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„Fahren wir gemeinsam zurück, Herr Kramer?“ Der Abgeordnete Kramer sah vom Packen seiner Unterlage auf und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe noch einen Termin hier.“ Er verschloss seine Aktentasche und stand auf. Dabei tippte er mit der Handfläche auf die große Karte des Besprechungsraumes und lächelte seinen Kollegen an. „Wie hat Ihnen denn die versammelte Generalität gefallen, Herr Borgaard?“
Borgaard zog die Schultern hoch. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass uns die Herren besonders ernst nehmen.“ Kramer kniff ein Auge zu. „Nein, die Gefahr besteht sicher nicht. Die betrachten das Parlament nur als lästige Einrichtung, die ihnen bloß Zeit raubt.“ Er lachte. „Nun ja, es gibt einen großen Vorteil im Zusammenhang mit den Sitzungen hier im Stab. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“ Borgaard schloss sich dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses an und sie verließen den Besprechungsraum. Auf dem Flur in Richtung Aufzug schwenkte Kramer nach links und öffnete eine gläserne Flügeltür. Sie betraten einen riesigen, menschenleeren Balkon und gingen bis an die Brüstung. Unter ihnen, jenseits der Rasenfläche und hinter dem Zaun, verlief die Promenade. Spaziergänger waren zu sehen, und vereinzelt fuhren Geländewagen mit Standarte auf der sonst für den Verkehr gesperrten Straße. Seewärts sahen sie auf der Kieler Förde eine Personenfähre auf dem Weg zum Ostufer. Links von Ihnen lag der Marinehafen. Noch etwas weiter nördlich befanden sich die Schleusen mit dem Eingang zum Nord-Ostsee-Kanal. Nach rechts, der Uferpromenade folgend, gelangte man zum Kieler Parlament und weiter der Förde folgend zum Hafen und zur Innenstadt. Kramer holte Zigaretten hervor. Borgaard lehnte die dargebotene Zigarette ab und folgte stattdessen mit seinen Blicken einem Schiff, das sich langsam auf die Schleuse zu bewegte. Er schob die Unterlippe vor. „Okay. Auch für einen Nichtraucher ist das hier ein ganz angenehmer Platz.“ Er wandte sich an seinen Begleiter. „Aber das kann nicht alles sein, oder?“ Kramer nickte. „Die eigentliche Arbeit findet nicht in den Gremien statt. Schon gar nicht“, er wies in die Richtung des Besprechungsraums, „wenn alle großen Tiere auf einem Haufen sitzen. Auch wenn das eben eine Veranstaltung für uns war, waren wir da nur Statisten. Niemand von denen würde in Gegenwart der anderen wirklich seine Meinung sagen.“ „Und sie tun es, wenn man sie alleine trifft?“ Kramer presste die Lippen aufeinander und wackelte mit dem Kopf. „Einige. Sie sind dann offener. Wirkliche Informationen bekommt man nur, wenn es ihnen bei ihren Spielchen nützlich ist.“ „Wenn sie jemanden ausbooten wollen und hoffen, das Parlament baut entsprechenden Druck auf?“ „Ja, bei solchen Spielen zum Beispiel. Meist schicken sie aber nur einen ihrer Handlanger. Der steckt uns ein paar Informationen zu, und wir müssen dann sehen, was davon stimmt und was nur Intrige ist.“ „Ist Ihr Termin gleich so ein Gespräch?“ Kramer lachte. „Mein lieber Herr Borgaard, wir werden sicher in Zukunft auch gemeinsam zu solchen Terminen gehen. Aber diese Gespräche sind für einen Neuling nicht ganz einfach. Es wird zunächst eine Menge Klatsch ausgetauscht. Und wenn Ihr Gegenüber sieht, dass Sie die Strömungen hier noch nicht wirklich kennen, macht er schnell dicht.“ „Dann treffen Sie einen alten Bekannten?“ „Nein, nein. Es ist mein erstes Treffen mit ihm. Er ist noch nicht lange im Stab. Aber nach dem, was man hört, hat er bereits ein feines Gespür für die Strömungen hier.“ „Vielleicht können Sie mich nach und nach in die Strömungen einweihen? Damit ich Sie besser unterstützen kann.“ Kramer grinste. „Versuchen Sie es! Was haben Sie aus der Stimmung heute herausgelesen?“ „Der Chef des Stabes schien mir seiner Sache sehr sicher, obwohl die Inspekteure von Heer, Marine und Luftwaffe einen vergleichbar hohen Rang bekleiden.“ „Ja, Teichert-Waldesleben ist sich seiner Sache sicher. Die Inspekteure führen die Truppengattungen, aber der Stab koordiniert sie, und Teichert-Waldesleben kontrolliert den Stab.“ „Aber, nur der Präsident als Oberbefehlshaber kann Weisungen an die Inspekteure geben. Der Chef des Stabes kann noch nicht einmal irgendeinem kleinen Kommandeur etwas befehlen.“ „Das will er auch nicht. Die Macht des Stabschefs liegt in zwei Bereichen. Zum einen ist er der erste Berater des Präsidenten, und fast alle Weisungen des Präsidenten kommen von ihm oder laufen zumindest irgendwann über seinen Tisch. Die zweite Säule seiner Macht ist natürlich der Stab selbst. In der G1 Abteilung werden zum Beispiel alle Personalentscheidungen getroffen. Nur die höchsten Posten vergibt der Präsident.“ „Auf Ratschlag von Teichert-Waldesleben“, assistierte Borgaard. „Richtig. Somit kann er zwar einem Kommandeur keine Befehle erteilen, aber er bestimmt mittelbar, wer wo sitzt. Damit aber nicht genug. Im Stab werden die Organisation, die Strategie und die operativen Pläne festgelegt. Hier werden Gelder für Forschung und Entwicklung verteilt. In- und Auslandsgeheimdienst werden von hier aus koordiniert. Im Stab laufen alle Nachrichten zusammen. Jeder, der nach oben will, kommt früher oder später hier nach Kiel, und Teichert-Waldesleben entscheidet, ob es weiter nach oben geht oder nicht.“ „Dann ist er der zweite Mann im Land?“ Kramer schnaubte Luft durch die Nase aus. „Zumindest das.“ „Aber der Präsident kann jemanden anders zum Chef des Stabes ernennen.“ Kramer grinste. „Wenn er schnell genug ist, ja. Ich würde aber eher darauf tippen, dass Teichert-Waldesleben einen neuen Präsidenten bestellt.“ „Sie machen Scherze.“ „Es ist nicht ganz so schlimm, wie es klingt. Vielleicht ist es auch ganz gut so. Er ist ein kluger Mann, manchmal etwas ungeduldig und manchmal auch erschreckend brutal. Aber im Grunde ist er ein guter Mann.“ Kramer lachte auf. „Gemessen an einigen seiner Kollegen würde ich fast sagen: er ist ein Liberaler.“ „Und ist er unangefochten?“ „Niemand ist unangefochten. Ich denke aber, es gibt nur zwei, die ihm ernsthaft gefährlich werden könnten.“ Kramer ließ seine erloschene Zigarette auf den Boden fallen und trat noch einmal darauf, mehr aus Gewohnheit, als um einen Brand zu vermeiden. „Der eine ist Admiral Sowinski.“ „Der Chef der Abwehr.“ „Ja. Er hat eine beachtliche Schar hinter sich und die Marine würde ihn im Zweifel stützen, so dass Teichert-Waldesleben es nicht auf eine Konfrontation ankommen lässt. Zumindest solange es nicht seine vitalen Interessen betrifft.“ „Und Sowinski ist kein Liberaler?“ Kramer schüttelte grinsend den Kopf. „Wer ist der andere?“ „Die andere. Es ist eine Frau.“ Borgaard hob die Brauen. „Sie meinen Elisabeth von Rechtensberger, die Frau des Präsidenten?“ Kramer nickte. „Ich habe sie selbst erst einmal gesehen. Sie ist sehr schön, aber unbeschreiblich arrogant.“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Ich muss los. Begleiten Sie mich zum Fahrstuhl?“ „Ja. Sicher.“ „Wenn ich vorhin gesagt habe, dass Teichert-Waldesleben der erste Berater des Präsidenten ist, so war das vielleicht nicht ganz richtig. Glaubt man den Flurgesprächen, dann wäre sie es wohl.“ Borgaard verschloss die Balkontür wieder und folgte Kramer. „Und wo steht sie? Ist sie auf Sowinskis Seite?“ „Nein.“ Kramer drückte den Knopf des Aufzugs. „Nein, sicher nicht. Auch wenn sie persönlich wohl eine Brechpille ist, muss man sagen, dass sie uns politisch vielleicht näher steht als sonst irgendeiner in der Führung. Aber“, er sah zu Borgaard, „das ist schwer zu sagen. Sie ist ein Machtmensch und niemand weiß, wo sie wirklich steht. Vermutlich sieht sie nur ihren Vorteil. Sie will ihre Pfründe sichern. Von daher wehrt sie sich vehement gegen einen Krieg. Teichert-Waldesleben glaubt, dass gewisse militärische Aktionen notwendig werden könnten. Und Sowinski…“ „…will Krieg“, vervollständigte Borgaard. Kramer nickte. Die Tür zum Aufzug öffnete sich. Major Almeida kam mit langen Schritten den Flur entlang und signalisierte, dass er mit hinunter wolle. Borgaard und Kramer hielten die Tür offen. „Danke.“ Almeida kratzte sich am fehlenden Ohr, bemerkte, dass er sich am nächsten zum Schaltpult befand und fragte: „Wollen die Herren auch ins Erdgeschoss?“ Borgaard nickte und Kramer sagte. „Für mich dritter Stock, bitte.“ Sie schwiegen die kurze Fahrt hinunter zum dritten Stock. Kramer nickte beim Herausgehen Borgaard zu. Die verbliebenen beiden Männer folgten mit ihren Blicken den sich schließenden Türflügeln. In der Mitte trafen sich ihren Blicke. Borgaard lachte. „War es Zufall oder Absicht, dass du mit in den Fahrstuhl kamst?“ „Das war ausnahmsweise Zufall.“ Almeida lächelte. „Und wie läuft es?“ „Mühsam nährt sich das Eichhörnchen.“ „Und wo will er jetzt hin?“ „Er hat es nicht gesagt, aber es schien mir, als wolle er diesen Reser-Weiden treffen.“ „Sei vorsichtig, Mathias. Es hat uns verdammt viel Mühe gekostet, dich da reinzubringen.“ „Vielen Dank für den guten Tipp, Alexander.“ Almeida grinste selbstgefällig. Als der Fahrstuhl im Erdgeschoss aufsetzte, erlosch das Grinsen. Beide Männer richteten den Blick wieder in Richtung Tür. Sie nickten sich beim Hinausgehen in einer beiläufigen Geste zu, wie es Menschen tun, die nichts gemeinsam haben als eine knapp zweiminütige Aufzugfahrt.
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