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Markus konnte es nicht glauben. Er konnte einiges nicht glauben. So hatte David den ganzen Abend lang nicht über Sabine gesprochen und keine seiner Errungenschaften erwähnt. Markus hatte ihn dafür bislang nicht unter den Tisch saufen können, aber das störte ihn wenig. An sich, das musste er zugeben, hatte er einige Sympathie für David entwickelt. Was er aber nicht glauben konnte war, dass sie sich nun nach fünf Stunden geselligen Trinkens entschlossen hatten, in die „Brücke“ zu gehen. Der Name der Kneipe war vielleicht Zufall. Es geschah aber wohl aufgrund des Namens, dass sich hier die Soldaten des nahe gelegenen Pionierbataillons trafen. Markus befürchtete Schlimmes und fand sich sogleich bestätigt. Es waren zur fortgeschrittenen Stunde an einem Werktag nur noch vier Gäste dort und David begrüßte sie sogleich mit einem fröhlichen: „Na, Ihr Wühlmäuse.“ Die „Wühlmäuse“ unterbrachen ihr Billardspiel und sahen staunend auf die Neuankömmlinge.
David setzte sich an den Tresen. Und Markus, dem in seiner Haut nicht wohl war, tat es ihm gleich. Er bestellte zwei Grappa, da sie sich nach einigen Experimenten darauf geeinigt hatten. „Grappa trinken die Herren“, sagte der Mann hinter dem Tresen für Markus Begriffe zu laut und wenig hilfreich.
Hilfe brauchte David aber nicht. Er hatte derweil eine flotte Unterhaltung angefangen, und die Pioniere schienen Gefallen daran zu finden. „Weißt Du“, drehte David sich zu Markus und sprach leiser, „man muss immer die Herausforderung suchen.“
„Hör bloß mit Deinem Scheißwirtschaftsgequatsche auf. Wenn die Herausforderungen Lust haben, werden sie schon von allein kommen.“ Markus war, zumindest im Nachherein, von seiner schnellen Reaktion überrascht. Er hielt den rechten Unterarm in die Bewegung des Queues, der auf Davids toten Winkel gerichtet war. Ein brüllender Schmerz durchfuhr den Arm. Darum konnte er sich allerdings nur schwerlich kümmern. Und er benutzte den gleichen Arm, um dem Halter des Queues mit aller Kraft die gestreckte Faust ins Gesicht zu schlagen. Markus war kräftig, hatte aber wenig Erfahrung im Faustkampf. Von daher war es mehr Zufall, dass sein Gegenüber taumelte und hinten überfiel. David hatte die Attacke nicht kommen sehen, war aber unverhältnismäßig schnell auf den Beinen und stellte sich den anderen dreien. Markus hielt seinen Unterarm, obgleich seine Hand nicht wesentlich weniger schmerzte. Beides zugleich konnte er aber nicht halten. Er sah sich bemüßigt zu überlegen, wie er David helfen könnte, stellte dann aber fest, dass es wohl nicht notwendig war. Also setzte er sich wieder an den Tresen und trank seinen Grappa. Da sich David Zeit ließ, trank er auch seinen und bestellte zwei neue. David kam zurück und setzte sich. „Danke“, sagte er und ergriff ein Glas. Markus stieß mit ihm an und sie tranken. Die vier waren noch im Raum, mussten die Lage aber offenbar neu sortieren. Markus sah, wie sie sich aufrappelten und sich mühsam sammelten. „Ich glaube, wir nehmen den Rest der Flasche mit und setzen uns noch ein bisschen an die Förde“, schlug Markus vor. Sein Verlangen nach einer weiteren Runde war begrenzt. David hatte das noch sehr benommene Opfer von Markus betrachtet. Dann sah er zu Markus, nickte, die Unterlippe nach vorn geschoben, und zahlte dem Barkeeper die Flasche Grappa.
Von den Temperaturen her war es noch erträglich. Die Sonne, deren Verlauf man im Juni auch in der Nacht verfolgen konnte, machte sich im Nordosten bereit aufzugehen. Mittlerweile klang auch Davids Stimme nicht mehr ganz fest: „Die Öl- und Gas-exportierenden Staaten fingen wieder an, die Lieferungen von polischen – politischen Forderungen abhängig zu machen. Die Importeure ließen sich anfänglich erpressen, schritten dann aber immer mehr zu militärischen Mitteln, die dann auch nicht mehr unter dem Mantel, dem Deckmantel der Terrorbekämpfung oder der Verbreitung der Demokratie ausgeführt wurden.“ „Sicher, die Energieversorgung war ein ausschlaggebendes Moment. Dabei war es doch möglich, die Probleme national oder zumindest auf Ebene der“, er stieß auf, „der Europäischen Union zu lösen.“ Markus versuchte, sich zu konzentrieren. Es fiel ihm aber zusehend schwerer. „Ja, die Technologien und auch – gerade wenn man die Mitglieder in Osteuropa betrachtet – die nötigen Anbauflächen waren vorhanden. Energieeffizienz und Biotreibstoffe, ergänzt von Wind- und Solarenergie, so wie wir es heute machen, das wurde zu lange verschlafen.“ Markus lachte müde: „Ja, ja, stattdessen glaubten die Leute, dass in der Brennstoffzelle die Zukunft läge. In der Brennstoffzelle! Das is‘ n Akku und keine Energiequelle. Als wenn Wasserstoff an den Bäumen wachsen würde.“ David nickte: „Die Strukturen konnten nicht mehr, nicht mehr aufgeweicht werden. Diese Phase der Zivilisation war schon todgeweiht, als es noch aufwärts ging und die Leute glaubten, es würde reichen, bis dreißig zu studieren und dann mit fünfzig in den Ruhestand zu gehen.“ „Dekadenz, wie in Rom zweitausend Jahre vorher, wo eine Million Menschen glaubten, es reiche, Römer zu sein, um mit Wohnung, Nahrungsmitteln und Unterhaltung versorgt zu werden.“ „Ja, ja, der alte Vergleich. Da bauen sie Straßen, Städte, und diese Aquädukte und so was, aber anstatt die Römer höflich ins eigene Land zu bitten, haben wir Barbaren es vorgezogen, Europa ins Chaos zu stürzen.“ „Es ist wohl, glaube ich, am besten, in der mittleren Expansionsphase einer Zeit, einer Epoche zu leben. Der Anfang ist sehr zäh und ungewiss, zum Ende hin wird der Untergang immer deutlicher, wenn man die Gefahr auch klein redet und vielleicht den höchsten Lebensstandard hat.“ David nickte: „Hoffen wir, dass wir zumindest am Anfang einer neuen Ära stehen und nicht schon zu unseren Lebzeiten das Ende kommt.“ Markus kam ein anderer Gedanke, er tauchte kurz aus der Dämmerung auf. „Weißt du was? Und es betrifft diesmal wirklich uns – uns vier, wenn ich so sagen darf. In der frühen römischen Republik hatten die Zensoren mal gefordert, dass man Geschirr und Besteck aus Silber oder Gold verbieten sollte, weil es zu dekadent sei. Wenn ich mir unsere Mädchen anschaue, sind sie wohl im Moment die Träger des goldenen Geschirrs, wenn man so sagen kann.“ Er grinste. „Und ich habe eigentlich nichts dagegen.“ David wachte bei dem Gedanken an Sabine auch für einen Moment auf. „Festgefahrene Strukturen, die in die falsche Richtung laufen? Ungerechte Verteilung und Besitzstandwahrung? Weißt Du, mein Freund, ich würde alles dafür tun, dass die beiden ihre Teller behalten können.“ „Ich auch.“ Markus nickte. „Zum Teufel mit den Generationen nach uns!“, rief er. „Sollen die doch sehen, wie sie längs kommen, die Idioten“, stimmte David ein.
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