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Kap2.19 Gert Schacht Drucken

Der Fahnenjunker hatte wie versprochen auf ihn gewartet, und nun gingen sie Seite an Seite ins Stabsgebäude zurück. Markus hatte kaum Gedanken frei, sich auf ein Gespräch mit Rosenbladt einzulassen. Er sortierte die Informationen, die er erhalten hatte. Irgendein Oberleutnant, vermutlich der Führer des ersten Zuges der Kompanie, kam ihnen entgegen und grüßte beiläufig. Markus nickte knapp zurück.
„Können Sie mir bitte eine Verbindung mit dem G44, Oberstleutnant Reser-Weiden, herstellen?“ Sie hatten das Gebäude erreicht.


Michael Rosenbladt nickte, ging zum Telefon und stellte die Verbindung her. „Ja, Fahnenjunker Rosenbladt, 5tes Grenztruppenregiment, Fort Echo, ich habe ein Gespräch für den G44, Oberstleutnant Reser-Weiden.“ Er sprach sehr laut und deutlich. „Oh“, sagte er dann. „Erwarten Sie ihn heute noch zurück?“ Er beendete kurz darauf das Gespräch und wandte sich an Markus. „Der Mann in seinem Vorzimmer sagt, er wisse nicht, wo der Oberstleutnant steckt.“
Markus zog die Augenbrauen hoch und presste die Lippen aufeinander. Wie wichtig waren seine Ergebnisse jetzt und wem konnte er sie sonst melden. Er drehte sich zu Michael Rosenbladt. „Wie halten Sie Kontakt zum Regiment?“
Der schob seine Unterlippe vor und sagte dann mit einem Lächeln. „Na, mit einem Funkgerät.“
„Haben Sie auch Verbindung zur Division und eventuell auch zu den Hauptstreitkräften?“
Der Fahnenjunker nickte. „Ja, sicher. Wir sind, d.h. ich bin sozusagen im Moment ein Regimentsgefechtstand und wir haben prinzipiell die Codes und Frequenzen hinauf bis zum kommandierenden General.“ Michael Rosenbladt räusperte sich. „Es gibt Situationen, in denen das notwendig ist. Ist es notwendig?“
Markus verzog die Mundwinkel und murmelte vor sich hin. „Gut, der Dienstweg geht sicher über Nippenau…“ Markus wurde vom Klingeln des Telefons unterbrochen.
„Fahnenjunker Rosenbladt, Fort Echo.“ Der junge Mann nickte in den Hörer und antwortete. „Jawohl, Herr Oberstleutnant, ich reiche Sie weiter.“
Markus sprang an den Apparat. „Hallo Herr Oberstleutnant.“ Als Markus die Antwort hörte, war ihm auch klar, weshalb es ratsam war, laut und deutlich zu sprechen. Die Verbindungsqualität war schlecht und Reser-Weiden klag weit entfernt, als er ihn aufforderte, loszuschießen. Das tat er so knapp es ging. Und endete schließlich mit: „Der Mann ist aus meiner Sicht echt, und nach seiner Aussage ist der Angriff für morgen geplant.“
Markus hörte sich die Antwort an, verabschiedete sich und legte auf. Er runzelte die Stirn.
„Und?“, fragte Rosenbladt.
Markus zuckte mit den Schultern. „Sie haben schon alles gewusst.“ Markus schüttelte den Kopf über seine Annahme, sein Auftrag oder er selbst seinen wichtig gewesen. „Sie wissen, wann der Angriff kommt und haben auch die Startplätze der awarischen Jäger geortet. Sie werden einen Luftangriff fliegen. Und mein Auftrag hat sich offenbar als unnötig herausgestellt.“
„Mein lieber Herr Jansen, wir sollten nicht zu traurig sein, dass auch andere Leute ein bisschen was von ihrer Arbeit verstehen. Immerhin hat das auch sein Gutes.“ Rosenbladt lachte. „Nun, lassen Sie uns etwas essen. Was meinen Sie?“

Ein Gefreiter namens Gert Schacht brachte das Essen – Kotelett, Kartoffeln, Sauerkraut. Der Gefreite erinnerte Markus mehr noch an ungeputzte Kartoffeln als an Sauerkraut. Er war stämmig und etwas kleiner als Markus. Der Gesichtsausdruck wirkte weniger grobschlächtig als einfältig.
In seiner Jugend war Gert sehr viel gelaufen, bevor ihm sein Vater ein altes Postrad organisieren konnte. Danach kannte er nur noch Rad fahren. Ein Nachbar, der gerne die alte Zeit lebendig werden ließ, sagte oft, Gert würde mal in Gelb auf den Champs Elysees fahren. Gert wusste nicht so genau, was die Champs Elysees waren, aber Rad fahren, das verstand er und Gelb verstand er auch, denn er wollte wie sein Vater Postbote werden. Nach der Schule war er dann in die Eignungsprüfung der Armee sehr motiviert gegangen. Er wurde auf Eins-Minus gemustert, wobei das Minus nicht wegen der sportlichen Leistungen vergeben worden war. So kam er zu den Grenztruppen. Gert wäre sehr viel lieber zum Heimatschutz in der Nähe seines Elternhauses gekommen. Aber niemals hätte er, gegenüber von so wichtigen Leuten wie denen der Musterungsbehörde seine Meinung geäußert. Sicher verstärkte aber das Abzeichen vom Heimatschutz auf Markus‘ Brust die Ehrfurcht und den Respekt, die ihm Gert gegenüber von Anfang an zollte.
Palt war mit seiner Portion auf sein Zimmer gegangen. Markus und Rosenbladt saßen im Stabsgebäude am großen Arbeitstisch nahe der Funkgeräte, und aßen ohne sonderlichen Appetit, obgleich zumindest Markus lange nichts Vergleichbares zwischen die Zähne bekommen hatte. Der bevorstehende Angriff war überall zu spüren. Nur Gert Schacht schien dagegen immun. Er grinste.
Markus fauchte Schacht an. „Herr Gefreiter, stehen Sie da nicht so rum. Sie machen mich ganz nervös.“
Gert Schacht nickte und sagte: „Ich warte dann draußen, Herr Leutnant, bis Sie aufgegessen haben. Dann hole ich das Geschirr wieder.“
Markus atmete durch den Mund ein und durch die Nase wieder aus. „Nein, nein, Herr Gefreiter, bleiben Sie. Setzen Sie sich doch.“
Gert grinste verlegen.
„Na los schon. Wir haben ja beide genug zu beißen. Da laufen Sie wenig Gefahr.“
Der Gefreite hatte nicht so ganz erfasst, welche Gefahr gering sein sollte, aber er zog sich unsicher einen Stuhl heran und setzte sich.
„Gefreiter Schacht“, versuchte Markus sich in einer kleinen Unterhaltung. „Wie lange sind Sie schon bei der Armee?“
„Jetzt bald zwei Jahre, Herr Leutnant. Im Dezember werde ich entlassen.“
Als Markus noch vier Monate vor sich hatte, empfand er das Ende nicht als sehr bald, aber recht hatte der Mann ja. „Und was werden Sie dann machen?“
„Ich will Postbote werden, Herr Leutnant.“ Schacht strahlte.
Markus fand Postboten auch prima, aber es war für ihn nicht unbedingt ein primäres Berufsziel. „Ein schöner Beruf. Und gut, wenn Sie sich der Sache so sicher sind.“
Gert taute auf. „O ja, das bin ich. Zuerst, nach der Ausbildung, gibt es eine Strecke zu Fuß. Danach würde ich gerne auf unsere Strecke zu Hause. Da setzen sie Fahrräder ein. Ich habe hier ja auch einen Führerschein gemacht und kann dann später auch Überlandstrecken machen. Natürlich ist man aber nicht sein ganzes Leben Briefzusteller. Vielleicht gehe ich dann auch später an den Schalter. Dann würde ich in die Besoldungsklasse fünf kommen. Aber natürlich erst später.“
Besoldungsklasse fünf, dachte Markus, das ist mager. Er war als Leutnant in Klasse elf. Während des Studiums bekam er die Hälfte. Die Argumentation war, dass er die Hälfte des Jahres für die Armee arbeitete. Das stimmte nicht so ganz. Reine Wehrübungen waren es in der Regel nur zwei bis drei Monate. Dann gab es eine wöchentliche Lehr- oder Sportveranstaltung. Zudem wurden Hausarbeiten, meist zu strategischen Fragestellungen, angerechnet. Markus mochte jetzt aber nicht an Hausarbeiten denken. Seine letzte hatte er zwei Tage vor der Abgabe angefangen. Die neue lag ungeöffnet in seinem Zimmer. Er zermalmte unwillig mit der Gabel ein Stück Kartoffel zu Brei. „Und hier sind Sie dann also Fahrer?“, eröffnete Markus das Gespräch erneut.
Gert hatte nicht realisiert, wie Markus das herausgefunden hatte, aber er ging davon aus, dass Offiziere ohnehin alles wissen. „Ich bin Fahrer im Kompanietrupp.“ Er fügte noch hinzu: „Herr Leutnant.“
Palt trat ein und stellte sein Geschirr zurück in den Korb. „Brauchen Sie mich heute Abend noch, Herr Leutnant?“
Markus schüttelte den Kopf. „Nein danke. Haben Sie meine Sachen reingeholt?“
Palt bestätigte.
„Gut, können Sie morgen um halb fünf bei mir nachsehen, ob ich hoch gekommen bin?“
„Sicher, Herr Leutnant.“ Er nickte in die Runde und ging.
„Bekommen wir um die Zeit schon was zu essen? Ich würde gern früh los“, wandte er sich an Rosenbladt.
„Ja, das sollte klappen“, bestätigte der. „Soll ich Ihnen Proviantpakte machen lassen?“
„Das ist wohl am besten. Kurz nach Sonnenaufgang würde ich mich dann vom Acker machen.“
Rosenbladt notierte etwas und gab den Zettel dem Gefreiten. „Schacht. Wenn Sie das Geschirr zurückbringen, geben Sie dies dem Diensthabenden in der Küche.“ Er sah ihn skeptisch an. „Schaffen Sie das?“
Gert nickte intensiv.