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Johnatan Thies war sich ganz und gar nicht sicher, ob er zu dieser Zeit an diesem Ort diesem Treffen hätte beiwohnen sollen. Mit sechsundzwanzig Jahren war er auf dem besten Wege gewesen, eine steile Karriere in der Industrie zu machen. Er war Ingenieur bei den KG-Werken in Flensburg gewesen und hatte die Aussicht, einer der jüngsten Abteilungsleiter im Betrieb zu werden. Er war Oberleutnant und hatte eine Reservestelle als Zugführer bei einer motorisierten Versorgungskompanie in unmittelbarer Nähe zu seinem Wohnort gehabt. Er war ein begabter Ingenieur und ein ordentlicher Offizier gewesen. Der Grund jedoch, weshalb er heimatnah so gute Positionen erhalten hatte, lag darin, dass er für Flensburg in der ersten Handballliga im Rückraum spielte.
Die Armee und auch sein Betrieb stellten ihn, wie es bei Leistungssportlern gesetzlich geregelt war, frei, wenn das Training oder Auswärtsspiele anstanden. Nicht gesetzlich geregelt, aber landesweit übliche Praxis war es, andere Vorzüge zu gewähren. Die Vertreter des Vereins, die Repräsentanten der Stadt, die Leitungen der größten Arbeitgeber der Region und die Kommandeure der ortsansässigen Truppenverbände schafften Bedingungen, die es den Spielern ermöglichten, sich auf Ihren Sport zu konzentrieren, und verhinderten, dass andere Vereine zum Zuge kamen. Der Wettbewerb zwischen den Städten führte gerade beim Handball, der in der Allianz und auch in ganz Skandinavien einen hohen Stellenwert hatte, dazu, dass Leistungsträger nicht nur während ihrer Aktivenzeit einen ansprechenden Lebensstil führen, sondern auch für die Zeit danach vorbauen konnten. Bei Johnatan Thies kam es anders. Er war nun einunddreißig Jahre alt und noch immer kein Abteilungsleiter. Und er würde es wohl auch nicht mehr werden. Er war noch immer Oberleutnant, allerdings ohne Reservestelle und ohne eine Aussicht auf weitere Beförderungen. Das war sicher ein Fehler im System. Die Funktionäre seines Vereins hatten sich nach seiner Verletzung bemüht, ihm weiterzuhelfen. Sie waren allerdings gescheitert. Die Armee hatte ihn wegen seiner Kniegelenke ausmustern müssen. Und ohne eine parallele Karriere in der Armee war ein Weiterkommen in der Wirtschaft nahezu ausgeschlossen. In der Forschung und auch im kulturellen Bereich war das vielleicht möglich, aber Johnatan Thies war weder Forscher noch Künstler. Er war Ingenieur in einem Betrieb, der hydraulische Anlagen für Militärfahrzeuge baute, und als solcher war er bei betrieblichen Beförderungen darauf angewiesen, dass die Personalabteilung der Armee zustimmte. Diese konnte aber nicht zustimmen, da sie keine Akten mehr über ihn führte. Er hatte den Stabsarzt verflucht, der ihn auf fünf gemustert hatte. Eine Musterung auf vier hätte ihm zumindest den Weg in eine Stabs- oder Fachoffizierstelle offen gehalten. Da er aber nach seinem Unfall für zwei Jahre auf einen Rollstuhl angewiesen war, konnte der Arzt trotz Intervention der lokalen Sportförderer nicht anders, als ihn vorläufig auszumustern. Bei der Nachprüfung drei Jahre später war sein Zustand etwas besser gewesen, ihm fehlten zu diesem Zeitpunkt allerdings die Fürsprecher, so dass die Ausmusterung für endgültig erklärt worden war. Nun war er als Abgesandter der Ingenieure im Betriebsrat der KG-Werken. Er war dort rein geraten, weil es außer ihm keiner machen wollte. Dann kam – natürlich von der HDW – der Vorschlag, eine gemeinsame Sitzung aller Räte der großen Unternehmen abzuhalten. So weit war das auch noch im seinem Sinne gewesen. In den vergangenen Jahren hatte er die Arbeit für die Mitarbeiter in seinem Betrieb zu schätzen gelernt. Aber das Treffen wurde vom Innenministerium aufgelöst. Eine Begründung gab es nicht, aber im Nachhinein wurde der bevorstehende Angriff der Föderation aus dem Hut gezaubert. Der harte Kern (gehörte er wirklich dazu?) hatte sich verabredet, im kleinen Kreis weiterzuarbeiten. Sicher, der Schmitt hatte ihn beeindruckt. Er hatte nur seinetwegen zugesagt. Aber hatte er recht damit, war das der richtige Weg? Sie trafen sich in einer Wohnung, an einem Wochenende. Jedem hatte Schmitt erklärt, wie er Verfolger ausmachen und sie gegebenenfalls abschütteln konnte. Im Notfall solle man nicht kommen und einen weiten Bogen um besagte Wohnung machen. Thies hatte niemand verfolgt. Aber ihm war die Sache nicht geheuer. Schmitt hatte gesagt: „Ein Streik ist eine Straftat. Und wir werden keine Gesetze brechen. Aber eine unangemeldete Versammlung, mit weniger als hundert Leuten, ist nur eine Ordnungswidrigkeit. Der Park vor dem Parlament ist ein guter Ort, an dem sich ein paar Arbeiter an ihrem freien Tag mit ihren Familien zu einem Picknick versammeln könnten.“ Die HDW veranstaltete solche Treffen seit dem Frühjahr. Beim zweiten oder dritten Mal hatten sie Transparente dabei – und die Versammlung wurde gewaltsam aufgelöst. „Aber wir müssen unsere Leute überzeugen, es immer wieder und wieder zu tun. Frauen müssen dabei sein, und Kinder. Wenn die Polizei Schlagstöcke einsetzt, müssen wir die Opfer sein. Das Parlament wird sich über den brutalen Einsatz beschweren. Aus Solidarität werden das nächste Mal mehr kommen.“ Schmitt sagte weiter: „Die Friedenspflicht während des Angriffs der Föderation läuft bald ab. Die ständige Aggression der Allianz in Richtung Süden muss beendet werden. Die imperialistischen Träume des Regimes sind geplatzt. Nun gilt es, die innenpolitischen Themen zu bearbeiten, das Unrecht, das seit Jahrzehnten herrscht.“ Der Kramer, dachte Thies, ja der wird das Thema schon ins Parlament bringen können. Der sagte: „Demonstrations- und Streikrecht ist Bürgerrecht. In Schweden und Norwegen waren diese Rechte nur kurze Zeit außer Kraft.“ Ja, dachte Thies, Demonstration und Streik, das waren wichtige Dinge, aber noch wichtiger war es für ihn, dass dieses Kriegsrecht ganz verschwand: mit all seinen diskriminierenden Paragraphen, die es verhinderten, dass er eine angemessene Stellung bekam. Vermutlich war es richtig, zu dieser Zeit an diesem Ort zu sein. Er würde in Flensburg einen kleinen Nebenschauplatz organisieren. Der Betriebsrat würde Solidaritätsnoten an die Kollegen in Kiel schicken und Gesandtschaften zum gemeinsamen Grillen im Kieler Park. Jetzt galt es zu planen und Freunde zu finden. Und Johnatan Thies wusste, wo er die finden würde.
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