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Es war das übliche Gefühl, wenn etwas Neues vor der Tür stand. Er freute sich darauf, eine Spannung aus Neugier und Abenteuerlust baute sich auf. Aber gleichzeitig vermisste er das Vertraute, seine WG und sicherlich auch die Mädchen. Die Fahrt war erwartungsgemäß schlecht gewesen. Der Zug war neben den üblichen Reisenden von einem Grenadierbataillon überfüllt gewesen, das auf dem Weg zum Truppenübungsplatz war.
Von Kiel nach Tondern mussten sie zwei Mal umsteigen. In den Abteilen war es laut und die Julisonne tat das ihrige, um die Temperatur auf einem unangenehmen Level zu halten. Saß man im Zug, hoffte man bald anzukommen. Stand man auf dem Bahnsteig, hoffte man, dass der Zug bald kam. Markus hatte Feldanzug getragen und sich auf der Autofahrt von Tondern nach Römö umgezogen. Das war kein großer Spaß gewesen, aber der Zug war für diese Aktion zu überfüllt. Markus wurde gemeinsam mit einem Oberleutnant der Panzerjäger mit einem Geländewagen schwedischer Produktion abgeholt. Das Fahrzeug war zum Umziehen denkbar ungeeignet gewesen. Zumindest machten aber am Ende Hemd und Hose seines Dienstanzugs einen weitaus besseren Eindruck als die feuchten, knitterigen Sachen des Oberleutnants. Der Oberleutnant hieß Joachim Ernbarger. Sie saßen auf dem letzten Abschnitt nach Tondern beide in einem Abteil mit anderen Leutnanten und hatten sich bald zusammengetan, da sie, im Gegensatz zu den Grenadieren im Zug, schwarze Baretts trugen. Bald hatten sie auch herausgefunden, dass ihr Reiseziel dasselbe war. Ernbarger hatte einen Hang zur Fülligkeit und sein dunkles Haupthaar machte bereits Ansätze, sich zu lichten. Seine Augen waren braun, dabei freundlich und vertrauensselig, allerdings ohne erkennbare Flammen sprühenden Geistes. Der Oberleutnant plauderte noch auf dem Weg zum Kommandanten der Wachabteilung fröhlich über seine Waffengattung, die, für ihn aus völlig unerfindlichen Gründen, ein rechtes Schattendasein zu fristen hatte. Er entstammte der einzigen Panzerjägerkompanie im ganzen Heer. Sie gehörte zur Panzerlehrbrigade und wurde in dieser Zeit als reichlich überflüssig betrachtet. „Oh, sicher, noch haben die Awarier keine Panzer, die man beschießen müsste, damit sie auseinanderfallen. Aber das Interesse an uns wächst. Man überlegt, jeder Infanteriebrigade….“ Sie hatten das eingeschossige und sehr hübsche Stabsgebäude erreicht. Markus bremste seinen neuen Freund mit einer Geste, um sich beim Gefreiten vom Dienst nach dem Kommandanten zu erkundigen. „Der Oberst sitzt im letzten Zimmer auf der linken Seite“, gab der Obergefreite etwas gelangweilt in Deutsch, aber mit schwerem Dänischen Akzent zurück. Offensichtlich kam der Mann von Römö und hatte hier schon einige Reserveoffiziere Kommen und Gehen gesehen. Oberst Rubenau war bereits Adjutant von Marschall von Rechtensberger gewesen, als dieser noch Generalleutnant und Kommandierender General des ersten Korps war. Nach der Absetzung des Marschalls als Präsident des Bundes entschied er sich, als Kommandant der Wachabteilung bei ihm zu bleiben, und wurde dafür mit dem dritten Stern im Eichenlaub belohnt. Die Abteilung hatte die Aufgabe, das Anwesen des Herrn Marschalls und seiner Frau gegen Eindringlinge – und ausbrechende Marschalls – zu überwachen. Weder der Marschall noch der Oberst hatten einen nennenswerten Einfluss auf die Truppe. Die Leute wurden gerade nach dem Prinzip ausgewählt und ausgetauscht, um einen Einfluss von Rechtensbergers auf irgendwelche bewaffneten Soldaten auszuschließen. Neben den eigentlichen Wachsoldaten, die sich zwar während des Dienstes kein Bein ausreißen mussten, aber immerhin einen Wachauftrag hatten, gab es die Stabsoffiziere. An der Spitze stand der Oberst Rubenau. Als sein Stellvertreter agierte ein Korvettenkapitän Miller, der die offizielle Bezeichnung S3 führte und als Kontrolleur vom Generalstab eingesetzt worden war. Zwei weitere Offiziere ergänzten die Stabführung. Sie trugen den Titel ‚Offiziere des Stabes ohne besonderen Aufgabenbereich’ und waren schlicht Ordonanzen. Markus und Oberleutnant Joachim Ernbarger sollten nun diese Posten für die kommenden acht Wochen einnehmen. „Meine Herren, meine Herren!“ Der Oberst hatte sich erhoben und kam den beiden jungen Offizieren entgegen. „Gut, dass Sie so zeitig und noch dazu gemeinsam eintreffen. Wir haben um sechs Uhr einen Termin bei dem Herrn Marschall und der Frau Marschallin. Dann bleibt vorher noch etwas Zeit, uns zu unterhalten und Sie mit den Gegebenheiten im Stab bekannt zu machen. Und der Herr Oberleutnant hat vielleicht noch Gelegenheit, sich ein frisches Hemd anzuziehen.“ Der Herr Oberleutnant hatte keine Gelegenheit mehr gefunden, sich ein frisches Hemd anzuziehen. Die Gegebenheiten des Stabes mussten ihrer Bekanntgabe auch bis zum nächsten Tag harren, denn der Herr Oberst plauderte in einer wie Markus dachte höfischen Art geschlagene zwei Stunden, unterbrochen oder besser unterstützt nur durch quirlige Kommentare und lebhaftes Interesse von Seiten des Oberleutnants Ernbarger. Markus sagte nicht viel. Er war zu sehr über die Ähnlichkeit von Rubenau und Joachim, wie er ihn seit der Zugfahrt nannte, verwundert: das Haar dreißig Jahre dünner, die Augen dreißig Jahre treuherziger und das Wesen dreißig Mal beflissener. Na, dachte Markus, besser kann es ja kaum laufen, eine verschlafene Einheit und um die größte Quelle von Anstrengung würde sich Joachim mit Inbrunst kümmern. Dann würde ihm vielleicht auch Zeit für seine Studien bleiben. Zunächst galt es den gesellschaftlichen Teil des Tages zu überstehen.
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