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Es war noch immer heiß und noch immer trocken. Es fuhren nur ganz vereinzelnd Motorroller durch die engen Gassen, so dass Lavendel, Thymian und Oregano, die an den Häuserwänden und auf den Balkonen wuchsen, das Geruchsbild dominierten. Vor einigen Türen standen metallene Mülleimer, die wohl am nächsten Morgen geleert werden sollten. Gelegentlich drang der Geruch von gebratenem Fisch, häufiger aber das Schreien von Kindern, die in den Höfen spielten, auf die Straße.
Eigentlich mochte er den Süden nicht. Süden? War er schon so weit gekommen, Süden zu sagen, wenn er an diese Stadt dachte? Hassan Rahimi schüttelte den Kopf. Fühlte er sich schon eher als ein Abkömmling seiner Mutter als seines Vaters? Sicher, er war am Rhein aufgewachsen und kannte die Wüste nur aus seiner Militärzeit und aus der Zeit seines kurzen Studienaufenthaltes in Jerusalem. Aber konnte ihm deswegen die Septembersonne über Rom zusetzen? Immerhin, es war die schönste Stadt der Welt. Nicht nur weil sie alt war, oder weil sie die größte war und sicher nicht, weil sich hier das klerikale Zentrum seines Glaubens befand. Sein Glaube – ja, dazu sah er keine Alternative, und nicht weil die möglichen Alternativen rar waren, sondern weil sein Glaube gut war. Aber die Kaste –er wollte denken: gottloser und glaubensarmer – Priester war nirgendwo schlimmer als hier in Rom. Es hatte aber auch sein Gutes, dass hier die Fäden der awarischen Föderation zusammenliefen. Die Menschen in der Stadt waren freier als irgendwo sonst in der Föderation. Der Fanatismus fand in den Provinzen statt. Hier wurde er vielleicht erdacht, aber hier lebte man nach anderen Gesetzen. Das waren nicht Hassans Gesetze, sie kamen den Seinen aber sehr viel näher, als die Lebensweise der echten Gläubigen, die, aus Sicht von Hassan, nicht weniger gottlos und nicht weniger glaubensarm war als die zum Priester geweihten Politiker in der Hauptstadt. Hassan liebte das Leben, und er glaubte, sein Gott hatte das auch so gewollt. Und hier in Rom ließ sich das Leben lieben, besonders an diesem Tag. Wenn er auch aus Köln stammte und ihm die Temperaturen hier zu schaffen machten, er liebte das Leben und die Emotionen dieser Stadt. Er liebte das Temperament und den Stolz der römischen Frauen – und seit heute besonders einer Frau. Er wusste noch nicht, wie sie hieß, aber er hatte sie gesehen und sie geliebt – auf die Entfernung natürlich. Auf die Entfernung hatte er zumindest erkannt, dass sie aus dem Bediensteteneingang der Taverne La Vela kam. Ein gutes Restaurant im Transtiber-Viertel, nicht weit von den Vatikanischen Feldern, wo wie zu Christenzeiten das Zentrum der Macht lag. Man traf im La Vela alles, was Rang und Namen hatte. Es war eine der ersten Adressen und es würde nicht schwierig sein, dort eine der Kellnerinnen ausfindig zu machen. Er glaubte nicht, dass sie zu der Sorte Bediensteter gehörte, von denen es hier auf der rechten Seite des Tibers so viele gab. Sie war stolz und schön. Gut, das schloss nicht aus, dass sie ihren Körper verkaufte, aber, Hassan glaubte sich auszukennen, dieser Stolz, gepaart mit dem Bediensteteneingang, das schloss es seiner Meinung nach aus. Sicher gab es Huren von ihrem Schlag, aber die machten einen weiten Bogen um den Küchenbereich einer Taverne, und sei es den des La Vela. Nun, und wenn er sich irren sollte, dann würde er es sich leisten können. Er hatte Charme und er hatte Geld. Sollte sie sich entscheiden, was sie haben wollte. Zunächst musste er sich aber um seine neue Stelle kümmern. Er hatte den Eingang der wissenschaftlichen Abteilung von General Govelli erreicht.
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