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Kap1.14 Ringträger Drucken

„Was hast du gehört?“
Martina, die das Lokal gerade betreten hatte, setzte sich Sabine gegenüber an den Tisch. „Es ist überraschend ruhig.“


„Ja, ein paar haben protestiert, aber die Großen halten sich zurück. Was bekommen die dafür?“
„Ich bin mir nicht sicher, aber das sieht nicht nach einem Handel aus.“
„Sie sammeln Kräfte, um das Gesetz wieder zu kassieren? Oder mehr?“
Martina zog die Schultern hoch. Ein Kellner war neben ihr aufgetaucht. Sie bestellte einen Kaffee, fühlte sich unbehaglich, die Menschen und das Lokal hinter sich zu haben und setzte sich neben Sabine mit dem Blick in den Raum und zur Tür. „Ich kann es nicht sagen. Der Stab und auch die Senatoren sind von der Entscheidung ernstlich überrascht worden. Im Augenblick loten sie aus, wer wo steht.“
Die Bedienung kam mit dem Kaffee.
Zur gleichen Zeit öffnete sich die Tür. Markus betrat die Gaststätte, ging zum Tresen und bestellte etwas. Er trug eine etwas löchrige Jeans und ein rot-schwarzes Karohemd. Martina seufzte mit einem kurzen Lächeln. „Danke“ sagte sie zum Kellner. „Ach, ob Sie den Jungen, der gerade hereingekommen ist, bitte auf uns aufmerksam machen könnten?“
Markus sah, nachdem ihm auf die Schulter getippt wurde, zu den Mädchen und setzte sich mit seinem Kaffee, den er zum Mitnehmen bestellt hatte, dazu. „Ich hatte euch schon gesehen, aber ich dachte, Ihr wärt dienstlich hier, und wollte euch nicht stören.“
„Wir sind dienstlich hier und du störst, aber was soll‘s.“ Martina zog die Stirn in Falten. „Hast du jetzt eine Lehre als Holzfäller angefangen.“
„Ihr trefft mich in der Tat in einer prekären Situation. Wir hatten heute Praktikum“, er wies auf sein Hemd, „und das ist meine Dienstkleidung. Ich wäre froh, wenn Ihr mich übersehen hättet.“
Ein junger, schlaksig lässiger Mann in einem gut sitzenden, dreiteiligen Anzug näherte sich, lehnte sich links neben Markus auf den Tisch und sagte zu den Mädchen. „Hallo.“ Dazu lächelte er. „Ihr habt aber was Besseres verdient.“ Dabei wies er gelassen auf Markus. „Wollt Ihr mit rüber kommen?“
Martina stellte das Lächeln ein und sah kurz zu dem Mann, der vielleicht drei Jahre älter als Markus war. Dann wandte sie sich an Markus. „Was meinst du?“
Markus zog die Schulter hoch. „Ich denke“, sagte er, „Ihr habt das auch nicht leicht.“
Martina sog für den Bruchteil einer Sekunde an ihrer Oberlippe und sagte. „Ja.“ Sie nickte. „Vielleicht ist es das Beste, wenn du ihm die Hände brichst.“
„Beide?“ fragte er beiläufig.
„Ja. Ich möchte nicht, dass er sich noch gut an uns erinnern kann, wenn er sich das nächste Mal einen runterholt.“
Markus öffnete sich diesem Argument ergebend seine Hände und blickte zu dem erbleichten Mann neben sich.
Sabine, die der Szene ohne erkennbare Anteilnahme gefolgt war, hob nun einen Finger in Richtung des jungen Kavaliers. „Es ist wohl besser, wenn du jetzt an Deinen Tisch zurückgehst.“ Sie sah, nachdem der Verehrer zum Tresen gewankt war, um zu zahlen, Markus an und faltete ruhig die Hände.
Markus seinerseits erbleichte. „Du bist nicht gut mit mir, oder?“
„Nein, bin ich nicht.“
„Was kann ich für dich tun, um dich milde zu stimmen.“
„Du könntest Martina das nächste Mal auflaufen lassen, wenn sie so einen Scheiß macht.“
„Scheiß würde ich das nicht nennen“, sagte er vorsichtig, während er den Kopf schuldbewusst leicht zur Seite kippte.
„Sondern?“
„Nun ja.“ Er hob kurz die Schultern. „Ich denke, sie wollte nur rausfinden, ob der Typ ein bisschen Humor hat.“
Sabine lächelte milde. „Und denkst du, man hätte gegebenenfalls seinen Humor im Vorfeld grob abschätzen können.“
Markus löste seine Hände und spielte mit den Fingern seiner rechten Hand in der Luft. „So ganz grob meinst du?“
Sabine nickte. „Und wo würde er da, auf einer Skala von Null bis Zehn, Deiner groben Schätzung nach landen.“
„So“, Markus zögerte, „vielleicht bei Null?“
„Siehst du?“
„Mhm.“ Markus hob beide Zeigefinger. „Vielleicht ist es besser, sie das nächste Mal dezent auszubremsen.“
Martina lächelte. „Und wenn ich dir dann danach beide Hände breche?“
„Schönste, ich würde sie mir nicht wieder richten lassen, um so immer ein Andenken an dich bei mir zu haben.“
Sabine hob erneut einen Finger, um eine baldige Wortmeldung anzukündigen. Markus reagierte schnell. „Schon gut, schon gut. Keine Späße mehr mit Martina.“ Er wandte sich an Martina. „Pass auf, Kleines! Du bist ein ganz hübsches Mädel, aber…“ Sie zog die Brauen zusammen und öffnete leicht den Mund. Markus räusperte sich und sah zu Sabine. „Sag Teuerste, könntest du nicht ein Machtwort sprechen? Mal ehrlich: ich hab mich ganz gut geschlagen, oder?“
Sabine lachte, dann zog sie kurz den Mund zusammen. „Über die Zicke da“, sie wies neben sich, steckte einen unerwarteten, aber geschmeidigen und flinken Ellenbogenstoß von ihr ein und zuckte kurz, „habe ich leider keine Macht.“ Sabine grinste. „Und wie es aussieht, kann ich da auch auf keine Unterstützung von dir hoffen. Aber das wäre ja vielleicht auch ein bisschen viel verlangt. Wenn sie so beiläufig ihren Mund öffnet, denke ich manchmal, ob es nicht besser wäre, ein Mann zu sein.“
Markus winkte ab. „Hör bloß auf. Wenn es danach ginge, hätte ich es mit euch beiden ja doppelt gut. Die Wahrheit ist aber: ich hab es doppelt schwer. Euer Äußeres ist eine Last – eine Last für die versammelte Männerwelt. Sie macht niemanden glücklich, aber viele unglücklich.“ Er seufzte. „Nun gut, was soll’s. So trag ich halt die Last. Es könnte Schwächere treffen.“
Sabine lächelte. „Du meinst, wir sind wie der eine Ring: schön und grausam?“
Markus schob die Unterlippe vor. „Und nur ein Mächtiger und Weiser vermag ihn zu beherrschen.“
Martina zog die Schultern hoch. „Und so lange der sich nicht einstellt, muss ein Hobbit ihn tragen.“