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Kap3.01 WG Frühstück Drucken

 

„Erhängen sollte man die alle!“
Markus legte bereitwillig den Wirtschaftsteil beiseite und fragte höflich. „Die Brandstifter?“
Melanie sah ihn wenig verständig an.
„Entschuldige. War nur ein Spaß. Wen sollte man denn erhängen? Melanie.“
Die üppige manche sagten füllige 65-Hektar-Freundin von Claas legte den Hauptteil des Anzeigers weniger ruhevoll als Markus auf den Tisch, so dass Brotkrümel durch die Küche schossen. „Diese Faschisten und Kriegsverbrecher!“

 

 

In der WG las man den Anzeiger, eines der weniger liberalen und vermeintlich wirklich unabhängigen Blätter. Die Titelstory handelte, wie fast jede Woche, von den Demonstrationen. Bilder gab es in dieser Zeitung nicht, aber Melanie malte die Szene bildlich aus. Eine Gruppe Polizisten hatte eine Demonstrantin aus der Menge gezerrt und mit Knüppeln, Schlägen und Fußtritten malträtiert. Die arme Frau lag nun in der geschlossenen Abteilung des Klinikums und die Ärzte wollten dem Anzeiger gegenüber keine Aussagen über ihren Zustand machen. Melanies volle Wangen, die zur Blässe neigten, färbten sich während ihrer Schilderung rosa.

 

„Ich möchte nicht wissen, was sonst noch alles passiert, ohne dass die Zeitungen davon Wind bekommen“, pflichtete Claas vorsichtig seiner Freundin bei.
Lars wusste dieses und jenes aus Hamburg zu berichten. Jeder, so sagte er, in Sankt Pauli wusste von dem Komplex ein bisschen Elbabwärts, etwa dort, wo früher die Haifischbar war. „Da bringen sie auch Demonstranten hin.“ Würde auf jeden Fall seine Mutter behaupten. Meike nickte.

 

Markus liebte diese Sonntage, an denen der Frühstückstisch vor Leben brodelte. Wobei es aus Platzgründen ein Glück war, dass Tobias und Katrin noch im Bett lagen. Tobias war während des Studiums aufgewacht. Nach einer kurzen Affäre mit Ellen war Katrin nun schon Nummer drei. Lars hingegen hing immer noch mit Meike rum.
Melanie schnaufte. „Habt Ihr das Flugblatt vom Bund am Mittwoch gesehen.“ Sie meinte den studentischen Spartakus Bund. „Mit diesen Berichten von den Folterknechten. Das war so entsetzlich.“ Melanie zitterte und konnte nicht weiterreden. Alle Anwesenden hatten die Berichte jedoch vor Augen.

 

Lars übernahm. „Die Wahrheit ist doch: die Arbeiter, die jetzt auf die Straße gehen, haben völlig recht, und die Armee bricht die Verfassung, weil sie Angst hat, an zweite Stelle zu rutschen. Sie nutzen den Angriff der Föderation im letzten Jahr, um hier die Fesseln enger zu legen. Zu allem Überfluss ist dieser Hardliner Sowinski nun doch Rüstungsministers geworden und wiederholt Gebetsmühlenartig die Gefahr eines neuen Krieges. “ Lars atmete kurz durch und suchte jemanden, an den er das Wort weitergeben konnte. „Was denkst Du, Markus?“
Markus hatte sich in der Rolle des Zuhörers gefallen und sagte kurz angebunden: „Ja. Sie schlachten den Angriff für ihre Interessen aus und die Hardliner werden stärker. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Gefahr eines neuen Krieges nur erfunden wird.“
„Was soll das heißen?“, hakte Lars nach.

 

Markus sah sich zu einer weiterführenden Erläuterung genötigt. „Was das heißen soll? Na ja, die Wahrheit ist: wir wissen es nicht genau. Ja, ich würde mir ja auch wünschen, dass es das ist, dass die Armee nur versucht, ihre Felle lange trocken zu halten. Nur halt: ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob der Friede anhält.“
„Ach.“ Lars schnappte mit der leeren Hand nach ihm. „Ja, wenn solche Leute wie Sowinski an der Regierung sind, wird es sicher Krieg geben. Aber die Föderation wird sich nicht rühren. Wir sind denen doch um Längen voraus.“

 

Tobias kam mit Katrin im Schlepptau. Markus hatte weder das Bedürfnis der weiteren Nahrungsaufnahme, noch diese Diskussion voranzutreiben. Also bot er seinen Platz feil und ging, den allgemeinen Teil der Zeitung heimlich raffend, in sein Zimmer.