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Kap2.08 Schach Drucken

Markus zog wie gewohnt e2-e4.
Claas griff zum c-Bauern und schob ihn zwei Felder nach vorn.
Markus hielt kurz inne und schaute dann mit einem Maximum an Düsternis im Blick auf.
„Sizilianisch.“ Claas lächelte.


Markus schwieg.
„Schwierig!“ Claas lachte.
„Hast du n Buch gelesen, oder was?“
„Ist ja nicht verboten, oder?“
Markus wedelte mit der Hand. „Wir spielen nie Schnickschnack-Huckepack Sizilianisch oder Indisch. Wir spielen immer e7-e5.“ Er hielt mit der Hand inne. „Okay. Du darfst den Zug zurücknehmen.“
Claas ließ seinen Bauern stehen. „Man muss sich auch mal weiterentwickeln.“
„Das ist ja auch schön und gut. Nur vielleicht nicht heute und schon gar nicht im Schach.“
„Du hast Angst, dass ich dich vom ersten Platz vertreibe.“
„Weil du ein paar Züge auswendig gelernt hast?“
„Sei beruhigt. In dem Buch stehen sowieso nur die Hauptvarianten. Da du jetzt aber sicherlich irgendwas Schwachsinniges machen wirst, komme ich mit meinem mühevoll angeeigneten Wissen auch nicht sehr weit.“
„Dann zieh halt e7-e5.“
„Denk halt mal nach.“

Markus hatte nachgedacht, aber es hatte nicht sehr viel geholfen. Claas war in der WG-Rangliste auf einen Punkt an Markus herangekommen. Unvorsichtigerweise hatte Claas angekündigt, sein Spiel mit Weiß mit d2-d4 zu eröffnen. Und Markus hatte das Rückspiel kurzerhand auf den nächsten Tag verschoben.
Markus sinnierte mit einer Flasche Bier vor sich hin:
Class stöberte durch sein Schachbuch. „Es ist doch seltsam, dass man beim Schach immer geneigt ist, seine Dame zu opfern. Da hat man fünfzehn Männer und eine Frau, aber das höchste Glück ist es, mit dem Opfer der Dame die Festnahme des gegnerischen Königs zu ermöglichen. Da lese ich…“
„Du ließt zu viel.“
Claas verzog kurz das Gesicht und setzte wie an die Allgemeinheit gewandt, die jedoch in diesem Fall nur aus Markus bestand, fort. „Da ist hier eine alte Schachaufgabe drin. Weiß ist materiell heillos unterlegen, setzt aber nach Damenopfer in fünf Zügen matt. Und dann steht da: Leider gibt es noch eine Nebenvariante ohne Damenopfer. Das stelle man sich mal vor. Der Autor findet es schade, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, das Spiel zu gewinnen ohne die Königin zu schlachten. Ich meine, es steht ihm frei, sie trotzdem zu opfern. Aber allein die Tatsache, dass es auch ohne Frauenverlust geht, lässt diese Aufgabe weniger edel erscheinen.“ Er sah Markus an. „Findest du das nicht bemerkenswert?“
„Schön. Es wurde ja jetzt bemerkt. Wie heißt Dein dämliches Buch?“
„Du willst doch wohl nicht in die Niederungen eines Schachbuchlesers herabsteigen?“
Markus verknautschte seinen Mund und fuhr dabei mit der Zunge über seine Schneidezähne. „Das Problem ist, dass alles so friedlich und unhektisch sein könnte, wenn die Menschen nur nicht so ehrgeizig wären.“ Er grinste kurz zu Claas. „Erfindungen und Wirtschaftswachstum setzen die Leute doch nur unter Druck und bringen sie in Zugzwang. Vielleicht waren die Menschen in der Urzeit viel zufriedener.“
„Da gab es Säbelzahntiger.“
„Schon. Aber keine Panzer.“
„Die Lebenserwartung war viel geringer.“
„Das macht ja nichts. Vielleicht sind dreißig Jahre, in denen du weißt, wo es lang geht, besser als achtzig, in denen du der Entwicklung hinterherläufst und ständig Angst hast, abgehängt zu werden.“
„Hast du Angst, von mir abgehängt zu werden.“ Claas legte fröhlich seinen Kopf zur Seite.
„Von dir wohl kaum, Junge.“
„Willst du vielleicht jetzt das Rückspiel.“
„Ich glaube ja auch“, überging Markus die Frage, „dass Forscher und Entdecker anderen nur etwas wegnehmen. Da erfindet jemand einen Buchdruck, einen Motor oder die Quantenmechanik und sein Name geht in die Geschichte ein und wird geehrt. Aber früher oder später hätte es jemand anderes gefunden. Was macht es da, dass er ein paar Jahre, vielleicht auch nur ein paar Tage schneller war?“
„Du bist aber wirklich nicht gut drauf. Vielleicht solltest du dich mal um ne richtige Freundin kümmern. Dann wärst du vielleicht ein bisschen ausgeglichener.“
„Haben eigentlich alle Dänen so wenig Charakter oder nur die Bauern von Langeland?“
„Oh, der Herr wird unsachlich. Fein. Aufn Hof lernt man zumindest recht bald, dass Fortpflanzung nicht durch Ankucken und träumen funktioniert.“
„Aha. Und lernt man da auch, das Weibchen nach Eutergröße auszusuchen?“ Markus spielte auf Melanie an, mit der Claas seit einigen Monaten zusammen war.
„So, so. Unsachlich reicht ihm nicht. Der Herr zieht es vor, unter die Gürtellinie zu schlagen.“ Claas blies kurz Luft aus. „Und ich dachte, du interessierst dich für diese Region gar nicht so sehr.“
Markus suchte nach einer guten Erwiderung, sah aber, dass ihm die Zeit dafür davonlief. Ihm blieb nur erhabenes wenngleich unterlegenes Schweigen. Die Rettung nahte im Gestallt von Tobias. „Na, wie steht’s?“ Er blickte aufs Brett und dann auf die Tafel mit der Rangliste. „Schade“, sagte er an Markus gewandt. „Ich dachte, du gewinnst. So krieg ich Claas ja nie.“
„Du bist Letzter. Vorher solltest du vielleicht erstmal Lars schlagen.“
„Ja, ja.“ Tobias lächelte fröhlich. „Den putz ich gleich vom Brett.“ Er grinste. „Ich sach nur: Damenindisch im Anzug!“
Markus schüttelte den Kopf und ging. „Nur mit Arschlöchern hat man es hier zu tun.“