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Kap1.04 Februarsonne Drucken

 

„Erzähl mir von ihm.“ Martina unterbrach das Schweigen ohne das Gesicht aus der Februarsonne zu nehmen. Sie lagen auf der Dachterrasse ihrer gemeinsamen Wohnung und hatten sich in Decken gewickelt einem ersten Sonnenbad im Jahr hingegeben.
„Von wem, von deinem beinahe Knutschfreund?“ Sabine wachte aus ihren Gedanken auf.
Martina zog die Augenbrauen hoch.


Sabine hatte tatsächlich gerade an ihn gedacht und suchte nach passenden Beschreibungen. „Er ist albern.“
„Ich weiß.“
„Und ein Idiot.“
„Ich weiß.“
Sabine überlegte. „Er wird wohl nicht weit kommen.“
„Hat er irgendwelche Vorzüge?“
Sabine grinste.
„Hattest du was mit ihm?“, fragte Martina nach.
„Nein.“ Sabine lachte auf und fuhr konzentriert fort. „Er war, beziehungsweise ist, unsterblich in unsere kleine Stufenkönigin verliebt.“
„Dieser Typ: hübsch, klug, strebsam, Lehrers und Mitschülers Liebling, aber meilenweit davon entfernt, auch nur in Ansätzen sexy zu sein?“
„Ja, immer mit irgendwelchen Dingen beschäftigt, die bei jeder anderen Person als banal erscheinen, aber bei diesen kleinen scheuen Rehlein unglaublich tiefgreifend wirken.“
„Ohne dieses gesunde Maß an Oberflächlichkeit, das uns eigen ist.“ Martina lachte.  „Nur Dummköpfe fallen auf so was herein“
„Nun ja, die Welt ist von Dummköpfen bevölkert. Und Markus war in dieser Beziehung dumm wie Stroh.“
„Ein Idiot wie die anderen?“
„Na ja.“ Sabine dachte einen Moment nach. „Vermutlich war er nicht ganz von der gleichen Sorte.“
„Vermutlich. Nicht ganz.“ Martina stupste sie nur ein bisschen.
„Ja.“ Sabine schüttelte den Kopf. „Er hat vielleicht etwas von Dir.“
„Von mir?“
„Ja. Er wirkt manchmal unbeteiligt und äußert sich nicht zu allem. Sicher“, Sabine lächelte, „er kann auch viel Unsinn plappern, aber manchmal, scheint es mir, hält er sich mit seinen Argumenten zurück. Und wie du vermittelt er mir dann den Eindruck, trotzdem zu wissen, was Sache ist.“
„Ich weiß in solchen Fällen, was Sache ist.“
Sabine lachte. „Ich weiß.“ Sie stellte das Lachen ein. „Ist auch egal. Nach dem Studium wird er irgendeiner nichtigen Tätigkeit nachgehen.“ Sie biss sich kurz auf ihre Unterlippe. „Vielleicht ist er auf der Suche nach jemandem. Vielleicht denkt er, die meisten seien nicht in der Lage, seinen Gedanken zu folgen, und er sucht jemanden, von dem er auch auf sein letztes Argument noch Gegenwehr erwartet – oder Verständnis.“
„Okay.“ Martina hatte sich zu Sabine gedreht und schaute ihr nun mit einem Lächeln in die Augen: „Zweifellos sucht man charakterliche Größe, geistige Beweglichkeit oder Charme bei ihm vergeblich. Auf einer gewissen Ebene aber – sicher einer unsichtbaren, unscheinbaren und unwichtigen – könnte man jedoch versucht sein, ihm ein geringes Maß an Humor zuzuerkennen. Sehr grob betrachtet, nur aus unnützen, irrationalen Instinkten heraus, wäre es denkbar, ihm eine marginale Attraktivität beizumessen.“
„Du meinst, rein theoretisch gedacht, in einer Welt, die noch dunkler ist als unsere, und wenn man die Bedürfnisse nicht an den Möglichkeiten, sondern an den Minimalanforderungen zum Überleben messen würde, wäre es vorstellbar, ihn nicht als den größten potenziell existenten Langweiler zu bezeichnen?“
Martina schloss zustimmend kurz die Augen. “Also gut, von mir aus nehmen wir Deinen kleinen Schulfreund etwas unter unsere Fittiche. Aber nicht, dass du mir mit ihm was anfängst!“
Sabine lehnte sich zu ihr. „Sicher, bin ich es, die gefährdet ist.“ Sie verzog eine Gesichtshälfte. „Immerhin konnte ich mich acht Jahre recht gut meiner Haut erwehren.“