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Kap2.17 Fort Echo Drucken

Markus hatte angenommen, dass sie ihn mit Glück bis zum Bahnhof bringen würden, von wo aus er, mit Marschbefehl und Seesack bestückt, im heillosen Tohuwabohu der Mobilmachung um einen Platz in den überfüllten Zügen hätte kämpfen müssen. Offensichtlich war sein Auftrag aber nicht ganz unwichtig, oder der Generalstab konnte auch für unwichtige Aufträge auf gute Ressourcen zurückgreifen.


Das erste Mal in seiner Dienstzeit hatte er einen eigenen Fahrer mit einem Jeep. Der Obergefreite Palt war samt Fahrzeug für zwei Wochen abgestellt worden, um ihn, Markus, ins Fort und wieder zurück zu bringen. Das alte Volvo-Modell hatte einen flotten 50-PS-Ethanol-Otto-Motor und musste sich dank Standers des Generalstabes nicht in die endlosen und langsamen Kolonnen von LKWs und Kettenfahrzeugen auf der alten Autobahn einreihen.
Den größten Eindruck hinterließ bei Markus der Elbtunnel. Eine Röhre wurde noch instand gehalten, wobei sie nichtsdestotrotz für den Verkehr gesperrt war. Die Konvois auf dem Weg nach Süden überquerten die Elbe entweder auf Pontonbrücken oder weiter östlich über die Elbbrücken. Der Tunnel wurde für dringende Kuriere, Sanitäter und gegebenenfalls notwendige Rückwärtsbewegungen frei gehalten.

 

Die Fahrt dauerte weniger als fünf Stunden, für die gut zweihundert Kilometer sicherlich kein Renntempo, aber doch unvergleichlich schneller und angenehmer als von ihm erwartet. Markus schaffte es auf der Fahrt, die Unterlagen durchzusehen. Er verstand den romanischen Dialekt, der in der Awarischen Föderation als Amts- und Umgangssprache galt, nicht sehr gut. Aus den Zeichnungen konnte er aber zumindest die wesentlichen Aspekte entnehmen. Aus seiner Sicht handelte es sich bei diesen Plänen gewiss nicht um den Versuch, die Konzentration des Bündnisses abzulenken. Die Ingenieure hatten das Ziel, ein Flugzeug zu bauen, das fliegt. Es war an sich nicht mehr als ein Segelflugzeug, das, anstatt geschleppt zu werden, von einfachen Raketen in die Luft gebracht wurde. Ein altes Prinzip, das auch schon im Weltkrieg Anwendung gefunden hatte. Es war unkompliziert, billig und effektiv. Nur bedurfte es vieler dieser Flugzeuge, da sie nicht lange in der Luft bleiben konnten. Und vor allem bedurfte es vieler guter und mutiger Piloten. Markus hätte sich dafür nicht berufen gefühlt.
Er lehnte sich im Beifahrersitz zurück, kam sich sehr wichtig vor und hatte das, was er über den Ort, zu dem sie unterwegs waren, gehört hatte, ausgeblendet. Auf den letzten Kilometern zum Fort waren ihm die Gedanken allerdings wieder gekommen. Seit einer ganzen Weile hatten sie schon das Gedränge der anderen Fahrzeuge hinter sich gelassen. Sie waren nun vor den Hauptstreitkräften auf dem Weg zum äußersten, südlichen Rand des Bündnisses – zur letzten Hütte vor der Grenze murmelte Markus, zu sich selbst. Er vertrat die Ansicht, dass man sich auch im friedlichsten Frieden von den Grenztruppen fern halten sollte. Auch in diesen Zeiten gab es immer wieder kleinere Gefechte mit Awarischen Einheiten. Wenn aber das Land, aus welchen Gründen auch immer, die Mobilmachung befohlen hatte, konnte von Frieden kaum noch die Rede sein. Wenn zehntausende Soldaten in einem Ring südlich der Elbe in Stellung gingen, sollte man sich nördlich des Flusses aufhalten, ganz gewiss aber nicht noch weiter südlich, bei der dünnen Sicherungslinie der Grenztruppen, die dreißig Kilometer vor den eigentlichen Felddivisionen in der Wildnis lagen.
„Ein kleiner sesselpupender Leutnant der tapferen Territorialstreitkräfte im Auftrag des hoch verehrten Generalstabes in Kiel. Na, Sie haben uns gerade noch gefehlt!“
Den Empfang konnte man nicht als warmherzig bezeichnen. Markus hatte das Gefühl seiner Wichtigkeit schon einige Minuten vorher verloren, als er vor dem fünf Meter hohen Wall aus Sand und Stahlbeton, den das Fort umgab, gehalten hatte, und sich wenig später mit den Händen auf dem Wagendach und einem Gewehrlauf im Nacken wiedergefunden hatte.
Dieser Oberfeldwebel mit dem schönen Namen Peermann, aber dem ganz und gar nicht schönen Gesichtsausdruck eines Frontsoldaten, war Kompanietruppführer der 5. Kompanie des Regimentes. Reser-Weiden war so vorausschauend gewesen, ihm eine Notiz über das Regiment in die Mappe zu legen, damit er schneller den richtigen Ansprechpartner finden könnte. Der genannte Ansprechpartner bei der 5. Kompanie war Hauptmann Nippenau, der jedoch in dieser Lage, da die Awarische Föderation starke Kräfte in unmittelbarer Nähe zusammenzogen, für einen kleinen „Scheißleutnant vom Heimatschutz“ nicht sogleich zu sprechen war.
„Das Beste ist, Sie schnappen sich den Gefangenen und verschwinden hier so schnell wie möglich wieder.“ Der Oberfeldwebel hatte den Spaß daran verloren, sich über den Neuankömmling lustig zu machen. „Ich kann Ihnen keine Eskorte für eine Nachtfahrt mitgeben, also werden Sie bis morgen hier bleiben müssen. Suchen Sie den Junker Rosenbladt, der wird ein Bett für Sie auftreiben können und weiß auch, wo der Gefangene ist.“
Markus konnte sich mit dem Ton dieses Menschen nicht anfreunden. Auf der anderen Seite sagte er sich, dass er hier morgen früh raus sein würde und seine Ehre als Offizier nur bedingt gelitten hatte, da das Gespräch unter vier Augen stattfand. „Wenn Sie mir nun noch sagen, wo ich den Fahnenjunker finde, sind Sie mich auch schon los“, gab er mit einem Lächeln und mit soviel Würde wie möglich zurück.
„Im Stabsgebäude“, raunte Peermann und widmete sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch.

Das Stabsgebäude war, wie die anderen Gebäude im Fort, ein eingeschossiger Bunker, der mit einer dicken Sandschicht, auf der Gras wuchs, überzogen war.
Der Fahnenjunker Michael Rosenbladt saß im geräumigen Vorzimmer des zu diesem Zeitpunkt verwaisten Büros des stellvertretenden Regimentskommandeurs. Er stand auf, als Markus mit dem Obergefreiten Palt den Raum betrat.
„Guten Abend, Herr Fahnenjunker“, begrüßte Markus den Mann.
„Schön guten Abend.“ Michael Rosenbladt blickte auf Markus‘ Schulter, „Herr Leutnant. Was kann ich für Sie tun?“
„Nanu.“ Markus wies auf das Abzeichen an seiner Brust. „Seien Sie mal nicht so freundlich. Man könnte ja annehmen, dass Sie mich ernst nehmen.“
Der Fahnenjunker lachte. „Ich nehme an, Sie hatten schon das Vergnügen mit dem Hauptmann Nippenau oder dem Oberfeld Peermann? Nun ja, ich bin offen gestanden kein Berufssoldat und nur für drei Jahre hier. Und gerade heute ging mir durch den Kopf, dass ich vielleicht besser woanders hingegangen wäre.“ Er lachte erneut, auch um zu demonstrieren, dass es mehr Vernunft und weniger Feigheit war, die ihn das sagen ließ.
Markus nickte und fand sich das erste Mal seit er das Fort betreten hatte halbwegs gut gelaunt. „Leutnant Jansen und“, er machte eine Geste zu seinem Fahrer, „der Obergefreite Palt. Wir bräuchten für die Nacht eine Unterkunft, und ich würde heute Abend noch gerne den Überläufer sehen. Der Peermann sagte, ich könne ihn morgen mitnehmen. Gibt es da irgendwelche Überstellungspapiere? Na ja, und zu guter Letzt: es wäre ganz gut, wenn wir noch was zwischen die Zähne bekommen könnten.“
„Okay.“ Michael Rosenbladt schien sich über Abwechslung zu freuen. „Zimmer, Überläufer, Papiere und Essen. Gut, alles kein Problem. Ich schlage vor, Sie, Herr Palt, beschlagnahmen die letzten beiden Zimmer hier im Flur links und bringen schon mal die Sachen vom Leutnant und Ihnen selbst rein.“ Palt nickte und machte Anstalten zu gehen. „Hey, Moment!“, rief Rosenbladt, „Sagen Sie danach in der Kantine Bescheid, dass wir in“, er unterbrach sich und wandte sich an Markus. „Wie lange werden sie mit Herrn Rahimi reden wollen?“
Markus zog die Schultern hoch. „Ach, ich denke, wenn ich ihn morgen mitnehmen kann, wird wohl eine Stunde reichen.“
„Na, ist vielleicht nicht so leicht einzuschätzen. Palt, gehen Sie mal schon los. Ich rufe in der Kantine an, dass sie was bereit halten sollen. Wir rufen Sie dann zum Essen.“ Palt verschwand und Rosenbladt sprach wieder zu Markus. „Ich bringe Sie, wenn es Ihnen recht ist, jetzt gleich rüber, erledige in der Zwischenzeit den Papierkram und hole Sie dann wieder ab. Oder wollen Sie sich vorher noch frisch machen?“
„Ach, was. Erst die Arbeit.“
„Vielleicht noch eine Sache: mit dem Essen. Der Hauptmann und seine Unteroffiziere essen, sofern sie allein im Fort sind, gemeinsam. Sie wissen“, ergänzte er, „gegenwärtig befindet sich nur die fünfte Kompanie hier. Zwei Kompanien sind in ihren Stellungen noch weitere fünf Kilometer in Richtung Rom.“
„Ja. Hab ich gelesen. Und die anderen Kompanien sitzen mit dem Regimentsstab in einem anderen Lager.“
„Genau in Foxtrott. Im Falle eines Angriffes würde der S3, der stellvertretende Regimentskommandeur, hier ins Fort kommen und das Kommando übernehmen. Und die 4. und 6. Kompanie würden sich, wenn der Druck zu stark werden sollte, ins Fort zurückziehen.“
„Gut. Was hatte das noch gleich mit dem Essen zu tun?“
„Ja.“ Rosenbladt lachte. „Normalerweise esse ich da bei der fünften mit, aber, das geht bei denen jetzt gleich los und ohne unhöflich sein zu wollen: ich glaube, dass es entspannter wäre, wenn wir heute Abend hier essen. So Sie denn erlauben, dass ich mit Ihnen esse. Es gibt hier einen Besprechungs- und Funkraum, der ganz ordentlich ist.“
Markus lächelte. „Ja, ja, Sie haben recht. Soviel liegt mir an der Gesellschaft der Herren nicht. Und ich freue mich, dass Sie uns Gesellschaft leisten wollen.“
Rosenbladt winkte ab.

„Buona Sera, Signor.“ Markus hatte die Zelle, in der Hassan Rahimi untergebracht war, betreten und versuchte sich in den wenigen Brocken Italienisch oder Romanisch (so genau kannte er sich nicht aus), die er im Kopf hatte.
„Schönen guten Abend, Herr Leutnant Jansen“, gab Hassan zurück.
Offensichtlich sprach dieser Mann nicht nur Deutsch, sondern kannte sich auch mit den hiesigen Rangabzeichen aus. Zudem hatte er Adleraugen, da er das Namensschild auf die Entfernung und bei mäßiger Beleuchtung erkannt hatte. Er sprach wohlbetont mit einem Dialekt, den Markus nur aus alten Filmen kannte. „Herr Rahimi. Es freut mich außerordentlich, dass ich nicht gezwungen bin, meine zutiefst schlechten Sprachkenntnisse an den Mann bringen zu müssen.“
„Ich will Ihnen da nach drei Worten Italienisch nicht zu nahen treten, aber es freut mich auch.“
Markus musste lachen. „Wenn Sie gestatten, Herr Major?“ Er machte eine Geste zu dem freien Stuhl gegenüber.
Hassan nickte. „Es wäre mir eine Freude, Herr Leutnant.“
Markus begann mit dem Text, den er sich zurechtgelegt hatte. „Ich hoffe, Sie bekommen nun keinen schlechten Eindruck von unserem kleinen Land, aber die Zeiten sind etwas unruhig, und ich bin, offen gestanden, erst heute über den Fall unterrichtet worden und kann noch nicht einmal sagen, mit wem oder über was Sie bislang schon gesprochen haben, seit Sie hier sind. Die Pläne, die Sie mitgebracht haben, werden gerade von Fachleuten untersucht. Und ich bin hier, um herauszufinden, wenn ich so sagen darf, inwieweit Überbringer und Dokumente zusammenpassen.“
„Das dürfen Sie so sagen“, nahm Hassan zu Markus‘ Floskel Stellung. „Und um Sie bezüglich der Unterredungen, die ich hier hatte, zu unterrichten: Bislang hatte ich das Vergnügen mit einem Hauptmann Nippenau und einem Oberfeldwebel Peermann.“
„Dann muss ich mich wohl noch einmal für mein Land entschuldigen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es jenseits der Elbe“, er wies mit dem Daumen ungefähr nach Norden, „durchaus noch Menschen gibt, die anders sind.“ So etwas hätte er eigentlich nicht sagen dürfen, und Markus nahm sich vor, etwas mehr Vorsicht walten zu lassen. Immerhin sprach er mit einem potenziell gefährlichen Agenten, der Vertrauen anzog, es aber vielleicht nicht verdiente. „Kurz zum Sachstand: Ich werde Sie morgen mit hinter die HKL nehmen.“ Markus räusperte sich. „Äh, HKL heißt Hauptkampflinie. Das heißt also, ich bringe Sie hinter unser Hauptkontingent, das etwas dreißig Kilometer von hier in Verteidigungsstellung liegt. Wir werden recht früh aufbrechen, da man hier mit einiger Unruhe rechnet. Sind Sie denn soweit gut versorgt. Fehlt Ihnen irgendetwas?“
„Ja, nein, Danke, mir fehlt nichts. Auch auf die Gefahr hin, dass meine Integrität noch nicht bestätigt ist, würde ich gerne ganz kurz zu dem Punkt möglicher Unruhe Stellung beziehen: es wird nach meinen Informationen morgen einen massiven Angriff der Föderation auf die vorgezogenen Stellungen und in der Folge auf Ihre HKL geben. Ich war die letzten Jahre über Adjutant des Generals Govelli, des Leiters für die militärische und technologische Entwicklung in der Föderation. Er geht davon aus, dass der morgige Angriff insgesamt ein Fehler ist und Sie, d.h. die nordische Allianz, ihn zurückschlagen wird.“ Er lächelte. „Nichtsdestotrotz werden morgen über zweitausend gepanzerte Fahrzeuge auf diese Front einbrechen. Und, seien Sie mir nicht böse, ich habe meine Zweifel, dass wir morgen noch hinter Ihre Hauptkontingente fahren können.“ Hassan lachte. „Na ja, Ihnen wird vielleicht nicht sehr viel passieren, wenn sie sich morgen ergeben, aber ich glaube, mit mir sind die mittlerweile etwas verstimmt.“
Markus hatte keine Veranlassung, den Wert dieser Argumente zu unterschätzen. Er konnte jedoch nicht sinnvoll dazu Stellung beziehen und ging nur auf den letzten Punkt ein. „Da fällt mir ein, wenn ich fragen darf, weshalb haben Sie die Seite gewechselt?“
Hassan schwieg einen Moment. Dann setzte er an. „Der Grund ist etwas diffizil. Jeder, der bei uns studiert, muss zum einen Offizier sein und zum anderen Vorlesungen in Theologie hören. Das war bei mir kein Problem. Mein Vater ist Priester, und neben meinem technischen Schwerpunkt hatte ich großes Interesse an der Religion. In der Tat habe ich die Weihe zum Priester erhalten. Das ist nicht zwingend vorgeschrieben, wird aber gerne gesehen und ich habe es auch aus Überzeugung getan. Im Laufe der Jahre bekam ich Eindrücke sowohl in die führende Geistlichkeit in Rom als auch in die Priestergilden der Provinzen. Kurz gesagt: Beide unterscheiden sich sehr von einander, und noch stärker unterscheidet sich mein Glaube davon. Seit dem Tod des Awarus scheint sich diese Religion in zwei Richtungen zu entwickeln. Einmal gibt es die Politiker in Rom, die nichts mehr vom Glauben wissen. Und andererseits leben und predigen in den Provinzen Fanatiker, die sich im Laufe der Zeit aus alten Bräuchen und eigenen Fantasterein und Zeremonien ihre Religion gemacht haben. Ich konnte diesen Verfall nicht mit ansehen.“
Markus nickte. Er hatte Probleme, sich in diese Argumente hineinzudenken und wechselte sicherheitshalber das Thema. Die verbleibende Zeit stellte Markus Fragen zu den mitgebrachten Plänen und den Absichten der Föderation. Die Informationen verstärkten seine Besorgnis, obwohl er nicht allen technischen und strategischen Erläuterungen folgen konnte. Aus den Antworten gelang es ihm zumindest herauszuhören, dass der Mann von Raketen und Flugzeugen mehr verstand als er selbst. Das bedeutete nicht notwendig, dass er kein Agent war. Wenn er aber einer war, dann einer, der sich mit diesen Dingern auskannte.