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Kap1.21 Physikerparty im Juni Drucken

„Und, weißt du schon, wo du zur Reserveübung hinmusst?“ Sabine war mit ihrer Freundin überraschend zur Party gekommen, schien sich aber für Markus Kommilitonen nicht recht erwärmen zu können.
„Ja, ich habe heute Bescheid bekommen. Vielleicht wird aus mir doch noch was, ich gehe den Sommer nach Römö.“
Sabine hatte das gewusst. Sie hatte es genau genommen gemeinsam mit Martina über die Personalabteilung eingefädelt. Beiläufig fragte sie: „Auf den Übungsplatz oder zum Marschall?“
„Zum Marschall!“, gab Markus mit einem nur wenig verhohlenen Grinsen zurück. „Hast du gewusst, dass es da Reservisten bei ihm gibt?“


„Ja, ich wusste, dass er eine wechselnde Entourage hat. Eigentlich brauchst du dir darauf aber nichts einzubilden. Man wechselt die Mannschaft bei ihm so oft aus wie möglich. Und – tut mir leid, das sagen zu müssen – man schickt eigentlich keine hin, von denen man noch sehr viel erwartet.“
Markus weitete, nun ohne das Grinsen, die Augen.
„Nein, nein, versteht mich nicht falsch. Man wechselt seine Wachmannschaft häufig aus, damit sich keine festen Bindungen entwickeln können. Und man schickt keine Generalstabler oder Leute, die es vielleicht werden können, um zu verhindern, dass er sich über diese Leute wieder Einfluss verschaffen kann.“
„Man kann dich auf diesem Gebiet nicht als vollkommen desinformiert bezeichnen“, bemerkte Markus.
„Nun, man hört so einiges.“ Sabine nickte zunächst und lachte dann.
Markus hakte nicht nach, stattdessen sagte er: „Ende August gibt es da ein Sommerfest, so mit Tanz und Musik und so. Ich darf, stand in dem Schreiben, eine Begleitung mitbringen. Und ich dachte, wo du ja auf Lamettaträger stehst, vielleicht kannst du es einrichten und dir den Marschall mal ansehen.“
Der Marschall interessierte sie nicht sonderlich. Sabine wollte sich jemanden anders, ohne Lametta auf der Schulter, ansehen und sagte zu. Es würde sich einrichten lassen, auch wenn sie große Teile der Semesterferien in der Klinik verbringen sollte.
„Es tut mir leid, ich habe alles versucht.“ Martina stieß zu ihnen und schüttelte den Kopf. „Aber diese Typen sind wirklich unbeschreiblich.“
Markus lachte: „Oh, ich dachte, Ihr steht auf Physiker.“
„Ich habe den Eindruck, dass die Auswahl bislang nicht unbedingt repräsentativ war“, gab Martina zurück. „Außerdem, bilde dir bloß nicht ein, wir würden vor Sehnsucht nach dir vergehen.“
„Ach, Ihr Weibsen liegt doch nachts seufzend im Bett und am Tage spielt Ihr die Unnahbaren.“
„Träum weiter, Junge.“
„Träume mit dir sind mir die Liebsten, Teuerste.“ Er sah Sabine an. „Und mit dir natürlich!“
„Ja, ja, Ich weiß“, gab diese zurück. „Und am liebsten mit uns beiden. Aber, im Ernst, wann glaubst du, dass wir hier weg können.“
„Wo wollt Ihr noch hin?“, fragte Markus einigermaßen beiläufig. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, ihn belaste es, dass die beiden im Gegensatz zu ihm ein recht ausgefülltes Partyleben hatten.
Sabine und Martina sahen sich an, gaben sich Zeichen, indem sie leicht die Augenbrauen anhoben oder den Mundwinkel verzogen. Markus glaubte nicht an Telepathie und mutmaßte, sie würden sich auf vorangegangene Gespräche beziehen.
„Wir wissen es noch nicht genau“, sagte Sabine schließlich. „Lass uns ein Bier schnappen und noch mal runter an die Promenade. Die Sachen können wir dann nachher mitnehmen, wenn wir uns entschieden haben.“
Markus holte drei Flaschen Bier und griff sich auch noch seine Strickjacke. Für einen frühen Junitag in Kiel war es ein warmer Abend, aber kaum dazu angetan, im T-Shirt lange draußen zu bleiben.
Die Mädchen waren vorgegangen und standen an der kleinen Hochwassermauer. Sie schwiegen, als Markus kam, und blickten hinüber zu HDW. Markus stellte die Flaschen auf die Mauer und legte Martina, der offensichtlich schon kalt geworden war, seine Jacke über. Sie zog sie an sich, ohne den Blick von der hell beleuchteten Werft zu lassen. Auch Markus kannte kein Thema, das spannender war, als dem industriellen Herzen des kleinen Nordischen Reiches bei der Arbeit zuzusehen. Es war auf die Entfernung nicht genau auszumachen, was passierte. Man hörte nicht laut aber vernehmlich Hämmerschläge oder das Aufeinandertreffen von Metallplatten. Gelegentlich war ein Ruf zu hören, vielleicht verstärkt durch einen der Lautsprecher im Dock. Helles Aufblitzen von Schweißarbeiten überstrahlte für Sekunden die Flutlichter.
Markus sah, dass auch Sabine fror und stellte sich hinter sie, um mit seinen Händen ihre kalten Arme zu umfassen. Auch sie wandte den Blick nicht um, ihre Schultern suchten aber ebenfalls eine warme Stelle, indem sie nach hinten drückten. Martina drehte sich nun zu Markus um. „Na, da weiß ich ja nicht, ob ich mit der Jacke so ein gutes Geschäft gemacht habe.“
Markus nickte: „Ich werde mir da jetzt auch nichts drauf einbilden.“
Sabine drehte sich plötzlich um. Markus ließ sie los. „Nein, nein, ist schon ganz gut so“, sagte sie zu ihm und wandte sich dann an Martina: „Natürlich nicht so gut wie eine Jacke.“
„Hexenbrut, nennt mir einen guten Grund, warum ich mich mit euch abgebe.“ Er unterließ es natürlich trotzdem nicht, Sabines Arme weiter mit seinen Händen zu wärmen.
„Oh, ich weiß warum.“ Martina stellte sich jetzt dicht neben Sabine, legte die Jacke über ihrer beider Schulter und umarmte sie: „Das liegt daran, dass wir so süß sind, dabei unglaublich klug – und dass wir die hübschestes Ärmchen haben, die man sich zum Warmhalten nur vorstellen kann. Und du gibst dich deswegen mit uns ab, weil du jede Nacht Dein Bett vor Sehnsucht nach uns zerwühlst, uns vergötterst und anhimmelst.“
„Okay“, gestand Markus, „soweit so richtig. Aber das nennst du gute Gründe?“
Martina stand ihm dicht gegenüber und lächelte jetzt. Markus hatte nicht übel Lust, sie in Arm zu nehmen und zu küssen. Aber das traute er sich nicht, stattdessen blickte er ihr in die Augen und tat, was er in solchen Situationen zu häufig tat, er zog seine Stirn in Falten. „Und wie haben die Damen nun über ihren weiteren Abendverlauf entschieden?“
„Wir gehen zu uns – das ist nicht so weit – und trinken noch einen Wein. Wenn du lieb bist, darfst du vielleicht auf der Couch schlafen.“
„Ihr seid wirklich göttergleich“, fügte sich Markus in ihre Entscheidung. Dem Instinkt zu lächeln oder gar zu grinsen widerstand er.

Markus öffnete die Augen. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, sie länger geöffnet zu lassen. Schließen konnte er sie aber nicht mehr. Er kniff sie nur noch einmal zusammen, und als das Brennen den Höhepunkt überschritten hatte, versuchte er, sich ein Bild zu machen. Er lag in einem großen Bett mit weißen Laken, und vor ihm, von ihm abgewandt auf der Seite, lag Martina. Sie war unbekleidet. Ihr gegenüber auf der anderen Seite des Bettes lag Sabine, ebenso unbekleidet. Auch ihr Anblick ließ es nicht zu, die Augen wieder zu schließen. Markus starrte, während er unmerklich den Kopf schüttelte. Er hätte ewig so liegen bleiben und den beiden beim Schlafen zusehen können. Dafür schämte er sich, stieg schließlich vorsichtig aus dem Bett und ging in die Küche. Eine gewisse Erleichterung stellte sich ein, als er feststellte, dass zumindest er noch Boxershorts trug. Auf dem Weg in die Küche sammelte er sein T-Shirt auf und zog es an.
Die Erleichterung verdrängte nicht alle unguten Gefühle, aber für einen Moment verlagerten sich seine Sorgen auf Kaffeepulver und kochendes Wasser. Kaffee war im Kühlschrank. Markus nahm die Dose heraus und öffnete sie. Er ließ das Aroma frischer gemahlener Bohnen auf seine Nase einwirken. Dann setzte er ihn auf.
Natürlich erinnerte er sich an den gestrigen Abend. Sie hatten Wein getrunken, sich unterhalten, gelacht und sogar etwas gealbert. Irgendwann hatte er einzuschlafen gedroht. Es war spät gewesen und er hatte, wie die Mädchen, einiges getrunken. Dann erinnerte er sich an etwas anderes, an Nähe, Wärme und Küsse. Wäre er heute Morgen in dem Sessel oder auf dem Sofa aufgewacht, so hätte er es wohl für einen Traum gehalten. Nach dem, wo er aufgewacht war, erschien ihm diese Alternative nun weniger wahrscheinlich.
Markus saß in der Küche mit dem Rücken zur Tür und dem Blick über die seitliche Arbeitsplatte durch das Fenster auf die Terrasse. Draußen war es sonnig, aber sicherlich noch sehr frisch und augenscheinlich furchtbar hell, also blieb er drinnen sitzen, die Hände um einen großen Becher Kaffee gefasst, der vor ihm auf dem Tisch stand. Er hörte jemanden hereinkommen. Da er sich der Situation unsicher war, drehte er sich nicht um. Er atmete konzentriert und bekämpfte eine innere Anspannung. Martina schenkte sich einen Becher ein und setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch. Sie hatte sich dankenswerterweise etwas übergeworfen.
Sie sahen sich eine Weile an.
„Entschuldige.“ Markus brach das Schweigen: „Darf ich dir was gestehen?“
Martina zog die dunklen Brauen zusammen. „Was?“
„Es tut mir leid.“ Markus räusperte sich fast unmerklich. „Aber ich fürchte, ich kann mich nicht mehr hundertprozentig daran erinnern, wie der Abend gestern ausgegangen ist.“
Martinas Gesicht entspannte sich leicht: „Es ist nichts Ernstes passiert.“
„Das ist gut. Ja.“ Er nickte. „Weißt du, es kommt häufiger vor, dass ich morgens mit zwei Mädchen im Bett aufwache.“ Er gestikulierte ungeschickt mit seinen Händen. „Und manchmal ist was passiert und manchmal nicht. Und es ist gut, wenn man weiß, woran man ist.“
Martina nickte, ihre grünen Augen blieben kalt.
„Ich erinnere mich, dass ich jemanden geküsst habe.“
„Und?“, fragte Martina. „War das gut – oder weniger gut?“
„Nun, trotz meiner limitierten Erinnerungen kann ich wohl sagen: Ja, es war gut.“
„Du willst mir nicht sagen, dass du nicht weißt, wen du geküsst hast, oder?“
„Nein, will ich dir nicht sagen. Willst du mir denn sagen, wen ich geküsst habe?“
„Willst du vielleicht eine Vermutung äußern?“
„Hätte Sabine mich jetzt gefragt, hätte ich gesagt, dass du es wahrscheinlich warst.“
Martina nickte und der Anflug eines Lächelns zeigte sich kurz auf ihrem Gesicht. „Also gut: Es war schon spät und wir waren müde. Du bist auf dem Sessel wohl auch ein zwei Mal eingeschlafen. Ich ging ins Bad und Sabine hatte sich noch – so gut es ging – mit dir unterhalten. Ich kam etwas frischer aus dem Bad zurück und habe dir einen Kuss gegeben.“
Einen Kuss gegeben. Markus hätte es möglicherweise etwas anders formuliert, aber es dämmerte ihm langsam. „Ich bin aufgestanden und hab dich umarmt, Deinen Hals geküsst.“
Martina verzog bestätigend einen Mundwinkel.
„Und als meine Hände Dein T-Shirt gelöst hatten, hab ich Deinen Bauch geküsst.“ Markus zeigte keine Regung. „Sabine ist in ihr Zimmer gegangen und du mit mir in Deins. Ich glaube, ich habe dir Dein T-Shirt ausgezogen – und mir meins. Ich kann mich kaum dran erinnern, dass du... Egal. Wir lagen dann im Bett.“ Er kniff kurz die Augen zu. „Wie auch immer, ich bin, fürchte ich, dann irgendwann eingeschlafen.“
Martina lächelte knapp.
„Gut“, sagte Markus. „Soweit die Kurzzusammenfassung. Wie kam es, dass Sabine heute Morgen mit im Bett lag?“
„Sie konnte nicht schlafen. Und als sie merkte, dass wir eingeschlafen waren und nichts passiert war, legte sie sich dazu, um sicher zu gehen, dass es auch so blieb.“
Nichts passiert. Markus nickte. Vermutlich maßen sie nicht mit gleicherlei Maß. „Und habt Ihr“, wieder schienen seine Hände in der Luft ein imaginäres Saxophon zu bedienen, „euch auch darüber unterhalten, ob, nachdem nichts passiert ist, wir noch Freunde bleiben können?“
„Unterhalten haben wir uns darüber nicht direkt. Sabine ist ein bisschen böse, aber in erster Linie mit mir. Trotzdem wäre es gut, wenn du kurzfristig etwas aufmerksamer ihr gegenüber wärst und auf die eine oder andere schnippische Bemerkung von ihr nicht allzu abweisend reagierst.“
„Oh, tue ich das manchmal?“
„Weiß du, mein Lieber, wir sind zwar nur Mädchen, aber so ein bisschen verstehen wir von der Sache. Wenn wir erzählen, was wir machen oder wen wir getroffen haben, tust du so, als würde dich das gar nicht interessieren. Das ändert aber nichts daran“, Martina musste ihre Rede durch ein Lächeln unterbrechen, „dass ich denke, dass du doch einen gewissen Anteil an dem nimmst, was wir erzählen. Sabine kann das auch gut einschätzen, aber vielleicht würde sie sich freuen, wenn du eine Spur weniger den Desinteressierten spieltest.“
„Offensichtlich, aber ich hatte es auch nicht anders erwartet, bin ich ja ein offenes Buch für Euch. Und weißt du was?“
„Es stört dich nicht im Geringsten“, antwortete Martina.
Markus schüttelte mit einem schwachen Lächeln den Kopf. Dann kniff er ein Auge zu und verzog den Mund. „Es ist eine Schande, dass ich volltrunken und im Halbschlaf war.“
Sie hob die Brauen. „Notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen.“
Markus erstarrte kurz.
Martinas Mitgefühl veranlasste sie nach dieser groben Bemerkung zu der Andeutung eines Komplimentes. Sie lächelte und schlug auch kurz die Augen auf. „Na ja, ich fand es schon einigermaßen erträglich.“
Markus ließ es drei Zehntelsekunden auf sich wirken und lachte dann.