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Kap2.03 Tête-à-tête Drucken


„Hallo Engel.“ Markus hatte geklopft und sich selbst hereingelassen. Nun stand er in der Tür zum Wohnzimmer, und Martina, die vor einem Glas Wein im Sessel saß, hatte ihn begrüßt.
„Hallo Schönes.“ Markus blieb an der Tür stehen. „Wo ist denn Deine liebliche Mitbewohnerin?“
„Die Liebliche ist zu einer Verabredung. Du wirst wohl mit mir vorlieb nehmen müssen.“
„Und du bist zweifellos mehr als genug für mich. Ich weiß aber nicht, ob dass so eine brillante Party mit uns wird, wenn keiner da ist, der aufkommende Streitereien schlichten kann. Außerdem hab ich den Eindruck, dass du dich mit mir schrecklich langweilst – mit Recht natürlich, weil ich ein Langweiler bin. Von daher ist es wohl besser, wenn ich mich wieder vom Acker mache. Gibst du ihr einen Kuss von mir?“


„Ja, werde ich gegebenenfalls tun.“ Martina schlug die Beine übereinander. „Ich hatte aber eigentlich nicht vor, dich jetzt schon zu entlassen. Genau genommen wollte ich die günstige Gelegenheit der sturmfreien Bude mit dir ausnutzen.“
„Aha.“ Falten zeichneten sich auf Markus Stirn ab. „Und was hattest du dir für unseren gemeinsamen Abend in der sturmfreien Bude so vorgestellt?“
„Ich wollte dich um einen Gefallen bitten.“
„Fast alles, was du willst, mein Schatz.“
„Ich würde sagen, alles, was ich will und fast alles, was du dir vorstellen kannst. Aber lassen wir die Feinheiten. Heute möchte ich dich nur bitten, dich meines armen, geschundenen Rückens mit einer Massage anzunehmen.“ Martina machte einen Rehäugleinblick, und als sie sah, dass Markus Stirn noch in Falten lag, sagte sie: „Ich könnte mir vorstellen, dass ich hinterher was für uns koche.“
„Kochen?“ Markus schüttelte in Erinnerung an seine Rückkehr vom Lehrgang den Kopf: „Mein Liebes, du hast viele Stärken, aber über das Kochen reden wir dann, wenn es soweit ist.“
„Prima.“ Martina stand auf. „Ich hab so ein Öl besorgt und transzendentale Musik.“ Sie küsste Markus auf die Wange und verschwand in ihrem Zimmer.
Markus nickte: „Transzendentale Musik. Was auch immer das ist…“

Markus erinnerte sich noch gut an Sabines Schmollen vor seiner Abreise nach Römö. Sie liebte es nicht besonders, wenn Martina ihm gegenüber allzu kokett war. Und Martina war kokett.
Markus schlug das Handtuch, auf dem sie lag, über ihre Beine und ihren Po und begann mit den Fingern ihren Rücken nach Verspannungen abzutasten. Derer waren nicht sehr viele, aber Martina hatte offensichtlich hohe Ansprüche. Das Massage-Öl hatte sie aus der Klinik. Gewiss hätte sie dort auch jemanden mit mehr Erfahrung gefunden, der es hätte anwenden wollen. Aber in dieser Beziehung war es mit ihren Ansprüchen offenbar nicht ganz so weit her. Ging es nach Markus, galt das auch für diese Musik.
Martina lag mit dem Kopf auf einem Kissen und war süßer Dinge: „Magst du meinen Rücken?“
Markus nickte knapp: „Ein guter Rücken.“
„Der hübscheste auf der Welt?“
„Nein, das nicht.“ Markus schüttelte den Kopf. „Aber akzeptabel.“
„Akzeptabel.“ Martina nickte nun ihrerseits ins Kissen. „Welcher Rücken, denkst du denn, sei schöner?“
„Na ja.“ sagte Markus: „Zum Beispiel ist Sabines Rücken schöner.“
„Zum Beispiel.“ wiederholte Martina.
„Oh, mein Herz, ich will Deinen Rücken nicht schlechter machen, als er ist. Aber es ist natürlich schwierig, sich mit Sabines Rücken zu messen.“
„Natürlich“ stimmte Martina zu: „Man ist geneigt zu sagen, unmöglich.“
„Madam neigen zu Superlativen, aber ich will dir in diesem Punkt mal zustimmen.“
„Gut.“ Martina nickte. Dann fragte sie, naiv wie vorher: „Was ist an Sabines Rücken schöner als an meinem?“
„Nun ja.“ Markus überlegte kurz. Um Zeit zu gewinnen, fuhr er etwas fester über einen Rückenmuskel, woraufhin Martina kurz zusammenzuckte. „Zum Beispiel hat sie weniger Hohlkreuz als Du. Bei dir kommt dem Betrachter der Po doch etwas frech entgegen, was den Blick auf den Rücken beeinträchtigt. Zudem ist ihre Taille weniger ausgeprägt. Sie hat ganz entzückende Schulterblätter, die sich reizend zeigen, wenn sie sich bewegt. Insgesamt wirkt sie etwas kräftiger und sportlicher.“
„Hm. Es gibt Leute, die finden meine Taille und meinen Po auch ganz gut.“
„Und ich gehöre auf jeden Fall dazu.“
„Einige, wage ich zu behaupten, ziehen meinen Rücken auch dem von Sabine vor“, gab Martina weiter zu bedenken.
„Da bin ich sogar sicher, mein Herz. Obwohl ich mich schon frage, wie viel Expertenmeinungen ihr denn so zum Vergleich eingeholt habt.“
Martina reagierte auf diese Bemerkung nicht. „Ist es dir sehr zuwider, meinen hässlichen Rücken zu massieren?“
Markus umfasste ihre Schultern und küsste ihren Hinterkopf, da er sonst nichts erreichen konnte, was nicht ölig war. „Mein Sonnenschein, es gibt ja ganz genau gar nichts, was ich lieber tun würde.“
Martina drehte sich missmutig zu ihm um: „Dann mach weiter, elender Schleimer.“
Markus lächelte: zu spät für ihren kurzen Blick nach hinten. Aber das störte ihn nicht, und er tat wie ihm geheißen.
„Ist die Liste ihrer Vorzüge lang?“, wagte sich Martina aus ihrer Schmollecke.
„Oh, sehr lang, ja.“
„Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass du mal, gesagt hast, dass du uns beide gleichermaßen liebst und verehrst. Sicher nur eine Deiner billigen Lügen und Schmeicheleien.“
„O nein, das ist die ganze Wahrheit“, antwortete Markus ohne großen Nachdruck.
„Dann möchtest du einer gekränkten Frau vielleicht sagen, welche Vorzüge sie hat?“
Markus schüttelte, wieder ungesehen von seiner Gesprächspartnerin, den Kopf: „Nein, möchte ich eigentlich nicht.“
„Wenn du sie also viel schöner findest, gleicht wohl mein edler Charakter die äußerlichen Schwächen aus?“
„Meine Liebe, Dein edler Charakter und Dein hoher Geist suchen sicherlich ihresgleichen – aber das finden sie vielleicht bei Sabine auch.“
„Konstatieren wir also: Sabine hat viele Vorzüge, bei einigen Bewertungsaspekten reiche ich an sie heran, und im Ergebnis liebst du uns beide gleichermaßen.“
„Ja, das trifft es so einigermaßen, nur dass du vielleicht auch eine kleine Liste an Vorzügen hast.“
„Die aber ungenannt bleiben.“
„Die aber ungenannt bleiben.“
Martina nickte. Sie war aber noch nicht am Ende ihres Lateins: „Und, Sabine würdest du in die Liste meiner Vorzüge einweihen?“
Markus schüttelte erneut den Kopf: „Nein, natürlich nicht. Sabine würde ich nur sagen, was an ihr besonders bezaubernd ist.“
„Wie gerecht“, gestand Martina Markus zu. „Eine Frage hab ich noch, mein Liebling.“
„Nur zu, Prinzessin.“
„Mit wem von uns beiden würdest du lieber schlafen?“
Markus widerstand dem Verlangen inne zu halten und setzte die Massage ohne erkennbare Zeichen der Überraschung fort. „Mit dir natürlich, meine Liebe.“
„Und.“ Sie drehte sich erneut zu ihm um. „Laufe ich, so nackt und wehrlos wie ich hier liege, Gefahr, dass du mir Gewalt antust.“
„Die Gefahr ist gegeben“, gestand Markus. „Wobei Deine Blöße dabei eine untergeordnete Rolle spielt. Die Gewalt würde sich wohl darin äußern, dass ich dir den Arsch versohle. Und dabei würde es mich wenig stören, wenn du etwas mehr anhättest.“
Martina öffnete den Mund und lächelte: „Soll ich uns jetzt was kochen?“
„Es stört dich nicht, meine Sonne, wenn ich vielleicht koche, während du dich anziehst?“, fragte Markus, diesmal etwa schüchtern.
„Wenn du darauf bestehst.“ Sie schloss den Mund zu einer Schnute und ließ es offen, ob das Zugeständnis auch für den zweiten Teil galt.

Martina hatte offensichtlich etwas Italienisches geplant, zumindest gab es Nudeln und eine Fertigsauce, mit deren Hilfe, dachte Markus, sie sicherlich auch etwas Essbares hätte zaubern können. Von daher mühte sich Markus, aus den Zutaten mit etwas zusätzlichen Zwiebeln, Lauch, Tomaten und Käse sowie der so genannten italienischen Gewürzmischung einen Auflauf zu kochen, der seine Vorbehalte zumindest oberflächlich rechtfertigte. Er hatte auch genug Zeit, da sich Martina hinreichend lange mit Duschen und sonstiger Körperkultur aufhielt.
Markus saß am Küchentisch und wollte sich gerade eine Zigarette anstecken, als Martina in die Küche kam. Er bemerkte, dass sich das Zugeständnis nicht wirklich auf den zweiten Teil bezogen hatte, denn sie trug nur etwas, das er als Kimono bezeichnet hätte, wenngleich er nicht genau wusste, ob es so hieß.
„Das Essen ist im Ofen, mein Herz, und braucht noch so zehn Minuten, vielleicht magst du dir in der Zwischenzeit etwas anziehen.“
„Sicher“ sagte sie knapp. „Ob du mir wohl vorher den Rücken eincremen möchtest?“ Ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie sich mit dem Rücken zu Markus gewandt auf seinen Schoß.
„Wenn es dich nicht stört, dass meine Hände nach Zwiebeln und Rauch riechen?“
Sie drehte sich zu ihm um. „Doch, das würde mich stören.“ Sie sah, dass Markus wohl nur Spaß gemacht hatte und reichte ihm das Fläschchen. „Los!“
Markus legte die Zigarette beiseite, löste dann die Schleife vom Gürtel und streifte den Kimono von Martinas Schultern. Sie drehte sich abermals um: „Und, sehen meine Schulterblätter auch ganz gut aus, wenn ich mich bewege?“
„Die sehen auch ganz gut aus“, sagte Markus mit einem Kopfnicken, während er sie nach vorn drehte. Er wärmte die Creme in seinen Händen an und begann etwas lieblos, sich ihrem Rücken zu widmen. Sie hatte ihre Haare nach dem Duschen hochgesteckt, so dass er die Lotion auch an ihrem Hals bis zum Haaransatz einmassieren konnte. Ihr Kopf bewegte sich unterstützend.
Wieder drehte sie sich Markus zu. „Ob du mir wohl auch den Rest eincremen magst?“
„Lehn dich nicht so zurück, Mädchen, du schmierst mich noch ein – und nein, das mag ich jetzt nicht tun.“
„Findest Du, dass ich ein Luder bin?“
„Engelchen, du weißt, dass ich dich nicht für ein Luder halte. Und wenn ich ehrlich zu dir wäre, was ich aber selten bin, dann würde ich sagen, dass ich Deine Spielchen auch manchmal ganz gut leiden kann.“
„Hm, ganz gut leiden können – das ist im Vergleich zu Deinen abfälligen Bemerkungen über meine Taille ja schon ein Kompliment.“ Sie stand auf, wobei sie ihren Kimono vergaß und stellte einen Fuß auf die Tischplatte. „Ich glaube, ich sollte meine Fußnägel neu lackieren.“
Markus küsste ihren Fuß, dessen Nägel über tadellosen Lack verfügten, und sagte: „Du wirst jetzt nichts dergleichen tun, meine Schöne, sondern fluchtartig verschwinden und sehr schnell und sehr angezogen hier wieder am Tisch erscheinen.“
„Sklaventreiber.“ Sie küsste ihn und verschwand, nicht ohne Grazie, wohl aber ohne ihr Bekleidungsstück.
„Du dummes Ding hättest gar nichts zu lachen, wenn du meine Sklavin wärst.“

„Bin ich rechtzeitig?“ Martina kam zwanzig Minuten später voll bekleidet zurück in die Küche.
„Aber ja, mein Engel, du hast ja fast gar keine Zeit benötigt.“ Markus hatte Wein eingeschenkt und füllte auf. „Und gut siehst du aus, kleine Prinzessin. Wie hab ich nur eine so hinreißende Gesellschaft verdient?“
„Hast du eigentlich gar nicht. Aber manchmal gebe ich mehr als verdient.“
„Ist es nicht so, dass du immer gezwungen bist, mehr zu geben als irgendwer verdient.“ Markus hob das Glas. Martina stieß beiläufig an und kümmerte sich dann um ihren Teller. Das Essen, befand Markus, war recht gut gelungen, aber sie machte nur eine kurze Bemerkung darüber, dass ihre Künste ja nicht gefragt waren.
Martina unterbrach das Essen, dem sie trotz gespielter Zurückhaltung ordentlich zusprach. „Möchtest du gar nicht wissen, wo Sabine ist?“
„Nein, möchte ich nicht“, antwortete Markus und aß weiter.
„Du findest den Gedanken daran bestimmt widerlich.“ Martina steckte sich eine anspruchsvoll beladene Gabel Nudelauflauf in den runden Mund.
Markus legte sein Besteck beiseite. „Vielleicht.“
„Du findest das widerlich, was wir machen?“
„Nein“, korrigierte Markus: „Ich finde den Gedanken daran vielleicht widerlich.“
„Okay, lass uns Haare spalten. Du findest den Gedanken vielleicht widerlich, aber die Sache an sich nicht?“
„Von der Sache an sich weiß ich glücklicherweise nicht viel.“
„Gut, nehmen wir an, es wäre das, worüber sich Gedanken zu machen vielleicht widerlich wäre, würdest du uns dann verachten?“
„Also schön, mein Herz, reden wir also Tacheles.“ Er nahm ihre Hand. „Liebling, selbst wenn das, was ihr tun würdet, schlimmer wäre als das, worüber sich Gedanken zu machen vielleicht widerlich wäre, würde ich keinen von euch beiden jemals mit der leisesten Spur von Verachtung betrachten. Wenn es bei dem Gedanken daran Widerwillen gäbe, so würde er nicht euch gelten, sondern euren Verabredungen. Ich weiß, dass das ungerecht denen gegenüber ist. Aber die Welt ist nun mal nicht gerecht, und ich würde euch beiden so gut wie alles verzeihen und diesen Typen nur vergleichsweise wenig.“
„Ach, Mäuschen, sei nicht so kleinherzig.“ Sie lachte. „Die haben ja auch ihre Interessen.“
Markus presste die Lippen kurz aufeinander. „Ihr spielt mit ihnen und hoffentlich brecht ihr ab und zu ein paar Herzen. Ich habe nicht den Eindruck, dass Ihr mit dem Spiel sehr unglücklich seid – und das ist das Einzige, was zählt.“ Er verzog den Mund. „Wenn irgendwann irgendwer nicht nur schön und mächtig ist, sondern euch auch halbwegs gewachsen und würdig, dann würde es mir vermutlich das Herz brechen, aber Ihr hättet sicher meinen Segen. Und wenn er wirklich so ein toller Hecht wäre, würde ich ihm das vielleicht sogar gönnen.“ Markus machte eine Pause und fragte in einem anderen Tonfall: „Das ist aber nicht der Grund, weshalb Sabine heute nicht da ist, oder?“
Martina schüttelte den Kopf und lächelte: „Nein, das ist nicht der Grund.“ Sie stand auf, schob den Küchentisch etwas beiseite und setzte sich auf seinen Schoß – diesmal anders herum, also frontal. Markus ließ es stoisch über sich ergehen, dass Martina ihn küsste und auf seiner Unterlippe kaute. Dann sagte sie: „Du bist vielleicht ein Herzchen.“
Markus nickte: „Ich wusste, dass ich dich mit so einer rührseligen Geschichte klein kriegen würde. Da fallen sie alle um.“
„Sabine sagt immer, du seiest ein Idiot. Und ich habe ihr nie widersprochen.“ Sie setzte ihm einen Kuss auf die Nase. „Und recht hatte ich damit.“