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Kap3.11 Am Anfang war... Drucken

Markus hob fragend seine Hände: „Entschuldige, mein Freund, aber wie kann man an diese Religion glauben, wo es sich doch offensichtlich um ein politisches Konstrukt handelt?“
Hassan blickte milde aus seinem Sessel hoch: „Nun, mein Lieber, für so offensichtlich halte ich das nicht. Awarus hat seine Schrifte lange vor der Gründung der Föderation geschrieben und hatte sicherlich selbst keine politischen Ambitionen. Und, um ehrlich zu sein, ich hielt es vor nicht allzu langer Zeit für offensichtlich, dass hier im Norden, die Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden. Nun, da habe ich mich geirrt und derweil eines besseren belehren lassen müssen.“


„Okay, Okay.“ Markus versuchte, Hassan etwas mehr aus der Reserve zu locken. „Du bist etwas über den Tellerrand geklettert, ich hingegen liege noch auf dem Boden. Also, was macht diesen Glauben aus, der auf Blinde und Fehlgeleitete, wie ich es bin, so wirkt, als wolle da jemand mit einem schnell zusammengeflickten Überbau, Jahrtausende alte Gegensätze glätten?“
Die Reserven musste Hassan noch nicht zum Einsatz bringen: „Es gibt alte Gegensätze. Aber es gibt auch alte Gelehrte, die dem Awarus vorausgegangen sind. Sagt dir Nikolaus von Kues etwas?“
„Ja, ist das der, der als Erster behauptete, die Erde würde sich bewegen? Kopernicus hat das Thema dann aufgegriffen, Kepler hat die ersten Gesetzmäßigkeiten aufgeschrieben, und Newton dann die mathematische Theorie dazu entwickelt. Aus meiner Sicht eines der schönsten Beispiele, wie sich wissenschaftliche Erkenntnis entwickelt hat.“
„Genau,  den Kues meine ich. Er ist in der Hauptsache allerdings kein Astronom, sondern Theologe. Seine Grundthese war: Alle Religionen schöpfen aus dem gleichen Ozean. Keine noch so primitive oder anscheinend fehlgeleitete Religion sei ohne Göttliches, und keine noch so erhabene Religion sei vollkommen, da der Mensch nicht in der Lage sei, das Göttliche wirklich zu verstehen. Wichtig war ihm, dass eine Religion seine Göttlichkeit nicht durch Rituale oder Dogmen enthält. Der Kern sei immer der sittliche Wert.“
Markus nickte stumm.
Hassan lachte. „Okay. Der sittliche Wert hat für dich sicher keine große Bedeutung. Es ist wohl besser, wenn ich dir erstmal Gelegenheit lasse, Deinen Unsinn von dir zu lassen.  Dann sag also, welche Werte du anerkennst.“
Markus war sich nicht ganz wohl bei der Sache: „Es ist eine lange Geschichte. Sie fängt allerdings nicht mit Adam und Eva an.“
Hassan nickte.
„Am Anfang war also der Urknall.“ begann Markus. „Ich gebe zu, ich weiß nicht, wo er herkommt oder was vorher war. Aber dieses Problem hat auch jede Religion. Also gut, am Anfang war ein gigantischer Ball aus Energie, Strahlung…“ .
Hassan hörte bereitwillig zu und trank Wein. Es war von Teilchen und Antiteilchen die Rede, von Inflation und Annihilation. Nach fünf Minuten hatte Markus in seiner Erzählung die erste Minuten nach dem Urknall fast abgeschlossen. Hassan verschluckte sich, pustete aus und presste dann kopfschüttelnd die Lippen zusammen: „Um ehrlich zu sein, ich muss festhalten, dass du doch irgendwie bei Adam und Eva angefangen hast und zudem didaktisch nicht wirklich vorbildlich vorgegangen bist.“
„Die Strenge der Beweisführung ist keine Feindin der Einfachheit!“
Hassan lachte: „Der gute Hilbert sprach von Strenge, nicht von Langatmigkeit. Man könnte zu der Vermutung gelangen, dass Monologisieren Deine bevorzugte Lehrmethode ist.“
Markus verzog den Mundwinkel: „Ja, ich weiß, du hast ja auch Recht. Mein Problem ist, dass ich ein eklatanter Langeweiler bin. Das Beste ist wohl, wenn wir uns auf das Trinken konzentrieren und eventuell dabei ein bisschen über die Frauen plaudern.“
Hassan, in einer halb amüsierten und halb vorsichtigen Haltung – Markus hätte vielleicht neunzig Prozent amüsiert und zehn Prozent defensiv gesagt: „Und hattest du da bestimmte Damen im Sinn oder wolltest du über die Frau an sich sprechen?“
„Eigentlich dachte ich, wir fangen damit erst nach der ersten Flasche an. Ich denke, das würde meinen Geist für dieses Thema erheblich erweitern.“
Hassan bemerkte diesen – weit über eine Kleinigkeit hinausgehenden – defensiven Schritt sehr genau und ging in die Offensive: „Oh, der Herr möchte über seinen Liebeskummer mit Karen Maria sprechen.“
Markus war für eine Sekunde sprachlos. Er hatte sie nie erwähnt. Die Mädchen musste ihm davon erzählt haben. Nun gut, dachte Markus, er war weder ein brillanter Geschichtenerzähler noch ein geübter Ausschütter seines Herzens, er erkannte aber sehr wohl, dass Hassan sehr plötzlich an Selbstsicherheit zugelegt hatte. Da Markus nicht sehr viele Karten auf der Hand hatte, versuchte er es mit einem Bluff. „Nein. Eigentlich wollte ich dir bei Deinem Liebeskummer beistehen.“ Er lehnte sich zufrieden zurück. „Vielleicht kann ich dir ein paar Tipps geben.“
Hassan war sich nun seinerseits nicht sicher, ob Markus bluffte oder nicht. Da er aber nicht dazu neigte, aus seinem Herzen eine Löwengrube zu machen, sagte er: „Ich weiß zwar nicht, ob du für fünf Cent Ahnung davon hast, was du gerade leichtspurig vor dich hin geredet hast. Aber ich nehme Dein Angebot an. Bezüglich Deiner nichtigen Weltansichten werde ich bis zum nächsten Mal ein gutes Buch über den Urknall lesen. Dann kannst du dir Deinen Sermon sparen und in medias res gehen.“
Markus war nun in der Defensive. Von Beziehungen verstand er noch weniger als vom spannenden Erzählen. Er hatte aber Hassan’s Nachsatz genutzt, um zwei Kandidatinnen auszuschließen. Hassan mochte Sabine, aber seine Einstellung zu ihr und David, obgleich er ihn nicht persönlich kannte, war sicher ehrlich und sie kam nicht in Betracht. Martina mochte er sicher nicht nur, weil sie hübsch war. Sie unterhielten sich gerne miteinander. Aber verliebt war Hassan in sie nicht. Ihm kam eine wage, eine abenteuerliche Idee. Da er Sabine und Martina ausschloss, blieb nur diese abwegige Möglichkeit. „Okay, ich soll dir also dabei helfen, Major Butunelli rumzukriegen, ja?“