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Kap3.03 Prüfungsstress Drucken

Die Prüfung zum Bakkalaureus, oder Bachelor, wie es meist genannt wurde, und die dazugehörige Arbeit waren im Prinzip keine große Sache, nicht so etwas wie die Verteidigung einer Master- oder Doktorarbeit, bei der sich fast der gesamte Lehrkörper der Fakultät und, im Falle der Doktorarbeit, noch zwei externe Prüfer einfanden. Anwesend waren neben Markus nur Professor Kleist und ein Schriftführer, ein Doktorand des Professors. Da der Bachelor quasi eine Pflichtveranstaltung für alle Abiturienten war, die sich nicht mit Händen und Füßen dagegen wehrten – und so auch alle Chancen auf eine gute Stellung aufgaben, wurden die Studenten in einer Art Massenabfertigung durchgeschleust. Unangenehm war an dieser Prüfung nur,

dass Markus Herrn Kleist – und auch seinen Doktoranden, den er aus Kopenhagen mitgebracht hatte, erst einmal –  bei seiner offiziellen Vorstellung – gesehen hatte.
Kleist wirkte auf Markus ausgesprochen schlecht gelaunt. Er sah missfällig in der Arbeit, die Seiten rasch und geräuschvoll umblätternd. Als Nachfolger von Sörensen hatte er sein altes Büro bezogen. Nun mochten die düsteren Wolken und der Regen, der gegen die einzigen beiden Fenster an der Stirnseite peitschte, Markus‘ Einschätzung getrübt haben. Aber das Büro wirkte auf ihn unerfreulich und dunkel. Dann fiel ihm auf, dass die farbenfrohen Impressionisten an den Wänden freudlosen Bücherregalen mit schwarzen Ordnern und weißen Papierstapeln gewichen waren. Vielleicht war der Professor nicht schlecht gelaunt, sondern schlicht vom Wesen her ganz generell mies drauf, dachte er. Der Doktorand wirkte durchaus nett, sprach aber ein übles Deutsch – in Gegensatz zu Kleist, der ursprünglich aus Husum kam – und machte auch einen wenig gelösten Eindruck. Gelegentlich reinigte er seinen Kehlkopf durch ein Räuspern oder grinste schwächlich. Es schien Markus, als gäbe es bei Kleist nicht viel zu lachen.
Markus war das vergleichsweise egal. Seine Hoffnung, den Master machen zu dürfen, hatte sich seit der Nachricht vom Tod Sörensens ohnehin in Luft aufgelöst. Die zwei Wochen Lernens, die er sich vorgenommen hatte, hätten für eine Prüfung bei ihm sicherlich gereicht. Der anschließende Master war im Prinzip eine ausgemachte Sache. Nun hatte er sich damit abgefunden, die Uni zu verlassen und irgendeinen Job in der Entwicklung anzunehmen. Schwerer, als seine wissenschaftlichen Ambitionen aufzugeben, wog für Markus nur der Vergleich mit den Mädchen. Richtig arbeiten hatte er sie selten gesehen, aber er wusste, dass sie bald ihren Master abschließen und mit der Promotion beginnen würden. Wenn es nur einer der Dozenten aus Kiruna gewesen wäre, aber von Kleist hatte er noch keinen einzigen Artikel gelesen, geschweige denn, dass er ihn in der Arbeit zitiert hätte.
Professor Kleist geruhte von der Arbeit aufzublicken: „Kennen Sie die Brautprinzessin von William Goldman?“
„Sie meinen, die Hälfte der Arbeit kann man wegschmeißen und die andere ist ganz brauchbar?“ Markus kannte das Buch. Es war eine verschachtelte Geschichte, der ein fiktives Buch zu Grunde lag, das außerordentlich spannende und hahnebüchen langweilige Passagen besaß. Sicher hätte er gelacht, wenn Kleist ihm zumindest die Andeutung eines Lächelns hätte zukommen lassen.
Markus machte sich noch keine bewussten Hoffnungen, aber er hatte den Eindruck, dass eine gepflegte Offensive nicht schaden könnte: „Kommen Sie, nun sagen Sie nicht, ich hätte Ihnen die Pointe gestohlen!“
Kleist schwieg.
Nun hatte Markus nicht mehr viel zu verlieren. Wenn er schon – mit einer vier, schlechter ging es eigentlich nicht – rausflog, dann wollte er sich zumindest nicht erniedrigen. Gänzlich disziplinlos wollte er allerdings auch nicht erscheinen, also sagte er in das langsam bedrohlich werdende Schweigen: „Sie wissen“, er sprach jetzt vorsichtiger, „ich bin in der Verteidigung, ich werde mich jetzt nicht weiter vorwagen.“
„Als ich die Arbeit gelesen habe, und ich habe sie tatsächlich gelesen, dachte ich mir: was für ein kleiner Schnösel. Und Sie sind einer!“ Kleist sprach langsam. „Ja, vieles davon kann man wegschmeißen. Und einiges ist brauchbar, um nicht zu sagen, sehr gut. Sie haben manche Sachen durchdacht, verstanden und weiterentwickelt – sehr gut weiterentwickelt. Das Problem ist, einige Sachen, einige ganz fundamentale, haben Sie gar nicht interessiert. Sie fanden sie langweilig, Sie haben sie nicht durchdacht. Sie haben sie nicht verstanden. Sie haben sie lieblos und zum Teil falsch aus Lehrbüchern abgeschrieben. Mehr als eine vier dürfte ich Ihnen dafür nicht geben.“ Er pausierte kurz. „Nun sind ein paar Sachen, wie gesagt, ganz annehmbar.“ Kleist steckte sich eine Zigarette an.
Ganz annehmbar war nicht das, was er vorher gesagt hatte, aber Markus wollte hier nicht unnötig unterbrechen. Rauchen hingegen wollte er auch, aber vorerst unterdrückte er das Verlangen.
So fuhr Kleist fort: „Eine Arbeit zu schreiben ist wie ein Puzzle zu legen. Ihnen werden die vier Eckstücke vorgegeben. Ihr Professor wählt diese Eckstücke entsprechend eines Bildes, das er vor sich hat. Es ist nun Ihre Aufgabe, zunächst die Randstücke zu finden, die nur wenige Nachbarn haben und deren Stoßstellen schon sichtbar sind. Nach und nach arbeiten Sie sich von allen Seiten kommend zur Mitte vor – zu den schwierigen Puzzleteilen, mit vielen Nachbarn und noch unbekannten Verbindungsstellen. Eine sehr gute Arbeit füllt das Zentrum, ohne Flächen frei zu lassen und ohne Teile zu verbinden, die nicht zueinander passen.“ Er zog an seiner Zigarette. „Sie haben ein hübsches Zentrum. Und nach außen hin wächst die Anzahl der weißen Stellen und der fehlerhaften Stoßstellen. Puzzleteile werden von Ihnen mit dem Hammer ins Bild gezwungen.“
Markus räusperte sich still, sah Kleist dabei jedoch in die Augen.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wenn Sie bei meinen Fragen gleich, nicht völlig versagen, hören Sie ab Herbst die Kursvorlesungen noch einmal – als Übungsgruppenleiter. Ich werde Ihnen in Ihre Gruppe ein paar ordentliche Studenten aus dem Jahrgang stecken. Und wenn Sie weiterhin denken, der prosaische Stoff sei unter Ihrer Würde, werden Ihnen die kleinen Rabauken gehörig die Hosen ausziehen.“
Markus nickte und zündete sich eine Zigarette an.