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Kap3.06 Spaziergang an der Förde Drucken

„Ich habe nun eine ganze Reihe von Leuten hier gesprochen und jeder sieht andere Gründe für den Untergang der alten Ordnung, der eine die Dekadenz, ein anderer die wirtschaftliche Anfälligkeit der westlichen Welt, ein Dritter sieht militärische Fehler und andere haben wieder andere Aspekte, die sie hervorheben.“ Hassan blickte zu Markus, der neben ihm ging. Die Augustsonne hatte sich dankenswerterweise hinter einigen Wolken verschanzt. „So recht, gibt keiner uns oder denen, die mit der Wanderung begonnen haben, die Schuld daran.“


Markus lächelte. „Ja, das tun wir nicht. Ich glaube aber, dass es nicht viel mit Bescheidenheit oder Respekt zu tun hat. Es ist nur so: den Germanen gibt auch niemand die Schuld am Untergang des Römischen Reiches. Die Schuld liegt immer bei denen, die zivilisierter sind. Die Barbaren folgen nur ihren Instinkten.“ Markus lachte. „Ich hoffe, das beleidigt dich jetzt nicht. Aber ich glaube, das ist der Hintergrund.“
Hassan war über den Vergleich weder verärgert noch war er überrascht. „Das ist ein Gedanke, den man durchaus raushören kann. Ihr haltet euch für Rom?“ Er lachte. „In Rom gibt es einige, die meinen, Ihr seid die Feinde Roms.“
„Nein. Wir sind sicherlich nicht Rom. Nur.“ Markus grinste. „Rom ist nach diesem Modell sicher auch nicht Rom. Wir leben demnach in einer Zwischenphase - wie in den dunklen Jahren, die nach dem trojanischen Krieg begannen. In der Zeit war es mit der Kultur nicht weit her. Erst mit Homer begann ein langer Aufstieg. Erst beherrschte die Griechen das Geschehen. Dann ging der Stab an die Römer, aber ohne Einbruch, also ohne dunkle, kulturlose Zeiten. Nach den Römern gab es dann wieder eine lange Phase der Dunkelheit, die erst um die Jahrtausendwende, also zu Beginn des elften Jahrhunderts langsam überwunden wurde.“
„Ja, vielleicht.“ gab Hassan zu. „Im elften Jahrhundert tanzte noch nicht unbedingt der Bär. Aber auch die Griechen haben zu Homers Zeiten nicht gleich angefangen, gewaltige Tempel zu bauen. Zumindest entwickelte sich in Italien, Frankreich und Deutschland ab 1000 wieder etwas.“
„Und später ging es mit England und Amerika weiter“, ergänzte Markus. „Nach dieser Logik wäre das Rom der letzten Epoche eher London oder Washington gewesen.“
Hassan lachte. „Und Ihr wärt die Griechen der kommenden Phase?“
„Vielleicht sind wir jetzt eher das fränkische Reich. Oder die Förderation ist es, und wir sind nur ein Relikt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist nur ein einfaches Modell“, gestand Markus ein, „an dem man sich orientieren kann. Und aus dem man vielleicht ein bisschen Hoffnung schöpft.“ Sie schlenderten weiter am Ufer der Förde entlang. Markus wandte sich wieder an Hassan. „In welchen geschichtlichen Kategorien denkt Ihr?“
„Ach, weißt Du, unser geschichtliches Denken ist sehr theologisch gefärbt – und sicherlich auch sehr von Propaganda und politischen Interessen. Es gilt, die verschiedenen Völker unter einen Hut zu bringen und keine Gruppen auszuschließen.“ Er lachte. „Zumindest keine große Gruppe, aber immerhin sind wir uns in der Föderation einig, dass der Untergang der alten Welt in erster Linie an Unglaube und Intoleranz lag.“
„Ja. Mit dem Unglauben kann ich mich nicht so richtig als Argument anfreunden, aber ich denke schon, dass Intoleranz einen gewissen Einfluss hatte. Es war, glaube ich, noch nicht einmal so, dass die Leute im Westen den anderen Völkern nichts gönnten. Sie hätten gerne Frieden und Wohlstand gebracht, aber nur zu ihren Bedingungen und unter ihrer Kontrolle.“
Hassan stimmte zu. „Ja, wie Rom. Aber dieses Gefühl, kontrolliert werden zu müssen, da man unmündig und kulturell zweirangig war, hat die Würde dieser Völker und Staaten verletzt.“
Markus verzog nickend einen Mundwinkel. „Wie dem auch sei. Heute ist die Lage vielleicht nicht besser, aber wohl doch einfacher.“ Er sah Hassan an. „Ich will damit nicht sagen, dass es heute Gut und Böse gibt, sondern nur dass die Fronten klar sind. Aus unserer Sicht ist die Föderation etwas Bedrohliches, aber es ist eine Ordnungsinstanz wie der Warschauer Pakt für den Westen im Kalten Krieg – und in seinen Reaktionen wohl verlässlicher als das Chaos.“
„Das mag richtig sein. Es gibt eine gewisse Stabilität, aber so richtig kalt ist der Krieg leider nicht. Und die Barrieren, dass er nicht im vollen Maße ausbricht, sind heute geringer als zur Zeit der nuklearen Abschreckung. Ein großer Krieg zwischen dem skandinavischen Bündnis und der Föderation würde vermutlich alle Ordnung hier wie dort auf mittlere Sicht zerstören. Und dann hätten wir das Chaos. Ich hoffe, wir können es mit Gottes Hilfe verhindern.“
Markus grinste. „Ich vergesse immer, dass du ein Priester bist. Aber sagtest du nicht, Gott wäre mit seiner Hilfe für uns recht sparsam.“
Hassan lachte. „Er hilft schon, mein Freund. Er schickt zwar keine Blitze oder erschlägt die Bösewichte. Aber er hilft. Er lehrt uns ein menschliches Verhalten. Und das vermag Kriege zu verhindern.“
„Na, immerhin.“
Sie hatten fast das Parlamentsgebäude erreicht, von wo aus sie den Bus oder ein Taxi zurück nach Hause nehmen wollten, als sie vor sich eine mit Schilden und Helmen bewehrte Hundertschaft Polizisten im Laufschritt sahen. Sie folgten der Laufrichtung mit ihren Blicken und sahen, dass sie sich offenbar hinter einer Frontline befanden. Die Straße entlang zum Institut für Meereskunde standen in langen Marschkolonnen kampfbereite Sicherheitskräfte, teils von der Armee, teils vom Innenministerium.
„Ich fürchte, das mit dem Bus müssen wir uns wohl abschminken.“ Markus blickte auf den Vorplatz, wo ein Verbandsplatz aufgebaut war und eine Reihe von vergitterten Transportwagen stand.
„Was fordern die Demonstranten? Frieden?“
„Frieden?“ Markus überlegte. „Ja, sie wollen Frieden nach außen und Freiheit nach innen.“
„Ein lobenswertes Ziel.“
„Das ist wahr.“
Hassan runzelte die Stirn. „Nur, fürchte ich, dass die Position des Nordens im Moment für Friedensverhandlungen denkbar ungeeignet ist.“
„Ja. Und das verschlimmert die Lage. Das Rüstungsnotprogramm führt die Betriebe an die Grenzen des Machbaren und gleichzeitig steht die halbe Bevölkerung unter Waffen an der Elbe.“
„Wodurch Arbeitskräfte fehlen?“
„Ja. Eine Forderung ist daher, die Grenze hinter den Fluss zu nehmen und die Föderation, Föderation sein zu lassen.“
„Nur glaubt die Regierung, dass die Elbe so sicher nicht ist, oder?“
Markus wandte sich an seinen Begleiter. „Du bist der Fachmann. Ist die Elbe sicher?“
Hassan lächelte. „Für drei Jahre vielleicht. Wenn es hoch kommt, für fünf.“