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Kap2.18 Sowinski Drucken

 

„Herr Sowinski. Was verschafft mir um diese Uhrzeit die unerwartete Ehre?“ Der Chef des Stabes sah unwillig auf.
„Es handelt sich um einen eher persönlichen Besuch, Herr Teichert-Waldesleben.“


„Herr Sowinski, wir befinden uns an der Schwelle eines Krieges. Wollen Sie allen Ernstes heute Abend auf Ihre Ambitionen als Minister zu sprechen kommen? Meine Einstellung dazu hat sich ganz gewiss auch unter den Vorzeichen eines Konfliktes mit der Föderation nicht geändert.“
„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.“ Seine dunklen Augen leuchteten freundlich. „Ein Geschenk sozusagen.“ Er legte dem Chef des Stabes einen großen Briefumschlag auf den Tisch.
Teichert-Waldesleben sah eine Weile lang von seinem Schreibtisch zu seinem Mitarbeiter hoch. Dann ergriff er wortlos den Umschlag. Sein Blick verharrte nur kurz auf dem ersten Foto. Schnell, aber ohne Unruhe besah er sich einige weitere und schob den Stapel in den Umschlag zurück. „Danke. Sie können gehen.“
„Ich würde Ihnen gern noch eine Geschichte erzählen.“
„Ich bin an Ihrer Geschichte nicht interessiert.“
„Die Geschichte wird Sie interessieren.“
„Herr Sowinski!“
Der Admiral ließ sich auf einem Stuhl nieder und spähte zu seinem Vorgesetzten. „Ich kenne Ihre Lösung. Und sie ist falsch.“
„Es ist bereits alles vorbereitet. Denken Sie nicht, dass ich das nicht irgendwann erwartet hätte?“
„Ich bin sicher, dass Ihre Vorbereitungen sorgfältig und Ihre Pläne ehrenhaft sind, Herr Teichert-Waldesleben. Ich möchte mich bemühen, sie zu widerlegen.“
Der Generalleutnant sah ihn ohne Ausdruck an.
„Es ist die Geschichte eines Mannes.“ Sowinski lächelte und holte weit aus. „Er war Kommandant eines Zerstörers. Wir befanden uns im Krieg mit der Föderation und er operierte im Atlantik, westlich von Spanien. Es war ein gutes Schiff. Die Awarier hatten nichts Vergleichbares. Er stieß in feindliche Flottenverbände hinein, versenkte ein oder zwei Schiffe und war verschwunden, ehe der Gegner reagieren konnte. Doch einmal misslang der Rückzug. Maschinenschaden. Er konnte sich noch in einer Bucht verstecken, aber ehe die Maschine repariert war, kreiste ihn die Flotte der Föderation ein. Die Awarier forderten ihn zu Verhandlungen auf. Er war zu seinem letztes Gefecht bereit. Doch seine Offiziere und seine Mannschaft baten ihn zu verhandeln. Selbst wenn sie das Schiff auf Grund legen würden, argumentierten sie, die Bucht war nicht tief und lag in awarischem Gebiet. Was hatte es für einen Sinn zu kämpfen? Der Kapitän befahl die Sprengung vorzubereiten und begab sich auf das Kommandoschiff der awarischen Flotte. Sie forderten ihn auf, das Schiff unversehrt zu übergeben. Er lehnte ab. Um Blutvergießen zu vermeiden, forderte er freies Geleit für seine Männer und: sein Schiff versenken zu lassen. Die Gespräche zogen sich hin. In einem Bruch der verhandlungsbedingten Waffenruhe wurde der Zerstörer in der Nacht geentert. Die Besatzung ergab sich. Die für diesen Fall vom Kommandanten befohlene Sprengung wurde nicht durchgeführt. Er kam mit seinen Männern in eines ihrer Lager. Die Awarier feierten den Erfolg. Und die Nachricht schwappte in unser Land: der Kommandant habe sein Schiff übergeben. Nun habe man ihn, um ein gutes Beispiel zu geben, wegen Feigheit vor dem Feind zum Tode verurteilt. Die Mannschaft bekam lebenslange Internierung und Zwangsarbeit. Lebenslang war nicht sehr lang. Die Männer starben dort wie die Fliegen.“
„Das ist eine traurige Geschichte, aber ich kann im Moment wenig Lehrreiches für mich erkennen und möchte Sie jetzt bitten zu gehen.“
„Warten Sie. Es gibt noch einen zweiten Teil der Geschichte. Sie handelt von dem Sohn des Mannes. Er war noch ein Kind. Er hörte die Geschichte und seine Klassenkammeraden hörten die Geschichte ebenfalls. Diejenigen von ihnen, die keine Väter oder Brüder an Bord hatte, machten sich lustig über ihn. Sie sprangen, wenn sie ihn sahen, aufgeschreckt in der Gegend herum und riefen: oh weh, ein feindlicher Soldat, ich ergebe mich. Das fanden sie lustig. Auch sie waren noch jung. Schlimmer waren die Söhne, Töchter, Brüder oder Schwestern derjenigen, die in der Internierung starben. Sie machten keine Scherze. Sie verachteten den kleinen Jungen. Sie hassten ihn. Der Junge sah auch seine Schwester leiden und er sah seine Mutter leiden. Und dafür verachtete und hasste der Junge seinen Vater.“
Teichert-Waldesleben schwieg.
Und Sowinski fuhr fort. „Der dritte Teil der Geschichte schließt nun den Bogen. Zehn Jahre später, der Junge war achtzehn, besuchte ihn ein Mann. Er sah aus wie siebzig, war aber keine vierzig Jahre alt. Der Mann war geflohen. Zwei Jahre hatte er gebraucht, um sich bis hierher durchzuschlagen. Es war der Adjutant des Kapitäns und er erzählte die ganze Geschichte. Fortan hasste und verachtete der Junge, der inzwischen ein junger Mann war, seinen Vater nicht mehr. Er hasste und verachtete die Föderation und schwor, alles zu tun, um ihr zu schaden, um sie zu vernichten.“
Sowinski stand auf und beugte sich über die Schreibtischplatte. „Vielleicht lieben Sie Ihre Familie nicht. Vielleicht ist es nur eine Alibifamilie. Vielleicht lieben Sie nur diese kleinen Mädchen – kaum dreizehn Jahre alt. Dann handeln Sie, wie Ihrer Meinung nach ein Offizier handeln muss, aber erwarten Sie von mir keine Nachsicht Ihnen, Ihrer Ehre, Ihrem Andenken oder Ihrer Familie gegenüber.“ Er richtete sich auf, sein Gesicht entspannte sich. „Oder handeln Sie wie ein wahrer Offizier und kämpfen Sie mit mir gegen einen Feind, der es verdient, vernichtet zu werden.“