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„Und hast du was von Kiruna gehört?“, fragte Sabine. Die Mädchen hatten sich gerade zu Markus gesellt und packten ihre Strandutensilien aus. „Ja, die Ergebnisse sind da. Ich bin angenommen.“ Markus stellte fest, dass es ihm schneller von der Hand gegangen war, seine Sachen auszupacken, obwohl die Mädchen sehr zielgerichtet und mit hoher Geschwindigkeit zu Werke gingen. „Ich hoffe, das ist richtig, dahin zu gehen.“ „Sie bauen da Raketen, oder?“
Markus sah zu Sabine, deren Konzentration nur zu Teilen auf das Gespräch gerichtet war: „Ja, sie forschen daran zumindest herum. Wir werden dann da auch einige starten.“ „Dann gehst du in den Semesterferien gar nicht zur Reserveübung?“ Endlich war in die angestrengte Betriebsamkeit der beiden etwas Ruhe eingekehrt. Er nickte. „Ist ja im Prinzip auch nicht so schlimm ist, da ich ja eh noch keine festen Reserveeinheit habe. Aber, da ich im Frühjahr nur vier Wochen zu diesem dummen Lehrgang war, fürchte ich, dass sie mich jetzt wohl nicht turnusgemäß zum Oberleutnant befördern werden.“ „Du wärst am Jahresende dran?“, fragte Sabine, die mittlerweile damit begonnen hatte, Martina den Rücken einzureiben. „Ja, im Januar. Nun werden sie mich wohl erst bei der nächsten Übung im Frühjahr befördern. Hat auch den Vorteil, dass es dann nicht per Post wäre, aber so eine Verzögerung ist nicht gerade eine Empfehlung auf dem Weg in die Generalität.“ „General.“ Martina schnaubte, ordnete, nachdem Sabine ihr Werk vollendet hatte, kurz den Sand unter dem Handtuch und legte sich wieder hin. „Hey, willst du mir nicht den Rücken eincremen, Süße?“, fragte Sabine, indem sie Martina in die Taille zwickte. Martina zuckte unwillig zusammen und sagte: „Soll der Generalsanwärter machen. Aber pass auf, dass er nicht über dich herfällt, er steht auf Deinen Rücken.“ Sabine sah stirnrunzelnd zu Markus, der kopfschüttelnd zu Martina sah: „Ich dachte, Ihr erzählt euch immer gleich alles.“ „Keine Belanglosigkeiten“, gab diese zurück. „Was gab es, über meinen Rücken für Belanglosigkeiten zu sagen?“, richtete sich Sabine wieder an Markus. „Ich hatte mir nur erlaubt zu erwähnen, dass ich Deinen Rücken ihrem vorziehen würde.“ „Ach, und dass, wo ich so neidisch auf sie bin: ihre tolle Taille, der süße Schwung zum Po. Und außerdem ragen meine Schulterblätter immer so kantig raus, wenn ich mich bewege.“ „Komm sei ruhig und leg dich hin, Püppchen“, gab Markus, der ein abgekartetes Spiel vermutete, kurz angebunden zurück. Das hielt er allerdings nicht lange durch. Nachdem er die Träger von ihrem Oberteil gelöst hatte und mit dem Eincremen begonnen hatte, bestätigte er sich mit einem anerkennenden: „Toller Rücken.“ „Du bist ein Schatz.“ Markus hatte die Träger wieder verschlossen und Sabine blickte auf den dürftigen Haufen von Sachen, die Markus mit an den Strand gebracht hatte. „Und ein Idiot bist Du. Hast du dich überhaupt eingecremt?“ „Ich gehe sowieso gleich in den Schatten. Außerdem hab ich son Zeug gar nicht.“ „Du bist ein Volltrottel und cremst dich jetzt ein und wenn du soweit bist, mach ich Deinen Rücken.“ Markus gehorchte. Er hatte natürlich auch irgendwo Sonnencreme, aber sie musste sich gegen das Mitnehmen gesträubt haben. Als er die für ihn zugänglichen Stellen bearbeitet hatte, reichte er Sabine den Sonnenschutz zurück. „Ich mach das.“ Martina raffte sich auf und nahm Sabine die Flasche ab. „Na los.“ fuchtelte sie mit der Hand, damit er sich hinlegte. Sie setzte sich auf ihn. Sabine schüttelte belustigt den Kopf. „So, so, toller Rücken also“, sagte Martina, die ihr Amt mit einer gewissen Grobheit ausrichtete. „Oh, ich wünschte, du würdest das machen.“ Markus sah zu Sabine. Als Martina den Druck verstärkte, wandte er sich an sie: „Genau genommen ist es mir lieber, wenn du das machst, Herzchen.“ „Und?“, fragte Martina ohne Frage, aber mit spitzen Fingern in seinem Rücken. „Und ich wollte noch sagen, dass es keinen schöneren Rücken auf Gottes weiter Ebene gibt als den Deinen.“ „So?“ Martina lockerte den Griff etwas. „Ja, es ist so, dass er so schön ist, dass Sterbliche wie ich sich gar nicht anmaßen sollten, darüber zu reden.“ „Es sei denn, sie werden, trotz ihrer Nichtigkeit, dazu befragt.“ Der Griff wurde erneut fester. „Ja, dann würden sie…“ „Ich denke, wir können den Konjunktiv weglassen.“ „Ja, dann ist es mir eine Freude zu sagen, dass es keinen Rücken gibt, gab oder geben wird, der sich mit Deinem messen kann. Deine Taille macht mich vor Bewunderung und Ehrfurcht sprachlos. Nie hat sich ein Künstler je den Übergang vom Rücken zum Po perfekter denken, geschweige denn abbilden können, als er bei dir vollendet ist. Ein einzelnes Schulterblatt, das sich bei Deinen anmutigen Bewegungen so zierlich regt, vermag meine Phantasie für Jahre zu binden.“ „Weiter!“ Martina tippelte ungeduldig mit ihren Fingern auf seinem Rücken. „Ungerecht erscheint mir das Los eines Tropfen Sonnenmilchs, der nicht auf die zarte Haut Deines Rückens gelangen darf. Unerträglich niedrige Dienste verrichten sie auf den erbärmlichen Leibern anderer Menschen. Wobei den wenigen, denen das Glück vergönnt war…“ „Gut, gut, gut. Was ist mit den Sonnenmilchtropfen, die auf Sabines Rücken gelandet sind?“ „Nun ja“, sagte Markus etwas gequält. „Die haben vielleicht auch kein so schlechtes Los gezogen. Sie hatte heute natürlich ein bisschen Pech mit den Händen, die sie aufgetragen haben, aber alles in einem,muss ich sagen, also gemessen an den Alternativen, sind sie ganz gut weggekommen, oder?“ „Pah, Schwächling.“ Martina stand auf. „Nur unter der Folter traut er sich die Wahrheit zu sagen.“ Sie legte sich auf ihr Badelaken und erklärte die Anhörung damit für beendet. Sabine wandte sich an Markus: „Liebling, magst du meinen Rücken wirklich?“ Markus schaute vorsichtig auf Martina, die aber vorgab, nichts zu hören. “Engel, Dein Rücken ist eine Pracht. Es gibt aber nichts, vielleicht abgesehen von Deinen Ansprüchen an Männer, was man bei dir verbessern könnte.“ Er warf einen abfälligen Blick auf Martina: „Das gilt sicher auch für sie“, flüsterte er, „Aber man muss es diesem eitlen Stück ja nicht auf die Nase binden.“
In der Sonne liegen war auf Dauer nicht die richtige Beschäftigung für Markus. Er taperte allein los, da die Damen beim Sonnenbaden eine beachtliche Ausdauer bewiesen und kein Interesse an Aktivitäten zeigten. Er schaute einigen Leuten beim Beachvolleyball zu. Auch dem Ball zollte er gewisse Anerkennung. Richtig gute Bälle waren dem Leistungssport vorbehalten – oder Angebern. In diesem Fall handelte es sich eher um Erstere. Er hatte keine Ambitionen zu fragen, ob er sich beteiligen dürfte. Schließlich tobte er sich kurz im Wasser aus und ging zurück. Mit einigem Entsetzen sah er sein Handtuch von einem fürchterlichen Typen in Beschlag genommen. Der war etwas größer als er, in etwa so kräftig, wirkte dabei wegen seiner Größe aber schlanker. Das Fürchterlichste allerdings war, dass er die Mädchen, insbesondere Sabine, mit einem blöden, charmanten und fürchterlich selbstgefälligen Grinsen vollschwatzte. Blöd, korrigierte sich Markus, war vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Trotz intensiver Suche konnte er keine blöden Züge in diesem Gesicht finden. Die Kategorie war gefunden: Gut aussehendes, selbstgefälliges Arschloch, vermutlich halbwegs intelligent. „Oh, sitze ich auf Deinem Handtuch?“, fragte der Kerl höflich. „Kein Problem, wenn die Damen mir irgendwas zum Abtrocknen ausleihen könnten?“ Markus war ein bisschen erschrocken über das, was er gesagt hatte. Am Ende würde sich keine herablassen, ihm ein Handtuch zu geben. Die Sorge war unberechtigt. „Hier mein Schatz“, sagte Sabine und warf ihm ein Handtuch zu. Auch Martina hatte angefangen zu kramen, war aber nicht schnell genug gewesen. Verdächtig, dachte Markus, und noch schlimmer als gedacht. Gehört der Typ etwa zur Familie? Er setzte sich dann mit einem Lächeln zu Martina, die ihm einen Platz angeboten hatte. Der Fremde hatte die Szene mit einem kontinuierlichen Grinsen bedacht. „Ich wollte dir wirklich keine Unannehmlichkeiten bereiten, aber ich glaube, du hast es jetzt auch gut getroffen.“ Er kniete sich hin und reichte Markus über Sabine hinweg seine Hand: „David.“ Markus kam ihm entgegen: „Markus. Schön, dich zu treffen.“ David hob kurz die Brauen: „Das klingt so, als hätten sie mich mal erwähnt?“ Doch nur ein Mensch, dachte Markus und sagte: „Ja, ja, sie schwärmen ständig von Dir.“ David lachte: „Du spinnst! Ich hab sie im letzten September einmal kurz gesehen, sozusagen einen flüchtigen Blick aus der Entfernung auf ihre Vollkommenheit geworfen. Und die Damen hatten Schwierigkeiten, mich jetzt wieder zu erkennen. Außerdem bin ich nur Hauptmann und die beiden Herrschaften interessieren sich“, er machte ein kurze Pause, „mit Ausnahme von dir natürlich, nicht für so kleine Krauter.“ Markus spitzte den Mund: „Du bist Hauptmann? Wie alt bist Du?“ „28“, gab der mit bescheidenem Blick zurück. „Schön!“ Markus nickte. Er selbst war 23, hatte aber keine Aussichten, in fünf Jahren mehr als ein Oberleutnant zu sein. Am Ende war der Mensch schon Kompaniechef und im Generalstab. Martina umarmte Markus von der Seite: „Der so bescheiden wirkende junge Mann hat bei unserem ersten Treffen ganz unbescheiden mit seinen Erfolgen geprahlt. Er ist jetzt seit zwei Jahren Kompaniechef und wurde mit 27 als jüngster Offizier in den Generalstab aufgenommen.“ „Schön“, wiederholte Markus, der alle Befürchtungen bestätigt fand. „In dem Fall wäre ich vielleicht auch unbescheiden.“ Ihm kam ein Gedanke. „Dann musst du David Ballard sein.“ David nickte: „Ja, schön, nicht?“ Markus hatte David derweil in die Kategorie: Gut aussehendes, selbstgefälliges aber halbwegs erträgliches Arschloch, sehr wahrscheinlich sehr intelligent, eingeordnet. Er nickte erneut: „Ja, schon schön – die Sache.“ An Martina gewandt sagte er: „Also das hättet ihr mir nun wirklich erzählen können.“ Martina stieß ihn weg, so dass er auf die Seite kippte: „Pappnase. Als wir von diesem Fest kamen, haben wir dich gefragt: Was glaubst Du, wen wir getroffen haben? Und du hast stinkstiefelig, wie du bist, gesagt: Will ich nich wissen.“ „Oh.“ Markus richtete sich wieder auf: „Ich erinnere mich. Ich hatte gefragt: Elisabeth? Und als Ihr verneintet, hab ich vielleicht gesagt, dass ich es nicht unbedingt wissen muss, wenn Ihr es für euch behalten wollt.“ An David gerichtet sagte er. „Elisabeth ist unsere einzige, ferne gemeinsame Bekannte.“ „Dann hab Ihr jetzt hoffentlich einen weiteren gemeinsamen Bekannten. Es sei denn die Damen wollen mich aus ihrem Bekanntenkreis tilgen?“ „Mich brauchst du nicht so anzugucken“, erwiderte Martina diese Höflichkeit etwas barsch. „Nachdem du die ganze Zeit Sabine belagerst hast, kannst du sie fragen, ob sie noch was mit dir zu tun haben will.“ David schenkte Martina ein kleines, nettes, bitteres Lächeln und drehte sich eine Spur unsicher zu Sabine: „Würde Madame sich vielleicht erweichen, mit mir heute Abend essen zu gehen?“ Markus wollte sich das nicht länger antun, er stieß Martina nach hinten und drehte sich über sie: „Das geht dich nichts an.“ Martina verengte die Brauen: „Kleiner Scheißer, du hast keine Ahnung von den Dingen, die mich was angehen.“ Sie drückte ihn zurück und richtete sich auf. David war schon am Gehen und grüßte die beiden noch kurz auf die Distanz mit der Hand. „Sag ihm nichts, dem Trottel.“ Martina schenkte Markus ein kleines, nettes, bitterböses Grinsen. Markus fiel auf, dass er sich mit der Umschmeißaktion wohl keinen Gefallen getan hatte. Auf der anderen Seite fand er diese öffentliche Einladung nicht wirklich geschmackvoll von Martina eingefädelt. „Wie findest du ihn?“, fragte Sabine Markus. „Wie ich ihn finde? Schlimm. Schlimm finde ich ihn, Aufgeblasene Sackratte. Fehlerloses Arschloch, echt. Sind alle Deine Verabredungen so?“ „Nein.“ Sabine dachte kurz nach. „Zweite Reihe. Die meisten sehen schon etwas besser aus und sind ein bisschen gescheiter und außerdem sind sie jünger und in der Regel schon Oberst und außerdem können sie immer und ewig lange.“ „Na ja, aber ich glaube, er ist heimlich verheiratet oder hat irgendwo uneheliche Kinder. Und außerdem, ich meine, das hat man ja gesehen, schlägt der Frauen.“ Sabine warf ihm einen Luftkuss zu. Markus wandte sich zu Martina, die zuckte mit den Achseln und sagte: „Manche Frauen mögen das.“ Markus küsste sie: „Du bist hier die einzig Normale.“ Er blickte auf ihre Schulter und sah ihr dann wieder in die Augen. „Hab ich dir schon mal gesagt, dass du tolle Schultern hast?“ Martina schob ihn weg: „Ach, das sagen sie alle, Flachpfeife.“
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