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| Kap3.19 Silvester |
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„Lösen wir uns doch mal von Hitler und betrachten das Ganze etwas allgemeiner.“ Markus ging neben Hassan, auf dessen anderer Seite Alessandra ging, die während des Gespräches beizeiten die Brauen verzog. Gemeinsam waren sie auf dem Weg zu Sabine und Martina, wo sie Silvester feiern wollten.
„Nein, nein, mein Lieber, wenn Deine Ansichten allgemeingültig sein sollen, muss das ja auch für Hitler gelten.“ „Okay.“ Markus nickte geschlagen. „Hitler war sicher der größte Verbrecher aller Zeiten. Er hat vielleicht einige Mitwettbewerber auf diesen Platz, aber am Ende wird ihm dieser Titel wohl zuerkannt. Er hat mit seinen Taten und mit Hilfe seines Regimes die größten Verbrechen gegen die Menschheit begangen.“ „Aber trotzdem trifft ihn keine Schuld?“ hakte Hassan nach. „Seine Taten gehören verurteilt, und würde er noch leben, gehörte er vor ein Gericht, das ihn ohne jeden Zweifel für seine Verbrechen verurteilen würde.“ „Man würde ihm die Schuld an den Verbrechen geben und ihn im Namen der Gerechtigkeit verurteilen?“ „Vermutlich würde man das so machen.“ „Ja, ja, gut. Häuptling glitschige Kröte. Also, wenn du der Richter wärst. Was würdest du tun?“ „Das Allerletzte, was ich sein wollte, wäre Richter. Aber schön, nach meiner Auffassung sollte man ihn im Namen der Gesellschaft, ihrer Regeln und, da er deren Gesetze verletzt hat, auch im Namen der Menschheit oder, wenn du so willst, im Namen der Menschlichkeit, verurteilen.“ „Aber nicht, weil er schuldig ist?“ „Weil er Verbrechen begangen hat.“ Sicherlich, das war Haarspalterei und Alessandra zog eine Grimasse, die ihr Gesicht aber nicht nachhaltig entstellte. Markus sah sich aber gezwungen zu ihr herüberzulächeln und in Richtung Hassan nachzusetzen. „Das ist übrigens der Grund, weshalb man Verbrecher verurteilen sollte. Weil sie Verbrechen begangen haben. In einem Rechtsstaat bedeutet das, dass sie gegen die Gesetze verstoßen haben.“ „Also können Verbrechen nur begangen werden, wenn es Gesetze gibt. Und ist es dann nicht denkbar Gesetze zu erlassen, die die Taten von Hitler rechtfertigen?“ „Mein Lieber, ich sagte: in einem Rechtsstaat. Wo kein Rechtsstaat ist, gibt es trotzdem Regeln oder Gesetze der menschlichen Gesellschaft und es besteht gar kein Zweifel, dass Hitler gegen diese verstoßen hat. Cato wollte Caesar vor dem römischen Senat anklagen, nachdem bekannt wurde, dass Caesar die Vernichtung der Usipeter und Thekterer befohlen hatte. Es gab zu der Zeit kein schriftliches, von allen Seiten verabschiedetes Völkerrecht. Trotzdem war allen klar, dass er dagegen verstoßen hatte. Er kam nur nicht zu dem Prozess, weil Caesar zu dieser Zeit schon zu mächtig war.“ „Markus, ich glaube auch, dass es Gesetzte der Menschlichkeit gibt. Ich glaube sogar zu wissen, wo sie herkommen. Aber unabhängig davon, kann ich mich bei Leibe nicht recht mit dem Gedanken anfreunden, dass Menschen wie Hitler keine Schuld tragen.“ „Es zwingt dich ja auch keiner.“ Er schob die Unterlippe vor. „Aber ich würde dich schon gerne auf die dunkle Seite der Macht ziehen.“ Hassan nickte. „Gerade, weil das ganze Thema etwas emotional ist, wollte ich ja ein anderes Beispiel wählen. Aber wie du sagst, wenn man eine These hat, oder einen Glauben, dann sollte er nicht nur in neunzig Prozent der Fälle passen sondern in hundert.“ Hassan nickte langsam mit dem Kopf: „Nun schön, ich denke…“ „Du, denkst jetzt bitte erstmal leise.“ Alessandra schaltete sich ein. „Mein lieber Herr Gesangsverein, Ihr seit heute wirklich keine dolle Unterhaltung. Es ist nicht gerade ein Feiertagsthema. Nun, habt Ihr noch drei Minuten, um mir noch mal zu erklären, weshalb Sabine und Martina heute zu Hause feiern wollten und nicht auf den Ball gehen.“ „Mein Herz, das hab ich dir doch schon gesagt.“ Hassan warf noch einen missbilligenden Blick zu Markus, beugte sich aber seiner Begleiterin. „Beide hatten ungefähr fünf oder zehn Einladungen und wollten nicht gehen, weil sie dann jeweils vier bis neun Leuten hätten vor den Kopf stoßen müssen.“ „Fünf bis zehn Einladungen. Hm, toll, Ich hatte nur eine -“ Alessandra schüttelte den Kopf. „und die war dienstlich.“ Markus sah zu ihr herüber: „Oh, du warst eingeladen. Entschuldige, aber das hab ich nicht gewusst.“ „Das hast du nicht gewusst?“ Alessandra senkte ihre Augenbrauen und sah zu Markus. „Hassan sagte, du hättest ihn gebeten, auf den Ball zu verzichten und mit ihm zu feiern.“ Hassan räusperte sich. Markus lachte: „Du hättest mit Alessandra zum Generalstabsball gehen können und wolltest lieber eine Dachgeschoßparty zu fünft feiern? Und dafür lügst du uns beide an?“ „Also“, stotterte Hassan, „lügen würde ich das nicht nennen. Vielleicht besser taktieren.“ Alessandra hielt Hassan nun vor der Haustür von Sabine und Martina an. „Taktieren, hm?“ Sie schüttelte den Kopf und lachte: „Lügenmaul.“ Und damit verschwand sie im Hausflur. Markus hielt Hassan noch einen Augenblick zurück: „Ich hoffe sehr, dass du wirklich lieber mit uns feiern wolltest und das nicht aus Mitleid mit mir getan hast.“ „Pah.“ sagte Hassan, machte sich frei und betrat den Treppenflur. Als sie oben angekommen waren, ergänzte er noch beiläufig: „Die Wahrheit ist, dass wir vier, die wir alle eingeladen waren, uns verabredet haben, damit du nicht allein zu Hause sitzt und weinst.“ Markus machte eine entnervte Bewegung, Alessandra, die den Anfang nicht mitbekommen hatte, rollte mit den Augen und Hassan knuffte Markus kurz, bevor er an der Tür klopfte.
Sabine öffnete die Tür: „Ach, schön, dass Ihr da seit. Ihr seit spät.“ „Die beiden haben getrödelt. Und sie haben mich unglaublich gelangweilt.“ Alessandra umarmte Sabine: „Lieb von Euch, dass Ihr uns eingeladen habt.“ „Nur weil du dabei bist. Die beiden sind wirklich unerträglich.“ Sabine begrüßte Hassan, der sie anstrahlte und küsste. „Ja, ja.“ Markus verzog den Mund. „Und das alles meinetwegen, wo ihr vier auf dem Ball soviel Spaß hättet haben können.“ Hassan, der die Tür zum Wohnzimmer erreicht hatte, verbesserte ihn: „Wir fünf.“ Markus blickte ins Wohnzimmer und sah David: „Na, toll. Zwei Paare.“ Er suchte Blickkontakt mit Martina, die matt im Sessel saß. „Engel, küsst du mich um Mitternacht?“ „Ja, vielleicht.“ gab die Angesprochene zurück. David begrüßte derweil Hassan und umarmte dann Alessandra. „So sehen wir uns doch noch.“ Sie lachte. „So klein ist die Welt.“ David wandte sich darauf Markus zu. „Hallo, mein Freund.“ Er verzog die Augen und deutete damit auf die nun hinter ihm sitzende Martina. „Sie ist nicht besonders gut drauf.“ Markus sah zu Martina: „Was ist los, hat er dich geärgert, soll ich ihn verhauen?“ Martina reagierte nicht und die beiden jungen Männer umarmten sich zur Begrüßung. „Was hast du denn mit ihr gemacht?“ fragte Markus. David schob die Lippen vor und zog die Schultern hoch. „Sabine sagt, sie sei zur Jahreswende immer ein bisschen melancholisch.“ Markus schüttelte den Kopf. „Da würde ich nicht viel drauf geben. Frauen lügen, wenn sie den Mund aufmachen.“ Sabine hatte das mit einem Ohr gehört und fragte: „Meint ihr mich? Wann hab ich gelogen?“ „Ach, du sollst ihm gesagt haben, dass er gut küssen kann.“ erwiderte Markus. Sabine kam zu ihm und gab ihm einen Kuss. „Keiner küsst so gut wie Du, mein Schatz.“ David sah die Szene kopfschüttelnd an und sagte: „Frauen lügen, wenn sie den Mund aufmachen.“ Markus ließ die beiden stehen und ging zu Martina. Er versuchte, sie so gut es ging zu umarmen, was nicht so einfach war, da sie am Polster zu kleben schien, und fragte: „Taubedecktes Blütenblatt in der aufgehenden Frühlingssonne, was kann ich für dich tun, mein Liebling?“ Martina lächelte mit einem Auge: „Nichts Süßer, schön, dass du da bist.“ „Hassan, was meintest du mit: wir fünf, als du kamst“ fragte David. An Stelle von Hassan antwortete Markus: „Oh, er meinte, Ihr fünf hättest heute Abend bessere Einladungen und würdet nur aus Mitleid mit mir feiern. Dabei ist er sicherlich der Einzige, der richtig heiß auf diesen Ball war.“ „Oh, Alessandra“, leitete David die Frage weiter, „bist du nicht mehr im Außendienst?“ Alessandra schüttelte den Kopf und einige Anwesende taten das auch aber aus anderem Grund, also erklärte David: „Das ist ein bisschen kompliziert. Normal sind die Mitglieder im Generalstab zu der Feier eingeladen – mit Begleitungen natürlich. Dazu kommen die Offiziere der Fernaufklärer. Dieses Jahr dürfen allerdings die in der Föderation noch aktiven Aufklärer nicht kommen, da zum Ball eine Delegation der Awarier erwartet wird.“ Markus nickte. Dann wandte er sich an Hassan. „Wolltest du wegen der Delegation nicht zu dem Ball?“ „Ihr seit alle total bescheuert.“ Martina stand auf: „Ich gehe kochen.“ Die Anwesenden sahen ihr schweigend nach. Markus räusperte sich: „Die Einladung galt wohl ausnahmsweise mir.“ Und ging ihr nach.
„Was willst du denn hier?“ Martina hatte ein Küchenmesser in der Hand und betrachtete eine Zwiebel vor sich. Markus interpretierte diesen Satz erneut als Einladung und sagte: „Ich dachte, du würdest mir beim Kochen ein bisschen Dein Herz ausschütten.“ Markus begutachtete das Werkeln von Martina. „Außerdem wollte ich verhindern, dass du dir die Pulsadern aufschneidest. Vielleicht gibst du mir das Messer und lässt die Zwiebel in Ruhe. Naher tust du ihr noch weh.“ Markus übernahm das Equipment und begann mit den Kochvorbereitungen. Martina stand noch neben ihm. Er sagte zu ihr: „Hübscheste, einen Penny für Deine Gedanken.“ Als diese nicht antwortete, fügte er hinzu: „Ärgert es Dich, dass er da ist?“ Martina kaute auf einer Olive. Markus probierte die Oliven und stellte fest, dass es eine gute Entscheidung gewesen war. Er schnappte sich eine Zweite. „Nein.“ Sie sprach nicht leise oder unsicher, aber langsam. „Nein, es stört mich nicht. Ich mag die beiden ja. Und sie sollen ja auch heiraten.“ „Aber nicht schon im kommenden Jahr?“ „Nein, wenn es geht, nicht.“ Sie schnaubte kurz durch die lange Nase. „Er ist jetzt seit einem halben Jahr S3 im Regiment von Reser-Weiden. Da wird er normalerweise noch eine Weile bleiben. In der Zeit wird er nur selten nach Kiel kommen können. Ich dachte, zumindest so viel Zeit haben wir noch.“ Ob Martina in ihr „wir“ auch Markus mit einschloss, war nicht klar, aber er addierte sich dazu und fragte: „Hat Sabine was gesagt?“ „Nein.“ Martina schüttelte den Kopf. „Sie ist genau genommen auch nicht immer sehr lieb zu ihm. Sie hat ihn zum Beispiel gar nicht eingeladen. Er hat sich, würde ich sagen, ein bisschen aufgedrängt.“ „Gut.“ sagte Markus. „Ich hatte schon befürchtet, ich sei aus dem Rennen.“ Martina lächelte, machte dabei aber eine abfällige Bewegung. Dann nahm sie eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Fein, dachte Markus, von dem Sekt werde ich sicher viel zu Gesicht bekommen. Er machte sich ein Bier auf. Markus blieb nicht lange allein. David kam mit zwei gefüllten Gläsern. Als Markus auf sein Bier verwies, kippte David den Inhalt beider Gläser in eines. „Ist sie böse auf mich?“ fragte er. „Würde ich so nicht sagen.“ gab Markus zurück. „Sie hasst Dich.“ David prustete. Die Kohlensäure machte ihm zu schaffen. Also sagte Markus. „War nur ’n Spaß, mein Lieber. Aber sie ist ein bisschen besorgt, dass du Sabine vielleicht schon kommendes Jahr heiraten könntest.“ „Nee, das wird wohl nichts.“ David schüttelte den Kopf. „Sie will nicht. Und es ist wohl auch besser. Ich werde so schnell nicht nach Kiel kommen können. Nun ja, vielleicht in zwei Jahren. Dann könnte ich mir ein Bataillon in der Nähe suchen.“ „Oh, ich dachte, du würdest vielleicht vorher in den Stab hierher kommen.“ „Ist nicht sehr einfach. Es sieht so aus, als ginge ich vorher erstmal in einen Divisionsstab in der Ebene. Na ja, vielleicht klappt es doch noch mit Kiel. Wer weiß?“ „Und was für ein Bataillon in der Nähe wäre das? Hier gibt es keine Grenzen.“ David lachte. „Vielleicht beim Heimatschutz.“ „Na, du kannst sie wohl wirklich gut leiden. Ist nur die Frage, ob sie dich dann noch wollte. Am Ende wärst du nicht mehr als mein Kommandeur.“ „Ja, da fällt mir ein: du hast jetzt Cheflehrgang und Laufbahnprüfung abgeschlossen, oder?“ Markus machte eine zustimmende Geste, während er sich an die Paprika machte. „Ja, ist soweit ganz gut gelaufen.“ „Wie ich gehört habe, hattest du eine ganze Ecke Punkte, die dir eine gute Karriere öffnen würden, wenn du nur Berufssoldat wärst.“ „Lass uns über Punkte nicht sprechen. Ich hatte an der Offiziersschule schon gesehen, dass du auf Platz drei der ewigen Bestenliste stehst.“ David nahm einen kräftigen Schluck. „Ja, die beiden Drecksäue.“ Markus lachte. „Von denen einer jetzt Dein Kommandeur ist.“ „Ich nehme das für ihn mit der Drecksau zurück. Sagen wir Schweinebacke.“ „Magst du ihn?“ „Ob ich Reser-Weiden mag? Ja. Ja, bestimmt, allerdings,“ er machte eine kurze Pause, „Er macht es mir nicht leicht und ist gelegentlich ein wenig reserviert zu mir. Ich muss ihm schon Einiges zeigen.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber was rede ich, du kennst ihn ja.“ „Ja, ja. Ich habe ihn ein paarmal gesehen, aber da hat er nicht viel gesagt. Er hat mich eigentlich nur die ganze Zeit geknuddeln. du weißt ja, wie das ist. Er ist ein bisschen aufdringlich vertraulich.“ „Ja, so ist er.“ David grinste. „Das Schlimmste ist aber: er nicht viel älter ist als ich. Wenn es dann irgendwann darum geht, Präsident zu werden, werde ich ihn wohl beseitigen müssen.“ Markus stimmte auf einem Stück Paprika kauend zu. „Das wäre wohl legitim, wenn er dir im Wege steht. Ich weiß nur nicht, was Sabine sagen würde. Soweit ich das verstanden habe, will sie nicht unbedingt die Präsidentengattin werden.“ Er schob die Lippen vor. „Ich fänd’s auf jeden Fall toll. Und es ist mir eine Ehre, heute der Koch des zukünftigen Präsidenten sein zu dürfen.“ „Oh, entschuldige. Ich war mit meinen Gedanken woanders. Soll ich dir helfen.“ Markus lachte David grunzend zu. „Ja, ja, soweit kommt das noch, dass du in unserer Küche hilfst.“ Die Zwiebeln für die Füllung der Enten dünsteten leise in einem Topf vor. Nun begann er, Pflaumen zu entkernen, die aus seiner Sicht nur bedingt dazu passten. Aber wenn die Mädchen es so wollten. „Wollte er etwa frech werden und sich wieder reindrängeln, mein Schatz?“ Sabine hatte die Küche betreten und ging zu Markus. Der legte seine Unterarme um ihre Hüfte, besorgt, sie nicht mit seinen glibschigen Händen zu berühren. „Engel, er hat mir gerade gesagt, dass du ihm einen Korb gegeben hast, weil du auf mich warten willst?“ „Auf dich warten! Kannst du vergessen, Süßer. Soll ich dir helfen?“ Markus überlegte: „Alessandra kann vermutlich am besten kochen, aber sie ist wohl die einzige, die lieber zum Ball gegangen wäre und von daher fällt sie raus. Martina und Hassan können in der Küche gar nichts. David darf nicht. Wenn wir also noch vor Mitternacht etwas zwischen die Zähne bekommen wollen, solltest du mir vielleicht etwas unter die Arme greifen.“ „David, ob du den anderen vielleicht noch eine Flasche Sekt bringen magst?“ Sabine holte eine Flasche aus dem Kühlschrank und gab sie David, der nach einer leichten Verneigung ins Wohnzimmer entschwand. Markus schob die Unterlippe vor und sah Sabine an. „Ach, du bist aber auch grausam, wie kannst du mich Schatz und Süßer nennen und ihn so kalt nur David?“ Sabine lachte. „Liebling, du verstehst aber auch so rein gar nichts von Frauen.“ Markus machte eine Geste mit dem Daumen in Richtung Wohnzimmer. „Ihmsen etwa?“ Sie schüttelte mit einem Lächeln den Kopf. „Nein, natürlich nicht, Dummerchen, sonst könnte ich ihn ja nicht so zappeln lassen.“ Markus krauste die Brauen und legte die Stirn in Falten. „Teil des Vorspiels, hm? Aber ist das nicht ein bischen gefährlich?“ „Nein.“ gab Sabine zurück. „Genau bemessen.“ „Ach, ich wünschte, jemand würde sich bei mir mal soviel Mühe bei der Bemessung geben.“ Sabine nickte: „Wie ich sagte, du hast keine Ahnung.“ Dann sah sie mit plötzlich geweiteten Augen auf sein Treiben. „Was kochst du da eigentlich? Die Pflaumen sollten auf den Nachtisch.“ „Oh.“ Markus spitzte den Mund, während er den Pflaumen im Topf hinterher sah. Dann glättete sich sein Gesicht. „Wie schön. Es gibt Nachtisch.“
Alessandra hatte als Letzte ihren Unterteller, auf dem sich soeben noch Panna Cotta mit Orangenlikör befunden hatte, auf den Tisch gestellt und sah zu Markus. „Das war große Klasse.“ Markus winkte ab. „Kein Vergleich mit Deinen Kochkünsten. Aber ich fand es auch ganz passabel.“ „Ja, ja, ganz passabel.“ David schüttelte dann den Kopf. „Nun ja, ich hätte die Pflaumen vielleicht für den Nachtisch aufgespart. Aber ja, auch mit dem Likör war das okay.“ Er wandte sich an Alessandra. „Sag, was wolltest du letztens von meinem Boss?“ „Na ja, jetzt kann ich es ja vielleicht sagen. Ich hatte nur gehört, dass er wieder nach Kiel kommen soll und wollte ihm die gute Nachricht überbringen. Damals war es aber noch nicht offiziell.“ „Wann war das?“ fragte Sabine. „Anfang des Monats.“ Martina sah auf und Sabine nickte. „Du bist gut informiert.“ Alessandra lachte. „Ich bin Agentin!“ „Man muss wohl sagen, du warst Agentin, wie ich heute erfahren musste.“ Hassan hatte das offensichtlich nicht gewusst und seine Schwierigkeiten, das einzuordnen. „Mein lieber Hassan.“ sagte Alessandra. „Ich weiß, dass du mich jetzt nicht mehr liebst. Aber wenn ich nicht auf den Auslandseinsatz verzichtet hätte, hätte ich mich gar nicht mit dir einlassen dürfen.“ „Oh.“ sagte Markus an Hassan gewandt: „Das ist allerdings eine ganz gute Erklärung, weshalb sie bei dir nicht früher rangegangen ist, wie Blücher an der Katzbach.“ Alessandra stellte klar. „Das mag wie ein guter Grund klingen. Die Wahrheit aber ist, dass ich ganz allgemein bei Männern nicht rangehe, wie Blücher an der Katzbach, wie du es auszudrücken beliebst. Ich pflege, mir den Hof machen zu lassen.“ Nun war Alessandra bestrebt, das Thema zu wechseln. „Wo wir gerade bei Geheimnissen sind. Was mich wundert ist, dass Ihr nie eine Vorsuppe macht. Ich meine, wie gesagt, nicht dass etwas gefehlt hätte. Ich wundere mich nur.“ Markus sah sich als Koch geneigt, die Frage zu beantworten. „Weißt Du, das liegt daran, dass Martina bei der Nahrungsaufnahme mit Esslöffeln so ihre Probleme hat. Dafür ist ihr…“ Er sah zu Martina und in Anbetracht ihres Blickes ließ er den Satz unvollendet. „Glaub ja nicht, dass dieser schmale Mund um Mitternacht auch nur in die Nähe von Deinem Plappermaul kommt.“ Martina fixierte Markus ohne Lächeln, aber ihr Mund, hoch wie breit, war leicht geöffnet, das linke Auge halb geschlossen. Markus stutzte eine halbe Sekunde und fand dann mit einem Lächeln die Kurve. „Liebling, Dein Mund ist perfekt, nur die Löffel sind es halt nicht.“ „Ja, ja, winde dich nur.“ Martina sah ihn an. „Gegebenenfalls könnte ich allerdings meinen Zorn bändigen – was nicht heißt, dass ich dir dann irgendwie gewogen wäre oder irgendwann wieder so etwas wie einen Kuss geben würde – wenn du mir eine Frage beantwortest.“ „Ich Dir?“ frohlockte Markus. „Ich dachte, du würdest schon alles wissen. Manchmal denke ich, du arbeitest in der Redaktion …“ Martina unterbrach mit trockener Stimme. „vom Fähnlein Fieselschweif?“ Markus lachte. „Selbst meine abwegigen Gedanken kennst Du. Also, ich bin gespannt. Wie kann ich den Überfluss speisen?“ „Okay, nach zwei besonders flachen Witzen von dir ziehe ich meine Frage zurück.“ „Oh, Engelsgesicht, meinen rechten Arm würde ich dafür geben, dir eine Frage beantworten zu dürfen.“ „Na gut.“ Sie zog ihre Brauen zusammen. „Kurz gesagt: Alessandra sagt, du würdest sagen, es gäbe keine Schuld. Gibt es folglich auch keinen Verdienst?“ „Du meinst irgendetwas, was es rechtfertigt, dass manche Leute in einer großzügigen Penthouse Wohnung mit Dachterrasse leben und andere dicht gedrängt in Erdlöchern?“ „Mm-hm.“ Martina nickte. „Nun ja, was für eine einfache Frage von einem so schönen Geist. Es ist genauso wie bei der Schuld. Wenn jemand gegen die Regeln der Gesellschaft verstößt, wird er bestraft. Beherrscht jemand die Regeln die Gesellschaft, wird er belohnt. Das macht die Regeln gerade aus.“ Martina deutete ein Kopfnicken an. „Okay, das leuchtet mir ein. Du hast einen Gnadenpunkt zurück gewonnen.“ Alessandra mischte sich ein. „Aber ist das nicht ungerecht? Nicht jeder hat die gleichen Voraussetzungen, die Regeln zu beherrschen. Nicht jeder, zum Beispiel ist so hübsch, wie Martina.“ Markus zuckte mit den Schultern. „Ja, natürlich ist das ungerecht. Nicht jeder ist so schön und klug wie Ihr Drei. Nicht jedem werden die Regeln in der Art und Weise nahe gebracht, wie es für deren sorgsame Einhaltung notwendig wäre. Nicht jeder hat soviel Glück wie Hassan, der, obwohl auf der falschen Seite der Elbe geboren, es noch geschafft hat, den Schuh zu machen und der noch dazu so eine bezaubernde Frau abbekommen hat. Und das er nicht vollkommen blöd ist, ja nicht einmal dafür kann er was. Er hat ein paar ordentliche Gene mitbekommen und mit Eltern, Freunden und Lehrern zudem Glück gehabt. Was soll ich sagen, der Straftäter hat Pech, die Opfer sowieso. Und wir, wir haben, alles in einem genommen, Glück.“ Er sah zu Martina. „Mit Ausnahme von mir vielleicht, der ich ungeküsst ins neue Jahr gehen muss.“ Hassan stand seiner Frau bei, die, wie er, nicht so ganz überzeugt war. „Aber ist es…“ Markus wackelte mit dem Kopf und plapperte leise vor sich hin. „Aber, aber, aber.“ Auf den strengen Blick von Hassan stoppte er. „Diesen einen Punkt noch, okay mein Freund?“ Markus nickte. „Sicher, mein Lieber.“ Er hob unterstützend die Hände. „Aber wollen wir danach ein bischen fröhlich sein und feiern?“ „Ja, tut mir leid.“ Hassan zügelte sich. „Lassen wir das.“ Martina zog ohne Schuldgefühle die Brauen hoch. „Alles meine Schuld. Ich werde zum Ausgleich noch was zu Trinken holen,oder wollt Ihr nach dem Essen einen Espresso?“ Auf die allgemeine Zustimmung hin wandte sie sich an Markus. Espresso Zubereitung gehörte nicht zu ihren Leidenschaften. „Okay, ich hole doch nichts. Süßer, wenn du das machen wolltest, könnte ich kaum noch böse auf dich sein.“ Markus strahlte sie an. „Na, wenn das nichts ist.“
Auf dem Rückweg ins Wohnzimmer sah Markus Martina in ihrem Zimmer sitzen und telefonieren. Er hatte das Klingeln gehört und ärgerte sich nun etwas, dass es so lange dauerte. Bei den verbleibenden Vier angelangt, fand er das Gespräch in der Runde eingeschlafen vor. „Na, Ihr habt wohl offensichtlichen einen Kaffee nötig.“ bemerkte er. „Dank Dir, mein Schatz.“ antwortete Sabine. Hassan und Alessandra waren mit sich beschäftigt oder genauer mit dem Ausscheiden von Alessandra aus dem aktiven Aufklärerdienst. David ließ sich nichts anmerken und lächelte. Aber Markus konnte sich nur schwer vorstellen, dass er richtig glücklich über das Verhalten von Sabine war. „Wer ist dran?“ fragte Markus. David antwortete. „Einer von ihren Verehrern. Sabine sagt, es wäre wahrscheinlich, dass es jetzt den ganzen Abend so ginge.“ Markus konnte seine Frage an Sabine nicht zurückhalten. „Und erwartest du auch Anrufe, oder“, er wies mit dem Kopf auf David, „hat sich das rumgesprochen?“ Wieder antwortete David. „Nichts hat sich rumgesprochen, nichts steht fest. Madame liegt mit schwerer Migräne im Bett und lässt sich entschuldigen.“ Sie tranken ihren Espresso. Alessandra und Hassan schlossen sich an, aber dem Gespräch nicht. Als Mitternacht näher zog, zeigte David Markus einige Übungshandgranaten und eine Signalpistole. Sabine verbot den Einsatz. Beide waren, in unterschiedlichem Maße von Sabines Grobheit gegenüber David betrübt und in gleichem Maße über den entgehenden Spaß. Das Telefon klingelte sowie sie hörten, dass Martina aufgelegt hatte. David und Hassan waren beide wegen ihrer Begleitungen nicht Willens oder in der Lage, viel zu trinken. Markus wünschte sich, er wäre in die alte WG gefahren und hätte die Fünf auf den Ball geschickt. Hassan und Alessandra hatten ihre offenen Punkte wohl geschlossen und gingen in vertrauliches Knutschen über. Während David draußen eine rauchte, nahm Markus Sabine beiseite. „Herzchen, ich möchte bitte nur eine kurze Antwort. Diskreditiere ich Deinen wohl abgewogenen Plan, wenn ich jetzt gehe?“ Sabine sah ihn an, und Markus war entzückt. Sie dachte nach, und er liebte den Ausdruck in ihrem Gesicht, wenn sie das tat. Sie kam zu einem Ergebnis. „Wenn ich ehrlich bin, ja. Auf der anderen Seite ist die Situation für dich zugegebenermaßen momentan nicht wirklich optimal. Das sehe ich ein. Die Lösung ist folglich: Ich bringe Martina hierher oder schicke David weg.“ Markus lachte sie an. „Du bist das kälteste und berechnendste Wesen auf der Welt.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, lass nur. Ich kann auch gerne als fünftes Rad am Wagen hier sitzen bleiben, wenn es dir in den Kram passt.“ „Na gut, Ihr dürft sie benutzen, aber schmeißt sie nicht in irgendwelche Wohnungen oder direkt in den Hinterhof, ja?“ Er küsste sie lachend. David kam wieder herein und Markus erklärte ihm das weitere Vorgehen. „Okay, die Munition ist für Mitternacht frei gegeben und außerdem beschwert sich Deine Freundin, dass du trinkst wie ein Mädchen. Wie wäre es mit einem Grappa?“
Auf das neue Jahr stießen sie zu fünft an. Alessandra küsste Hassan, Sabine David und danach Markus. Dann gingen die drei daran, die bösen Geister mit einigen Krachern abzuwehren. Alessandra hielt sich kurz mit Blick auf Sabine zurück, schloss sich dann aber doch an. Markus hatte den Zeitpunkt gut gewählt. Es lag in der Luft, dass sich die Pärchen wieder zusammenfanden, als er ankündigte, Martina ein gutes neues Jahr zu wünschen. „Wann hast du aufgelegt?“ Markus stand im Rahmen der Tür. Martina saß auf ihrem Bett, das Telefon vor ihr. Sie sah mit Falten in der Stirn zu ihm auf. „Hallo Liebling.“ „Hallo Engel.“ sagte Markus und ging um das Bett, um sich davor zu knien und ihre Hand zu küssen. „Du hast aber auch keinen leichten Job.“ „Ich hab den blöden Stecker aus der Wand gezogen.“ Sie lächelte mit einer viertel Gesichtshälfte. „Knutschen die vier?“ Markus nickte. „Jetzt wohl schon. Zumindest Sabine und David konnte ich die letzten zwei Stunden noch davon abhalten.“ „Tut mir leid, mein Herz.“ Martina lächelte müde. „Gibst du mir einen Kuss?“ Er sah sie an. Sie machte keine übermäßig einladende Geste, aber das war bei diesem Gesicht auch nicht notwendig. Er küsste sanft ihre Lippen. „Schlaf du gut, Hübsches.“ Martina nickte.
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