Photo by dp

Kap3.13 Punkkonzert Drucken

Lars war ganz hingerissen von dem Gedanken, dem unterdrückten Awarier die freie, nordische Kultur näher zu bringen. Markus hielt das für eine annehmbare Idee und folgte ihm gemeinsam mit Hassan in eine Kneipe am Ostufer, in der am Abend eine tolle, junge, aufstrebende Band spielen sollte. Er hätte gern die Mädchen dabei gehabt, da er sich peinliche Einsamkeit in der Nähe der Tanzfläche ausmalte. Aber Sabine und Martina waren für eine Woche zu einer Weiterbildung nach Oslo.


Lars hatte Zeit, da Meike ihm den Laufpass gegeben hatte –  obgleich Lars es andersherum sah. So fuhren sie also zu Dritt hinüber auf die andere Seite der Förde. Als Markus das Ankündigungsplakat sah, schwante ihm Böses: Die Göttliche Zukunft präsentiert Sid and Nancy.
Im vorherrschenden Schwarz des Publikums fielen Markus und Hassan aufgrund der sparsamen Beleuchtung wenig auf. Die Göttliche Zukunft stellte sich als akzeptabel heraus.

„Ja, ich halt die Arbeit hoch, / ich bin so froh, wenn ich maloch. / Die Pause nehm ich niemals mit, / sie bring mich doch nur aus dem Tritt. / Ich stanz und schleif den ganzen Tag, / weil ich so gerne schuften mag. / Treibt dann der Schweiß mir aus der Por, / liegt das dran, dass ich jetzt bohr…

Ackern, bückeln, bügeln / Man kann mich kaum noch zügeln. / Hämmern, meißeln, Schrauben, / das ist, woran wir glauben.

Kleckern bringt mich leicht zum Kotzen, / Schaffen will ich und ranklotzen. / Die halbe Zeit ist bei mir Norm, / dafür halt ich mich stets in Form. / Das geht so leicht mir von der Hand, / ich tu es ja für’s Vaterland. / Das Schinden macht mich stolz und froh. / Verzeih: ich bin halt dumm wie Stroh.

Ackern, bückeln, bügeln / Niemand wird mich je zügeln. / Hämmern, meißeln, Schrauben, / bis mir die Lungen stauben. / Ackern, bückeln, hacken / Bis wir zuletzt abkacken. / Mulies, Esel, Pferde / Bis zum Schimmeln in der Erde…“

Hassan war der Sache gegenüber aufgeschlossen und mokierte sich auch nicht über den Namen der Band. Als Markus alter Schulkamerad auf die Bühne kam, bemerkte er. „Offenbar, gab es neben Sabine auch einige andere spannende Leute in Deiner Schule.“
Sid, er hatte seine Gitarre gegen einen Bass getauscht, und Nancy konnten noch immer nicht spielen und singen. Auf der anderen Seite schrieben sie ihre Texte noch immer selbst und die Melodien, seien sie von der Göttlichen Zukunft komponiert oder von ihr nur entsprechend auf den Instrumenten umgesetzt, waren in guter Nährung erträglich.

„Wir werden isoliert, doch nie alleine sein. / Niemals wird es geschehen, dass wir auf die Knie fallen. / Wir bitten nicht um Gnade, wir fragen nicht nach Gunst. / Wir zeigen keine Reue, wir geben niemals auf…“

„Die Texte haben etwas von ihrer ursprünglichen Primitivität eingebüßt.“ bemerkte Markus in Richtung Lars und Hassan. Lars hörte wohl weder Markus noch die Musik. Er suchte den Raum mit Blicken ab. Hassan nickte freundlich zurück, wobei das Nicken im Takt erfolgte und nicht klar wurde, ob er Markus verstanden hatte.

„Sie suchen Dein Vertrauen. / du kennst sie noch von früher. / Sie sind unter uns…“

Lars Augen leuchteten auf und verfinsterten sich sogleich wieder: „Da ist sie.“ Sagte er zu niemanden und Markus verstand ihn. Lars verschwand in Richtung Tresen.
Hassan nahm mit einem Lächeln das Bier entgegen, das Markus ihm reichte. Markus wünschte sich mehr denn je, dass die Mädchen da wären, oder er da wäre, wo sie sind. Zur Not, dachte er, würde es auch sein einsames Bett tun.

„Wir schossen gleich, als sie die Tür aufbrachen. / Wir gingen eng umschlossen, als es Zeit dafür war. / Wir stehen eng umschlossen, weil es dafür Zeit ist...“

In Markus entwickelte sich der Eindruck, dass seine alten Schulkameraden eine gewisse Endzeitstimmung erfasst hatte. Hassan hatte sich auf die Tanzfläche begeben und konnte dort mit einigen gekonnten Einlagen eine nicht unbeträchtliche Anerkennung ernten.

„Wir sind gekommen, euch zu zeigen, was ’ne Harke ist. / Wir sind gekommen, euch zu zeigen, wo der Hammer hängt...“

Nach eine Weile tippte Lars ihn von der Seite an und sagte: „Ich hau’ ab.“ Markus konnte nur im nachhinein erschließen, dass der Tonfall darauf hindeutete, dass er ohne Begleitung ging. In dem Moment, in dem Lars sprach, war Markus auf jemand anderen konzentriert gewesen. Vielleicht war es nur der Bruder, dachte er. Aber er sah ihm doch sehr ähnlich. Die Person saß am Tresen und gestikulierte wild mit einem Punk neben ihm.

„Die Anderen sagen, sie kommen – und wir werden gehen. / Die Anderen sagen, sie glauben – und wir glauben ihnen nicht. / Die Anderen sagen, sie leben – aber wir, wir haben gelebt…“

Markus stellte seinen rechten Fuß auf den Barhocker der gestikulierenden Person und sah sie an.
David spannte kurz seine Muskeln an und entspannte sie, sobald er Markus erkannt hatte. Er lachte. „Was machst du denn hier?“
„Ich wohne hier.“ Markus zog die Schultern hoch.
David’s Nachbar verlangte keine Erklärung. Es schien, als sei er zufrieden, endlich seinen Kopf auf den Tresen legen zu können. Also umarmte David Markus, nahm seinen Becher mit Korn und folgte ihm zu dem Tisch, auf dem Markus sein Bier stehen hatte. „Sind die Mädchen auch da?“ wollte David wissen.
Markus schüttelte den Kopf. „Die sind auf irgendeinem Lehrgang in Norwegen und kommen erst nächste Woche zurück. Seit wann bist du in der Stadt?“
„Grade erst angekommen und ich muss morgen zurück. Schade, dass ich Sabine nicht zu Gesicht bekomme. Aber gut, dass ich dich hier treffe. Ich war bei Deiner neuen Wohnung.“
Markus nickte verständig. „Und als du mich auch nicht gefunden hattest, bist Du, was liegt näher, hier herüber gekommen und hörst dir ein gutes Konzert an.“
„Gute Musik, oder?“ David nickte im Rhythmus.
Markus war nicht geneigt, dieses Thema näher zu erörtert, noch seine Antwort angemessen zu differenzieren. So sagte er schlicht: „Beschissen.“

„Wir lügen und wir stehlen, wir töten, um zu leben. / Durch die Straßen gehen wir allein – nur die Schatten folgen uns. / Uns wird niemand etwas nehmen. Wir sind reich und frei…“

„Ich hatte mir vielleicht auch etwas mehr versprochen. Aber immerhin. Geht ja ganz gut ab.“
„Ja, ja. Ganz gut.“
Markus wurde von Hassans Hand, die auf seine Schulter schlug, unterbrochen. „Das geht gut ab, mein Lieber.“ Er sah zu David. „Wer ist Dein Freund?“ Hassan reichte David die Hand.
„David.“ stellte er sich vor. „Du musst der Flugzeugmann sein?“
„Ja, Hassan.“ bestätigte Hassan. „Und du bist der Verlobte von Sabine?“
„Ungefähr.“ gab David zurück, dem der Geräuschpegel für die Erörterung solcher Fragen zu hoch erschien.

„Du stinkst, als wärst du ein Soldat. / Bist du Pionier, du Schrat? / Bist du Grenni oder Schütze / Ein Arsch bist du und auch bald Grütze…“

Einer der Konzertbesucher tippte Hassan an und redete auf ihn ein. Markus verzog das Gesicht und wandte sich an David. Auch hier fand er keine adäquate Unterhaltung. David war zum Tresen aufgebrochen, wohl um seinen Becher neu füllen zu lassen.
Der Punk, der soeben mit Hassan gesprochen hatte, nahm Markus zur Seite. „Sind Sie der Führungsoffizier von Herrn Rahimi?“
Markus weitete die Augen und nickte.
„Verschwinden Sie auf der Stelle! Und nicht gleich sondern jetzt.“
Markus nickte erneut. Er hatte keine Probleme, Hassan vom Weggehen zu überzeugen. David machte etwas mehr Schwierigkeiten. Markus drückte die drei Schnapsbecher, die David mitgebracht hatte, einer düsteren Gruppe von Musikfreunden in die Hand, und zog seinen Freund mit hinaus.

„Wir können nicht aufgeben, weil wir Träumer sind. / Wir können nicht verlieren, weil wir zusammen sind. / Wir können niemals scheitern, weil wir zusammen fallen…“

„Oh, Scheiße!“ David hatte als Erster die Phalanx der Sicherheitsorgane die Straße vor dem Eingang des Nachtlokals herauf kommen sehen.
„Ihr beide haltet besser den Mund!“ wies Markus seine Begleiter an und steuerte den Offizier der Feldjäger an. „Guten Abend, Herr Leutnant. Oberleutnant Jansen, Führer des ersten Zuges, Vierte Panzerbataillon 2214 und im Auftrag von G2 Führungsoffizier von Hassan Rahimi.“ Er wies auf Hassan und zeigte seine Papiere. „Wir waren im Rahmen der kulturellen Eingliederung hier, haben uns wohl aber ein wenig in der Aufführung vertan.“
Der Offizier zog die Brauen hoch. „Den Eindruck habe ich auch.“ Er zeigte auf David. „Und wer ist das?“
„Das ist ein Mann aus meinem Zug. Ich habe ihn sicherheitshalber mitgenommen. Man weiß ja nie hier.“ Markus machte eine Geste, die das Spezielle und das Allgemeine seiner Aussage verstärken sollte. „Ich kann morgen zu Ihnen kommen und die entsprechenden Dokumente vorzeigen. „Der Herr Stabsunteroffizier hat es vorgezogen, seinen Ausweis zu vergessen. Wie gesagt…“
„Man weiß nie so genau.“ ergänzte der Militärpolizist und schob seine Lippen vor, während er David betrachtete. „Gut.“ Er sah zu Hassan und dann zu Markus. „Ich kann Ihnen nur empfehlen, in Zukunft bei der kulturellen Eingliederung etwas mehr Feingefühl walten zu lassen.“ Der Offizier der Feldjäger machte seinen Männern mit einer Geste deutlich, dass die drei passieren durften.
Markus nickte freundlich und wies seinen Freunden den Weg. „Machen wir, dass wir nach Hause kommen.“
David hatte damit keine Eile. Keine zwei Meter, nachdem sie den Posten passiert hatten, zündete er sich eine Zigarette an und nickte geringschätzig zu Markus. „So, so. Stabsunteroffizier.“
„Na, du hättest wohl lieber morgen in der Zeitung gelesen, dass ein aufstrebender Major der Grenztruppen betrunken bei eine subversiven Party aufgegriffen wurde.“
David lachte. „Dank Dir, mein Freund.“ Er klopfte Markus auf die Schulter. „Woher habt Ihr das gewusst?“
Markus wies auf Hassan. „Einer der Spitzel hatte ihn erkannt und gewarnt.“
Hassan nickte. „Soviel also zur Freiheit der nordischen Kultur. Was machen wir jetzt?“
David strahlte ihn an. „Oh, du bist offensichtlich nicht so ein Waschlappen wie unser Markus hier. Ich kenne da eine nette, kleine Kaschemme hinter HDW, mit so einer süßen, kleinen Brünetten am Tresen.“
„Eine süße Brünette also.“ Markus nickte. „Ich denke, ich kann heute reichlich Punkte sammeln.“
David hob abwehrend beide Zeigefinger. „Der Abend bleibt unter uns, ja?“
„Am Arsch die Räuber, mein Lieber.“

Markus gefiel das zweite Etablissement sehr viel besser. Zu später Stunde saßen die wenigen Gäste schwer angeschlagen an den Tischen. Die Musik im Hintergrund war langsam und leise. Und so nutzte er die Gelegenheit, der Brünetten seine Aufwartung zu machen. David, durch Markus’ Hinweis auf Sabine gehemmt, unterhielt sich mit Hassan.
„Was passiert da jetzt?“ Hassan wies mit dem Kopf grob in Richtung der Kneipe, aus der sie soeben geflohen waren.
„Die werden den Laden hochnehmen und die Personalien feststellen. Da es Militärpolizei war, werden sie die Leute wohl nur zur Ausnüchterung mitnehmen und dann Meldung an die Einheiten geben.“ David lachte. „Wäre es die Abwehr gewesen, hätte es schlimmer kommen können.“
„Und weshalb sind wir da jetzt so einfach raus gekommen?“
„Markus ist als Dein Betreuer bei G2 akkreditiert. Das heißt, seine Unbedenklichkeit wurde bereits untersucht und bescheinigt.“
„Und gilt das nicht für Stabsoffiziere der Grenztruppen?“
„Doch, das schon. Aber es macht den Feldjägern sehr viel mehr Spaß, Mitglieder der Feldeinheiten zu verunglimpfen als sich mit G2 anzulegen.“
„Und muss Markus da jetzt morgen hin?“
„Ach, wo. Der Mann hat ihm ja noch nicht einmal seinen Namen gesagt. Das wäre aber, wie gesagt, anders gelaufen, wenn es Leute von der Abwehr gewesen wären. Die hätten vielleicht ein Riesenfass aufgemacht und gefragt, was ein ehemaliger Offizier der Förderation bei solch einer Veranstaltung gewollt hat.“
Hassan war nun, um David besser Gesellschaft leisten zu können, ebenfalls auf Korn umgestiegen und trank nachdenklich.
„Ach, die Gefahr war nicht groß.“ David machte eine wegwerfende Handbewegung. „Mehr als ein Rüffel für schlechtes Benehmen war da nicht drin. Aber die Jungs werden langsam etwas grimmiger. Diese Protestbewegung, die sich da in den letzten Jahren etabliert hat, macht sie doch nervös.“
„Ja, Markus und Butunelli haben mir davon erzählt.“
„Alessandra Butunelli von der Fernaufklärern?“ David hob die Brauen.
„Ja, die.“ Hassan grinste.
„Eine hübsche Frau.“
Hassan nickte.
David kräuselte die Stirn. „Sonst noch was?“
„Naja, wie das so ist.“
„Hmm, und wie ist das so?“
Hassan lächelte. „Nun ja, sie ist eine charmante Person.“
David kniff ein Auge zu und legte den Kopf zur Seite. „Und wie läuft es so?“
„Ganz gut.“ Hassan nickte langsam und begann dann zu lachen. „Aber wie du sagst. Sie ist bei den Fernaufklärern und zu meinem Bedauern im Moment nicht da.“
„Bedauerlich.“ David nickte. „Offenbar bist du ja unserem Waschlappen auch in anderen Dingen voraus.“ Er sah sich um. „Was macht der eigentlich?“
Hassan schüttelte mit Blick in Richtung Markus den Kopf. „Noch keine nachhaltigen Erfolge erzielt, soweit.“