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Kap1.01 Studentenparty Drucken

 

„Na, das ist was anderes hier, als die letzten drei Jahre, oder?“ Claas hielt sich an seiner Flasche Bier fest und starrte in den Saal. Es handelte sich um den größten, ebenerdigen Seminarraum, den die agrarwissenschaftliche Fakultät zu bieten hatte. Er war in der Mitte leer geräumt und, bis auf einige farbige Lampen und Blitzlichter am Rand, abgedunkelt. Rhythmische, von Bässen dominierte Musik füllte den Raum. Es war warm, und es roch nach Schweiß. Auf den Stühlen und Bänken türmten sich Winterjacken. Einige hatten auch ihre Pullover ausgezogen und tanzten in nassen T-Shirts in der Mitte des Raums.
Markus war von der Party, zu der Claas die WG-Bewohner mitgenommen hatte, durchaus angetan und nickte, sich seinerseits am Bier festhaltend.


Lars hingegen riss das studentische Fetengroßereignis der Landeshauptstadt nicht wirklich vom Hocker. „Na ja, Claas, ich weiß ja nicht, wie es so auf Langeland vor sich geht. Aber genau genommen stehen wir hier und trinken Bier. Und man kann nicht behaupten, dass wir ernste Schwierigkeiten hätten, dem Ansturm der Mädels standzuhalten.“
Markus schnalzte den Mund verziehend zu Lars hinüber. „Hanseaten. Denen kann man es nicht recht machen.“ Er sah zum Vierten in der Runde. „Tobias. Was sagst du mit Deinem Osloer Kennerblick?“
Tobias hatte sichtlich Probleme, dem Gespräch seiner WG-Genossen zu folgen. Das lag weniger an fehlenden Sprachkenntnissen als vielmehr daran, dass seine blauen Augen weit aufgerissen auf die Tanzfläche starrten.
Markus grunzte, wandte den Blick dann einem Grüppchen von Studentinnen zu und überlegte, wie man es anstellte, die Gefahr, postwendend abgewiesen zu werden, zu minimieren. Lars überlegte nicht, sondern handelte. Und bekam einen Korb. Er störte sich nicht daran und probierte es aufs Neue, diesmal nicht ohne Erfolg – und wart den Abend nicht mehr gesehen.
Als die verbliebenen drei ihr Bier ohne weitere Zwischenfälle ausgetrunken hatten, wurde Markus beauftragt, für Nachschub zu sorgen. Auf dem Weg zum provisorischen Tresen der agrarwissenschaftlichen Studentenschaft verfolgte er aus den Augenwinkeln einen Traum, der sich mit einer leeren Flasche auf dasselbe Ziel zu bewegte. „Tranken Träume Bier? Und wenn ja, wieso waren keine diensteifrigen Gehilfen zur Stellen, ihr die Last zu nehmen?“ Markus machte sich keine Illusionen, sondern fragte sich nur interessehalber. Er versuchte sich hinter ihr anzustellen, um noch in Ruhe einen Blick wagen zu können. Aber die Situation ließ es nicht zu. Er hätte unmotiviert stehen bleiben müssen, und das widersprach völlig seinem Ansatz, sich so normal wie möglich zu verhalten. So stand der Traum hinter ihm in der Schlange und Markus war gezwungen, sich gelegentlich interessiert zur Tanzfläche umzudrehen.
Dies entsprach nun aber auch nicht ganz seinem Vorhaben, sich möglichst normal zu verhalten. Somit erntete er scheinbar zwangsläufig den Kommentar: „Glotz nicht so!“
Er hatte sie natürlich gar nicht angesehen und schon gar nicht geglotzt. Markus hatte lediglich dicht an ihr vorbeigesehen. Er gestand sich ein, dass das wohl noch weniger erhaben gewirkt haben musste. Auf der anderen Seite hatte er nichts zu verlieren und der Teufel bemächtigte sich seiner, ihn zu reiten. Also drehte er sich vollends zu ihr um und sagte: „Dann zieh dir doch bitte einen grauen Sack über und setz eine weite Kapuze auf!“
Der Traum reagierte nicht. Weder lachte er noch lächelte er. Er schien weder erstaunt noch empört. Schließlich öffnete sich der Mund des Traums, der ein Traummund war: „Du bist dran.“
Markus nahm dem Mädchen die leere Flasche aus der Hand und fragte: „Eine neue?“
Sie nickte.
Markus erwog kurz, nur zwei Flaschen zu besorgen. Im Notfall könne er sich noch einmal für Claas und Tobias anstellen. Er entschied aber, dass das aufdringlich wäre und zudem sehr peinlich den Leuten am Tresen gegenüber, sollte er ein zweites Mal erscheinen.
„Na.“ Der Blick der Traums hatte sich von unbeteiligt zu verächtlich gewandelt. „Das ist vielleicht ne starke Anmache! Gehst du jetzt mit den beiden Flaschen zu deinen Bauerfreunden und erzählst stolz, was du beim Bierholen Tolles erlebt hast?“
Bei annäherungsweise jedem anderen Mädchen hätte Markus nun angefangen zu stottern und wäre verstört von dannen gezogen. Diese Frau war aber einfach zu schön, als dass er hätte an sich selbst zweifeln müssen, wenn es in die Hose ging. Markus verzog keine Miene, sondern zeigte auf den Ausgang: „Ich dachte, wir gehen raus und knutschen ein bisschen und“, er wies auf die Flaschen, „dann brauchen wir nicht so schnell wieder reinkommen.“
„Flachpfeife!“ Auf ihrem Gesicht malte sich ein für Markus unmerkliches Lächeln. „Von mir aus rauchen wir im Flur eine, und wenn du mich für eine Zigarettenlänge nicht langweilst, übertriffst du die Erwartungen um Längen.“
Markus watschelte ihr zum Ausgang nach. Er fand nun die vier Bierflaschen, die er trug, fehl am Platz. Dass Claas und Tobias warten mussten, störte ihn hingegen nicht sehr. Sie würden das verstehen. Nur - was sollte er Unterhaltsames sagen? Dinge wie: „Na, was macht denn so ein hübsches Ding ganz allein auf einer Party?“ oder „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“ verwarf er – nur Alternativen taten sich nicht auf.
Sie steuerte einen Tisch an, der wohl aus dem Seminarraum stammte und nun einem überquellenden Aschenbecher Platz bot. Das Mädchen holte ein Päckchen Zigaretten heraus. „Und, fragst du mich jetzt, wie ich heiße, was ich studiere oder wieso ich allein hier bin?“
Markus stellte die Flaschen ab, gab ihr Feuer und holte seine Eigenen heraus. „Die Wahrheit ist, dass mir nichts Besseres eingefallen ist. Von daher sehe ich dir jetzt beim Rauchen zu, speichere möglichst viel davon ab, um dann hinterher schnell zu meinen Bauernfreunden zu laufen und ihnen brühwarm von dem tollen Erlebnis zu erzählen.“ Er reichte ihr ein Bier und deutete an, mit ihm anzustoßen.
Sie nahm die angebotene Flasche und sagte: „Das beruhigt mich.“
„Ja, sei unbesorgt. Von mir droht keine Gefahr.“ Er stieß an. Sie sahen sich kurz in die Augen und tranken.
Sein Schweigen und seine Unsicherheit versuchte Markus, mit einem gelassenen aber wachen Gesichtsausdruck zu überspielen. Der Lohn dafür blieb aus. Der Traum drohte zu entschwinden. So wagte er sich notgedrungen wieder vor. „Ich denke, wenn wir uns noch etwas besser kennen gelernt haben, werde ich dir mal zeigen, wie ich mit zwei Äpfeln gleichzeitig jonglieren kann. Das sieht ziemlich gut aus.“
Es war Unsinn, aber es schien Markus, als würde sie ihr Schweigen verstärken.
Da sie nun allerdings auch nicht sofort ging, versuchte Markus es ein weiteres Mal. Er nickte stumm, spitzte dabei etwas die Lippen und sagte schließlich gewichtig: „Sicher, die Situation ist nicht optimal. Es könnte besser sein. Doch wir sind sicher – es wird aufwärts gehen. Wenn wir erst wieder Weltmeister sind.“
Bis hierher hatte er seine Sache recht ordentlich gemacht, nun unterlief ihm ein kleiner Fehler. Er interpretierte die zwei kleinen, senkrechten Falten an der Nasenwurzel seines Gegenübers als Geringschätzung. Mit etwas mehr Erfahrung hätte er erkennen können, dass sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln versuchte, seinen Weg zu bahnen. Plötzlich jedoch wurde Markus Blick abgelenkt, er verfolgte eine andere Person, die offenbar auf sie zu hielt. Sie war etwas größer und schlanker, aber nicht minder sehenswert. Als sie sich dazustellte, gab Markus ihr ein Bier und sagte: „Ich nehme an, ihr kennt euch.“
Sabine nickte, dann lachte sie: „Was ist denn mit dir passiert? Man könnte meinen, du wärst erwachsen geworden.“
Markus schüttelte den Kopf: „Schön, dich wieder zu sehen.“ Irgendwie konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte Sabine ein Bier mehr gehabt. Markus sah zu seiner ersten Begleitung hin, auf dessen Gesicht sich nun eine Spur Offenheit durchgesetzt hatte. Dann wandte er sich wieder Sabine zu. „Sie fand es zu banal, sich nach dem Namen fragen zu lassen. Ob du mir da vielleicht weiterhelfen möchtest?“
Sabine lächelte: „Ja. Banalitäten und Komplimenten nimmt sie mit einer bemerkenswerten Ungerührtheit zu Kenntnis.“ Dann schüttelte sie den Kopf und strahlte erneut über das schlanke, wohlgeformte Gesicht. „Ich freu mich auch, dich wieder zu sehen. Es tut mir leid, die kleine Szene hier war ihre Idee. Sie wollte unbedingt meinen kleinen Schulfreund kennen lernen.“ Ihr Kichern wurde von einem kurzen Aufstoßen unterbrochen. „Die Hübsche heißt Martina und kann ganz nett sein.“
Martina hatte den Mund leicht geöffnet, ihre Brauen kräuselten sich. „Die Hübsche mag ja hübsch sein, aber sie ist selten nett.“
„Das wäre dann auch zu viel des Guten.“ Markus sah Martina an. „Auch so störst du das Gleichgewicht.“
Sabine schlug Markus spielerisch auf den Arm. „Wenn du ihr bitte nicht so viel Aufmerksamkeit schenken würdest.“ Dann blickte sie kurz ihre Freundin an und wandte sich wieder an Markus. „Aber eine tolle Oberlippe hat sie, oder?“
Markus sah Martina nicht an, sondern antwortete aus dem Gedächtnis: „Ja, wie die erste Frau von André.“
„Arschloch!“ Martina lenkte mit dem Kraftausdruck die Blicke auf sich. „Die hatte einen Bart!“
Markus sagte, ohne sich etwas anmerken zu lassen: „Vielleicht hatte sie einige süße, kleine Härchen auf der entzückend, leicht verkürzten Oberlippe, aber doch keinen Bart.“
Martina gab ein Schmollen vor. „Sie war eine Zicke und starb dann auch ziemlich schnell.“
„Ich nehme an, ihr sprecht von Krieg und Frieden?“ schaltete sich Sabine ein. „Also ich glaube, Markus hat recht.“
„Weißt du, Sabine, was das Tolle an dir ist.“ Markus strahlte seine ehemalige Klassenkameradin an. „Du bist nicht nur schön und klug, sondern auch nett.“ Er sah auf ihre Hände, die unberingt waren, und sagte. „Und wie ich sehe, ist die Liste wohl noch offen. Wie viele sind denn mittlerweile drauf? Und wo stehe ich?“
Sabine nahm den Kopf leicht zur Seite: „Die Liste ist noch offen, ja. Aber ich fürchte, deine Platzierung hat in den letzten Jahren etwas gelitten.“
„Das ist bedauerlich.“ Markus lächelte. „Ist ihre Liste genauso lang?“
Sabine nahm Martina in den Arm. „Ihre Liste ist viel länger.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht besonders wählerisch.“ Sabine lachte und küsste ihrer Freundin auf die Wange. „Und studierst du jetzt wie geplant Physik?“, wechselte sie das Thema.
„Ja. Ich bin gerade mit drei anderen, die ihre Armeezeit fertig haben, in eine WG gezogen. Ihr beiden wohnt auch zusammen?“
Sabine überkam ein Schluckauf, dann fiel sie in ein Lachen.
Martina sah Sabine skeptisch an und sagte zu Markus: „Ja, wir wohnen zusammen. Und Sabine hat offensichtlich einen im Tee und ich bringe sie jetzt besser nach Hause.“ Auf dem Weg an Markus vorbei sagte sie zu ihm: „Das mit dem Knutschen solltest du dir aus dem Kopf schlagen, aber vielleicht treffen wir drei uns mal auf ein Glas Wein.“
Markus nickte, ohne merklich den Kopf zu bewegen. Er sah den beiden nach. Der Abend war ein Erfolg, zumindest ein größerer Teilerfolg. Und Sabine hatte ihr Bier nicht angerührt, so dass er nun, mit nur kurzer Verspätung zu Claas und Tobias stoßen könnte. Er entschloss sich dann aber anders und setzte sich mit den vier Flaschen in eine Ecke und zündete sich noch eine weitere Zigarette an. Dass Martina aus einer der Flaschen getrunken hatte, störte ihn nicht im Geringsten. Vielleicht hätte er sich sogar gewünscht, dass Sabine ihr Bier ebenfalls angetrunken hätte. Er hatte sie seit dem Abitur nicht gesehen.