die Beine kommst, hätte ich den Abend vielleicht doch besser mit meinem Weib verbringen sollen, mit dem mir übrigens nie langweilig wird. Sie lässt schön grüßen. Sabine und Martina auch. Sie waren ziemlich besorgt.“ Er verzog eine Gesichtshälfte. „Also vielleicht habe ich auch nicht zu ihrer Beruhigung beigetragen. Na ja, sie werden dich morgen ein bischen umtütern.“ Er blickte ihn an. „Ich hatte erzählt, dass sie dich für morgen eingeladen haben?“
Markus nickte. „Quasi.“
Hassan stieß noch einmal mit ihm wortlos an und schenkte dann nach. „Wie geht es den anderen: Michael, David und Hans-Joachim?“
„Hans-Joachim?“ Markus weitete die Augen. „Ihr duzt Euch. Ich meine, du duzt Reser-Weiden?“
„Ach, wir hatten während meiner Inhaftierung einige Male mit einander zu tun. Und er hatte ab und zu mit Alessandra zu tun. Da kam er mich einmal besuchen. Wir haben ein paar Bier getrunken und eins kam zu anderen.“
„Was wollte er?“
„Kannst du dir das nicht denken?“
Markus hob die Schultern.
„Hast du dich noch nie gefragt, weshalb ich nach unserem kleinen Erlebnis im Fort Echo für ein Jahr verschwunden war. Die Antwort auf beide Fragen ist die gleiche.“
„Deine Kenntnisse über Flugzeuge?“
„Ach, Junge, manchmal bist du echt langsam. Du kannst bestimmt kein Schach spielen, oder?“
„Soweit ganz ordentlich eigentlich.“
„Mein Lieber, du spielst sicher aus dem Bauch heraus. Das ist manchmal auch ausreichend. Wenn du aber einen Schritt weiterkommen willst, und ich rede nicht von Großmeistern sondern von lausigen Amateuren, wie ich es bin, dann musst du dir vor jedem Deiner Züge die Frage stellen: was kann mein Gegner machen? du planst drei eigene Züge und nimmst an, der Gegner würde schon irgendwas tun. Er hat aber auch einen Plan, und er handelt nicht aus dem Gefühl heraus, irgendeinen Zug ja jetzt machen zu müssen. Du musst dich in seine Lage, auf seine Seite des Brettes versetzen und selbst einen Plan für den Gegenspieler entwickeln – einen Plan oder besser einige. Dann kannst du seine Züge voraussehen.“
Markus spielte ungeduldig mit den Händen. „Du dozierst und bleibst unkonkret, mein Freund“
„Weil du mein Freund bist.“ Hassan nickte gefällig. „Reser-Weiden ist ein Spieler und er hat wenige Figuren auf dem Feld.“
„Und du bist eine?“
„Du bist eine, ich bin eine und es gibt ein paar andere. Aber es sind nicht viele. Er hat aber viele Gegenspieler, und zwar auf beiden Seiten der Grenze. Vielleicht gibt es auch einige Figuren in der Föderation, die unbewusst oder auch bewusst, sein Spiel unterstützen. Am Ende ist seine Position aber schwach. Und er kann sich keine Fehler erlauben. Und er wird nur durch überlegenes Spiel zum Ziel kommen. Von daher ist nichts, was er tut, Zufall. Würde er sich darauf verlassen, würde er verlieren.“
Markus nickte, wobei er leicht mit den Fingern gegen das Glas tippelte. „Und was wollte er nun?“
„Ich habe für General Govelli gearbeitet und während dieser Tätigkeit, die meisten derer in der Föderation kennen gelernt, die etwas zu sagen habe. Er suchte meine Einschätzung zu den führenden Personen dort.“
„Und was konntest du ihm sagen, was er nicht aus den Akten über Deine Befragungen wusste?“
„Er wollte wissen, ob ein Frieden mit der Föderation denkbar wäre.“
„Und Deine Antwort war nein?“
„Meine Antwort war: mit den meisten der führenden Geistlichen geht das im Moment nicht. Aber die Allianz sollte sich darauf konzentrieren, die richtigen Leute zu unterstützen. Sollten die die Mehrheit bekommen, wären die Chancen für einen Frieden da.“
„Und hat er das erwogen. Unterstützen wir jetzt die richtigen Leute?“
„Ich fürchte, er ist mit seinem Vorschlag noch nicht sehr weit gekommen…“
„Und der soeben geführte Feldzug hat der Sache nicht wirklich gedient?“
„Das ist schwer zu sagen. Ich tendiere aber dazu, dass er einer Stärkung der richtigen Leute durchaus gedient haben könnte. Indirekt. Und wenn man jetzt sinnvoll weitermacht, wäre eine Lösung denkbar. Die Risiken überwiegen jedoch. Wenn die Allianz, wie es einige Leute planen, die Normandie besetzt und die Straße von Gibraltar sperrt oder, andersherum, wenn es der Föderation gelingt, wieder an die Elbe vorzustoßen, wird ein richtiger Krieg ausbrechen, ein existenzieller gegen den der letzte Feldzug lächerlich sein wird. Die denkbare Zielvorstellung wäre, dass beide Seiten sich defensiv sicher fühlen, aber keine wirklichen Aussichten haben, offensiv erfolgreich zu sein.“
Markus nickte. „So was Ähnliches hatte Reser-Weiden mir auch einmal gesagt.“
„Das ist die Ansicht von Govelli. Und Reser-Weiden teilt diese Meinung.“
„Und wie wären die Chancen, wenn wir alles richtig machten?“
Hassan hob die Hände. „Die Chancen stehen immer schlecht. Es kann sein, dass zehn-zwanzig Jahre die richtigen Leute das Richtige tun. Man kommt sich näher, ein Friede ist greifbar und dann wird einer erschossen, jemand sprengt eine Kirche in die Luft oder ein General nimmt irgendwo das Heft in die Hand und löst einen neuen Krieg aus. Keine Seite wird alles richtig machen, und selbst dann sie die Aussichten mager.“ Er zog die Schultern hoch. „Aber, haben wir eine Alternative?“
Markus schüttelte den Kopf.
Hassan kam zurück auf die Dinge, die ihn interessierten. „Sag, wie geht es den Jungs? Was machen Michael, David und mein Freund der General?“
„Michael ist, soweit ich das beurteilen kann, okay. Er nimmt es etwas schwerer, aber ich glaube, er ist auch über den Berg. David, das hast du ja sicher gehört, ist verletzt. Ein kleines Narbengesicht ist er jetzt und hat auch ein bisschen was in die Lungen bekommen, aber leider nicht so schlimm, dass Sabine ihn abweisen müsste. Er war aber seltsam, als ich ihn besucht habe. So mit einem Hang zur Theatralik. Na ja, aber David hat nun wirklich schon Einiges erlebt.“
Hassan unterbrach ihn. „Vielleicht macht er sich Gedanken, dass er irgendetwas falsch gemacht hat und vielleicht unnötig Leute verloren hat.“
Markus schüttelte den Kopf. „Davon habe ich zumindest nichts mitbekommen. Ich meine, es kann natürlich sein, würde mich aber wundern.“
„Er wird es uns vielleicht erzählen, wenn er wieder da ist. Vielleicht lag es auch nur an dem Lazarett. Das ist, zumindest aus meiner Erfahrung, kein Ort, der positive Schwingungen verbreitet.“
„Du warst im Lazarett?“ Markus schaute von seinem Glas hoch.
„Ach, ist lange her und es war auch nichts Schlimmes und nicht für lange.“ Das war nicht so ganz die Wahrheit, aber Hassan wollte keine alten Geschichten aufwärmen.
„Na, okay.“ Markus verstand ihn und gedachte, ein andermal darauf zurück zu kommen. „Gut, Deinem Freund, auch Hans genannt, geht es wohl auch ganz ordentlich. Aber er war richtig komisch drauf, als ich ihn nach der Schlacht gesehen habe. Die hat ihm aber wohl nicht zugesetzt, schien mir. Es waren dann wohl eher seine nächsten Züge, die er im Kopf hatte.“
Hassan versuchte es mit einer guten alten Fußballweisheit. „Tja, nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und er ist uns sicher ein paar Züge voraus.“
Markus lächelte. „Vielleicht mein Lieber. Aber sag noch mal: die Mädels sind besorgt um mich?“
„Oh.“ Hassan lachte. „Wenn du es richtig anstellst, werden sie dich den ganzen Abend knuddeln.“