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Kap1.05 Rückblick Abifeier Drucken

Die Unterhaltung am Feuer war sterbenslangweilig, und sie hatte sich an diesen Zustand gewöhnt. Die Musik wechselte. Markus kam und setzte sich neben Hendrik.
„Das ist nun mal unser kultureller Orientierungspunkt. Wir haben zwar heute Frieden mit der Föderation. Aber im Prinzip ist es wie damals im Kalten Krieg“, plapperte jemand.
Sabine sah Markus grinsen, und sie hatte selbst lächeln müssen.


Er hatte sich an Hendrik gewandt, und die beiden kicherten. Im letzten Jahr hatte sie gedacht: vielleicht ist es einen Versuch wert. Er kam den Strand entlang. Sein Gang wirkte sportlich, dabei aber nachlässig, offenbar war er in Gedanken vertieft. Als er auf ihrer Höhe war, winkte sie. Er sah herüber und stakste vollkommen verwirrt davon – Sabine lachte bei der Erinnerung.
Hendrik stand auf und Markus blieb. Er blickte sie aus den Augenwinkeln an.
Karen-Maria kam und setzte sich in die Runde.
Das Gespräch plätscherte dahin. Karen Maria saß in ihrer berechnenden und berechenbaren Pose da und lächelte Markus zu. „Glaubst du, dass es wieder Krieg geben wird?“
Markus stotterte irgendetwas.
Sabine seufzte lächelnd.

Sie erhob sich, um sich ein Bier zu holen oder einfach der Diskussion zu entkommen. Markus löste sich ohne Kommentar aus dem Gespräch mit Karen Maria und blickte Sabine nach. Sie trug an diesem Abend ein kurzes beiges Top. Die Beckenknochen, die sich gegen den flachen Bauch abzeichneten, wurden von einem oliven Wickelrock umfasst. Die Füße waren bloß, nur die Nägel waren lackiert.
Er entschied sich, Hendrik und Christian zu suchen, und nahm auf dem Weg dahin einen kleinen Umweg in Kauf.
„Nanu, ich dachte, du fändest die Diskussion spannend.“ Sabine lächelte ihm zu.
„Na ja, spannend? Ich würde denken: gottserbärmlich.“ Er überspielte die Hemmnungen, die Sabines Top in ihm hervorrief. Die fehlende Wärme des Feuers hatte einen Anflug von Gänsehaut auf ihrem Bauch aufkommen lassen, und Markus sah sich veranlasst, darüber zu spekulieren, wie es wohl wäre, ihr mittels seiner noch warmen Hände Abhilfe zu leisten.
„Wo gehst du hin?“, fragte sie, ohne Andeutungen zu machen, dem Gespräch ein schnelles Ende setzen zu wollen.
„Oh, ich werde nur meine drei Jahre beim Heimatschutz machen und danach studieren.“
„Schade“, sagte Sabine mit einem erneuten Lächeln. „Dann wirst du wohl kein General.“
„Nein.“ Er musste lachen. „Nein, das sieht nicht sehr gut aus. Aber es ehrt mich, dass du daran Anteil nimmst.“
Sabine nickte kurz zur Seite. „Ich dachte, vielleicht würde zumindest einer aus dem Jahrgang Karriere machen.“
Markus sah sie zunächst mit halboffenem Mund an und sagte dann: „Hättest du mir nur ein paar Tage früher Bescheid gegeben. Ich meine, dass dir daran was liegt.“
„Ich hatte gedacht, dass du vielleicht selbst drauf kommst. Na ja, wie dem auch sei. Ich bin die Provinz etwas leid. Ich werde nach Kiel gehen, dort vor dem Studium die Ausbildung zur Krankenschwester machen und mich dabei nach einem passenden Kandidaten umsehen.“
„Mhm.“ Markus zog die Brauen zusammen. „Da fehlt mir jetzt allerdings ein bisschen der Zusammenhang zu meiner Karriere. Zumal ich auch in Kiel studieren wollte.“
„Kiel ist gut, ja. Nur wollte ich mich dort in erster Linie im Generalstab umsehen.“
„Oh. Eine sehr sinnvolle Vorgehensweise.“ Markus zollte Anerkennung, indem er die Unterlippe vorschob. „Das macht die Suche übersichtlich.“
„Ja.“ Sabine lachte. „Und ich dachte, es wäre nett, dort einen alten Vertrauten aus der Schulzeit zu kennen.“ Als die Reaktion verwundert aber wortlos ausfiel, setzte sie hinzu. „Zugegeben, die Anzahl der Pferde, die wir bis dato gemeinsam gestohlen haben, ist begrenzt.“
„Ja.“ Markus stutzte. „Zu meinem Unglück kann ich mich noch nicht einmal dran erinnern, dass wir überhaupt jemals länger miteinander gesprochen hätten.“ Unsicher bahnte sich ein Lächeln im linken Mundwinkel an.
„Stimmt“ gab sie zurück, wobei sie über seine Schultern sah. „Übrigens, vielleicht interessiert es dich, dass Karen zwar ihre großen, schönen Augen mit viel Anteilnahme auf ihren unglaublich langweiligen Gesprächspartner gerichtet hat, aber trotzdem sehr genau beobachtet, was wir beide hier reden.“
„Hexe.“ Nun lächelte er auf ganzer Breite.
„Sie oder ich?“
„Im Allgemeinen beide, aber in diesem Fall meinte ich dich.“
Sie stimmte in sein Lächeln ein, sagte dann aber mit Blick auf Karen Maria kopfschüttelnd: „Dir Teures, ist kein Mann zu viel gefallen.*“
Er stoppte das Lächeln und weitete die Augen. „Offenbar hast du acht Jahre lang geschwiegen, um es mir am letzten Abend noch mal richtig zu zeigen.“
Sabine kniff ihr linkes Auge zusammen und sah Markus einen Moment lang an. „Es ist zwar etwas abwegig, aber wenn es jemand gelesen haben könnte, dann dachte ich, du vielleicht.“
„Etwas abwegig? Ja.“ Markus nickte. Er sah sie an, und ihm wurde bewusst, dass Bauch, Brust und Beckenknochen vielleicht nicht ihre einzigen Attraktionen waren.
Eine weitere Erwiderung wurde von Hintergrundgeräuschen abgelenkt:

Der Hauptmann ist ein guter Mann, lässt seinen Leutnant auch mal ran

Markus hatte einen kurzen Blick in Richtung der provisorischen Bühne geworfen und wandte sich nun an Sabine. „Man muss schon ein sehr geschultes Auge für Klangbilder entwickelt haben, um die Schönheit dieser Komposition ganz zu schauen.“
Sabine nickte. „Ohne einen gewissen geistigen Überbau mag jedoch die reine musikalische Ausbildung hier nicht vollkommen hinlänglich sein.“
Er nickte ohne ein Lächeln, während er ihre Augen betrachtete. Das hatte er selten getan. Im Gegensatz zu ihrem Bauch oder ihren langen Beinen stellte Sabine diese auch nicht immer so unverwandt zur Schau.
Man hätte annehmen können, dass nun eine Gesprächsebene gefunden war und sich eine Passage für weitere Annäherungen geöffnet hätte. Dem war nicht so. Sabine und Markus fühlten wohl, dass sie in kurzer Zeit viel von sich preisgegeben hatten. Und die Länge des Abends reichte nicht, die Gedanken zu ordnen.
Der weitere Verlauf des Abends entsprach dann mehr den ursprünglichen Erwartungen. Markus fand Christian und Hendrik mit einer Flasche Doppelkorn beschäftigt, gesellte sich dazu und gab sich, wie angekündigt dem Feiern und Trinken hin. Und Sabine überstand den Abend in gewohnter Langeweile.

 

* F. Hölderlin