Photo by dp

Kap4.20 Klassenkampf Drucken

„Freunde – Genossen.“ Schmitt stand am Kopf des Tisches mit den Bezirkskommissaren. „Der Krieg im Süden ist vorbei, wir haben dafür unsere Schuldigkeit getan. Nun geht es daran, den Krieg gegen das Regime wieder aufzunehmen. Wir haben Erfolge verzeichnet, auf denen wir aufbauen werden. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel.“ Schmitt stand still, nur die Hände unterstützten seine Rede, oder er ließ sie ruhig auf dem Tisch abgelegt.

„Wir kämpfen gegen eine organisierte Armee und wir müssen in gleicher Weise organisiert sein und eine noch größere Disziplin an den Tag legen als unsere Gegner. Wir werden in dieser Phase sehr viel planmäßiger vorgehen. Wir werden keine Geschenke bekommen. Es gilt, ihre Schwächen zu finden und sie ohne Rücksicht auf eigene oder feindliche Verluste auszunutzen. Der Präsident hat sich als schwach erwiesen und im Frühjahr nachgegeben. Wir werden diese Schwäche weiter ausnutzen. Aber unser Ansatzpunkt wird nicht nur der Senat, der Generalstab oder der Präsident sein. Wir werden die Macht des Systems auf allen Ebenen angreifen. Wir brauchen in jeder Polizeistation, in jeder Kaserne, in jeder Behörde unsere Männer. Ehefrauen und Kinder der Kommandeure müssen der Revolution täglich ihr Gesicht geben. Sie nutzen die Medien und ihre Befehlsketten, wir nutzen die Straße, die Geschäfte, die Wohnungen und unsere Befehlsketten. Die Bürger und Soldaten müssen an der Legitimation des Regimes zweifeln. Kinder und alte Frauen werden die Befehle von einer Zelle zur nächsten bringen. Studenten und Hausfrauen bringen die Diskussion in die Familien. Und das zentrale Element werden Großdemonstrationen sein. Die Masse wird beweisen, dass die Führung nur ein Relikt aus alter Zeit ist, die den Kontakt mit dem Volk abgebrochen hat und keine Legitimation mehr besitzt.“
Schmitt legte die Fäuste auf den Tisch. „In einer Demonstration wird es drei Gruppen geben. Die große Masse der Mitläufer, die Organisatoren und die Agitatoren. Die Masse bildet das blinde Kernstück. Die Organisatoren werden dafür sorgen, dass Frauen in der ersten Reihe nahe den Polizisten und Soldaten stehen, sie sorgen für Disziplin, dafür, dass die richtigen Lieder gesungen, die richtigen Parolen skandiert werden, und dass die Leute beim Anblick von Schlagstöcken nicht weglaufen. Die Organisatoren werden Gewalt von unserer Seite verhindern, und sie werden auf ein Kommando hin, die Demonstration auflösen. Die Agitatoren bilden die kleinste Gruppe. Sie werde dafür sorgen, dass Einzelne auf der Gegenseite die Nerven verlieren und auf die Demonstranten einschlagen. Ich brauche Verletzte auf unserer Seite, und schließlich brauche ich Tote. Wir werden zurückweichen und die Bilder und die Eindrücke wirken lassen. Wir werden im Stillen arbeiten und wir werden wieder und wieder auf die Straße gehen und zurückweichen – bis der Tag gekommen ist.“
Nun lagen seine Hände flach auf dem Tisch. „Meine Freunde, Genossen. Wir konnten uns heute hier treffen, weil die Staatsmacht noch in ihrem Siegestaumel wegen des gewonnenen Krieges ist. In Zukunft werden die Anordnungen über Kuriere laufen. Wir werden, von Kiel aus, ein System zu euch aufbauen und Ihr werdet das in Euren Bezirken machen. Es wird keine weitere Sitzung dieser Art geben. Wenn wir uns in diesem Kreis wieder zusammenfinden, dann wird es an anderer Stelle, in einer anderen Zeit sein – in einer besseren Zeit.“
Jonathan Thies spendete wie die anderen Anwesenden Beifall. Er träumte von einer besseren Zeit und war sich sicher, den richtigen Weg gefunden zu haben.