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Kap3.14 Keine Erlösung Drucken

 

„Und hast du dir zu Deiner Sicht nun einen etwas einfühlsameren Weg der Beschreibung ersonnen, mein Junge.“ Hassan und Markus saßen nach dem Abendessen wieder im Wohnzimmer. Da es begann kalt zu werden, hatten sie ihren gewohnten Spaziergang sausen lassen und waren gleich dazu übergegangen, etwas Wein zu trinken. Hassan wollte den Faden des Gespräches wieder aufnehmen, das einige Wochen vorher in Herzensangelegenheiten geendet hatte.
„Ich will es mal versuchen.“ antwortete Markus. „An Dein Einfühlungsvermögen ist aber wohl schlecht ranzukommen.“


Hassan lachte: „Oh, hat Alessandra dir das gesagt?“
„Ja, hat sie. Auf der anderen Seite hat sie sich auch beschwert, warum du so lange gewartet hast, endlich mit ihr Kontakt aufzunehmen. Immerhin, sagte sie, kennt Ihr euch seit fünf Jahren, oder so.“
„Kennen ist ein bisschen übertrieben. Sie wollte mir die Gurgel durchschneiden. Und während meiner Internierung habe ich sie nur ein paar Mal gesehen. Da war sie, sagen wir mal, etwas distanziert. Nun ja, und seit wir zusammen wohnen, sahst du sie fast jede Woche und ich quasi gar nicht. Was hätte ich tun sollen?“
Markus beschwichtigte. „Ich mache dir ja gar keine Vorwürfe. Ich hätte dich ja auch früher auf das Thema ansprechen können.“
„Ja, ja. du hast das natürlich gleich gesehen.“ Hassan winkte ab.
„Immerhin noch rechtzeitig. Denn, mir scheint, die Gute macht sich in letzter Zeit etwas dünne. Na, vielleicht ist sie auch nur auf der Flucht vor Dir.“
Hassan schnipste unruhig mit den Fingern. „Zeig mir lieber mal Dein kleines Gedankengerüst und dann sprechen wir über Karen Maria.“
Um auf diesen Vorschlag nicht eingehen zu müssen, startete Markus instantan: „Ich denke, vielleicht lasse ich die ersten zehn Milliarden Jahre aus.“
„Prima, dann geht der Vortrag nur über die letzten drei oder vier Milliarden?“ Hassan schob seine Unterlippe vor.
„Ja, aber das sollte schnell von der Leber gehen. Gut, wir wissen, zumindest in guter Annäherung, dass nach zehn Milliarden Jahren die Erde ganz geeignet war, um Leben entstehen zu lassen. Es gab einen Ozean, es regnete fast ständig, schwere Elemente waren ausreichend vorhanden, alle notwendigen chemischen Verbindungen und was man so braucht, konnten sich bilden. Soweit ist das Chemie.“
„Ja, ja. Und wir können das das meiste im Labor nachmachen und nachvollziehen.“
„Richtig. Nun gibt es Verbindungen, in Form von Kette, von RNS oder DNS, die nicht nur recht stabil sind, sondern über eine tolle Eigenschaft verfügen.“
„Ich neige dazu, nicht toll zu sagen sondern phänomenal.“ fügte Hassan ein. „Das ist ein Wunder, oder?“ Hassan strahlte.
„Ja, ja.“ Markus nickte müde Beifall. „Und das zwei Wasserstoffe und ein Sauerstoff sich zu Wasser verbinden können auch, oder?“
„Auch das.“ stimmte Hassan zu.
„Gut. Wie dem auch sei. Da wir beide keine Biologen sind, sparen wir uns vielleicht die vielen nächsten Schritte bis zu einer ganzen Zelle und konstatieren: Es gibt einen Zustand in der Natur, den wir Zelle nennen, und diese Zelle hat die Eigenschaft einer gewissen Stabilität und der Reproduktion, sofern das Ambiente freundlich ist.“
„Okay, und schließlich kamen also die Mehrzeller, die bildeten sich fröhlich weiter, krochen irgendwann an Land und rums-die-bums brüllte der Löwe in der Savanne. Soweit gegessen.“ Hassan wollte ein umständliches Palaver von Markus durch ein kraftvolles Dazwischenfunken verhindern.
„Diesen Eindruck, mein Freund, wollte ich durch etwas langsame Erzählweise verhindern. Es war gerade nicht rum-die-bums.“
„du wolltest aber schon innerhalb dieses Zeitalters zum Punkt kommen, oder?“ fragte Hassan nach.
„Ja, aber sei halt nicht so ungeduldig. Fakt ist, dass jeder Schritt winzig klein war. Ich bin geneigt zu sagen infitesimal klein. Und, wie wir wissen, keinesfalls zielgerichtet. Das heißt mehr oder minder zufällig, und nur Schritte zu einem stabileren Zustand hin haben sich durchgesetzt.“
„Und wir folgern daraus?“
„Das ist doch offensichtlich. Jeder Schritt ist infitesimal klein, geht also quasi im Limes gegen Null. Das gilt für die Entstehung der Zellen, das gilt für die Entwicklung zu Mehrzellern und schließlich bis hin zu Säugetieren und Menschen. Jeder der Millionen Teilschritte war winzig klein. Was bedeutet, dass keiner davon in irgendeiner Weise herausgehoben werden kann. Und wenn man keinen Schritt herausheben kann, kann man mit gutem Gewissen auch keinem einen Beitrag von Gott zuordnen.“
„Gut, aber das würde bedeutet, dass der Mensch wirklich nur ein Tier ist.“ gab Hassan zu bedenken.
„Ja.“ antwortete Markus.
„Ohne Freiheit und Bewusstsein.“
„Das halte ich eher für eine Frage des Quantität und nicht der Qualität.“
„Also gut: Ist der Mensch nun frei und sind die Tiere unfrei?“
Markus nickte: „Nein und ja. Der Mensch ist nicht frei und das Tier auch nicht.“
Hassan sah seine Befürchtung bestätigt, sah aber auch Positives: „Immerhin fünfzig Prozent Übereinstimmung.“
„Das ist ’ne Basis.“ Auch Markus stellte die Gemeinsamkeiten heraus.
„Ja.“ bestätigte Hassan. „Kommen wir zu den kleinen Differenzen. Du meinst also, ich wäre nicht frei?“
„Ich denke das menschliche Handeln ist bedingt von biologischen Notwendigkeiten und in der Gesellschaft erlernter Werte. Aber das ist bei Tieren genauso, nur dass die biologischen Notwendigkeiten öfter dominieren und die gesellschaftlichen Werte wenige komplex sind. Am Ende entscheidet sich aber der Mensch wie das Tier immer so, dass seine biologischen und gesellschaftlichen Bedürfnisse nach seiner Einschätzung optimal bedient werden.“
„Ich könnte also nichts tun, was bei meiner internen Bewertung nicht als Bestes abschneidet?“
Markus zuckte mit den Schultern: „Versuch’s doch.“
„Hm, ich könnte nach draußen gehen und ein paar Leute abknallen. So was bewerte ich immer ziemlich niedrig.“
„Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass Leute Abknallen das Einzige ist, was dir einfällt, wo du frei handeln würdest? Mach halt was Einfaches, was gegen Deine Bewertung spricht.“
„Ich könnte meine Hand über die Kerze halten.“
„Ja. Könntest du machen.“
„So, richtig würde dich das nicht überzeugen, oder?“ fragte Hassan vorsichtig.
„Nein.“ Markus schüttelte den Kopf. „So richtig nicht.“
„Und“, tastete sich Hassan vorsichtig heran, „meinst du nicht, dass das eventuell gegen den einen oder anderen Bewertungsmaßstab, biologisch wie gesellschaftlich, von mir verstoßen würde?“
„Sicherlich“ ,stimmte Markus zu.
„Aber, du denkst, dass es da noch ein paar Kriterien in meiner Bewertung gibt, die dafür sprechen, die Hand ins Feuer zu halten?“
„Wenn du es tätest, gäbe es sie wohl. Ich bin geneigt, noch ein ‚offensichtlich’ hinzuzufügen.“
„Mit anderen Worten, jede unserer Handlungen ist deshalb diejenige, die bei unserer Bewertung als Besten herausgekommen ist, weil sie als Beste herausgekommen ist.“
„Ich hab nicht mehr von dir erwartet.“ Markus verzog den Mund, fuhr dann aber fort: „Aber immerhin. Ja, im Prinzip ja. Ich würde sagen, jede unserer Handlungen ist deshalb diejenige, die bei unserer Bewertung als Beste herausgekommen ist, weil wir sie ausführen.“
„Womit wir aber von einer logischen Erklärung ein gutes Stück weg sind.“
„Womit wir uns, genau genommen, ganz genau auf dem Pfad der Logik befinden, weil: wieso sollten wir sonst eine Handlung ausführen, wenn wir eine bessere Alternative in Petto hätten?“
„Schwach mein Freund. Okay, eine andere Frage: Was ist mit Schönheit, Liebe, Ehre und solchen Sachen?“
„Ich denke: zerlegt man solche Dinge in sehr kleine Schritte, lassen sich Emotionen, genau wie Handlungen, auf elementare Bedürfnisse zurückverfolgen. Eine lange Entwicklung dieser kleinen Schritte führt dann zu einem Bild, in dem wir die oftmals sehr abwegigen Handlungen der Menschen, die wir gerne als frei interpretieren, auf Handlungen zurückführen würden, die instinktgetrieben und somit tierisch sind.“
„Du redest wirr, mein Freund. Aber gut. Was gibt mir der Anblick von Da Vincis Mona Lisa?“
„Was es dir gibt, weiß ich nicht so recht. Mir gibt er nicht sehr viel. Nehmen wir lieber seinen David. Oder, um es noch einfacher zu machen, den Anblick von Sabine.“
„Okay, ich weiß, worauf du hinaus willst.“ Hassan überlegte kurz. „Und du willst mir vermutlich weiß machen, dass auch ein Kandinsky in dir Fortpflanzungstriebe weckt.“ Hassan lachte leise. „Na gut, okay. Auch ein Schnitzel kann ja ganz gut aussehen, wenn man Hunger hat.“
„Ja, und soweit ist der Weg zu Kandinsky dann nicht mehr. Viele kleine Schritte.“
„Okay, und Schritt für Schritt wurden auch die gesellschaftlichen Regeln verfeinert?“
„Richtig, und die Einhaltung dieser gesellschaftlichen Regeln ging in die Bewertungsskala der Menschen mit ein. Das heißt nicht, dass sie nun die einzigen Richtlinien sind. Aber sie bildeten einen Teil von ihnen. Es gibt zum Beispiel Leute, die denken, es sei eine gute Idee, ihre Hand ins Feuer zu halten. Vom Gesichtspunkt der Instinkte ist das sicherlich absurd.“
„Ja.“ bestätigte Hassan. „Nur dumme Menschen, die zu sehr von ihrer Gesellschaft verformt worden sind, würden auf so idiotische Gedanken kommen.“
„Wie dem auch sei. Glaub’ du an Deinen bei Zeiten handelnden Gott und die Freiheit des Menschen und an Propheten. Und ich glaube an die Entwicklung der Welt in kleinen Schritten, von denen keiner eines Gottes bedarf.“
„Mit einem frei handelnden Menschen erscheint mir die Sache plausibler.“ Hassan zwinkerte Markus zu.
Markus hob den Brustkorb und zur Unterstützung drei Finger, obgleich seine Rede wenig mit Drei zu tun hatte. „Aber, wie frei ist den, Deiner Meinung nach, der Mensch? In welchen Momenten handelt der Mensch denn frei? Ganz selten oder immer, wenn er etwas bewusst tut? Gibt es vielleicht einige stumpfsinnige Menschen, die eigentlich nie oder so gut wie nie frei handeln? Ist es dann eine Frage der Intelligenz, wann und wie oft oder wie frei ein Mensch handelt?“ Markus schüttelte den Kopf. „Ich störe mich an dem Sprung, den es zwischen Mensch und Tier geben soll. Mit welchen Menschen kam denn der erste freie Wille? Mit Adam? Und wenn er nicht aus Lehm geformt wurde, was war mit seinen Eltern? Waren seine Eltern oder Geschwister oder einige seiner Kinder vielleicht noch Tiere? Ja, mit einem Gott der von jetzt auf gleich sagt, ab heute liebes Tier nenne ich dich Mensch und geben dir einen freien Willen, geht das vielleicht. Aber ohne einen Gott macht das für mich keinen Sinn. Und da ich nicht an einen aktiven Gott glaube – und da ich ihn nicht brauche – bleibt nur die Folge, dass der Mensch so frei nicht sein kann.“
„Das Problem ist für dich nur, dass du am Ende keine Erlösung erhoffen kannst.“
„Von Erlösung, mein lieber Hassan, hast du noch gar nicht gesprochen.“
„Ich wusste, dass ich dich damit nicht recht hinter dem Ofen hervor locken konnte. dir ist Dein Seelenheil je sehr egal.“
„Ja.“ Markus lachte: „Und du kannst dir Deines Seelenheils sehr gewiss sein, da du dir Deinen Gott und Deine Religion ja selber strickst.“
„Vielleicht nicht ganz.“ Sagte Hassan. „Aber wie verträgt sich Dein Menschenbild eigentlich mit Fragen nach Verantwortung, Schuld und Sühne. Wenn du immer per Definitionem das tust, was richtig ist, kannst du dich ja auch in keiner Weise schuldig machen, oder?“
„Und um es kurz zu machen. Ja, auch mit dieser Schlussfolgerung hast du im Prinzip Recht.“
„Es gibt keine Schuld?“
Markus hob die Schultern. „Ist doch eine gute Nachricht, oder?“
„Ja. Die gute Nachricht muss ich erstmal verdauen. Lass uns aber beizeiten mal klären, ob zum Beispiel Hitler sich gegenüber irgendjemandem schuldig gemacht hat oder nicht.“
„Wie kommt es nur, dass ich dieses Beispiel erwartet habe?“