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Kap2.22 Stahl Drucken

 

„Ole Einar Björndalen.“ Markus begann zu zählen. Niemand lachte über seinen kleinen Spaß. Er hatte die Runde ‚ohne Einen’ gespielt, wie es beim Skat hieß, wenn man ohne den höchsten Trumpf spielte. Niemand lachte, da er den Spaß jedes Mal anbrachte, wenn jemand dieses Spiel machte. Das erste Mal hatte er erklärt, seine Jugendliebe, Karen Maria, sei nun mittlerweile sicher schon zum Studium in Oslo und würde dort einen schmucken Norweger kennen lernen. Den Namen hatte er aus der Zeitung, irgendein Wintersportstadion würde dort so heißen, benannt nach einem berühmten Langläufer. Auch damals, beim ersten Mal, hatte niemand gelacht. Über etwas mehr Erfolg konnte sich Markus etwas später am Abend freuen. Er spielte mit Erik gegen Axel, und Erik hatte überraschend den letzten Fehlfarbenstich gewonnen. Markus hatte ihn begeistert angesehen und eine gute, alte Weise angestimmt: „Oh, Dein Grubengold hat uns wieder hoch geholt. du Blume im Reviiiiier!“ Die Stimmung war durch diesen Gesangsbeitrag gestiegen und schon hatten sie begonnen, altes Liedgut hervorzukramen. Er trommelte gerade Eve of Destruction auf seinem Blatt und suchte den Text, als Alarm geschlagen wurde.


Markus schlich über den geteerten Abstellplatz. Sein Kopf dröhnte und er wünschte sich den Abend herbei oder viel mehr den Zeitpunkt, zu dem er ins Bett gehen konnte. Ob es der Abend sein würde, war nun weniger wahrscheinlich. Der Hauptmann, der den Lehrgang leitete, schrie Markus wegen seiner kümmerlichen Erscheinung über den Platz hinweg an. Als er die zweieinhalb Meter betrachtete, die zwischen dem Boden und dem Eingang zur Luke des Panzers lagen, musste er gegen Übelkeit ankämpfen. Verbrannter Treibstoff war ihm in die Nase gestiegen. Sauerstoffarme Luft, die aus dem Auspuff geblasen kam. Er suchte an der Außenwand Halt, um den Fuß in den Steigtritt zu hieven. Dann bewegte er sich plötzlich wie eine Katze. Keine zwei Sekunden später saß er auf seinem Platz. Es war wie jedes Mal: schlafende Kräfte, die erwachten. Immer wenn er den Turm bestieg, wandelte sich etwas in ihm. Er wollte es nicht, aber es passierte. Der Skeptiker, der Sarkast, der Schalk, der manchmal mit ihm durchging, sie alle verschwanden. Er handelte scheinbar mechanisch, aber mit offenem Verstand. War seine Rede oft umständlich und zweideutig, so nutzte er an Bord knappe präzise Worte. Er liebte das tiefe Brummen des Motors, das sich in seinem Bauch fortpflanzte. Er fühlte die Macht und die Gewalt dieses Stahls, so als pumpte ihm diese bewegliche, eiserne Festung ihren Willen ein. Er wurde selbst Feuer und Bewegung. Und er wusste, dass er dagegen ankämpfen musste, sonst würde er der Sucht nach Macht und Gewalt erliegen.
Er fand Gefallen daran, nächtelang mit seinen Freunden über die gerechte Gesellschaft zu sprechen, über den Unsinn des Krieges, bei dem keiner gewann. Sie sangen in der Kaserne heimlich die pazifistischen Lieder. Sie machten sich über das militärische Gehabe und die oftmals so sinnlos eingeforderte Disziplin lustig. Wie wohl jeder, hasste auch Markus den technischen Dienst, in dem Waffen und Fahrzeuge gereinigt, gepflegt und geschmiert wurden. Dann verlor auch ein Panzer seine Majestät. Wenn er nur dastand, mit der Fettpresse behandelt werden wollte und das Gummi Talkum verlangte. Wenn aber vier, zehn oder fünfzehn dieser Kolosse nebeneinander über die Fläche fuhren oder auch nur hintereinander die Straße entlang, dann hatte Markus das Gefühl, nichts könne sie aufhalten. Und das Erschreckende an diesem Gedanken war, dass es ihm in diesen Momenten nicht darum ging, wofür sie fuhren. In diesen Momenten ging es ihm nicht um die Freiheit, die Verteidigung der Schwachen oder den Kampf für eine bessere Gesellschaft. In diesen Momenten diskutierte er kein für und kein wider. In diesen Momenten war nichts grau. Sie waren weiß und der Feind war schwarz. Markus spürte dieses Gefühl, er bemerkte es bewusst in sich aufkommen. Er wusste, dass es gefährlich war, dass es falsch war, aber er konnte oder wollte sich nicht dagegen wehren – vielleicht das nächste Mal, vielleicht, wenn es darauf ankommt.