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Kap1.09 Klassenprinzessin Drucken

„Und, hattet Ihr keine Klassenprinzessin, hinter der alle her waren?“ Claas blickte zu Lars. Sie standen in der Küche und beobachteten Markus, der dabei war, Tomaten zu schneiden.
Der Angesprochene puhlte mit einem Zahnstocher in seinem Mund herum: „Doch, doch. Das schon. Aber vielleicht nicht so die Art Männertyp, wie ihr denkt. Hamburg ist da etwas oberflächlicher.

Man konnte sie schwerlich als asexuell bezeichnen. Genau genommen wurde man bei ihrem Anblick nicht tiefsinnig, sondern sabbernd.“
Markus lachte. „Ja, das ist vielleicht auch besser - und vor allem reeller.“
Claas nickte: „Ja, blöde platonische Traumgespinste.“ Er blickte Markus an. „Soll ich dir vielleicht helfen.“
Markus sah zu Tobias, der sich in das Schneiden einer Zwiebel vertieft hatte.
Lars schnallste und schnippte dann den Zahnstocher in den Mülleimer. „Weder besser noch reeller, glaube ich. Eingebildete Zicke. Da kam keiner ran. Sie gab den Jungs nicht das Gefühl, wichtig, sondern ein Trottel zu sein.“
Markus zog die Schultern hoch. „du bist halt n Trottel.“
Claas verzog den Mundwinkel, wobei er sich ein Messer aus der Schublade nahm und sich widerwillig einer von Tobias’ Zwiebeln widmete. „Nee, nee. Eingebildete Zicken sind Scheiße. Lieber Prinzessin mit Herz als auf der Erbse.“
„Quatsch. Wenn schon unerreichbar, dann doch lieber mit schwingenden Hüften“, lieferte Markus seinen Beitrag, während er Nudeln in einen Topf mit kochendem Wasser gab.
Claas schüttelte den Kopf, die Zwiebel hatte er unbearbeitet wieder beiseite gelegt. „Nein, weißt du, Schönheit ist ein Geschenk. Eitelkeit und Arroganz sind bezogen auf das Äußere völlig fehl am Platz.“
„Unfug.“ Markus grinste. „Schönheit gehört vermutlich zu den ganz wenigen Dingen, auf die man sich ganz gehörig und zu Recht was einbilden kann.“ Er wackelte mit dem Kopf und lachte. „Das gilt natürlich nur für Frauen.“
„Also, auf seine Schönheit hat man vielleicht noch in gewissem Maße ein klein wenig Einfluss, aber ob man als Mann oder Frau zu Welt kommt, gehört ja ganz sicher nicht zu den Dingen, auf die man sich was einbilden kann.“
Markus rührte die Nudeln um. „Das Aussehen von Männern interessiert mich aber einen Furz. Wenn es bei dir anders ist, soll es so sein.“
Claas streckte Markus kurz die Zunge raus und schunkelte dann nachdenklich mit dem Oberkörper. „Gut, schöne Frauen dürfen also Deiner Meinung nach eingebildet sein. Sonst noch wer?“
„Ich denke, das ist die Hauptgruppe. Eventuell noch Leute mit Humor. Bei allen anderen ist es nur peinlich.“
„Wieso peinlich?“ Claas begann sich zu echauffieren und die Zwiebel gänzlich zu vergessen. „Wenn jemand Herausragendes leistet, wäre es doch viel angemessener, sich darauf etwas einzubilden, als wenn jemand nur einfach von der Veranlagung her hübsch ist.“
Markus öffnete die Hände. „Aber was interessiert es mich, ob jemand Herausragendes leistet? Wenn jemand ein toller Hecht in der Armee ist, wird er General. Wenn jemand intelligent ist und ein großer Forscher, bekommt er eine Professur. Vielleicht wird er sogar Senator. Und wenn jemand herausragend bescheißen kann, wird er womöglich sogar reich. Na gut. Ich neide es keinem“, er stellte eine Bratpfanne auf eine Kochplatte und gab etwas Öl hinein, „aber es interessiert mich auch nicht sonderlich – eine schöne Frau hingegen schon. Sie hat etwas, was ich toll finde. Und dann darf sie sich darauf auch gerne was einbilden.“
Tobias hatte sich derweil Claas‘ Zwiebel angenommen.
„Aber was hat sie denn dazu beigetragen? Alle Gene, um schön zu sein, wurden ihr doch mitgegeben. Das Einzige, was sie tut, ist, dass sie vielleicht etwas Sport treibt oder Diät hält, um die guten Veranlagungen auch herauszuarbeiten. Das ist nicht mehr, als hässliche oder weniger schöne Menschen tun, die Sport treiben.“
„Nun ja. Worauf kann man sich schon was einbilden? Auf etwas das man hat und das andere toll finden.“ Die Nudeln kochten über. Markus nahm sie kurz von der Platte und pustete in den Topf. „Bei Leuten, die Erfolg haben und reich und mächtig sind, sind die guten Veranlagungen auch nur entsprechend entwickelt worden. Sicher, die mussten dafür vielleicht hart arbeiten.“ Er ließ die Zwiebel anbraten, die Tobias ihm reichte. „Aber andere arbeiten auch hart und haben aus irgendwelchen Gründen keinen großen Erfolg. Aber, wie gesagt, was interessiert mich der Erfolg von jemanden. Da haben die auch nicht mehr zu beigetragen, als schöne Frauen zu ihrer Schönheit. Und bei denen hab ich zumindest was davon.“ Markus blickte zu Lars, der gespannt das Kochen verfolgte. „Auch wenn da keiner rankommt, schön sind sie trotzdem. Und sie schenken ihre Gabe, gerade wenn sie sich nicht hinter unförmiger Kleidung verstecken, doch mit der Schöpfkelle aus. Mehr kann man ja als Teil der Allgemeinheit nicht erwarten.“
„Hm“, gab Lars von sich. „Dann darf doch aber die verständnisvolle Prinzessin mit Herz auch eingebildet sein, oder?“
Markus nickte. „Das ist sogar zu bevorzugen. Man stelle sich nur vor, sie ist so verständnisvoll und gar nicht arrogant und will nicht aufgrund ihres Äußeren geliebt werden. Dann frisst sie sich am Ende zum Moppel und kämmt ihre Haare nicht mehr - wo ist denn das Hack?“ Es lag neben ihm und er gab es in die Pfanne. „Kämmt sich die Haare nicht mehr, nur damit man ihr großes Herz besser sehen kann. Das wäre eine ganz schlimme Fehlentwicklung. Dann doch lieber arrogant, oder?“
Tobias, gerade aus der Trance erwacht, zog die Schultern hoch. „Aber, wenn sie dich zum Trottel macht?“
„Zum Trottel macht man sich jawohl immer noch selbst. Wenn Deine Chancen gleich Null sind, musst du halt einfach so tun, als würde sie dich überhaupt nicht interessieren. Claas, kannst du vielleicht die Nudeln abgießen.“ Markus gab Tomaten in die Pfanne und würzte mit Pfeffer, Salz und Oregano. Die Tomaten zischten. „Wenn sie dich ignoriert, hast du nichts verloren. Wenn sie weiter arrogant zu dir ist, kannst du zumindest äußerlich drüber lachen und versuchen, ihr damit ein bisschen vorn Bug zu schießen. Wenn sie dich aber dann nicht als lästigen Verehrer betrachtet und vielleicht deshalb mal mit dir Eisessen geht, hast du mehr gewonnen, als dir zusteht.“
„Aber dann kriegst du ja nie raus, ob sie was von dir will.“ Claas hatte die Nudeln abgegossen und gab sie in den Topf zurück.
„Es klang mir jetzt eigentlich nicht so, als wäre die Antwort auf diese Frage mit einer besonders großen Ungewissheit behaftet. Aber gut. Nehmen wir also an, Ihr geht Eisessen und sie robbt sich an dich ran und will dich abknutschen. Ich sach ma, so als Faustformel: beim dritten Anlauf, darfst du ihr die Wange zum Kuss hinhalten.“ Markus kurzes Auflachen ging in ein Grinsen über.
„Tolle Strategie.“ Claas verzog die Mundwinkel. „Hat das schon mal geklappt?“
„Na ja.“ Er stellte die Pfanne auf den Tisch. „Bislang noch nicht. Aber zumindest halten mich die meisten nicht für einen Trottel.“
Claas nickte. „Ab heute ist es einer mehr.“
Lars hatte gerade seine Zigarette ausgedrückt. Er blickte, nachdem sie nicht mehr brannte, wieder auf und hob Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. „Zwei.“
Markus sah unzufrieden die Soße an. „Schmand vergessen.“
Claas hatte den Nudeltopf ebenfalls auf dem Tisch abgestellt und beobachtete nun Markus bei seinen abschließenden Arbeiten. „Hast du Chancen bei diesen ominösen Frauen von der Party?“
Markus zog unwillig die Schultern hoch.