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Er lag sehr wohlig mit dem Kopf in den zwei Kissen, die er brauchte – die Decke nur halb übergezogen. Er versuchte nicht aufzuwachen, wenngleich ihn die Sonne, die sich durch die Gardinen bemerkbar machte, störte. Er hatte von Karen-Maria geträumt. Was, das wusste er nicht mehr. Es war sicherlich nicht die in dieser Beziehung etwas missglückte Abiturfeier gewesen. Denn es war etwas Angenehmes, vermutlich niemals Geschehenes gewesen. Er versuchte dieses Gefühl zumindest so gut es ging aufrecht zu erhalten. „Komm, steh auf! Es ist Zeit.“
Nach Hassans Ruf ins Zimmer konnte Markus sich beim besten Willen nicht mehr vormachen zu schlafen. Er war wütend, und die Wut ließ den verbliebenen Schlaf in wenigen Augenblicken von ihm weichen. „Zeit für was? Es ist Sonntag!“ Hassan steckte den Kopf in die Tür. „Ich will dir was zeigen.“ Und schon war der freundliche Kopf, auf den er so wütend war, verschwunden. Markus tapste in die Küche und griff ohne Dank nach der Tasse Kaffee, die Hassan ihm reichte. „Komm, komm, komm. Duschen! In zehn Minuten müssen wir los.“ „Und wo geht wir bitteschön hin?“ Markus sprach in der festen Überzeugung, nirgendwo hingehen zu wollen. „In die Kirche.“ „In die Kirche?“ Das schien so absurd, dass Markus noch nicht einmal Abfälligkeit in seine Gegenfrage legen konnte. „Ja, in die Kirche. Heute ist mein erster Tag.“ „Dein erster Tag? Du gehst doch alle Nase lang dahin.“ „Komm, komm, komm, sei nicht so träge!“ Hassan spielte schnell, zu schnell für Markus Augen, mit seinen Fingern. „Ich bin heute dran. Und ich brauche zumindest einen Freund im Publikum.“ „Du bist heute dran? Du meinst… Mhmm. Was soll ich anziehen?“ „Was du anziehen sollst? Welchen Alternativen hast du denn?“ „Hose, T-Shirt oder Uniform.“ „Na siehst Du. Uniform fällt raus. Also?“ „Okay. Ich mach ja schon.“ Auf dem Weg ins Bad drehte er sich noch einmal um. „Kannst du mir vielleicht ein Brot machen oder so was?“ „Am Arsch die Räuber“, er hob den Zeigefinger, „Erbauung am besten hungrig.“
Hassan hatte ihm eine Schnitte gemacht. Und während sie den Weg hinunter zum Gotteshaus gingen, sank bei Markus langsam der Missmut. „Wieso hast du mir das nicht vorher erzählt?“ Hassan hatte die Frage wohl verstanden, seinen Blick aber zum Portal der Kirche gewandt. Statt eine Antwort zu geben sagte er leise: „Butunelli.“ Markus erkannte die schlanke, dunkelhaarige Gestalt. Er deutete den leisen Tonfall mit Sorge. Möglicherweise verstieß Hassan gegen seine Auflagen, und er, Markus, verletzte seine Pflicht als Aufpasser. Die Sorge war nicht begründet. „Alessandra Butunelli. Welch eine Freude, Sie hier zu sehen.“ „Der Dienst treibt mich, Herr Rahimi.“ Sie gaben sich die Hand, dann wandte Alessandra sich an Markus. „Hallo Herr Jansen. Ich hatte Sie nicht als eifrigen Kirchgänger eingeschätzt.“ „Der Dienst treibt mich, Frau Major.“ Er reichte ihr die Hand. Alessandra nahm sie mit einem so freundlichen Lächeln, dass Markus sich schämte, sie mit ihrem Dienstgrad angeredet zu haben. Dann wandte sie sich wieder an Hassan. „Sie können sich glücklich schätzen. Die Kirche wird fast voll sein. Ich habe von keinem Geheimdienst gehört, der nicht zumindest zwei Agenten schicken wollte.“ Hassan nickte. „Wunderbar. Das sind genau die Leute, die ich missionieren wollte.“ An Markus gerichtet: „Ich muss mich jetzt kurz vorbereiten. Mach mir keine Schande. Halt dich an die Frau Majorin.“ An diese gewandt sagte er: „Wenn Sie mich nun entschuldigen wollten. Ich hoffe, wir sehen uns nach der Vorstellung wieder.“
„Sie kennen sich mit dieser Art Gottesdienst aus, Frau Butunelli?“ „Ach, wissen Sie.“ Sie stupste ihn sachte in Richtung Eingang. „Ich habe wohl in zwanzig Kirchen der Föderation Gottesdienste gehört. Aber auskennen? Nein. Sie machen es überall anders. Es gibt die bigotten Provinzen mit ihren unterschiedlichen, aber je Region streng einzuhaltenden Ritualen. Es gibt die liberaleren Gemeinden und es gibt Rom. In Rom findet jeder, was er haben will – von öffentlichen Selbstgeißelungen über endlose Theologentraktate bis zu frivolen Partys.“ Die Kirche fasste vielleicht 400 Menschen – und füllte sich. Markus hatte neben Alessandra Platz genommen und betrachtete das Innere des einschiffigen Gotteshauses. Der Altarraum war schlicht. Es stand nur ein Rednertisch da, der wohl die Funktion einer Kanzel hatte. Rechts und links von ihnen hingen Bilder. Markus erkannte abgebildete Bibelgeschichten, aber auch Darstellungen, die aus dem Arabischen zu kommen schienen. Vor einigen standen Kerzen oder lagen Blumen. Maria mit Kind, so viel schien klar, genoss große Verehrung. Sie waren als Plastik gestaltet und scharrten eine Vielzahl von Kerzen um sich herum. Markus konnte nicht erkennen, wer Agent war und wer Gläubiger. Die Mehrzahl war wie er wenig feierlich gekleidet. Viele unterhielten sich angeregt, um nicht zu sagen laut. Plötzlich kehrte Ruhe ein. Markus sah nach vorn und erkannte Hassan. Es war nicht schwer, ihn zu erkennen, denn er trug keine Amtstracht. Vielmehr hatte er sein Erscheinungsbild in keiner Weise verändert. Wie Markus auch hatte er Jeans und T-Shirt an, beides in Blau. Er griff in seine Hosentasche und zog den Schal heraus, den Markus schon einmal gesehen hatte, und legte ihn sich um den Hals. Die Gemeinde war ruhig, aber nicht still. Einige waren gebannt, aber wohl weniger von der Autorität des Priesters als von der Erwartungshaltung, wie der Neue sich machen würde. Hassan hob die Hände und sprach Worte, die Markus wieder nicht verstand, wenngleich ihm Ausdrücke von Hassans Ansprache an die awariaschen Soldaten bekannt vorkamen. „Das gehört zu den wenigen Gemeinsamkeiten der Gottesdienste.“ Alessandra hatte sich halb zu Markus gewandt und murmelte: „In den Mittelmeersprachen Hebräisch, Latein, Griechisch und Arabisch werden Awarus Worte der Bekenntnis zu dem einen Gott wiedergegeben.“ Sie setzte hinzu: „Es gibt eine kurze und eine lange Version.“ Das Kirchenvolk war wenig beeindruckt. Auch andere flüsterten sich zu oder kauten auf einem Stück Kaugummi oder Tabak. Ehe Markus den Grund erkannte, hellte sich die Stimmung auf. Etwas später erkannte Markus weshalb. Hassan hatte mit den fremdländischen Lobpreisungen Gottes ein Ende gefunden und senkte die Hände. Offenbar hatte er zum Wohlgefallen der Gläubigen die Kurzversion gewählt. „Wie viele von euch habe ich eine weite Reise hinter mir. Wie für viele von euch ist dies nicht meine Heimat. Wie viele von euch bin ich Wanderer und habe das Haus und die Stadt meiner Mutter und meines Vaters verlassen. Wie viele von Euch…“ „Ja, ja, komm zu Potte, Priester!“ Ein Mann, der Schwierigkeiten hatte, seinen Kautabak nicht auf die vor ihm sitzende Reihe zu verstreuen, stand mit erhobenem Zeigefinder dort und gestikulierte in Richtung Hassan. „Ach, Sünder sei du stille! Bist du zur Erbauung hier oder zum pöbeln?“ „Erbauung nennst du das? Erbau uns, Priester, aber langweile uns nicht!“ Eine Frau aus der ersten Reihe hatte sich erhoben und fuchtelte nicht weniger mit Ihrer Hand, als es der Tabak kauende Mann vorher getan hatte. Hassan lehnte sich über sein Pult. „Erbauen soll ich euch? Wenn ich mich hier in diesem Hause Gottes umsehe, sollte ich euch wohl besser erst zerstören, ehe ich euch neu aufbaue.“ Er stellte sich wieder aufrecht. „Doch gebt mir vorher noch zehn Sekunden.“ Hassan lächelte. „Wie dem auch sei. Um es kurz zu machen. Ich habe bei euch eine neue Heimat gefunden und danke euch dafür.“ Hassans Lächeln erstarb. „Aberglaube, Mummenschanz, Götzenanbiederung. Was stehen dort Kerzen vor dem Weib?“ Er wies auf Maria. „Was hängen dort für Menschen im Haus Gottes an der Wand? Was glaubt Ihr? Wenn Ihr eine Kerze anzündet, wird euer Geschäft gedeihen, werden eure Kinder bessere Noten in der Schule bekommen, wird euer Sexleben erfüllter sein? Was ist, wenn Ihr für den Regen tanzt? Kommt dann Regen? Habt Ihr hier…“, er sah in die Runde und sagte in mildem Tonfall: „Die Damen und Herren der Staatsicherheit mögen mir die Formulierung verzeihen.“ Er fuhr im drohender Stimme fort: „Habt ihr hier am Arsch der Welt denn alles vergessen? Oder kommt Ihr aus gottverlassenen Gegenden der Föderation, wo man an weinende Marien glaubt oder an Feuer speiende Drachen?“ Die Zuhörerschaft war nun still. Der eine oder andere schob die Lippen vor und nickte anerkennend. Man war offenbar zufrieden. „Ich sage euch was. Niemand wird euch an Kerzen, Blumen und billigen Opfertand messen.“ Er hob die Hand. „Aber Er wird euch messen!“ „So, so“, traute sich ein Gemeindemitglied gegen den kanzelnden Hassan hervor. „Und woran wird man uns messen?“ „Oh, Sünder. Das weißt du genau. Er wird dich an Deinem Maßstab messen. Und du wirst sein die Summe Deiner Taten.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, Gott ist kein Erbsenzähler. Er fragt nicht nach Kerzen, die du gespendet hast, er fragt nicht, ob du regelmäßig Deinen Kirchgang absolviert hast oder ob du dich vielleicht in einer stillen Stunde an dir selbst vergangen hast. Nein, er wird fragen: Sünder, wird er fragen, Mensch, denn nur du kannst sündigen, was hast du mit der Freiheit, die ich dir gegeben habe, getan? Er wird fragen: hast du sie zu meinem Wohlfeil eingesetzt, hast du die Gesetzte der Menschlichkeit zu meiner Freude beachtet oder hast du die Gesellschaft um Deinetwillen betrogen?“ „Nun, nun, Priester. Das ist schön und gut. Aber wie erkenne ich, ob ich meine Freiheit zu Gottes Wohl einsetze?“ „Sünder.“ Hassan lächelte nachsichtig. „Die schwierigste Tugend des freien Menschen ist das Vertrauen. Doch sei gewiss, Gott wird dir die Regeln ersichtlich machen, die seinem Willen und Deinem Können entsprechen. Sünder, Ihr wisst, dass Ihr frei in Eurem Denken seid wie Gott es selbst ist. Er hat euch nach seinem Ebenbild die Freiheit geschenkt. Doch ebenso wisst Ihr, dass Gott dem Treiben des Menschen nicht unbegrenzt zusieht. Nein. Er schickt keine Heuschrecken und keine Flut, er greift in seine Gesetze der Natur nicht ein. Aber er tut eines!“ „Ja, ja, er schickt Propheten.“ „Du, dummer Sünder. Hast du denn nichts begriffen? Nein, er schickt keine Propheten, er erwählt sie! Es sind Menschen wie du und ich. Er redet mit ihnen, im Traum oder auf einem Berg, unter einem Baum. Wie auch immer. Gott versucht den Propheten von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Gott weiß, dass der Mensch frei ist, so hat er ihn erschaffen. Er manipuliert ihn nicht, er möchte ihn dazu bringen, dass er aus eigenem Antrieb versteht und glaubt, was Gott ihm sagt. Der Prophet ist ein Mensch. Manches versteht er, manches versteht er vielleicht falsch. Manches will er nicht verstehen und manches nicht glauben.“ „Und, Priester, wie erkennen wir, was richtig ist und was missverstanden wurde, dass wir und unsere Taten beim Maßnehmen nicht für zu klein befunden werden?“ Markus drehte sich entsetzt zur Seite. Alessandra hatte den Einwurf vorgebracht. Sie lehnte sich nun zurück und lächelte entspannt. Hassan lachte. „Sünderin, ich habe dir gesagt, Er wird dich an Deinem Maßstab messen. An Deinem Maßstab! Jeder bekommt den seinen und jeder Maßstab ist gerecht.“ Hassan holte tief Luft und setzte ruhig fort. „Es gibt Menschen, die Tausende von Jahren vor Moses gelebt haben oder welche, Tausende Kilometer weit entfernt, die nie von ihm gehört haben. Meinst Du, Gott wird sie die zehn Gebote aufsagen lassen? Nein. Aber auch in diesen Zeiten und in diesen Regionen hat Gott sich den Menschen mitgeteilt. Zu jeder Zeit, an jedem Ort, an dem es nötig war. Moses, Jesus, Mohammed, Awarus. Das sind vier, aber bei Weitem nicht alle. Jede menschliche Gesellschaft hat ihre Regeln und Gesetze der Menschlichkeit – nicht nur die der Menschen. Und diese Regeln und Gesetze der Menschlichkeit sind Gottes Regeln und Gesetze. Ja. Sie sind von Menschen interpretiert worden, vielleicht schlecht. Und im Zweifel, Sünderin, musst du dich fragen, ob Dein freier Wille dich nicht nötigen möchte, menschlicher zu sein als die Gesetze der Menschen. Dann, Sünderin, werden du und Deine Taten nicht für zu klein befunden werden.“ Die Antwort fand Zustimmung. Vielleicht auch um zu signalisieren, dass der Zeit der Erbauung nun hinreichend gehuldigt worden war, begann das Publikum Beifall zu klatschen. Hassan sah freundlich den Applaus aufnehmend in die Runde. Dann begann ein Klavierspieler, flott in die Tasten zu hauen. Die Gemeinde sang. Nach zwei Liedern, die Markus nicht kannte, herrschte Ruhe. Die Menschen sahen nun wieder nach vorn und Hassan erhob die Arme und sprach. „Gott und der Frieden möge mit euch sein, Sünder!“ Das Kirchenvolk erhob sich gemessen, und wie auf ein geheimes Signal schallte es aus dem großen Raum. „Gott und der Frieden mögen mit dir sein, Priester!“
„Ich denke, die von Ihnen angesprochenen Agenten dürften mit der Vorstellung zufrieden sein, oder?“ Alessandra nickte. „Unsere sicherlich. Es macht seine Geschichte als Flüchtling vor religiöser Unterdrückung glaubhaft.“ „Sie glauben ihm nicht?“ „Oh, das wollte ich damit nicht sagen. Nein, nein. Es ist für mich allerdings nicht ganz nachvollziehbar. Aber vielleicht fehlt mir da nur der Glaube.“ „Ja. Mir auch.“ Markus lachte. „Es steht mir nicht an, eine Vorgesetzte zu fragen. Aber vielleicht machen Sie uns die Freude eines gemeinsamen zweiten Frühstücks.“ Markus verzog das Gesicht. „Mein erstes ist heute etwas dürftig ausgefallen.“ „Nein.“ Alessandra lächelte mitfühlend. „Es ist besser, wenn ich gehe, ehe Herr Rahimi wieder auftaucht.“ „Vielleicht ein anderes Mal.“ „Ja, vielleicht. Es ist allerdings nicht – ich will es mal so sagen – erstrebenswert für Herrn Rahimi und mich, öfter gemeinsam gesehen zu werden.“ „Oh, ich dachte, Sie ständen auf der Soldliste der Integrationsabteilung.“ „Nicht mehr. Das war nur ein kleiner Ausflug, den man mir aufgedrückt hat, ehe ich nun wieder zu den Fernaufklärern zurückkehren darf. Und für die Aufklärer ist der Kontakt mit ehemaligen Staatsbürgern der Föderation nur dienstlich gestattet.“ Alessandra sah Hassan kommen und nickte Markus zu. „Machen Sie es gut, Herr Jansen.“ Markus nickte ihr hinterher.
„Warum ist sie gegangen?“ Hassan stupste Markus von hinten an. „Ach.“ Markus sah sich um. „Sie ist beleidigt, weil du sie Sünderin genannt hast.“ „Schade.“ Er sah ihr nach. „Schade auch, dass du dich nicht recht einbringen wolltest. Für dich hatte ich mir ein paar schöne Sachen bereit gelegt. Aber wir haben ja sicher noch ein andermal Gelegenheit.“ „So?“ Hassan lachte. „Vielleicht versuchst du mir beizeiten, Dein verqueres Weltbild zu erklären. Dabei wirst du sicher feststellen, dass es dir ganz gut tun wird, mich hin und wieder hierher zu begleiten.“ Markus nickte. „Frühstück?“
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