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Kap3.04 Integration Drucken

Major Butunelli saß an ihrem Schreibtisch im Büro, als Markus pünktlich erschien. Er hatte eine Gesprächseinladung von der Fernaufklärung in Form eines Marschbefehls erhalten, und somit waren seine Möglichkeiten, die Einladung abzulehnen, eingeschränkt gewesen. Aber er wäre auf jeden Fall gekommen, da er zu erfahren hoffte, wie es sich mit dem Überläufer entwickelt hatte. Und ein anderer Grund als die Vorfälle des vergangenen Jahres kam kaum in Frage.


„Herr Oberleutnant, es freut mich, dass Sie kommen konnten.“ Alessandra Butunelli stand auf und reichte ihm die Hand.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Frau Major.“ Und das entsprach der Wahrheit. Er hatte Alessandra nie zuvor gesehen und war von ihrer mediterranen Erscheinung ähnlich angetan, wie es die meisten waren, die das Glück hatten, mit Butunelli zusammenzutreffen.
Nachdem die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht worden waren und sie am kleinen Besprechungstisch gemeinsam bei einer Tasse Kaffee saßen, arbeitete sich Alessandra zum Gegenstand des Treffens vor. „Herr Oberleutnant, Sie kennen das Integrationsprogramm?“
Markus hatte davon gehört. „Sie meinen die Integration von Zuwanderern, die sich im ersten Schritt als vertrauenswürdig bestätigt haben und dann für einige Jahre in eine Familie hier im Land integriert werden?“
„Ja“, gab sie zurück. „Wobei es nicht unbedingt eine Familie sein muss. Oftmals sind es alleinstehende Offiziere, die sich eines Zuwanderers, wie sie es nennen, oder Neubürgers, wie wir sagen, annehmen. Die Sache bringt gewisse Vorteile und gewissen Nachteile mit sich.“ Markus hörte aufmerksam zu und Alessandra fuhr fort. „Man erwartet einen monatlichen Bericht. Und natürlich ist es für einige der Gastgeber gewöhnungsbedürftig, für längere Zeit einen Mitbewohner aufzunehmen. Die Verpflichtungen gehen auch in die Richtung, dass erwartet wird, den Neuankömmling in die Gesellschaft und ins Arbeitsleben einzuführen und schließlich auch mit der eigenen Reputation zu garantieren, dass keine Spionagetätigkeiten vom Gast aufgenommen werden.“
Markus lachte. „Soviel zu den Verpflichtungen. Aber wie ich höre sind die Gäste oder Neubürger, wie Sie es sagen, gründlich ausgewählt. In der Regel, wenn ich da richtig informiert bin, handelt es sich auch um Angehörige befreundeter Staatsführer, die hier die Möglichkeit bekommen zu studieren. Wir haben im Institut zwei oder drei davon.“
„Das ist eine Gruppe“, bestätigte Alessandra. „Es kann sich aber auch um Spezialisten auf gewissen Gebieten handeln, oftmals aufgrund ihrer Sprachkenntnisse qualifiziert. Diese Leute werden dann im Umfeld von Aufklärungseinheiten untergebracht, zum Beispiel in der Funkaufklärung oder Auswertung externer Schriftstücke. Ganz selten sind auch gute Techniker dabei. Und in einem, jetzt aktuellen, Fall handelt es sich um einen Technologie- und Flugzeugexperten.“
„Hassan Rahimi“, sagte Markus und bestätigte damit, dass beide Seiten über das gleiche Thema sprachen.
„Richtig. Er kooperiert seit knapp einem Jahr mit uns und wurde von allen Stellen als glaubwürdig und zuverlässig eingestuft. In Anbetracht seiner akademischen Laufbahn kamen wir überein, dass es sinnvoll wäre, wenn er hier an einer unserer Universitäten seine Studien fortsetzen würde.“
Markus fuhr mit den Schneidezähnen über seine Unterlippe. „Ich nehme an, er hat jetzt nach einem Jahr der Kooperation nur noch bedingten Wert für die Abwehr, und das Studium und die Integration sind eine Art Lohn für gute Dienste?“
„Sie haben recht“, bestätigte Butunelli. „Es ist eine Art Lohn. Natürlich würde ein erneuter Seitenwechsel nach dem Studium die Gesamtbilanz mit Herrn Rahimi etwas eintrüben. Aber wir gehen davon aus, dass er das nicht plant. Und wir können einen Mann von seinen Fähigkeiten auch nicht einfach als Hilfsarbeiter in die Landwirtschaft stecken.“
„Und Sie können ihn auch nicht in einen Rüstungsbetrieb stecken, da dann die Bilanz im Falle eines erneuten Wechsels wohl noch schlechter ausfallen würde“, assistierte Markus.
„Richtig. Möglicherweise kann er mit einer wissenschaftlichen Karriere an der Uni für das Land durchaus von Nutzen sein, und es entspricht auch seinen Wünschen, die für uns aufgrund seiner Beiträge einen gewissen Stellenwert haben. Auf der anderen Seite riskieren wir mit diesem Schritt nicht die nationale Sicherheit.“
„Okay.“ Markus hielt diesen Punkt für geklärt. „Dann lassen Sie uns Tacheles reden. Ich wohne in einer WG mit vier Zimmern, die sich guter Belegung erfreuen.“ Er zögerte. „Wenn das der Hintergrund für unsere Treffen ist, Frau Butunelli?“
Alessandra lachte. „Das ist der Hintergrund. Aber so schnell schießen die Preußen nicht. Sie würden, wenn Sie sich grundsätzlich bereit erklärt haben, eine Einweisung erhalten. Ihre eigene Vertrauenswürdigkeit würde, sagen wir, noch einmal eine Bestätigung finden. Bezüglich der Wohnung, und da komme ich auf die gewissen Vorteile, die eine solche Konstellation mit sich führt, würden Sie sich nicht verschlechtern. Es wäre auch so, dass dann gewisse Geldmittel für Herrn Rahimi und Sie bereitgestellt würden. Insgesamt stellen Sie sich finanziell damit etwas – um nicht zu sagen, merklich – besser. Und schließlich kommt Ihre Integrationstätigkeit auch Ihrer militärischen Laufbahn zugute. Sagen wir: es behindert Ihre Beförderungen sicher nicht und, bei Bedarf, könnten Sie auch mal auf eine Reserveübung verzichten, da Ihnen diese Tätigkeit teilweise angerechnet wird.“
Markus nickte nachdenklich und sprach dann mehr zu sich selbst: „Ich müsste vorher noch einige Dinge klären. Das mit der WG sollte sich machen lassen. Vielleicht wird es Zeit. Für das Zimmer gibt es Kandidaten – Kandidatinnen genau genommen. Aber.“ Er sah auf. „Ich schätze Herrn Rahimi sicherlich, nachdem wie ich ihn erlebt habe. Aber wir kennen uns kaum. Wird er sich damit anfreunden können?“
Alessandra nickte. „Das mit Ihrer WG sollten Sie klären. Wir hatten eine gewisse Bedenkzeit eingeplant. Bezüglich des Herrn Rahimi: er hat Sie vorgeschlagen. Offenbar meint er, Sie ganz gut beurteilen zu können.“
Markus biss leicht auf seine Oberlippe und nickte.