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Kap1.16 Hassan und Govelli in Rom Drucken

„Nun, was halten Sie von dem Consecratius?“
Hassan neigte, während er seinem Chef folgte, den Kopf. „Es steht mir nicht an, über ein Mitglied des pontifikalen Rates zu urteilen.“
Govelli lachte. „Sie meinen, es steht mir nicht zu, Sie danach zu fragen?“


Hassan hob seinen Blick und lächelte. „General, um offen zu sprechen: mich dünkt, die Leitung der Abteilung, die für die Besetzung der höchsten kirchlichen Würdenträger verantwortlich ist, könnte von einer Person bekleidet sein, der in noch stärkerem Maße Bescheidenheit und Demut dem Glauben und Gott gegenüber innewohnt.“
„Würden Sie eventuell so weit gehen zu sagen, die Gefahr, dass sich die betreffende Person der praktischen Nächstenliebe zuneigte, sei eher gering einzuschätzen?“
Hassan nickte vorsichtig. „Sein Gemüt scheint mir diesen mehr praktischen Erwägungen gegenüber nicht vollends aufgeschlossen.“
Nachdem sie die dunkle Vorhalle des Gebäudes durchquert hatte, traten sie auf den Absatz der großen Steintreppe, die zur Straße herunterführte. Der Novembertag war bewölkt und regnerisch. Trotzdem wirkten die Luft und das Licht Roms freundlich.
Govelli nickte. „Man hatte jedoch den Eindruck, dass Sie der jungen Nichte unseres verehrten Consecratius durchaus einige praktische Erfahrungen in Sachen Nächstenliebe zusprechen würden.“
„Schlussendlich ist mein Rang nicht ausreichend, um einen Oberst, männlich oder weiblich, zu beurteilen. Aber ich muss vermuten, dass durchaus auch Qualitäten eher praktischer Natur ihre Stellung rechtfertigen.“
„Es gab Menschen, die dieser Frage auf den Grund gegangen sind.“
„Es gibt sie nicht mehr?“
„Mir ist nur einer bekannt. Und seine Erfahrungen liegen schon viele Jahre zurück.“ Er sah sich zu seinem Begleiter um. „Es war auch nicht direkt die gleiche Nichte.“
„Wie schön, wenn man auf zahlreiche Verwandtschaft zurückgreifen kann.“ Hassan schloss auf. „War besagte Erfahrung von Leidenschaft getrieben?“
Govelli nickte. „Von der Leidenschaft des Verstandes und von der Gier nach Informationen.“
„Und wurden Leidenschaft und Gier befriedigt?“
„Zumindest half es dem Mann, Lehren zu ziehen, die das Leben weniger gefährlich machten.“
„Und ist dieser Weg der Erkenntnis auch heute noch zu empfehlen?“
„Nein.“ Er sah zu Hassan. „Nein. Der Weg ist gefährlich. Er ist nicht zu empfehlen. Es sei denn…“
„Es sei denn?“
„Es sei denn man hat ein Ziel vor Augen.“
„Ein Ziel, das den Einsatz lohnt?“
Govelli bestieg den Wagen am Fuße der Treppe des Ratsgebäudes. „Herr Rahimi, wir haben viel zu tun.“

Sie bestiegen den Wagen und fuhren zur wissenschaftlichen Abteilung zurück. Wieder kamen ihm seltsame Erinnerungen. Er war auch damals in Rom gewesen und hatte sie dort gesehen. Bevor er sie verfolgen konnte, hatte er sich bei Govelli vorstellen müssen. Der General kannte Hassans Vater, und dieser Verbindung war es geschuldet, dass Hassan die Stellung als Sekretär bekam. Er war glücklich gewesen und hatte dieses Glück mit der unbekannten Frau, die aus der Taverne gekommen war, teilen wollen.
Er hatte die ganze Stadt durchsucht. Im La Vela arbeitete sie nicht, hatte man ihm gesagt. Aber zumindest erinnerten sich dort einige an ihren Besuch. Sie sei von einem Gemüsehändler geschickt worden und hatte nur Erkundigungen für ein bevorstehendes Fest eingeholt. Dieser Gemüsehändler, er war nicht leicht auszumachen gewesen, hatte sich an die Frau nicht erinnern können. Sie arbeite bestimmt nicht hier, war ihm gesagt worden. Ein Junge in der Gasse vor dem Geschäft hatte ihm gegen ein unbescheidenes Trinkgeld einen Tipp gegeben. Die Spur führte über einige Stationen zu einer Wohnung, in der die Unbekannte wohnen sollte. Er hatte gewartet und sich deswegen Vorwürfe gemacht. Er war dieser Frau durch die ganze Stadt nachgelaufen und wartete dann in einer schäbigen Kneipe gegenüber der Wohnung auf sie, wo er an einem solchen Tag das Leben hätte genießen sollen. Er hatte es nicht verstanden – schlimmer war: sie kam nicht.
Die ganze Sache war dubios gewesen. Erst hatte Hassan gedacht, sie würde in Schwierigkeiten stecken – vielleicht Geldprobleme oder Probleme mit der Polizei. Je länger er gewartet hatte und je mehr Gedanken er sich gemacht hatte, desto mehr war er zu der Überzeugung gekommen, dass diese Frau selbst Teil der Sicherheitsorgane sein musste. Polizei war wenig wahrscheinlich, vermutlich gehörte sie zu einer der Abteilungen des Pontifikats für innere Sicherheit, und er würde sich nur verdächtig machen, ihr hinterherzuspionieren.
Er nahm sich erneut vor, sie zu vergessen.