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Kap2.23 Außenmikrophone Drucken

 


Das beklemmende Gefühl war vollends verflogen. Mit einem leichten Kampfpanzer als Begleitung sollte Markus die Verletzten und Hassan Rahimi hinter die Front bringen. Sein Auftrag war defensiv, aber das berauschende Gefühl der Fahrt und die Verantwortung gegenüber den Verwundeten gaben Markus das Gefühl von Bedeutung, das Gefühl des Handelns. Er roch das verbrannte Fleisch und das Blut der Verwundeten nicht mehr, er roch das Öl, das auf den Instrumenten lag, das Gummi der Augenschale seines Periskops. Er hörte das von einzelnen Funksprüchen unterbrochene Rauschen in seinen Kopfhörer, er fühlte den Takt der acht Zylinder Maschine.


Nur ab und zu unterbrach eine Baumgruppe aus Birken oder Fichten die eintönige und übersichtliche Ebene. Als sie einen Hügel umfahren hatten, kamen beide Fahrzeuge auf rückwärtiger Hanglage abrupt zum Stehen.
„Feindliche Schützen, 600 voraus!“, kam es über Funk vom Kommandanten des anderen Panzers.
In der geschlossener Formation dichter Dreierreihen marschierte ein Zug von vielleicht fünfzig oder sechzig awarischer Infanteristen nach Norden, so als hätten sie nicht mitbekommen, dass dieses Gebiet mittlerweile für sie verloren war.
Markus‘ Hand zögerte kurz beim Griff zur Kommandantenturmsteuerung und dem daran befindlichen Feuerknopf. Michael war schneller. Instinktiv griff er an das Pult der Sprechanlage, schaltete einen Hebel um und sprach in sein Kehlkopfmikrofon. „Awarische Einheit, legen Sie Ihre Waffen ab und kommen Sie mit erhobenen Händen langsam in unsere Richtung!“
Die Worte waren für jedermann hörbar. Ein Außenlautsprecher trug sie über das Gras zu den sich nun überrascht umblickenden Soldaten und durch die Panzerung hinein in das Fahrzeug. Hassan schnellte hervor in den Turm und beobachtete durch die Winkelspiegel das Geschehen. Die Awarier hatten sich, wohl auf das Kommando eines Offiziers hin, fallen lassen und versuchten aus der Enge des liegenden Haufens zu robben.
Michael überließ verblüfft aber bereitwillig Hassan sein Kehlkopfmikrofon. Der legte es gewandt um seinen Hals und sprach ruhig, ohne Pause Worte, die Markus nicht verstand. Dann wechselte er ins Deutsche. „Als Offizier der Föderation befehle ich euch, die Waffen niederzulegen. Als Diener des einen Gottes und Priester der heiligen Kirche befehle ich euch, das Leben, das euch gegeben wurde, zu achten. Weder Gott noch der Kirche noch euren Familien dient euer Opfer.“ Dann wiederholte er es in der romanischen Umgangssprache und Markus gelang es, die Worte halbwegs zu verstehen.
Das Robben hatte aufgehört. Jeder schien einen Platz gefunden zu haben, der zum Liegen, wenngleich nicht für den Kampf reichte. Ein Mann erhob sich. Er öffnete seine dunkelgrüne Feldjacke und zog einen weißen Schal mit violetten Ornamenten heraus. Dann ging er auf die Panzer zu.
Markus blickte zu Hassan, der in die Hosentasche griff und ein feines, weißes Seidentuch mit ähnlichen Verzierungen herausholte. „Ich muss raus zu ihm“, sagte er weniger fragend als feststellend zum Kommandanten.
Markus starrte ihn an und öffnete die Hand in Richtung Luke über ihnen. „Dann los.“
Die Männer, die sich in der Mitte trafen, umfassten einander bei den Händen und umarmten sich dann. Die Geste erschien Markus weniger herzlich als lange eingeübt. Das folgende Gespräch wirkte auf die Entfernung wie das Ringen zweier stolzer Hähne. Die Körpersprache war übertrieben. Es erinnerte Markus an eine Groteske aus dem Theater, die Gestik war überhöht, wie die Masken der Schauspieler in einem alten griechischen Stück. Nach vielleicht zwei oder drei Minuten setzten sich die Verhandlungsführer und unterhielten sich wie alte Freunde am Feuer.
Markus gab eine kurze Meldung an das Regiment, zu dem sie unterwegs waren, und schickte aus dem Nachbarpanzer zwei Mann auf den Hügel, um eine Niederung, die verdeckt war, einsehen zu lassen. Ansonsten war die Sicht gut. Der Trupp vor ihnen war offensichtlich versprengt und hatte, ohne Funk ausgerüstet, die ursprünglichen Befehle im Vertrauen auf die Führung und auf Gottes Hilfe einfach weiter ausgeführt.
Nachdem er die nötigen Anweisungen erteilt hatte, bereitete die Ruhe der Verhandlung Markus mit einem mal Angst. Das Rauschen der Geschwindigkeit, das seine Sinne in Gefangenschaft genommen hatte, die Möglichkeit zu handeln fehlten. Er fürchtete sich plötzlich davor, die Männer vor ihm würden sich nicht ergeben. Es war weniger die Angst, selbst getroffen zu werden. Nach dem, was er sah, war die Gefahr gering. Die leichten Waffen der Awarier würden die Panzer auf diese Entfernung kaum durchschlagen können. Er schreckte vor dem Gedanken zurück, MG-Garben in diese Menschen zu befehlen, die aus Trotz und fanatischer Erziehung vielleicht meinten, sich ihrem Land oder ihrem Gott opfern zu müssen.
Den Verletzten tat die Ruhepause offensichtlich gut und der Sanitäter gab ein beruhigendes Signal nach vorne. Michael sah zu Markus hinüber. Markus blies Luft aus und sagte dann. „Gut gemacht.“
Michael verzog halb lächelnd, halb skeptisch einen Mundwinkel. „Ja, soweit.“
Dann gingen sie wieder an ihrer Optiken und beobachteten das Geschehen und die Umgebung.
„Wieso habt Ihr Außenlautsprecher?“ unterbrach Markus das Schweigen im Turm, diesmal ohne den Blick zu wenden.
„Wir müssen an der Grenze öfter mal Leute anhalten. Und wir steigen in solchen Situationen ungern aus.“
„Ist ein bisschen weibisch, oder?“
Michael lachte. „Es heißt, eure Schlitten hätten Blinker.“
Markus grinste, das Auge noch immer am Periskop. „Nein. Schon lange nicht mehr. Die waren ursprünglich mal dran, sind aber lange abgebaut.“
„Und du meinst Blinker, die kaputt sind, seien männlicher als Lautsprecher, die funktionieren?“
„Arrogantes Grenzerpack.“
Es kam Bewegung in die Verhandlung und schließlich standen die Männer auf und gingen zurück. Als Hassan durch die Luke den Erfolg seiner Mission durchgab, war er bereits erkennbar. Die Awarischen Soldaten hatten sich erhoben und legten nun die Waffen auf zwei großen Haufen ab.
Markus meldete das Ergebnis an das Regiment. Dies gab zurück, dass die vordringende Brigade gestoppt worden sei und sich nun in defensiver Stellung befinde. Der Befehl zum Absetzen sei erfolgt und würde in zwei Stunden umgesetzt werden. Bis dahin müsse er, Markus, mit seinen Leuten und den Awariern dort verschwunden sein.
Das war nicht viel Zeit. Hassan war beunruhigt. Die Kriegsgefangenen dürften nicht in die Hände der Föderation fallen, da sie sich kampflos ergeben hätten und wegen Feigheit vor dem Feind mit der Exekution rechnen mussten.
Markus wollte nicht riskieren, die Fahrwerke der Panzer durch explodierende Munition zu beschädigen und befahl daher, die Waffenberge nur mit Sprenggranaten zu beschießen und in Brand zu stecken. Die awarischen Soldaten sahen ausdruckslos zu. Ihr religiöser Führer gab strenge Anweisungen, um die verbliebene Disziplin aufrecht zu erhalten.
Hassan bestand darauf, mit der Kolonne zu gehen, um sie aufzumuntern und zur Eile anzuhalten. Es waren noch fünfzehn Kilometer bis zur Verteidigungslinie. Das war zu schaffen. Die verzögernde Absetzbewegung der Brigade würde sicherlich noch zwei weitere Stunden Luft verschaffen. Aber der Zug war langsam. Den Männern wurde klar, dass es ein Abschied von ihrer Heimat und ihren Familien für lange Zeit, vielleicht für immer sein würde. Das skandinavische Bündnis lehnte eine Überstellung der Gefangenen an die Föderation in der Regel ab, da den Betroffenen das Kriegsgericht drohte. Nach einem Jahr Internierung wurden die Vertrauenswürdigsten erstmalig gefragt, ob sie freiwillig den Internationalen Brigaden beitreten wollten. Viele taten es. Die anderen blieben in den Internierungslagern, die wie Kolchosen organisiert waren. Die Brigade, die aus ehemaligen Awariern zusammengesetzt war, lag in Ostfinnland und sicherte Regionen, die nicht an die Föderation grenzten. Ein Einsatz gegen die einstigen Mitbürger wurde vermieden, da es in der Vergangenheit bei solchen Aufeinandertreffen zu erbarmungsloser Brutalität beider Seiten gekommen ist.
Markus hasste es, langsam hinter diesen trostlosen Gestallten hinterherzufahren. Er forderte wiederholt über Funk Feldjäger an, die seine Gefangenen übernehmen sollten.
Nach drei Stunden war der Gefechtslärm erschreckend nahe gekommen. Michael und der Richtschütze des Nachbarpanzers sicherten nun mit dem Fla-MG nach hinten. Dort tauchten am Himmel vier sehr kleine Flugzeuge auf. Markus erkannte den Typ, nachdem ihn Michael darauf aufmerksam gemacht hatte, sofort. Sie stießen plump, aber mit hoher Geschwindigkeit auf die Kräfte der Allianz hinter ihnen. Einige Soldaten in der Kolonne sahen sich um. In diesem Augenblick schossen zwei Jets über sie hinweg und verwickelten die awarischen Jagdgleiter in einen Luftkampf. Es handelte sich um zweisitzige Maschinen, die aus einem alten Saab-Übungsflugzeug hervorgegangen waren. Der Kampf in der Luft dauerte nicht lange. Zwei awarische Gleiter konnten sich, nachdem ihre Munition verschossen, und der Treibstoff in den Raketen verbrannt war, hinter die eigenen Linien retten. Zwei taumelten nach Treffern und stürzten ab, ohne dass sich ein Pilot zuvor mit einem Fallschirm hätte retten können. Die Männer vor ihnen waren stehen geblieben und hatten das Schauspiel verfolgt. Nun hielt Hassan sie an weiterzugehen.
Über Funk hörte Markus, dass die noch verbliebenen vorgezogenen Einheiten auf ganzer Breite zurückfielen. Vor ihnen sahen sie bereits die markierten Gassen durch Minenfelder. Die Minen gehörten noch nicht zur HKL. Es war die Auffangstellung für die Truppen, die noch hinter ihnen kämpften. Mühsam schleppte sich der Tross vorwärts.
Die letzten Meter rannten die erschöpften Soldaten. Eine Wolke aus Staub und Splittern bewegte sich rollend von hinten auf sie zu. Die feindliche Artillerie versuchte, die Rückwärtsbewegung der Brigade zu sperren. Der Vorhang aus Feuer und Qualm stoppte jedoch noch einmal vor der Auffangstellung. Sie hatten die Panzer gewendet, um die stärkere Frontpanzerung der Gefahr entgegenzustellen. Markus manövrierte das Fahrzeug so schnell es ging rückwärts durch eine Gasse des Minenfelds. Zu seiner Genugtuung sah er, dass Militärpolizei wartete, um die Gefangenen zu übernehmen.
Es kostete ihn einige hastige und wirsche Worte, um die Feldjäger, die damit begonnen hatten, die Awarier auf LKWs zu verladen, davon zu überzeugen, dass Hassan nicht dazugehörte und Markus dafür verantwortlich war, ihn direkt der Abteilung für militärische Abwehr der Division zu übergeben. In Anbetracht des näher rückenden Gefechts gaben die Feldgendarmen nach, und Markus bestieg mit Hassan wieder den Schützenpanzer.

Der Oberfeldwebel der G2 Abteilung im Divisionsstab nickte nach Durchsicht der Papiere missmutig und übernahm die Überstellungsdokumente von Hassan. Er schien Wichtigeres im Sinn zu haben, als sich um einen Überläufer zu kümmern. Markus hatte, nachdem er die Verletzten am Hauptverbandsplatz abgeliefert und den Unteroffizier mit dem zweiten Fahrzeug zurück zu seiner Einheit geschickt hatte, Michael zusammen mit Gert Schacht und dem noch Magenverstimmten Palt angewiesen, auf ihn im Schützenpanzer zu warten. Vielleicht würde er das Transportmittel noch brauchen. Aber bei dieser Frage gab es Entwarnung. Der Oberfeldwebel beugte sich der Weisung des Generalstabs, die Markus vorlegen konnte, und wies per Telefon die Fahrbereitschaft an, einen Geländewagen bereit zu halten. Für die anstehende Nacht organisierte er auch eine Unterkunft in einem der Nebengebäude.
Sicher hätte sich Markus eine geeignetere Situation für den Abschied gewünscht. Er wandte sich an Hassan und sagte: „Danke.“
„Ich danke Ihnen, mein Freund, und wünsche Ihnen eine gute Heimreise.“ Hassan reichte ihm seine Hand.
Markus ergriff sie und sagte nichts. Das Wort Heimreise war dem Offizier der Föderation leicht und ohne Melancholie über die Lippen gekommen. Markus schnürte es kurz den Kehlkopf zu, und ihm fiel keine Erwiderung ein, die einem Heimatlosen gerecht geworden wäre. Also nickte er mit der Andeutung eines Lächelns, machte kehrt und verschwand durch die im Türrahmen wartenden Soldaten, die Hassan in den Arrestbereich bringen sollten.

„So, du verschwindest jetzt wieder.“
„Jedem, was ihm gebührt.“ Markus sah Michael dann mit zusammengepressten Lippen an. „Ich hoffe, die können das stoppen – und dass du da nicht wieder raus musst.“
Michael nickte. „Ich habe eben einen der Luftaufklärer ausgequetscht und mit dem Regiment gesprochen. Sie gehen davon aus, dass die Awarier den Druck nicht aufrechterhalten können. Ein größerer Gegenangriff von uns scheint aber in der aktuellen Lage nahezu ausgeschlossen. Man wird sich wohl vorerst mit der neuen Linie arrangieren müssen.“
„Waffenstillstand?“
„Nicht heute und wohl auch nicht morgen, aber meine Leute, und die sind meist ganz gut informiert, sagen, es würde wohl darauf hinauslaufen.“
„Dann steht die Föderation dreißig Kilometer dichter vor Kiel. Ich sollte mir das noch mal durch den Kopf gehen lassen. Kiruna ist vielleicht doch kein so schlechter Ort zum Studieren.“
„Ja, ja, und im verschneiten Schweden, beim Glühwein prallst du dann von deinen heroischen Taten.“
Markus grinste schwach. „Ich werde in meinen Berichten schon nicht vergessen zu erwähnen, was du getan hast.“
Michael lächelte. „Es war gut, dass du da warst. Wenn ich zum Lehrgang nach Kiel komme, gehen wir einen trinken. Abgemacht?“
„Glaub ja nicht, dass ich dich von dem Versprechen entbinde, wenn dir bei deinen Leuten wieder einfällt, dass man nicht mit armseligen Heimathockern trinken geht.“ Er drückte ihn an sich und dann weg.
„Schacht“, wandte er sich an den Fahrer, „bringen Sie mir den Junker sicher zurück! Und passen Sie auf sich auf, Sie alter Postbote.“
Schacht zeigte beim Grinsen seine großen Zähne und nickte eifrig.