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Kap1.13 Gesetzentwurf Drucken

„Die Mitbestimmung ist ein Witz, das Parlament ist ein Papiertiger. Seit Monaten fahren wir in der Montage Vierundfünfzig-Stunden Wochen.“ Jan Diedrichsens Kopf war während der Sitzung hochrot geworden.

„Ich sage Euch, ohne Streikrecht werden wir es hier niemals schaffen, die Arbeitsbedingungen auch nur auf ein halbwegs akzeptables Niveau zu bringen.“
„Nur ohne Streiks werden wir ein Streikrecht wohl nie durchsetzen, doch dafür fehlt uns das Recht.“ Der Kollege Pahl aus dem Betriebsrat der Howaldtswerke-Deutsche Werft fand sich geistreich.
Diedrichsens Stirnadern schwollen an.
Günther Strese nickte beschwichtigend zu Diedrichsen. „Ja, ja, du hast ja recht, Jan. Aber du hast ja auch leider recht damit, dass das Parlament ein Papiertiger ist, und Hans-Peter hat recht, dass wir für ein Streikrecht nicht streiken können. Wir stehen nach dem gescheiterten Gesetzentwurf wieder ganz am Anfang und haben noch einen verdammt langen Weg vor uns.“ Nachdem der Vorsitzende des Betriebsrates der HDW seine Kollegen etwas beruhigt hatte, sah er sich gezwungen, eine Mahnung hinterher zu setzten: „Aber eins, Freunde, will ich euch sagen: über einen wilden Streik wird hier nicht gesprochen. Wir sind dann schneller im Knast, als Ihr kucken könnt. Und unsere Jungs haben da gar nichts von. Wo steckt der Kramer denn? Lasst uns sehen, was er zu sagen hat. Was denkst du, Jens?“
Jens Schmitt, der Vierte im Gremium des Betriebsrats, war ein schmächtiger, blonder Mann Anfang dreißig. Er trug an diesem Tag einen groben Anzug und eine für diesen Schwerindustriebetrieb zu zierliche Brille. Er hatte sich nicht an der lautstarken Diskussion beteiligt. Er wartete ab. Die Männer schauten ihn nun an. Schmitt war der Jüngste am Tisch, aber er genoss ein gewisses Ansehen im Betriebsrat und bei den Arbeitern, wenngleich er nicht in der Montage arbeitete.
Jens Schmitt mochte den alten Betriebsratsvorsitzenden nicht. In seinen Augen hatte er in all den Jahren als Mitglied der Arbeitnehmervertretung nichts erreicht. Aber noch war nicht die Zeit sich gegen ihn zu stellen. „Einen Streik, da hat Günther recht, müssen wir erstmal vergessen. Wir sollten uns aber nicht scheuen, die Rechte, die wir haben, voll auszunutzen und, solange es uns nicht ins Gefängnis bringt…“  
Es klopfte kurz und laut, und der Abgeordnete Kramer platzte zur Tür herein. Er lächelte kurz und holte etwas Atem, offenbar hatte er den Weg vom Tor der Werft zum Sitzungsraum im Laufschritt bewältigt. Dann schloss er die Tür und wandte sich der Runde zu. „Es tut mir leid, dass ich so spät bin. Aber ich war gerade beim Präsidenten.“
Die Männer sahen ihn erstaunt an. Kramers Atmung hatte sich etwas beruhigt. Er setzte sich. „Der Präsident hat mir soeben mitgeteilt, dass er gegen das Votum des Senats dem Gesetzentwurf zur Lockerung des Streikrechts zustimmen wird.“
Nach einer Sekunde Stille brach ein wildes Stimmengewirr aus. Selbst Günther Streses nordisches Gemüt entwickelte bei der Beschreibung der sich nun ergebenden Möglichkeiten mediterranes Temperament.
Kramer sonnte sich in der Rolle des Überbringers guter Nachrichten. Dann sah er Schmitt an, der neben ihm saß und sich dem Tumult nicht anschließen wollte. „Was ist los, Jens.“
„Das geht mir zu schnell.“ Schmitt legte seine Hand auf Kramers Unterarm. „Auch wenn es schwer fällt: halte dich besser in den kommenden Tagen bei diesem Thema etwas im Hintergrund.“
Kramer nickte langsam. „Ich hoffe, du hast unrecht. Aber vielleicht ist es besser.“