Photo by dp

Kap2.11 Damenopfer Drucken


„Meine Damen, Ihr seht bezaubernd aus.“ Er betrat die kleine Wohnung; reichte Martina und Sabine die Hand und folgte ihnen in das einzige Zimmer. „Man weiß nicht, welche man zuerst“, er lächelte, „opfern soll.“


„Offenbar hattest du jüngst auch viel Zeit – und sie mit Schachspielen vertrieben. Wie war es an der Front?“
„Ruhig.“ Reser-Weiden lächelte. „Erstaunlich ruhig. Vielleicht ist da was im Busch. Aber sag, wer hatte denn außer mir zu viel Zeit?“
„Das ist privat und geht dich nichts an.“
„Oh, geht es um diesen geheimnisvollen Markus? Was treibt mein kleiner Wettbewerber denn?“
„Würdest du dich nicht immer so rar machen, bräuchtest du ihn wohl nicht zu fürchten.“
„Ich fürchte ihn gar nicht. Seit ich in den Klauen der ehrgeizigen Weiblichkeit stecke, habe ich es ja gelernt, in allen Gefahren die Chancen zu sehen. Aber apropos rar machen: müsste Euer junger Freund jetzt im Sommer nicht auch irgendwo Dienst tun?“
„Ja.“ Sabine setzte sich wieder. „Aber in zivil. Er geht auf eine Weiterbildung zum Thema Raketen nach Kiruna.“
„Wie spannend.“ Reser-Weiden verzog das Gesicht. „Obwohl Raketen nun nicht unbedingt zum Kern unserer Landesverteidigung gehören. Aber vielleicht fliegt er ja irgendwann zum Mond.“
„Du solltest ihn irgendwann mal kennen lernen. Dann würdest du die Sache vielleicht etwas offenherziger betrachten.“
„Ist er so miserabel, dass ich dann nicht mehr eifersüchtig sein müsste?“
Martina lachte. „Möglicherweise ist er so gut, dass das du ihn ein bisschen lieb gewinnst und die Sache nachvollziehen würdest.“
„Wir wollen sehen. Manchmal habt Ihr ja recht.“ Reser-Weiden zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dazu. „Um auf Eure Frage zurückzukommen. Ja, an der Elbe ist es ruhig. Nachdem im März noch allerlei Bewegung war und die Föderation offenbar nicht nur umgruppiert, sondern wohl auch einen neuen Panzer eingeführt hat, war die letzten Monate gar nichts los. Es schien eher so, als würden sie Truppen abziehen. Ich finde das etwas verdächtig, aber auch unsere Jungs kümmern sich im Moment dort kaum um die Awarier. Sie sind alle viel mehr am Konflikt zwischen Sowinski und Teichert-Waldesleben interessiert.“
„Es ist auf jeden Fall gut, dass du wieder da bist. Auch wenn du als G44 noch immer eine lausige Position bekleidest.“
Reser-Weiden schenkte sich ein. „Nun ja, ich bin vermutlich noch immer nicht reich und mächtig genug, dass Ihr mich deswegen einladet. Aber ich hoffe, ich bin noch immer, wie sagtest Du, hinreichend beweglich im Kopf, um das zu rechtfertigen.“
Sabine hob die Brauen. „Und Deine Feinde scheinen momentan auch nicht recht weiterzukommen. Sowinski wird ungeduldig. Er hatte sich von dem Pakt mit Teichert-Waldesleben mehr versprochen.“
„Der lässt ihn aber am langen Arm verhungern?“, ergänzte Reser-Weiden fragend und trank den Mädchen zu.
Sabine nickte. „Wir sollten den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wenn Sowinski seine Kandidatur weiter betreibt und Forderungen an Teichert-Waldesleben stellt, könnte es sein, dass er kalt gestellt wird.“
„Du meinst, er könnte ein wichtiges Flottenkommando zur Verteidigung des Bottnischen Meerbusens bekommen oder die Eismeer-Aktivitäten unserer Marine vom Murmansk aus koordinieren.“
„Na, du bist ja bestens gelaunt.“
„Ein bisschen Urlaub am Meer, ein neuer Posten in Kiel und nicht zuletzt Eure teure Gegenwart – wie könnte man da schlecht gelaunt sein.“ Er stand auf, ging zur Rückwand des Zimmers und drückte sein Auge gegen eine Stelle an der Wand. „Und gute Unterhaltung. Können wir den Ton einschalten?“
„Vergiss es.“ schnaubte Martina verächtlich. „Wir sind nicht zum Spaß hier.“
Reser-Weiden kam an den Tisch zurück und nahm sein Glas auf. „Manchmal wünschte ich, reich und einflussreich zu sein.“
„Ich kann dir ihre Nummer geben. Vielleicht reicht es für sie.“
Er lachte Martina zu und setzte sich wieder. „Und mit wem habt Ihr euch so rumgetrieben?“
Martina öffnete leicht ihren Mund und fragte dann: „Was weißt du über David Ballard?“
Sabine wandte sich ärgerlich an ihre Freundin, und Reser-Weiden nahm das durchaus zur Kenntnis. „Ich habe einiges von ihm gehört. Alles in einem würde ich sagen: einer der kommenden Männer. Persönlich hab ich ihn aber nie gesprochen. Gelegentlich spricht mich jemand auf unsere ähnlichen Lebensläufe an. Es klingt mir so, als sei er sehr ehrgeizig. Von daher hatte ich befürchtet, es könne jemand sein, der sich einen Krieg wünscht, um sich dann zu profilieren.“ Er sah Sabine an. „Auf der anderen Seite ist er nun auch nicht gerade reicher und einflussreicher als ich. Also nehme ich an, die Frage war eher, wie Ihr euch ausdrückt, persönlicher als dienstlicher Natur.“
„Ich habe die Frage nicht gestellt“, wies Sabine ihn ab.
Martina nahm Sabines Hand, drückte sie und sagte. „Entschuldige, mein Herz.“ Dann wandte sie sich an Reser-Weiden. „Reden wir lieber davon, wie es weitergeht. Welchen weisen Rat haben dir die Nordseewellen eingeflüstert?“