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Kap2.21 Im Gefechtsstand Drucken


Kurz nach fünf Uhr kamen Markus und sein Fahrer in den Regimentsgefechtsstand. Dort fanden sie Rosenbladt vor, der etwas schlaff mit einem Kaffee da saß. Offensichtlich hatte das mit der Küche geklappt, zumindest standen dort drei Papiertüten, in denen Markus den Proviant vermutete. „Guten Morgen, Junker“, sagte er. „Seien Sie mir nicht böse, aber ich werde froh sein, wenn ich hier raus bin.“ Er kratzte sich am Kopf. „Frühes Aufstehen ist auch gar nicht mehr meine Sache.“


„Guten Morgen“, sagte Rosenbladt freundlich, aber nicht minder müde. „Nehmen Sie sich doch einen Kaffee. Dann gehen wir gleich rüber und holen den Herrn Rahimi.“
Markus schenkte einen Becher ein und wollte ihn Palt geben. Der lehnte dankend ab, sein Magen würde das nicht mitmachen, und nahm stattdessen die Tüten auf und meldete sich ab, um das Auto vorzubereiten.
Markus setzte sich zu Rosenbladt. „Sagen Sie, was ich mich gefragt habe, der Gefechtsstand ist außer Ihnen unbesetzt. Was passiert, wenn das Regiment Sie erreichen will?“
„Das läuft im Moment alles über die Kompanie. Nur zweimal am Tag gebe ich eine Meldung an das Regiment.“
Markus streckte sich. „Dann haben Sie ja einen ganz guten Job. Wollen mal hoffen, dass das so bleibt.“
Der Fahnenjunker presste die Lippen aufeinander, bevor er sprach. „Ich glaube nicht, Herr Leutnant. Ich habe vorhin in den Funkverkehr der Division reingehört. Es sieht so aus, als würden Sie mit Ihrer Vermutung, der Angriff würde heute stattfinden, recht behalten. Einige Aufklärungstrupps hatten letzte Nacht bereits Feindkontakt.“
Markus trank seinen Kaffee, soweit es die Temperatur zuließ, aus. „Ein gutes Argument, hier zu verschwinden. Die Kompanieführung wird wohl auch schon in Gange sein, oder?“
„Ganz sicher. Die haben letzte Nacht nicht viel geschlafen, und der Chef wollte sich mit seinen Zugführern um fünf zur Lagebesprechung treffen.“
„Dann nichts wie runter vom Hof.“ Markus stellte den Becher auf den Tisch.
Sie hörten fernes Grollen. Markus sah auf. Die Richtung war nicht auszumachen. „Vorbereitende Artillerie.“
Rosenbladt nickte, während er lauschte.
Markus nahm seinen Helm vom Koppel, setzte ihn aber noch nicht auf.
„Sie werden sich mit dem Ding auf dem Kopf nicht viele Freunde machen“, bemerkte der Fahnenjunker.
„Es gibt Wichtigeres als Freunde“, gab Markus zurück. „Oder kompromittiere ich Sie damit?“
„Nein.“ Rosenbladt lachte. „Zumindest werde ich meinen auch aufsetzen.“
Sie gingen hinaus und sahen im ersten fahlen Morgenlicht am Haupteingang des Kompaniegebäudes auf der anderen Seite der Straße eine Gruppe Feldwebel stehen. Etwas weiter entfernt bemerkte sie den Kompaniechef und den Oberleutnant, der ihnen am Vorabend begegnet war.
Rosenbladt deutete auf sie. „Die kommen gerade vom Wall. Nippenau hat es gerne, wenn er sich persönlich davon überzeugen kann, dass noch kein Awarier vor der Tür steht.“
Sie bewegten sich zügig auf die Gruppe der Unteroffiziere zu, die im Schutz des Eingangs stand. Sie waren nicht auf einen morgendlichen Plausch aus, sondern auf dem Weg zu den Arrestzellen.
„Regnet’s, Herr Leutnant?“, gab Hauptmann Nippenau zum Besten, als sich beide Grüppchen auf Rufweite genähert hatten.
„Guten Morgen, Herr Hauptmann“, rief Markus mit lauter Stimme und einem knappen Kopfnicken, bei dem der Stahlhelm etwas rutschte, zurück. In diesem Augenblick schlugen die ersten Granaten im Fort ein. Nippenau und der ihn begleitende Oberleutnant beschleunigten ihren Schritt nicht, wenngleich sie es vielleicht gern getan hätten.
Sie sammelten sich alle bei der Gruppe Feldwebel. Markus und der Fahnenjunker hatten ihre Schritte sehr wohl beschleunigt. Der Hauptmann gab ruhig Anweisungen. Für Markus bedeutete dies, dass er vorerst im Fort bleiben musste. Er solle zusammen mit Rosenbladt und seinem Fahrer den Regimentsgefechtsstand besetzt halten. Den Überläufer würde man zu ihm bringen, da man keine Männer für dessen Bewachung mehr abstellen könne. Die Befehle des Kompaniechefs waren in Anbetracht der anlaufenden Kämpfe sinnvoll, wenngleich Markus innerlich noch gehofft hatte, entkommen zu können.
Markus trabte ins Stabsgebäude zurück. Rosenbladt folgte. „Ich bin froh, dass Sie da sind, Herr Leutnant.“
„Ich bin auch froh, dass Sie da sind.“ Es wurde ruhig. Offenbar hatte die feindliche Artillerie ihr Feuer verlegt, sie verfielen in Schritt. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, einen Heimatschützer zu duzen.“ Er reichte dem Fahnenjunker im Gehen die Hand. „Markus.“
„Michael.“

Den Gefechtsstand besetzt zu halten war in gewisser Weise eine würdige Aufgabe für einen Offizier. Allerdings hatte dieser Gefechtsstand keinerlei Bedeutung, solange kein Kommandeur anwesend war. Eines der Funkgeräte wurde als Relay benutzt, so dass der Hauptmann von seinem Führungspanzer aus eine stabile Verbindung zum Regiment halten konnte. Die anderen Geräte nutzte Michael, um den Funkverkehr der Kompanie, des Regiments und der Division abzuhören.
Ein Unteroffizier kam in Begleitung von Hassan Rahimi herein, gefolgt von Gert Schacht und einem weiteren Mannschaftsdienstgrad. Markus begrüßte Hassan und bat ihn, sich mit an den Tisch zu setzten. Hassan nahm das Angebot an. Der Unteroffizier verschwand mit einem der Gefreiten wieder. Gert Schacht blieb. Ein Grund dafür war sicherlich, dass der Hauptmann gerne einen seiner Männer hier haben wollte. Wesentlicher war aber wohl, dass Gert Schacht mit seinem gelegentlich überschäumenden Eifer und seiner Ungeschicklichkeit im Gefecht nur schwerlich brauchbar schien.
Palt saß am Tisch und schälte einen Apfel aus den Essenspaketen – die Schale würde ihm nicht so bekommen. Markus bat auch Gert, Platz zu nehmen und steckte sich eine Zigarette an. Hassan akzeptierte dankend die ihm angebotene und begann ebenfalls zu rauchen. Palt bat darum, sich auf sein Zimmer zurückziehen zu dürfen, und Markus hatte nichts dagegen. Gert rauchte nicht, ihn schien der Qualm aber nicht zu stören. Er saß fröhlich und aufmerksam da.
„Ich denke, wir werden hier eine Weile festsitzen“, bemerkte Markus.
Hassan lachte. „Ja, wollen wir hoffen, dass es nicht zu schnell geht. Dann wären es vermutlich die Falschen, die uns hier rausholten.“
Markus bemühte sich etwas Nettes zu sagen. „Na ja, vielleicht wird Ihr Gott sie davor bewahren.“
Hassan schüttelte den Kopf. „Nein, das wird er nicht tun.“
Markus hob die Brauen. „Hilft er denn nicht den Schutzflehenden?“
Hassan schob die Lippen hervor. „Ich glaube nicht. Aber ich habe es offen gestanden noch nicht ausprobiert.“
„Ich auch nicht“, gab Markus zurück. Er wechselte das Thema. „Sagen Sie, wie kommt es, dass Sie so gut Deutsch sprechen?“
„Ich bin in Köln aufgewachsen.“
„In Köln! Meine Güte, früher war das wohl nur drei Stunden von hier mit dem Auto. Wie groß ist die Stadt?“
„An die vierhunderttausend.“
„Oh, so viele?“
„Ja, es heißt, es sei die größte Stadt in Deutschland, zumindest in der Föderation. Wie viele leben in Hamburg und Kiel?“
„Weniger. In beiden jeweils so eine viertel Million. Das heißt Kiel ist so groß wie eh und je. Aber Hamburg konzentriert sich hauptsächlich auf die Elbquerungen. Viel weiter geht unser Horizont nicht.“
„Ich hätte erwartet, dass Sie schwer über die anderen Teile der Welt Bescheid wissen. Auch über Amerika und Asien. Aber irgendwie ist das wohl nicht so, oder?“
Markus zog die Schultern hoch. „Vielleicht. Sicher wissen einige bei uns einiges über Köln und den Rest der Föderation. Vielleicht wissen einige sogar was über den Rest der Welt. Man munkelt, es gäbe Verbindungen und Expeditionen hier und dort hin. Aber offiziell gehört der Rest der Welt nicht in unser Interessensgebiet. Es heißt zum Beispiel, dass die Strahlenbelastung in Nordamerika noch zu hoch sei.“ Markus öffnete die Hände. „Ob das stimmt, kann ich nicht nachvollziehen.“ Er lachte. „Wer weiß, wenn ich damals geboren wäre, ob ich es jemals nach New York oder Las Vegas oder so geschafft hätte?“
Hassan grinste. „Aber vielleicht bis auf den Kurfürstendamm.“
Markus stoppte sein Lachen. „Waren Sie je in Berlin?“
Hassan nickte.
Markus schüttelte den Kopf. „Ist auch egal. Dort wird wohl kaum noch der Bär tanzen, oder?“
Hassan sah Markus mit einem Lächeln an. „Nein. Ich denke, diese Art von Bären ist wohl ausgestorben.“
Michael kam mit einigen Notizen in der Hand von den Funkgeräten zurück. „Die erste Welle hat die Sicherungslinie erreicht. Sie gehen auf ganzer Breite langsam zurück. Vermutlich werden die vierte und die sechste Kompanie in den nächsten beiden Stunden hier aufschlagen. Dann wird vermutlich auch der S3 kommen.“
„Der Stellvertretende Regimentskommandeur, ein Major“, erklärte Markus Hassan. „Das ist hier eigentlich sein Gefechtsstand.“

Es entwickelten sich lange Gespräche, mit unterschiedlicher Besetzung. Abwechselnd lauschten Markus und Michael den Funkmeldungen, unterhielten sich mit Hassan oder schliefen. Gert besorgte tapfer immer wieder Verpflegung und blieb fröhlich und wortkarg. Der gute Palt hatte sich trotz der Vorsichtsmaßnahmen den Magen verstimmt und blieb die meiste Zeit in seinem Zimmer. Hassan half Markus und Michael bei der Auswertung der Meldungen und erklärte ihnen Einzelheiten über die Strategie der Föderation.
Der Major kam nicht und auch die vierte und sechste Kompanie kamen nicht. Sie hatten sich langsam unter Umgehung des Forts zurückgezogen und waren nach etwa zehn Stunden weit hinter dem Fort auf die eigenen Kräfte gestoßen. Hassan erklärte, dass die Föderation die befestigten Forts zunächst isolieren wollten und dass es ihnen zumindest bei diesem auch gelungen sein. Über den Kompaniefunk erfuhren sie, dass sich der Ring um ihren Stützpunkt enger zusammenschloss.
In der Nacht begann der Angriff. Markus fragte an, inwieweit er unterstützen könne. Er wurde von Nippenau jedoch wieder zurückgeschickt. Der nächste Tag war von Warten und Schlafmangel geprägt. Hassan heiterte die Stimmung mit einigen Geschichten aus seinem Leben auf. Sein Vater sei aus Palästina gekommen, wäre konvertiert, hätte dann erst in Rom und später auch in Jerusalem studiert. Schließlich hatte er eine Gemeinde in Köln übernommen und dort seine Frau, Hassans Mutter, kennen gelernt. Er selbst hätte auch dort, in Rom und Jerusalem, studiert, nachdem er im Krieg in Syrien und später in Marokko gedient hatte. Markus erzählte von seinem Sommer in Kiruna, konnte aber mit Hassans Erlebnissen nicht recht mithalten. Gert zumindest freute sich auch über seine Geschichte. Michael sah besorgt aus.
Schließlich teilten sie alle offen seine Sorge. Die Kompanie hatte Verluste erlitten. Der Oberleutnant war gefallen und Markus hatte erneut nachgefragt, ob seine Hilfe gefragt war. Als er mit negativem Bescheid zurückkam, musste er sich übergeben. Er hatte Verletzte und Tote gesehen.
Ein drittes Mal musste er seine Dienste nicht anbiedern. Er wurde angefordert. Das Lager machte sich zur Evakuierung bereit. Eine Brigade würde, so hatten sie es auch dem Divisionsfunk entnommen, auf ihre Höhe vorstoßen und den Ring für eine Weile öffnen. Markus übernahm mit den vier Genossen aus dem Gefechtsstand einen Schützenpanzer, dessen Besatzung beim Betanken von einer Granate überrascht worden war. Das Fahrzeug hatte im hinteren Bereich einen großen Laderaum, in dem gewöhnlich die Infanteristen saßen. Nun beherbergte der Raum neben Hassan und Palt noch drei Verwundete und einen Sanitäter. Markus sah Spuren von Verbrennungen und mit Blut getränkte Verbände. Der entsprechende Geruch hatte sich im Inneren des Fahrzeugs festgesetzt. Er kämpfte gegen die aufkommende Übelkeit.
Michael übernahm die Position des Richtschützen, Gert Schacht die des Fahrers. Als Markus den Platz des Kommandanten erreichte, der ihm geläufig vorkam, obwohl er diesen Typ Panzer kaum kannte, wich die Übelkeit. Der Stahl um ihn herum wirkte wie ein Faradayscher Käfig auf ihn. Er spannte die Muskeln an und atmete langsam und tief ein. Es war ein vertrautes Gefühl.