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Kap2.16 Rückkehr und Auftrag Drucken

 

Markus fühlte sich müde. Nicht dass er an Bord schlecht geschlafen hatte, aber wieder zu Hause überkam ihn diese Leere, die typisch war, nachdem er eine große Sache abgeschlossen hatte. Außerdem verstärkte der Abschied von Thea sein ungutes Gefühl. Darüber musste er nun hinwegkommen. Sie hatte ihm zwei Tage vor Abreise den Laufpass gegeben. Sicher, für die Ewigkeit war das auch nicht bestimmt gewesen. An sich, dachte Markus, seien ihm damit zwei gemeinsame Tage abhanden gekommen, die nun so oder so vorbeigewesen wären – zudem hatte er nicht Schluss machen müssen. Die Leere in seinem Kopf wurde von diesem Gedanken allerdings nicht nachhaltig aufgefüllt.


Das Schiff hatte planmäßig früh morgens angelegt und Markus war bereits gegen halb acht zu Hause angekommen. Wohl aufgrund der kurz zuvor bekannt gegebenen Mobilmachung fand er aber außer Melanie niemanden in der Wohnung vor. Die Freundin von Claas ging nur in einem weiten langen T-Shirt, das ihren fülligen Körper umhüllte, gerade in Richtung Dusche. Markus sagte einigermaßen freundlich Hallo, ging in sein Zimmer und legte sich aufs Bett.
Dass die Reservisten nun einberufen wurden und er noch immer keine Reserveeinheit hatte, störte ihn etwas. Auf der anderen Seite, sagte er sich, wenn es wirklich zu Gefechten kommen sollte, hat es auch seine Vorteile, nicht gefragt zu sein. Um diese Themen nicht weiter fruchtlos erörtern zu müssen und Melanie aus dem Weg zu gehen, beschloss er, Sörensen in der Uni zu besuchen und ihm von seinen Erlebnissen in Kiruna zu berichten. Als er den Professor nicht auffand und auch das Büro seiner Studenten leer war, setzte er sich an einen der Schreibtische, um zu dösen. Er hätte es sehr begrüßt, wenn es schon Abend gewesen wäre. Der Tag drohte langweilig zu werden, und er konnte sich nicht recht aufraffen, den Bericht, den er gerne mit Sörensen besprochen hätte, schriftlich wiederzugeben.
„Leutnant Jansen?“
Die Stimme kam von der Tür. Markus schreckte hoch, sah Eichenlaub auf der Schulter eines uniformierten Mannes und ging in eine, nach seinem Befinden, angemessene Haltung. Im Prinzip hätte er in Grundstellung gehen müssen. Da er aber zivil trug, begnügte er sich mit der Andeutung einer solchen. Markus straffte sich und, noch immer ein bisschen verwundert, sagte er mit einem Kopfnicken: „Guten Tag, Herr Oberstleutnant.“
Der Mann schritt auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte nicht unfreundlich, aber aus einer gewissen Distanz: „Reser-Weiden. Und Sie sind besagter Leutnant?“
„Ja, Herr Oberstleutnant. Leutnant Jansen, Reserve zur besonderen Verfügung.“
„Gut, dass ich Sie gefunden habe.“ Reser-Weiden zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Sie sind mein neuer Raketenspezialist.“ Er holte eine Mappe aus seiner Aktentasche. „Setzen Sie sich.“
„Raketenspezialist?“ Markus war noch halb in seinen Tagträumen und kam nur langsam in die Realität zurück. Er hatte den Namen seines Gegenübers schon einmal gehört, aber es wollte ihm nicht einfallen, in welchem Zusammenhang. „Herr Oberstleutnant, gestatten Sie mir eine Frage: Sie tragen die Kragenspiegel des Generalstabs…“
„Ich mache es kurz. Ich leite die Abteilung 44 im Generalstab und habe Sie mir ausgeliehen.“
„Die Abteilung 44, im Generalstab.“ Markus nickte. Der Generalstab wollte was von ihm. Da die vierte Abteilung in einem Stab im Allgemeinen für die Versorgung zuständig war, brachte er ein mageres „Logistik?“ hervor.
„Prächtig, Herr Leutnant, Sie kennen sich ja gut aus. Die Abteilung 44 ist für die technische Entwicklung im In- und Ausland verantwortlich.“
„Es geht um Raketen, Herr Oberstleutnant, im Inland?“
Reser-Weiden räusperte sich: „Gut, mit dem Frage- und Antwortspiel kommen wir nicht sehr zügig voran. Von daher, erlauben Sie vielleicht, dass ich den Fall kurz skizziere – ohne weitere Zwischenfragen?“
„Sicher, Herr Oberstleutnant.“ Markus‘ Konzentration hatte ein brauchbares Maß erreicht. „Entschuldigen Sie, Herr Oberstleutnant.“
„Vor einigen Tagen ist ein Wissenschaftler der Awarischen Föderation zu uns übergelaufen. Er hatte Konstruktionspläne eines Raketenflugzeuges bei sich. Da wir uns in der Mobilmachung befinden, ist es für die Abteilung etwas schwierig, Fachleute zu dem Thema zu finden. Von daher greife ich auf Sie zurück.“
„Aber, Professor Sörensen…“ Markus hatte ihn wieder unterbrochen, kam aber nicht dazu, den Satz zu vollenden.
„Professor Sörensen hat die Pläne hier in Kiel in Empfang genommen und ist auf dem Weg nach Kopenhagen, um sie dort mit einigen Kollegen zu untersuchen.“
„Und..“
„Herr Leutnant!“ Reser-Weiden sprach ohne die Stimme zu heben und sah Markus eine halbe Sekunde lang schweigend an, dann fuhr er fort. „Sie werden zu dem Stützpunkt gebracht, an dem sich der Überläufer befindet, und an den Befragungen teilnehmen. Zum einen erhoffen wir uns, dass er über wissenschaftliche Themen einen Draht zu Ihnen aufbauen wird. Zum anderen ist es Ihre Aufgabe, seine Aussagen auf Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Sie werden zur Stunde aufbrechen. Ihre Freundin war so gut, Ihren Seesack aus ihrem Zimmer zu holen. Er befindet sich unten im Wagen.“
„Meine Freundin? Sie ist nicht…“
Reser-Weiden hob kurz schweigend den Kopf und deutete danach auf eine Akte in seiner Hand. „Hier in der Mappe sind Kopien der awarischen Unterlagen, die der Mann mitgebracht hat, Ihr Marschbefehl und alle notwendigen Autorisierungen. Noch Fragen?“
„Ja, Herr Oberstleutnant, wo befindet sich denn der, äh, Überläufer?“ Aufbrechen und Marschbefehl klangen nicht unbedingt nach Kiel.
„Der gute Mann befindet sich im Fort Echo, 5. Regiment der ersten Grenztruppendivision.“